Donnerstag, 3. April 2014

„A casamento brasiliero“ und die schwarze Sozialhose: Wie aus einer Trauung eine Diasporabegegnung wurde - von Vera Gast-Kellert

Norberto macht heute am Samstagabend eine Trauung, ein „casamento“, wie man hier sagt. Er war zufällig im Gemeindebüro gewesen, als die Anfrage kam. Da meinte die Sekretärin: “Die kannst du als „Aposentierter“, also Ruheständler, doch machen, Hardi Brandenburg hat schon eine“. Er hat wirklich viel zu tun, wo doch die zweite Stelle vakant ist. Also hat Norberto eingewilligt. Die Trauung ist nicht in der Kirche, sondern in einem großen und vornehmen Restaurant, das der Familie des Bräutigams gehört. Norberto hat aber gleich zur Bedingung gemacht, dass noch ein Tisch für sechs Personen – also uns drei, zusammen mit Ligia und Natanael, zusätzlich gedeckt ist. Sonst würde er die Trauung nicht übernehmen. Kein Problem! Also sind wir heute Abend um 18.30 Uhr zu einer Trauung in einem Restaurant eingeladen. Auf meine Frage, ob in Brasilien ähnlich wie in den USA der Pastor auch standesamtliche Funktionen wahrnimmt, winkt Martin sofort ab. Er war nie Standesbeamter gewesen, aber die Zeiten haben sich geändert. „Heute ist das seit einigen Jahren doch so“, antwortet Noberto. Nun ja, tempora muntantur, auch in Brasilien. Das sollen wir an diesem Abend noch erleben.

Mit mäßigem Ergebnis durchforsten wir unsere Koffer nach geeigneten Kleidungsstücken. „Ich habe auch nichts Richtiges mehr“, meint Ligia beruhigend, „nur noch so eine schwarze Sozialhose.“ „Sozialhose“, frage ich etwas verwundert und verwirrt, aber Ligia versteht meine Frage nicht. „Nun, für mich wäre das so eine Hose aus der Altkleidersammlung“, meine ich, „die kann ja auch gut sein.“ Ligia lacht. „Ach so! Nein, nein, das ist hier offizielle Kleidung, also für gesellschaftliche Anlässe.“ Alles klar. Deshalb hatte die Verkäuferin heute Morgen beim Schuhkauf in der Schuhstadt Novo Hamburgo wohl gefragt, ob Martin soziale oder Sportschuhe wollte. Martin hatte gleich gemeint: „Sportliche Schuhe“. Und dann kam sie mit einer ganzen Kollektion von Turnschuhen, die er aber gar nicht wollte. Am Ende kaufe er dann schwarze Sozialschuhe, wie wir jetzt wissen.
Der Abend naht. Noch ist es ziemlich warm nach einem heißen Herbsttag hier im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. Nataniel bringt uns nacheinander im Auto ins Restaurant, wo schon ein großer Fuhrpark steht. Es ist extra für die Trauung eine riesige überdachte Laube angebaut worden. Vor dem Restaurant stehen die Stühle für die Trauung, vorne ist auch ein Altar aufgebaut, und aus den Lautsprechern tönt Musik. Da haben mindestens zweihundert Personen Platz, geht es mir durch den Kopf. Die Stühle werden nachher alle besetzt sein. Die zwölf Brautjungfern, die „Madrinhas“, jede mit einer weißen Rose, warten schon ungeduldig, daneben die zwölf „Padrinhos“. Also, das wird eine Hochzeit amerikanischen Stils. Alle sind totschick, die Männer mit Schlips und Anzug, die Frauen gefährlich hochhackig, glitzernd und weit ausgeschnitten. 
Während wir in einer der letzten Reihen auf die wie immer verspätete Braut warten, hören wir von hinten bekannte Töne. „Kommt ihr von drüben?“ heißt es da. Klar, das gilt uns. Wir drehen uns um zu einem freundlichen älteren Ehepaar. „Sie auch?“ „Nein, aber ich bin in Salzburg geboren, damals war das Nazi-Deutschland. Aber mein Vater wurde da geboren, wo heute die Ukraine ist.“ „Und wo genau?“ „In Stanislau.“ Er will uns ausführlich erklären, wo das ist und wie es heute heißt und wundert sich nicht wenig, als wir ihm zuvorkommen. „Ach so, Ivano Frankivsk. Da war doch Pastor Zöckler, und das ist das Bethel des Ostens.“ Ja, dass wir das wissen und kennen! Bei Zöckler hat doch der Großvater gearbeitet. Aber selber weiß er nicht so viel über Zöckler, doch das interessiert ihn sehr. Und er, Günther Burghardt, wie wir inzwischen erfahren haben, freut sich ungemein, in uns Menschen zu treffen, denen diese Namen etwas sagen. Ich beschließe, ihm „Ein Leben für die Kinder“ zu schicken.“
Inzwischen ist die Braut eingetroffen und fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Die Länge des Schleiers erinnert fast an eine „royal wedding“. Noberto predigt über 1. Korinther 13. Und was angesichts der sicher 200 Gäste – große und kleine - verwundert: Obwohl die Trauung so einen Eventcharakter hat, hören alle sehr aufmerksam zu. Auch die Kinder rennen nicht herum. Das Vaterunser sprechen die meisten hörbar mit. Gemeindegesang gibt es nicht, das übernehmen Boxen mit verschiedenen englischen Songs. Konfessionell ist das Paar aus verschiedenen Traditionen, die Braut Roberta kommt aus der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB), der Bräutigam Maicon ist römisch-katholisch, aber er ist nun Mitglied der EKLBB geworden. Auch das gibt es! - Vera Gast-Kellert, Vorsitzende der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk

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