Freitag, 4. April 2014

Im Land der Sojabohnen - von Vera Gast-Kellert



Die Landstraßen gehören zurzeit den „Caminhões“, den Lastwagen. Vollbeladen brettern sie mit beträchtlicher Geschwindigkeit über den Asphalt. Für PKWs ist es eine  Geduldsprobe, einen nachdem anderen zu überholen oder dahinter zu bleiben. „Es ist die Zeit der Sojaernte. Sie fahren entweder in die Ölpresse oder zur Kooperative oder gleich zum Hafen nach Rio Grande südlich von Porto Alegre, um ihre Ernte abzugeben“, klärt uns Harti auf und versucht zum dritten Mal erfolglos, an zwei dieser schweren Wagen vorbeizukommen. „Dieses Gebiet um Passo Fundo etwa 300 km nordwestlich von Porto Alegre im Bundesstaat Rio Grande do Sul lebt hauptsächlich vom Sojaanbau. Zwar wird im Winter, das heißt jetzt bald, auf den riesigen Feldern meist Weizen gesät, aber das wichtigste Produkt ist Soja“.
Wir besuchen Hartis Mann Adelar bei der Ernte, um uns einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Zusammen mit seinem Bruder und Vater bewirtschaften sie etwa 150 ha Land. „Alles Soja“, zeigt uns Adelar mit einer Armbewegung über die Felder und wendet sich dann wieder besorgt seiner riesigen Erntemaschine zu, die er versucht zu reparieren. Ein Schneidemesser ist kaputt gegangen. Das kostet ihn schließlich zwei Tage bei der Erntezeit. Meist übernimmt er die Reparaturen selbst, aber dieses Mal gelingt das nicht.
Ihre Ernte beträgt durchschnittlich 420 000 kg Soja im Jahr, erfahren wir, an einem Tag erntet er 600 bis 700 kg, heute allerdings nicht. „Drei Familien können davon gut leben“, meint Hart, allerdings hat sie ihr Gehalt als Juristin und der Schwiegervater seine Rente. Die Familie des Schwagers lebt ganz von der Landwirtschaft. „Ja, der Soja ist genverändert“, bestätigt Adelar. „Das bringt viele Vorteile, vor allem müssen wir weniger Gift spritzen“. Die möglichen Langzeitfolgen sind allerdings noch nicht bekannt, das gibt er auch zu. Offenen Protest dagegen scheint es in großem Maßstab nicht zu geben. Gelegentlich findet wir ein Graffiti: „Não aos Trangênicos“ (Keine genbehandelten Produkte), aber das ist leicht zu übersehen.
Auch Adelar bringt seine Soja in die Kooperative, die für ihn verkauft. Die größten Abnehmerländer sind China und die USA, die USA vor allem auch, um den Preis zu bestimmen. Zurzeit ist der Preis stabil, aber, so habe ich gerade in der „Correio do Povo“, der Tageszeitung aus Porto Alegre gelesen, die Landesdeputiertenkammer hat ein Gesetz zur hohen Besteuerung (über 9 %) von Soja verabschiedet. Adelar bestätigt das. „Ja, das werden wir Anbauer zahlen müssen“: Auch die Anschaffung und Wartung der großen Maschinen verschlingt eine Menge Geld. Allerdings braucht man heute zum Sojaanbau nicht mehr viele Arbeitskräfte. Adelar hat jetzt nur einen weiteren Mann dabei, der die Erntemaschine dahingehend bedient, dass die Sojabohnen gleich auf den Lastwagen verladen werden.
Wie es allerdings für ihn und seine Familie mit dem Sojaanbau weitergehen wird, ist unklar. Mein Mann Martin, der Anfang der 1970er Jahre in diesem Gebiet Pfarrer war, erinnert sich sehr genau, wie die Bauern, die eine Mischwirtschaft betrieben, auf Soja und Weizen umgestellt haben. Das war auch bei Adelars Vater so. „Du kannst heute nur noch eine Sache machen“, erklärt Adelar. Tiere haben sie gar nicht mehr. Dadurch sind die Bauern auch weniger ans Haus und ans Land gebunden, können sogar wie Adelar in der Stadt wohnen. Klar ist, dass seine beiden Töchter und auch die zukünftigen Schwiegersöhne beruflich andere Wege gehen. Das ist auch bei seinem Bruder so. Das wird wieder große Veränderungen bringen.
Einmal war die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB) eine Kirche vornehmlich der ländlichen Bevölkerung. Dazu waren die in Deutschland verarmten Bauern ja auch ins Land gerufen worden. In dieser Gegend hat der Sojaanbau viele wohlhabend gemacht. Die Verarmten auf der Schattenseite sind weiter gezogen. Klar scheint, dass die nächste Generation in der Stadt leben wird. Dabei erinnere ich mich wieder an das Gespräch mit dem Kirchenpräsidenten der EKLBB, Dr. Nestor Friedrich, in dem er sagte: “Das Thema der Stadt beschäftigt uns zunehmend.“ -
Vera Gast-Kellert, Leiterin der GAW-Frauenarbeit

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