Donnerstag, 23. Februar 2017

Säkularisierung in Tschechien und die Kirchen

Prof. Jan Roskovec (li) und Peter Stephens
"In kaum einem Land ist in Europa ist die Säkularisierung so weit fortgeschritten wie in der Tschechischen Republik," erläutert Prof. Jan Roskovec, von der Theologischen Fakultät an der Prager Karls-Universität. "Wie in einem Laboratorium lässt sich bei uns beobachten, was es heißt, wenn die Religion aus dem öffentlichen Raum verschwindet und immer weniger Menschen sich zu einem Glauben bekennen. Das spürt man auch in der gesellschaftlichen Entwicklung. Christliche Werte werden kaum mit Leben gefüllt. Ein Beispiel ist die Haltung zu Fremden und Flüchtlingen. Obwohl es in Tschechien kaum Flüchtlinge gibt ist eine Mehrheit der Bevölkerung gegen Fremde eingestellt."
Im Gespräch mit den Studierenden aus Deutschland
Prof Roskovec sieht die Wurzeln der Säkularisierung in Tschechien tief verwurzelt in der Geschichte. Der Bedeutungsverlust der christlichen Religion lasse sich nicht alleine mit der kommunistischen Kirchenverfolgung erklären. Die Wurzeln der Säkularisierung reichen tiefer. Bereits die frühe tschechische Nationalbewegung definierte die nationale Identität in bewusster Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche, die sie im Wesentlichen als Instrument zur Germanisierung der österreichischen Monarchie verstand. Und obwohl in der Reformationszeit weite teile Böhmens und Mährens evangelisch waren, wurde im 30-jährigen Krieg diese Entwicklung zurückgedrängt. Die katholische Gegenreformation stellte die Evangelischen vor die Wahl entweder zu emigrieren oder die katholische Religion anzunehmen. Für die Mehrheit der Bevölkerung wurde der evangelische Glaube entweder im Geheimen weitergelebt oder man emigrierte innerlich. Der Glaube entfremdete sich von der kirchlichen Institution. Über zwei Jahrhunderte war das so und hat die Mentalität geprägt. "Glaube wurde ins Innere des Menschen verlegt. Was ein Mensch glaubt ist folglich Privatsache," so Prof. Roskovec.
In solch einem Kontext Menschen für Glauben UND Kirche zu interessieren und sie zu binden ist sehr schwer. Auch an der Fakultät analysiert man die Entwicklung gut, aber missionarische Konzepte in einem solchen Umfeld zu entwickeln sind eine große Herausforderung.
Derzeit sind 19 Theologiestudenten aus Deutschland zu Besuch bei der Ev. Kirche der Böhmischen Brüder. Besuche bei der Fakultät, der Kirchenleitung und vom GAW geförderten Projekte stehen auf dem Programm.

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