Donnerstag, 22. September 2016

Es passiert, dass Leute den Gottesdienst verlassen...

Integrationshaus der ungarischen Diakonie
Am 2. Oktober findet in Ungarn ein Referendum statt. Es soll über die von der EU beschlossene Verteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU abgestimmt werden. Damit macht Premier Orbán seine Drohung wahr, eine getroffene EU-Entscheidung per Plebiszit in Frage zu stellen. Die europäischen Staats- und Regierungschefs hatten im September 2015 einen Verteilungsplan für 160.000 Migranten beschlossen. Dagegen sträuben sich die osteuropäischen Regierungen, darunter Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn. Orbán klagt vor dem Europäischen Gerichtshof gegen feste Flüchtlingsquoten. Dabei soll das knapp zehn Millionen Einwohner große EU-Land nur rund 2.300 Flüchtlinge aufnehmen. Er wiederholt immer wieder, dass jeder Flüchtling einer zuviel sei.
Es ist schwer in diesem aufgewühlten Klima in Ungarn eine differenzierte Meinung zu vertreten. Darüber berichtete vor kurzem der ungarische lutherische Bischof Tamás Faniy. Er sagt: "In der heutigen ungarischen Gesellschaft ist es nicht so einfach, die Meinung der Kirche immer hören zu lassen. Die Regierung hat eine eindeutige, ganz scharfe Meinung; und kritische Stimmen sind in den öffentlichen Medien wenig erlaubt. Das bedeutet, dass wir uns Wege suchen müssen, unsere Meinung, die oft eine sehr kritische Meinung ist, hören zu lassen." Was anderswo als selbstverständlich gilt, etwa dass die Diakonie Flüchtlingen hilft, habe die ungarische Kirche gespalten, sagt Bischof Fabiny: "Das war von vielen sehr positiv beurteilt, in der Kirche und in der Gesellschaft, aber viele Leute haben das wenig verstanden. Es passierte auch, dass – wenn ich darüber in der Kirche predige – manche Leute die Kirche verlassen, den Gottesdienst demonstrativ verlassen."
Bischof Fabiny hält an seiner Haltung fest, dass Kirche sich als Kirche Jesu Christi verwirklicht, wenn sie sich für andere einsetzt und sich nicht abschottet. Davon zeugt zum Beispiel das im Mai 2016 eröffnete "Integrationshaus" der Evangelischen Diakonie in der Josephstäder Evangelischen Kirchengemeinde (Budapest). Es ist eine Beratungsstelle für Flüchtlinge und Einwanderer. Das Integrationsbüro der Evangelischen Diakonie will mit Sozialarbeit, Gemeinschaftsprogrammen, Veranstaltungen und Sprachkursen den nach Ungarn gekommenen Menschen bei der Integration helfen.

Mittwoch, 21. September 2016

Eine missionarische Gemeinde im Norden Brasiliens braucht Hilfe

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Die evangelisch-lutherische Gemeinde von Guaraí im Bundesstaat Tocantins im Norden Brasiliens wurde 1994 durch Siedler aus dem Süden Brasiliens gegründet. Die Gründung geschah mit Hilfe von Missionaren aus Norwegen. In den 22 Jahren seit der Gründung gab es manche Schwierigkeiten zu überwinden, die viele Neusiedler aus dem Süden erlebt haben. Die Gemeinde ist relativ klein. Sie zählt 109 Mitglieder. Es Gibt noch vier weitere Predigtstellen in Nachbarstädten. Außerdem wird noch eine Gemeinde in Tucumã, im Bundesland Pará, versorgt.
Zur Zeit befindet sich die Gemeinde in einer Phase der Neuausrichtung - das betrifft auch die Gebäudesituation der Gemeinde, die in einer prekären Situation ist. Die alte Kirche musste abgerissen und neu aufgebaut werden. Die engagierte Gemeinde hat nicht genügend Mittel, dieses Vorhaben selbst zu bewerkstelligen.
Es soll ein Mehrzweckgebäude entstehen, in dem alle Gemeindeaktivitäten stattfinden können. Die Dachkonstruktion steht schon. Es fehlen noch die Seitenwände, der Fussboden und Fertigstellung. 
Das GAW unterstützt das Vorhaben der Gemeinde mit 11.000 Euro und freut sich über die missionarische Ausrichtung: Hier ist zu spüren dass Diaspora eine Mission hat!

Freitag, 16. September 2016

Verschärfung der Versorgungskrise in Venezuela

Die Kinder des Strassenkinderheimes in Valencia
ZEIT-online berichtet heute über die Verlängerung des Ausnahmezustandes in Venezuela. Die Versorgungskrise verschärft sich weiter. 
Und gleichzeitig erreicht heute das GAW eine Dankesmail von dem lutherischen Kirchenpräsidenten Pfarrer Gerardo Hands.
Der andauernde Ausnahmezustand, die dauerhaften Demonstrationen und die um sich greifende Hungersnot verschärfen die Situation in Venezuela zunehmend – vor allem für diejenigen, die ganz unten in der Gesellschaft stehen, am wenigsten gehört und am wenigsten beachtetet werden. Das bedeutet, dass besonders Kinder von dieser Not betroffen sind. Das GAW schaltete sich daraufhin mit einer „Blitz-Aktion“ ein und sorgte mit einem 3.000 Euro umfassenden Hilfspaket für Lebensmittel und Wasser in dem Straßenkinderheim Casa Hogar und der Sozialhilfeeinrichtung San Blas. Die vor Ort arbeitende lutherische Kirche (IELV) organisiert den Einsatz und richtet ihren Dank an unser evangelisches Diasporawerk. Denn Kirche und ihre Diakonie soll weiterhin ein Ort der Solidarität bleiben, da – egal wo auf dieser Welt – wir von Gott aufgerufen werden.
Doch es soll nicht bei einer einmaligen Aktion bleiben. Das GAW wird sich auch weiterhin gewissenhaft um langfristige Projekte in Venezuela bemühen, die sowohl die Nahrungs- und Gesundheitsversorgung als auch die Bildung und den Aufbau von Gemeindeleben betreffen. 

Unsere Segenswünsche gelten der dortigen Gemeinde und ganz Venezuela.

Donnerstag, 15. September 2016

Wir wollen als Christen eine Zukunft in Syrien haben!

Pfarrer Mofi Karajili
aus Homs
Der Bürgerkrieg in Syrien dauert nun schon länger als der 2. Weltkrieg. In der gesamten Zeit versuchen unsere evangelischen Partner an der Seite ihrer Gemeinden zu stehen und in ihrem Umfeld „Kirche für andere“ zu sein. „Wir helfen allen Menschen, egal ob Christen oder Muslimen“, sagt Joseph Kassab, Generalsekretär der „National Evangelical Synod of Syria and Lebanon“ (NESSL). „Wir wollen damit auch deutlich machen, dass wir als Christen in Syrien bleiben wollen und Zukunft haben wollen. Wir wollen unseren Leuten ein Zeichen der Hoffnung geben, in ihrer Heimat zu bleiben und nicht zu fliehen. Wir wollen helfen eine Atmosphäre der Versöhnung zu bauen, indem wir die Hand ausstrecken. Wir wollen, dass die Geschichte von Jesus von Nazareth im Nahen Osten weitergeht!“
Im 10. Bericht des Weltfriedensindex (Global Peace Index) vom Juni 2016 rangiert Syrien inzwischen an allerletzter Stelle auf Platz 163 hinter dem Irak und dem Süd-Sudan. Bewertet wird bei diesem Index das Niveau der Sicherheit in der Gesellschaft, die Ausweitung der inneren und äußeren Gewalt in einem Land und das Wachsen der Militarisierung. 
Friedenszeichen gemeinsam setzen!
„Im christlichen Friedensverständnis ist Frieden nicht allein die Abwesenheit von Krieg oder gewaltsamen Konflikten. Es geht beim christlichen Friedensverständnis um Entwicklung, Wohlbefinden, Harmonie, Ausgleich, Verständigung, Versöhnung, Ganzheitlichkeit etc. – Das ist es alles, was Syrien so dringend braucht!“ schreibt Kassab. „In diesem Kontext versuchen die NESSL und andere Kirchen ein Licht in der Dunkelheit zu sein!“
In verschiedenen Projekten geht es der NESSL darum, Möglichkeiten zu geben, im Land zu bleiben. Die Kirche hat Programme aufgestellt, um bei der Herrichtung von Wohnungen zu helfen, Heizöl zu kaufen für die Schulen, Schulunterstützung zu gewähren, Lebensmittel zu gewähren, Kirchen zu reparieren. Dabei ist die Kirche weiterhin auf Hilfe angewiesen und auf Partner wie das GAW. Gerade wurde für eine Schule in Aleppo Geld gesendet zum Kauf von Heizöl und Schulunterstützung. Das will das GAW weiterhin tun und die Programme und Projekte der arabischen und armenischen evangelischen Kirchen unterstützen. Helfen Sie mit: 

KD-Bank
IBAN: DE42 3506 0190 0000 4499 11
BIC: GENODED1DKD
Stichwort: Nothilfe

Mittwoch, 14. September 2016

Hallo, ich bin Charlotte

Am Montag, am 5. September, begann es – mein Praktikum im Gustav-Adolf-Werk in Leipzig. Ich studiere in Erfurt Germanistik und Religionswissenschaft. Aufgrund dieser Fächerwahl bot sich ein Praktikum im GAW besonders an, da sowohl journalistisches Arbeiten als auch die Themenbereiche Religion und Kirche in diesem Werk miteinander vereint werden. Bisher konnte ich bereits Erfahrungen in genau diesem Feld sammeln, arbeitete mich in die Aufgabe eines Lektoren ein, sichtete Bilder von GAW-Projekten aus aller Welt und erfuhr viel über die Tätigkeit des GAW, während ich Korrektur für den bald erscheinenden Projektkatalog 2017 las. Die dort vorgestellten Projekte beeindrucken mich zutiefst, da kleine Diasporagemeinden überall auf der Welt ohne eine Arbeit, wie das GAW sie tut, nur selten wahrgenommen, geschweige denn gehört werden würden.
Besonders gespannt bin ich auf die Vertreterversammlung, die am Wochenende beginnt und bis Dienstag nächster Woche andauern wird. Ich werde sowohl die Stipendiaten des GAW besser kennenlernen - worauf ich mich besonders freue -, als auch Einblicke in die Netzwerke des GAW bekommen.
Bisher macht mir mein Praktikum viel Spaß, von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bin ich herzlich aufgenommen worden und ich hoffe weiterhin auf eine gute Zusammenarbeit in den kommenden Wochen.



Dienstag, 13. September 2016

Das GAW hat eine doppelte Aufgabe

Vor 50 Jahren wird die Aufgabe des GAW in folgender Weise beschrieben: "Die Entfaltung der Arbeit des GAW ist immer eine doppelseitige. Einmal hat das GAW die Aufgabe, innerhalb unserer Gemeinden und Landeskirchen auf jede nur mögliche Weise die Erkenntnis der großen Verantwortung zu wecken und zu mehren, welche die evangelische Kirche und ihre Glieder für die Diaspora-Gebiete des In- und Auslandes tragen. Diese Arbeit ist zunächst und vor allem eine informatorische. 
Der Nebenzweck dieser Bemühungen, durch eine eindringliche und entsprechende Unterrichtung zu Hilfsquellen zu gelangen, die der Diaspora selbst zugute kommen sollen, leitet bereits zur zweiten großen Aufgabe unseres Werkes über: durch die uns anvertrauten Mittel nach bestem Wissen und Gewissen für die Linderung der Not in den Diaspoargebieten so zu sorgen, dass eine nachhaltige Hilfe gewährleistet wird."

(Aus dem Lage- und Tätigkeitsbericht des Vorstandes für das JAhr 1965/66, EvDia 1966, S. 155)

Montag, 12. September 2016

Flüchtlinge in Griechenland brauchen ein Dach über dem Kopf!

Besuch in einer Unterkunft für Flüchtlinge in Mylotopos
Schätzungsweise sitzen über 50.000 Flüchtlinge in Griechenland fest. Tausende von ihnen haben nahe Verwandte in anderen EU-Staaten. Eine Familienzusammenführung ist kompliziert, denn die Registrierung der Flüchtlinge dauert lange, die Prüfung von Asylanträgen verläuft sehr schleppend. Nach Aussage von ProAsyl könnten 60 bis 90 Prozent potentielle Antragsteller auf eine Familienzusammenführung im Rahmen der Dublin-Verordnung sein. Doch es fehlt an Mitarbeitern, die hier helfen könnten. In Griechenland arbeiten lediglich 13 Angestellte für Dublin-Familienzusammenführungen in der Asylbehörde. Nur ein bis drei Μal pro Woche – je nach Sprache – besteht die geringe Chance, einen Termin zur Asylantragstellung oder zur Beantragung einer Dublin-Familienzusammenführung zu erhalten.
Die Schließung der Grenze von Griechenland nach Mazedonien hat die Situation der Flüchtlinge auf dem griechischen Festland erschwert. Seit die Europäische Union (EU) den Flüchtlingspakt mit der Türkei am 18. März 2016 geschlossen hat, war besonders die Situation in dem Ort Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze angespannt. Dort waren über 10.000 Menschen gestrandet, die inzwischen zu neu errichteten Flüchtlingslagern in Nordgriechenland gebracht worden sind. UNHCR hat wiederholt die schlechten Lebensbedingungen, speziell auch in den neuen Lagern kritisiert.
In diesem Zusammenhang von Rückführung griechischer Flüchtlinge nach Griechenland zu spekulieren, ist unbarmherzig.
"Bei Koordinierungstreffen verschiedener NGO´s und UNHCR wurde intensiv auf den dringenden Bedarf von Unterkünften für Flüchtlinge hingewiesen. Gerade alleinreisende Frauen mit Kindern, die nun von den Inseln kommen, brauchen Unterstützung. Die Lager sind voll sind und nur wer für das relocation Programm der EU in Frage kommt, der kann mit einer Wohnung rechnen. Alle anderen landen auf der Straße. Ein Trauerspiel!" berichtet ein Mitarbeiter von Diakoniekatastrophenhilfe.
Hier setzt das Flüchtlingsprogramm der Griechischen Evangelischen Kirche an. In Volos, Katerini, Mylotopos und Athen stellt die Gemeinde Wohnungen zur Verfügung und bringt dort zahlreiche Flüchtlinge unter und versorgt sie. Eine Sozailarbeiterin, die mit Hilfe der Unterstützung des GAW und der Württembergischen Landeskirche angestellt werden konnte, koordiniert die Arbeit. 
Der Moderator der Kirche, Pfarrer Meletis Melitiadis, besucht vom 18.-20. September die Vertreterversammlung des GAW und wird über die Arbeit seiner Kirche für die Flüchtlinge berichten.

Mittwoch, 7. September 2016

Unterkünfte für Flüchtende – 2. Workcamp in Mylotopos, Griechenland



Mylotopos liegt etwa 1,5 Autostunden von Thessaloniki entfernt. Die Kommune (2 000 Einwohner, Griechisch-Evangelische Gemeinde mit 200 Gemeindegliedern), ist zum zweiten Mal Standort eines Workcamps, das vom GAW Württemberg unterstützt wird. Von den zehn ehrenamtlich Mitarbeitenden aus dem Schwabenland waren einige schon zum ersten Arbeitseinsatz im Mai 2016 dabei.

„Wir sind gut angekommen“, schreibt Pfarrer Nicolai Gießer, der dieses Workcamp vom  4. – 25. September leitet, wie schon das erste im Mai. „Und seit wir hier sind, werden wir von allen Seiten mit Essen ‚überschüttet’. Auf dem Küchentisch ist kein Platz mehr, weil sich dort Brottüten, Keksschachteln und mehrere Kisten mit Obst stapeln.“

Die evangelische Gemeinde vor Ort hatte gerade ein Gebäude gekauft, das das Team aus Württemberg mit Fachleuten vor Ort zu einem weiteren Flüchtlingsheim sanieren und wohnlich herrichten will. Dazu gehörten ein neues Dach, neue und größere Fenster, Innenausbau sowie Sanitäranlagen.

Der Montag sollte eigentlich der Orientierung dienen, was genau wo ist und was zu tun ist. Doch es ging gleich los. „Zusammen mit einem Griechen (der außer Griechisch keine andere Sprache spricht – und bei uns kann leider niemand Neugriechisch) haben wir die Wände im Inneren eingerissen. Gegen manche Teile mussten sich nur fünf Leute stemmen und sie sind umgefallen. Aller Schutt ging nach draußen – als Grundlage für ein Betonfundament, worauf der jetzt nicht mehr gebrauchte Container aus Idomeni gestellt wird – auch darin sollen Unterkünfte für Flüchtlinge entstehen“, beschreibt Pfarrer Gießer die ersten Arbeitsschritte.

Das Dach haben die Griechen abgedeckt, mit einer halben Stunde waren alle Ziegel unten. Die deutschen Helfer haben sie nach draußen geschafft und die im Gegensatz zum Dach sehr stabilen Betonfuttertröge mit dem Abbruchhammer abgerissen, bis es zu regnen anfing und nicht mehr aufhörte.

Auch an der Wohnung, in der die Arbeitsgruppe im Mai beschäftigt war, soll es weitergehen. In den Sommermonaten sind dort das Bad gefliest, die Dach- und Wandfenster eingesetzt und die Bodenunterkonstruktion fertig gemacht worden. Es muss noch gestrichen und Laminat verlegt werden.

Das GAW Württemberg unterstützt diese Aktion ebenso wie weitere Aufbaulager, z.B. im August 2016 in Litauen mit namhaften Beträgen. Es versucht so, die Minderheitskirchen und Gemeinden gemäß dem Galaterbrief zu stärken.

Diaspora fordert Diaolgfähigkeit

"Vielleicht müssen wir in der Diaspora und darüber hinaus noch stärker in die existenzielle Betroffenheit hineingeraten, um uns unserer Identität als von Gott Gehaltene ebenso bewusst wie gewiss und darüber auch froh zu werden. Nur aus dieser Perspektive und Kraftquelle lässt sich evangelisches Dasein in der Diaspora bestehen und bejahen und uns als Minderheit sogar in unbefangener Gelassenheit in eine dialogische Existenz mit der Umwelt eintreten.... Dialogische Existenz meint nicht nur rhetorische Auseinandersetzung, sie umfasst vielmehr das Ganze des Lebens, das in seiner Identität reformatorischen Christsein nicht zu verbergen, sondern einzubringen ist... In gewissensmäßiger Bindung an das Evangelium gilt es, um den eigenen Standort zu wissen und ihn zu vertreten, aber um des gleichen Evangeliums willens immer auch offen und grundsätzlich korrekturfähig und zu einem Wachsen in der Erkenntnis bereit zu bleiben." 
(Dieter Knall; EvDia 1986, S. 72f)

Dieter Knall war von 1968-1976 Generalsekretär des GAW West in Kassel und von 1982-1996 Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich)

Montag, 5. September 2016

Vielfalt kann durch Versöhnung gelebt werden

Bischof Dr. Michael Bünker
"Viele Jahre hat sich die evangelische Christenheit auf das 5oo. Jubiläum der Reformation im Jahre 2017 vorbereitet. An vielen Orten in Europa und auf der ganzen Welt wird gefeiert und der Anlass genutzt, sich neu auf die Anliegen der Reformation zu besinnen. Es ist die Vielfalt, die den Protestantismus von Anfang an geprägt hat. Bis heute zeichnen sich die evangelischen Kirchen Europas durch große Verschiedenheit aus. Nicht trotz, sondern wegen dieser Verschiedenheit leben die Kirchen in Kirchengemeinschaft miteinander. Sie haben1973 mit der Leuenberger Konkordie jahrhundertealte konfessionelle Gräben überwunden und sich zur „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa" (GEKE) zusammengeschlossen.
Ein solches Zusammenleben in Vielfalt ist nur auf der Grundlage der Versöhnung möglich. Versöhnung als Kern des Evangeliums ist das, was die evangelischen Kirchen Europa schulden. Das haben sie einzubringen. Versöhnung ist möglich, wo die Konflikte der Vergangenheit nicht zugedeckt, sondern offen angesprochen werden, wo das gegenwärtige Miteinander von Respekt und Anerkennung bestimmt ist und wo gemeinsame Ziele für die Zukunft gelebt werden. Die evangelischen Kirchen in Europa wollen ihren Beitrag zum Zusammenwachsen der Völker und Staaten in Europa leisten und dabei gemeinsam die protestantische Stimme in Europa zu Wort kommen lassen. Zugleich macht das Christentum natürlich nicht an den Grenzen Europas halt. Wir sind verbunden mit Christen in der ganzen Welt, wir bilden zusammen den Leib Christi. Kann sich da eine Kirchengemeinschaft auf einen Kontinent beschränken? Zunächst: Ja. Denn Kirchengemeinschaft will gelebt werden. Sie verwirklicht sich immer vor Ort im miteinander Handeln und Feiern, in der gemeinsamen Verantwortung in der Welt, in der gegenseitigen Unterstützung, Ermahnung und Erbauung. Und zugleich: Nein. Denn Kirchengemeinschaft ist Ausdruck der Kirche Jesus Christis und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche unterliegt keinen räumlichen Grenzen. So begrenzt sich die GEKE als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft auf eine Religion unserer Erde ohne bei den Horizont der einen Welt und der universalen Kirche aus dem Blick zu verlieren."

Bischof Dr. Michael Bünker, Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa

aus der Zeitschrift der Lutherischen Kirche Italiens “Miteinander/Insieme” (2016, N° 4)

Freitag, 2. September 2016

Die Kirchen als Laboratorien der Integration

Prof. Paolo Naso
"Wenige nur erinnern sich noch an Jerry Essara Masslo, einen po­litischen Flüchtling aus Südafrika, der 1989 nach Italien kam. Am 25. August, an dem er in Villa Literno (CE) als Landarbeiter arbeitete, wurde er von einer Bande ausgeraubt und ermordet. Bei sei­ner Beerdigung, die nach katholischem Ritus vollzogen wurde, fiel nie­mandem auf, dass Masslo ja ein evangelischer Prädikant gewesen war, und dass daher der Beerdigungsritus im Widerspruch zu seiner Glau­benszugehörigkeit stand. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen und Menschen wie Jerry Masslo sind keine Selten- und Beson­derheiten mehr. Wie wir in einer soziologischen Stu­die ("Sorelle e fratelli di Jerry Masslo. L´immigrazione evangelica in Italia", Claudiana 2o14) dargestellt haben, hat die wachsende Zahl der in Italien lebenden Aus­länder das Profil diverser evangelischer Kirchen in Ita­lien verändert. Insgesamt gibt es heute etwa drei­hunderttausend evangelische Einwanderer, die vor al­lem aus Osteuropa und Westafrika stammen. Zum Großteil kommen sie aus Pfingstkirchen oder ganz all­gemein aus „evangelischen" Kirchen. In den Adventi­sten-, Baptisten-, Methodisten- und Presbyterianischen Kirchen der Herkunftsländer haben sich große Grup­pen gebildet. Leider besitzen wir keine genauen Zah­len in Bezug auf lutherische Migranten/innen. Zahlen, die sicher sehr interessant wären! Wenn wir aber das Berechnungssystem anwenden, das für das Statistische Jahrbuch über Migration von IDOS und Confronti verwendet wird, stellen wir fest, dass sich unter den in Italien lebenden, evangelischen Migranten und Migrantinnen auch einige Tausend Lutheraner/innen vor allem aus Nigeria, Äthiopien, Kamerun und der Demokratischen Re­publik Kongo befinden. Nach ihrer Ankunft in Italien stellen sich die­se Schwestern und Brüder die Frage nach ihrem geistigen und spiri­tuellen „Zuhause". Dabei haben sie drei Strategien entwickelt. Die er­ste ist die der "ethnischen" Kirchen, d.h. der Einwanderergemein­schaften, die sich neu organisieren und dabei ihre Muttersprache und ihre liturgischen Traditionen in den Mittelpunkt stellen. Die Stärke die­ses Modells ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft; der Schwachpunkt besteht allerdings darin, dass sie sich von ihrem Umfeld isolieren und damit ihre Integration bremsen und langfristig eine Spaltung prov­ozieren: zwischen den Vätern, die ihre Traditionen bewahren wollen, und den Kindern, die ihre Eingliederung in die italienische Gesellschaft be­schleunigen wollen. Die zweite Strategie ist die der Inanspruchnahme der Gastfreundschaft italienischer Schwesterkirchen. Das ist der Fall bei „Immigrantenkirchen", die die Räumlichkeiten der italienischen Schwe­stern und Brüder nutzen und sich zwar gelegentlich mit ihren Gast­gebern treffen, aber deutlich voneinander getrennte Strukturen bei­behalten. Es handelt sich dabei um eine Kompromisslösung, die häu­fig zu Konflikten führt, weil ohne die grundlegende Überzeugung, ge­meinsam den Weg des interkulturellen Austauschs beschreiten zu wollen Sensibilitäten und Traditionen zu unterschiedlich und unvereinbar erscheinen. Die dritte Strategie ist die der interkulturellen Integration, d.h. der Versuch, gemischte Gemeinschaften von Italienern/innen und Migranten/innen zu bilden, die gemeinsam versuchen, das Leben der Gemeinschaft zu organisieren und liturgische Traditionen, spiri­tuelle Gaben und finanzielle Mittel zu teilen. Und das ist das, was ei­nige evangelische Gemeinschaften und der Bund Evangelischer Kirchen in Italien (FCEI) „Gemeinsam Kirche sein” nennen. Es ist ein dialektisches und flexibles Modell, das von den Methodisten- und Waldenserkirchen und zum Teil auch von der Baptisten- und Adventistenkirche umgesetzt wird. Schwerpunkt des Modells „Gemeinsam Kirche sein", das die FCEI allen ihren Mitgliedskirchen empfiehlt, ist die Idee, dass die evangeli­schen Gemeinden ein wertvolles Laboratorium der Integration sein kön­nen. Es handelt sich hierbei sicher nicht um einen einfachen, linearen Prozess. Unbedingt erforderlich ist eine intensive Vermittlungsarbeit auf kultureller, theologischer und ekklesiologischer Ebene, die sowohl Migranten/innen als auch Italiener/innen miteinbeziehen muss. Ein In­strument zur Unterstützung ist in diesem Sinne das Laboratorio in­terculturale di Formazione e Accoglienza (LI N FA), zu dem sich ab näch­sten Herbst angemeldet werden kann (Info: eci@fcei.it). Auch in den evan­gelischen Kirchen darf die Integration keine Assimilation sein, sondern sollte ein bilateraler, von Zusammentreffen, gegenseitigem Kennenlernen und gemeinsamer Arbeit geprägter Integrationsprozess sein."



Paolo Naso ist Dozent für Politikwissenschaften an der Universität La Sapienza in Rom und koordiniert die Studienkommission Dialog und Integration (COSDI) vom Bund der evangelischen Kirchen in Italien

aus der Zeitschrift der Lutherischen Kirche Italiens “Miteinander/Insieme” (2016, N° 4)

Mittwoch, 31. August 2016

Neue Schäden an der Bethelkirche in Aleppo

Haroutune Selimian am 25. August in Aleppo
Am 25. August morgens war das armenisch christliche Viertel in Aleppo erneut großem Schrecken ausgesetzt. Mehrere Raketen schlugen in der Nähe der evangelischen Bethel-Schule ein. "Die Menschen im Stadtviertel waren in großer Angst", schreibt Pfarrer Haroutune Selimian. Sechs Zivilisten wurden getötet und viele andere verletzt. Dazu kommen viele Schäden an Wohnhäusern. Auch die Fenster der Bethel-Kirche und der Schule und wurden beschädigt. "Obwohl alle Lehrer, Angestellten und Schüler in Vorbereitung des neuen Schuljahres sich in der Schule aufhielten grenzt es an ein Wunder, dass niemand bei den Raketenangriffen verletzt wurde", schreibt Selimian. "Aber man kann sich gut vorstellen, was die Menschen empfinden, wie sie leiden und wie sie sich an keinem Ort mehr richtig sicher fühlen." Und dann fährt Selimian fort: Es ist das sechste Mal seit dem Ausbruch des Krieges in Aleppo, dass die Schule beschädigt wurde. Wir rufen alle Verantwortlichen auf: Lasst Frieden in Aleppo zu! Und beschützt die Minderheiten - insbesondere die Christen, die sich in ihrer Zukunft in Syrien bedroht sehen!"

Gerade hatte das GAW Mittel zur Behebung von Kriegsschäden an der Bethelkirche und -Schule nach Aleppo gesandt. Damit werden auch die neuen Schäden behoben.

Wir dürfen unsere Schwestern und Brüder in Syrien nicht alleine lassen! 

Das GAW wird sich weiterhin für sie einsetzen. Helfen Sie mit!