Samstag, 2. Oktober 2010

Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. 1. Johannes 4,21

Alle Menschen tragen die tiefe Sehnsucht, geliebt zu werden, in sich. Jeder sehnt sich, für jemanden unverwechselbar zu sein. Das Traurigste, was ich je zuhören bekommen habe, war der Satz eines Freundes, der in der ehemaligen Sektenkolonie »Colonia Dignidad« im Süden Chiles aufwuchs und unzählige Male misshandelt wurde: »Nie habe ich Liebe gespürt und erfahren, geliebt zu werden. Gibt es Liebe für mich?« In seinen Augen lag eine unendliche Traurigkeit. Ein tiefer Schmerz über die erfahrene Grausamkeit des Lebens lastete auf jedem seiner Worte. Mein Freund hat eine Familie gegründet und eine halbwegs normale Vorstellung von dem, was Familie sein könnte. Nur – er kann Liebe schwer weitergeben. Wie kann er spüren, dass es eine Liebe gibt, die unumschränkt »Ja« zu ihm und seinem verletzten Leben sagt? Denn was bei allen Gefährdungen und Bedrohungen die Menschheit ins Lot zu bringen vermag, ist große, alles umarmenden Liebe. Wer diese überströmende Liebe hat, besitzt alles: das eigene Herz, das ewige Heil, ja Gott selbst.Ohne Liebe verliert das Leben Sinn und Dichte. Alles wird eintönig und belanglos. Das Dasein hat keinen Glanz, wenn die Liebe keinen Raum hat und wir uns nicht angenommen fühlen. Möglicherweise steckt hinter Atheismus und Agnostizismus die niederschmetternde Erfahrung, sich nicht im Schoß einer Familie angenommen und einschränkungslos geliebt fühlen zu können. Mein Freund hat nie Liebe in einer Familie erfahren. In der Sektenkolonie wurden alle Beziehungen untereinander radikal bekämpft. Männer lebten von Frauen separiert, Kinder wurden nach der Geburt den Müttern genommen. Familien gab es nicht, denn die hätten das System der Sekte infrage gestellt. - Pfarrer Enno Haaks

Keine Kommentare: