Dienstag, 19. Juni 2012

Bewaffneter Konflikt in Kolumbien wird durch LWB angeprangert

Vom Lutherischen Weltbund erreicht uns folgender Text:

LWI-Ratstagung – Pressemitteilung Nr. 06/2012

Gewalt vermischt sich mit Wirtschaft, Drogenhandel und mafiösen Strukturen, so Menschenrechtsaktivist

BOGOTÁ, Kolumbien/GENF, 18. Juni 2012 (LWI) – „Ich saß mit meinen Kindern beim Mittagessen, als plötzlich durch die Wände auf uns geschossen wurde“. Mit diesen Worten beginnt die 50-jährige Kolumbianerin Ruth Sanabria von ihrer ersten Vertreibungen aufgrund des gewalttätigen Konflikts zu berichten. „Am nächsten Tag wurde ich aufgefordert, mein Haus zu verlassen, sonst würden meine zwei Kinder umgebracht.“ Ihr persönlicher Bericht eröffnete das Hauptpodium der LWB-Ratstagung mit Partnern des Lutherischen Weltbundes (LWB) aus Kolumbien zu der humanitären Krise und dem bewaffneten Konflikt in dem Land.
Die vier kolumbianischen PodiumsteilnehmerInnen Ruth Sanabria, Vater Sterlin Londoño, Ricardo Esquivia und Diego Perez Guzmán, kritisierten gemeinsam die Rolle ihres Staates in den Jahrzehnte andauernden Auseinandersetzungen zwischen Militär, Paramilitär und Guerilla-Gruppen. So trug der Soziologe Guzmán dem Rat seine Analyse vor, laut der der Konflikt inzwischen eine neue Stufe erreicht habe. Nachdem anfangs ideologische Motive die Etablierung der Guerilla-Gruppen ermöglichten, hätte in einer zweiten Phase der Drogenhandel zu mafiösen Strukturen geführt, die die staatlichen Institutionen durchdrängen. Beide Stufen des Konflikts seien noch ungelöst. Als neue Stufe sieht Guzmán die Entwicklung der letzten Jahre, dass sich vermehrt internationale Konzerne in krisengeschüttelten Regionen Kolumbiens niederlassen und ohne Rücksicht auf Menschenrechte ihre Interessen durchsetzen. „Sie bezahlen Guerillas, das Militär oder die Paramilitärs für ihre Interessen“, so Guzmán. „Das ist der neue Wirtschaftskrieg in Kolumbien!“
Vater Sterlin Londoño von der katholischen Diözese Quidbó, einem Partner des kolumbianischen Weltdienstprogrammes des LWB, prangerte an, dass der Staat wirtschaftliche Interessen gegenüber den Menschen bevorzuge: „Zuerst hat man den Afro-Kolumbianern das kollektive Recht auf ihr Land [wieder] zugesprochen. Aber als man entdeckte, dass es dort Bodenschätze und Wasser gibt, sind die internationalen Konzerne gekommen und wollten das Land haben.“ Von 70.000 Hektar Land, die in seiner Region an die Bevölkerung zurückgegeben wurden, seien heute 50.000 Hektar für den Rohstoffabbau reserviert. Die Konzerne gingen dabei rücksichtslos gegenüber der Bevölkerung vor: „Auf dem Land werden Mienen verlegt, damit die Menschen darauf nicht mehr arbeiten können!“
Gemeinsam mit dem Menschenrechtsanwalt Ricardo Esquivia kritisierte er, dass gesetzliche Regelungen nicht eingehalten oder kurzfristig geändert werden. Esquivia zog dabei Parallelen zu den 70er-Jahren. Als die vom Staat beschlossene Landreform auf Widerstand der Großgrundbesitzer stieß, habe man einfach das Gesetz geändert und die Armee und die Polizei in die Region geschickt, um gegen die protestierenden Bauern zu kämpfen. Auf diese Weise habe der Staat selber den Konflikt befeuert, weil die Kleinbauern dadurch in die Arme der Paramilitärs und Guerillas getrieben wurden.
Durch die anhaltende Gewalt hat der kolumbianische Staat über Jahrzehnte seine Arme und Polizeikräfte massiv ausgeweitet. Diese fortschreitende Militarisierung des Landes, sehen die PodiumsteilnehmerInnen als gefährliche Entwicklung an. „Wir sind nicht das größte Land in Lateinamerika, aber haben die größte Armee“, stellte Vater Sterlin fest, „eine Armee, die [zeitweise] die Menschenrechte verletzt und in Verbindung mit paramilitärischen Aktionen steht.“ Für Perez Guzmán wird der Konflikt auch durch den von den USA unterstützen „Krieg gegen Drogen“ (Plan Colombia) genährt. „International sagt man, dass es der Vergangenheit angehört, dass Millionen US-Dollar an ausländisches Militär fließen [um seine Interessen durchzusetzen], aber das stimmt nicht! Heute wird die dritte Phase des Konflikts, die Landkonsolidierung, unterstützt.“
Trotz der teils harschen Kritik an den staatlichen Institutionen, betonten die PodiumsteilnehmerInnen die Bereitschaft der zivilgesellschaftlichen Gruppen und die Notwendigkeit, mit dem Staat zusammen an der Lösung des Konfliktes zu arbeiten. Guzmán unterstrich dabei die zentrale Rolle der Zivilgesellschaft in dem Friedensprozess: „Wir glauben, dass wir unten beginnen müssen mit dem Aufbau einer Gesellschaft und eines Landes in Frieden. Frieden ist nicht das Ergebnis eines Erlasses!“ Auch Opfer und die, die gelitten haben, müssten an den Prozess beteiligt werden.
Zum Ende des Podiums dankten die TeilnehmerInnen dem LWB für seine Unterstützung. Gleichzeitig riefen sie die lutherische Gemeinschaft auf, die anwaltschaftliche Arbeit und den politischen Druck in ihrer Heimat nicht aufzugeben. Der Präsident des LWB, Bischof Dr. Munib A. Younan, sicherte den Partnern in Kolumbien die weitere Unterstützung und das Gebet der Communio zu. „Wir werden überall wo wir sind, Ihre Stimme sein – die Stimme der Armen und Unterdrückten in Kolumbien!“ (679 Wörter)
Mehr über die TeilnehmerInnen des Podiums unter: http://blogs.lutheranworld.org/wordpress/council2012/keynote-panel/

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