Mittwoch, 13. Januar 2016

Fünf Fragen an Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des GAW

Fünf Fragen an Enno Haaks, Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks e.V. (GAW), über die Verbindung von Religionsfreiheit mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung, die Unterstützung von evangelischen Christen in der Diaspora und deren Situation in Syrien.

Enno Haaks, Jahrgang 1963, stammt aus Schleswig-Holstein. Er studierte in Kiel und Erlangen Theologie und war danach zunächst Pfarrer in Pinneberg. Von 2001-2009 war er Geistlicher der zweisprachigen evangelisch-lutherischen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile. Seit 2010 leitet er als Generalsekretär des GAW in Leipzig – das Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ihm ist es ein Herzensanliegen, sich für evangelische Minderheitskirchen einzusetzen, denn am Umgang mit Minderheiten entscheidet sich in einer Gesellschaft, wie offen sie ist und wofür sie einsteht. Insofern ist die Arbeit im GAW für ihn hochaktuell.

Frage: Was können wir heute von Gustav Adolf lernen?

Enno Haaks: Das GAW trägt seit seiner Gründung 1832 den Namen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Dieser hatte sich in einer Situation schützend vor Protestanten gestellt, als sie in Deutschland schwer bedrängt wurden. Es ging bei der Namensgebung nie um eine Verehrung des Schwedenkönigs, sondern eher um Inspiration dafür, mit Evangelischen, die bedrängt und benachteiligt werden, solidarisch zu sein gemäß dem Bibelwort aus Galater 6: „Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist an des Glaubensgenossen.“ Wir haben als Evangelische Verantwortung auch füreinander.
Insofern gilt es nicht, von Gustav Adolf zu lernen, sondern sich von der Botschaft des Evangeliums zu guten Taten anregen zu lassen.

Frage: Welche Aufgabe hat Ihr Werk und wo tritt es in Erscheinung?

Enno Haaks: Das GAW will weltweit evangelischen Gemeinden helfen, ihren Glauben an Jesus Christus in Freiheit zu leben. Dafür braucht es nach außen sichtbare „schöne“ Kirchen, damit sich die Gemeinden versammeln und gemeinsam auf „evangelische“ Weise ihren Glauben leben können. Das GAW hilft dabei, Kirchen zu bauen und zu erhalten. Das gleiche gilt für Pfarr- und Gemeindehäuser, evangelische Kindergärten, Schulen und diakonische Projekte. In Chile hat auch meine Gemeinde Hilfe vom GAW erhalten. Daher weiß ich aus eigener Erfahrung, wie wichtig das GAW für evangelische Minderheitskirchen ist.

Frage: Wie ökumenisch kann ein konfessionell geprägtes Gustav-Adolf-Werk sein?

Enno Haaks: Das GAW war von Anfang an ein Werk, das FÜR etwas stand: für evangelische Minderheiten, für eine Solidarität mit ihnen, dafür, dass sie nicht vergessen werden. Dabei war das GAW nie eine Gründung gegen eine andere Kirche. Im Gegenteil wollte und will das GAW helfen, dass das Evangelium von Jesus Christus vielstimmig zur Sprache kommt. Vom theologischen Austausch und von der lebendigen Ökumene vor Ort profitieren auch die Mehrheitskirchen – wenn sie es zulassen.
Frage: Sie unterstützen unter anderem evangelische Christen in Syrien. Welche Nachrichten erhalten Sie aus der Region? Wie geht es den Gemeinden dort?
Enno Haaks: Das GAW arbeitet mit der Fellowship of Middle East Evangelical Churches im Nahen Osten zusammen und hilft in Syrien zwei presbyterianischen Kirchen – einer armenisch- und einer arabisch-sprachigen. Sie brauchen dringend unsere Solidarität. Trotz des langen Krieges unterhalten diese beiden Kirchen mehrere Schulen für insgesamt 15.000 SchülerInnen. Diese Schulen sind für alle offen und ein Ort, an dem Kindern und Jugendlichen ein Stück Würde und Normalität erfahren. Bildung hilft – wird aber gerade von radikalen Kräften bekämpft. Denn Bildung ist letztlich eine “Waffe” gegen jede Form von Polarisierung und Gewalt. Daran halten die beiden Kirchen fest.
Natürlich haben auch viele evangelische Christen das Land verlassen. Aber die Gemeinden sind nach wie vor stabil, die Gottesdienste voll. Die diakonische Hilfe in der Nachbarschaft der Kirchen funktioniert. In Aleppo übernimmt die armenisch presbyteriansiche Gemeinde für die Umgebung die Wasserversorgung, da sie einen Brunnen im Kirchhof gegraben hat.
Sie brauchen unsere Solidarität und sind dankbar, dass sie mit unserer Unterstützung Nothilfe leisten können. Dankbar sind sie auch darum, dass wir für sie beten und sie nicht vergessen.

Frage: Wie nehmen Sie die Entwicklung der religiösen Unterdrückung weltweit war? Wo sind Protestanten Verfolgungen ausgesetzt?

Enno Haaks: Die Evangelische Kirche in Deutschland ruft seit 2010 am Sonntag Reminiscere zu einem Gedenktag für „bedrängte und verfolgte Christen“ auf. Es gibt vermehrt Regionen in der Welt, in denen Menschen Leib und Leben riskieren, wenn sie sich zum christlichen Glauben bekennen. Wichtig ist uns als GAW die Einbettung des Engagements für christliche Glaubensgenossen in den grundsätzlichen Einsatz für die Geltung der Menschenrechte weltweit.
2013 kam mit dem “Ökumenische Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit” zum ersten Mal eine Studie von der Evangelischen Kirche in Deutschland  und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz heraus, um ein differenziertes Bild der Situation zu beschreiben. Bestätigt wird, dass weltweit immer mehr Menschen bei der Ausübung ihres Glaubens bedrängt werden. Christen sind besonders dort gefährdet, wo sie gesellschaftlich in einer Minderheitenposition sind und in einem autoritär regierten Staat leben. Mit Vorsicht betrachten wir den sogenannten”Weltverfolgungsindex“. Nicht in jedem Fall haben Verfolgung und Diskriminierung rein religiöse Motive. Wenn Christen verfolgt werden, werden in der Regel auch andere Menschenrechte verletzt.
Die Religionsfreiheit ist immer mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung verbunden. Deshalb können wir nicht uns nicht nur für das eine einsetzen.
(Quelle: https://rogatekloster.wordpress.com/ - Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin)


Weitere Informationen: www.gustav-adolf-werk.de

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