Montag, 5. Dezember 2011

Evangelisch in Österreich

Weithin steinig war der fast 500 Jahre lange Weg der Evangelischen Kirche in Österreich – umso wertvoller ist es ProtestantInnen jetzt, seit 1961 als »freie Kirche in einem freien Staat« zu leben… Jörg Mauthe, Stadtrat und Schriftsteller, antwortet in seinem letzten Buch »DEMNÄCHST oder Der Stein des Sisyphos« seinem Sohn Philipp auf die Frage »Warum hast du so viel Wert darauf gelegt, Protestant zu sein? Und dass auch wir welche sind?« Und Mauthe antwortet ihm mit einem Hinweis auf die Geschichte und sagt dann: »Es wäre ihnen besser gegangen, wenn sie sich angepasst, auf Priester statt auf Pastoren gehört, wenn sie sich eine andere Sprache zugelegt hätten. Das haben sie nicht getan, und wozu hätten sie all das auf sich genommen, würdet ihr, meine Söhne, es jetzt abstreifen, mehr oder weniger leichthin, weil so was heute ja keine große Rolle mehr spielt und die Frage, ob das Abendmahl in dieser oder jener Form verabreicht werden sollte, ja wirklich ein fast schon skurriler Anachronismus ist? Ihr würdet das Leid und die Hoffnung und die Erduldungen unserer Vorfahren im Nachhinein sinnlos machen und ein Muster aus dem Teppich der Geschichte tilgen.« Die Muster im Teppich der Geschichte: Zuerst mit und nach der Reformation ein blühendes Kirchenwesen, dann ab 1576 zwei Jahrhunderte, also 4 oder 5 Generationen Gegenreformation, erst ab 1781-83 die Toleranzpatente: Duldung. Am Fleischmarkt in Wien, gegenüber dem Griechenbeisl, ist auf dem Haus Nr. 18 über dem dritten Stock die folgende Inschrift zu sehen: »Vergänglich ist dies Haus, doch Josephs Nachruhm nie. Er gab uns Toleranz, Unsterblichkeit gab sie!« Endlich konnten die »Akatholiken«, Lutheraner und Reformierte, endlich konnten sie wieder den »richtigen« Gottesdienst feiern, ohne dafür verfolgt, bestraft, deportiert, getötet zu werden. Endlich frei, endlich wieder den Gottesdienst, endlich wieder Abendmahl mit Brot und Wein, die Wegzehrung ins Himmelreich! Es war freilich eine kleine Freiheit: Erlaubt waren nur Privatgottesdienste, Bethäuser mussten sich unscheinbar in das Stadtbild einfügen, Zugang zum Betsaal nur über den Hof, kein Turm, keine Glocken. Am Haus Nr. 18 in der Dorotheergasse, der Lutherischen Stadtkirche, ist das heute noch zu sehen: Zugänge nur über die Seitenhöfe rechts und links. Aber: Sie haben nicht aufgegeben, diese Protestanten. Viele waren 1848 bei der Revolution mit dabei. Mit dem Protestantenpatent von 1861 haben sie (fast) volle Gleichberechtigung erreicht. Das wurde überall gefeiert, endlich konnte sich die Evangelische Kirche entfalten. Allerdings die staatliche Genehmigung war erforderlich für die Gründung von Gemeinden, den Kirchenbau, die Errichtung von Schulen, die Bestellung von Pfarrern, von Senioren und Superintendenten und für die Einberufung der Synoden und der Generalsynode. Erst 1961 hat das Protestantengesetz von Heinrich Drimmel die volle Freiheit gebracht, die freie Kirche im freien Staat. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, ein überall anerkanntes Erfolgsmodell, dieser Geschichtsteppich, ein Grund zum Feiern allemal. Mit einem solchen Teppich kann man Verschiedenes tun: Man kann sagen: »Alles passt« und ihn ins Museum hängen. Man kann auch trefflich darauf schlafen. Besserwisser können verlangen, dass Manches umgewebt werden muss, dass andere Quasten dran müssen - man nennt das »Änderung der Kirchenverfassung«. Zugegeben, manche Muster sind noch nicht ganz fertig, noch sind in den Synoden viel zu wenig »Laien«, da gehören deutlich mehr hinein. Jedenfalls aber kann man, können wir, ihn auch als fliegenden Teppich verwenden, als Ausgangsbasis für die Zukunft: Wahlen stehen an, Besatzungen für den Teppich werden gebraucht! Der Teppich, das Webmuster unserer Geschichte, gibt dazu Mut, also auf! 

MMag. Robert Kauer jun. ist evangelischer Theologe und Jurist und war bis 2006 juristischer Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in Österreich. 

Quelle: Magazin »Evangelisches Wien«, 
Ausgabe September 2011, Seite 6/7

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