Donnerstag, 19. Oktober 2017

Evangelische Schulen im Libanon fördern Vielfalt und Toleranz - ein friedensstiftender Auftrag

Bischof Ralf Meister (li.) mit Prof. Johnny in Nabatieh
Derzeit besuchen der Hannoversche Landesbischof Ralf Meister und der Generalsekretär des GAW Enno Haaks gemeinsam den Libanon. Schwerpunkt sind Besuche evangelischer Schulen, die für die National Evangelical Synod of Syria and Lebanon (NESSL) eine hohe Bedeutung haben. Sie zeigen, dass man als Minderheit in einem Land einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft leisten kann. Zudem sind die Schulen ein Beitrag, damit die Gesellschaft im Libanon vielfältig bleibt und die Mehrheitsreligion dadurch moderater bleibt.

"Warum unterhalten wir eine Schule in einer Gegend, wo es keine evangelische Gemeinde
Vor dem Schulgebäude in Sidon
gibt? Das haben Delegierte unserer Synode gefragt, als es um die Frage ging, mehr Schüler in der Schule in Nabatieh im Süden Libanons aufzunehmen", erzählt der Generalsekretär der National Evangelical synod of Syria and Lebnaon (NESSL) Pfarrer Joseph Kassab beim Besuch der Schule, die von ausschließlich muslimischen Schülern besucht wird. Bis auf wenige Ausnahmen sind die 1.300 Schüler alle Schiiten. "Die Eltern schicken ihre Kinder in unsere Schule, weil sie uns vertrauen, weil unsere Ausbildung einen hohen Standard hat und weil sie hier geschützt sind vor dem Versuch der Indoktrinierung durch Islamisten", sagt Kassab. "Wir selbst verstehen unser Engagement als ein Zeugnis unseres christlichen Glaubens. Mit unseren christlichen Werten versuchen wir Beispiel zu geben für gegenseitigen Respekt und Toleranz."
Seit 1925 gibt es diese Schule in Nabatieh. Es fing ursprünglich mit einem Bibliotheksraum an, wo evangelische Christen muslimischen Kindern Lesen beibrachten. Inzwischen platzt die Schule aus allen Nähten. Der engagierte evangelische Schuldirektor hat viele Veränderungen eingeführt, die die Qualität der Ausbildung erheblich verbessert hat. "Wir
Schule in Sidon
helfen durch unsere Präsenz und unser Engagement als Kirche, dass Vielfalt in unserer Gesellschaft gestärkt wird. Das schätzen die Eltern der Kinder, auch wenn sie für die Schulausbildung der Kinder erhebliche Geldmittel aufbringen müssen." In Nabatieh hält sich das noch einigermaßen in Grenzen. Ca. 2.000 US-Dollar kostet die Ausbildung im Durchschnitt pro Kind und Schuljahr. Schwierig könnte es für einige Eltern werden, weil der Staat per Gesetz erlassen hat, dass ab September die Gehälter der Lehrer erheblich angehoben werden müssen. Das scheint vor den bevorstehenden Wahlen im Libanon ein Lockmittel zu sein für die Lehrer. Nur - auf den Kosten bleiben die Träger und Eltern sitzen. Dazu muss man wissen, dass 70% der Schüler und Schülerinnen im Libanon private Schulen zu besuchen, deren Mehrheit in kirchlicher Trägerschaft liegt. Nur 30% besuchen öffentliche Schulen, deren Standard schlechter ist und in der Regel von Eltern gemieden wird, wenn es irgendwie geht. Private Träger erhalten keinen Zuschuss vom Staat. Der Staat lässt die Schulen allein. Die Verunsicherung, die dieses Gesetz hervorgebracht hat, ist bei den Vertretern der NESSL deutlich zu spüren. Immerhin unterhält die NESSL sieben Schulen im Libanon und eine in Aleppo/Syrien. Zusätzlich gibt es drei weitere Schulen der NESSL in Syrien in Gemeindeträgerschaft. Welche Auswirkungen das Gesetz haben wird bleibt abzuwarten. Es gibt Bemühungen von verschiedenen Verbänden, mit der Regierung zu verhandeln. Fakt ist, dass der Libanon ohne die Schulen in kirchlicher Trägerschaft den relativ guten Bildungsstand nicht halten kann. Zudem wird auch versucht, syrische Flüchtlingskinder in den Schulen unterzubringen. Diese bekommen von der Kirche eine entsprechende Unterstützung, wie überhaupt Kinder aus sozial schwachen Familien mit Unterstützung rechnen können. Es ist zu spüren, dass die Frage der Integration von Flüchtlingskindern drängend ist. Derzeit sollen ca. 200.000 syrische Kinder und Jugendliche im Libanon ohne Schulausbildung sein. Ändert sich hier nichts, dann wächst eine hoffnungslose Generation heran mit entsprechenden Folgen.
Bischof Meister im Gespräch
Nicht weit von der Schule in Nabatieh unterhält die NESSL eine weitere in Sidon. 1.700 Schüler und Schülerinnen werden hier unterrichtet. 95% sind muslimischen Glaubens sunnitischer Prägung. Knapp über 200 palästinensische Kinder des nahen Flüchtlingscamps besuchen die Schule. Auch hier ist von den großen Herausforderungen zu hören, die das neue Gesetz bedeutet. An dringend notwendige Investitionen ist kaum zu denken. Dabei fällt ins Auge, dass an der Weiterentwicklung der Infrastruktur der Gebäude der Schulen gearbeitet werden muss. Das ist auch notwendig, um die Schulen zu erhalten und Eltern sich gerade für eine Schule der NESSL entscheiden.

"Mich beeindruckt, dass die Kirche mit ihren Schulen einen Beitrag zur Versöhnung in der libanesischen Gesellschaft leistet - und das auch im Blick auf den langen Bürgerkrieg von 1974-1990", zeigt sich Landesbischof Meister beeindruckt von dem hohen Engagement der evangelischen Christen in der Region.

Keine Kommentare: