Sonntag, 8. Oktober 2017

"Und ich weiche nicht zurück..." - aushalten und bleiben in Aleppo

Pfr. H. Selimian (li.) beim Grußwort in der Kreuzkirche
Dresden mit dem GS des GAW Pfr. E. Haaks
Pfarrer Haroutune Selimian, Präsident der armenischen evangelischen Gemeinden in Syrien und Pfarrer der Bethelkirche in Aleppo, ist derzeit zu Besuch in Deutschland. Er wurde auserwählt für den jährlichen Friedenspreis, den die "Initiativgruppe 8. Oktober" in der Kreuzkirche verleiht. Mit der Verleihung an Haroutune soll sein Engagement gewürdigt werden für die Menschen in Aleppo und Syrien, die Brücken der Versöhnung bauen und Menschen helfen in dem Bürgerkriegsland zu bleiben. Im Gottesdienst in der Kreuzkirche Dresden sprach er zu den Gottesdienstbesuchern:


Mit Pfr. Holger Milkau (li.) von der Kreuzkirchengemeinde
"Wenn wir uns heute in der Welt umschauen, sehen wir, dass überall Menschen aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Krisen leiden. Dieses Leiden ist so alltäglich geworden, dass wir abgestumpft sind und kaum noch darauf reagieren. Der Krieg in meinem Heimatland Syrien dauert nun schon seit sechs Jahren an. Viele Stadtviertel in meiner Heimatstadt Aleppo sind heute nicht wiederzuerkennen.
Dieser Krieg hat eine Viertelmillion Menschen das Leben gekostet und einen Exodus notleidender Syrer in die Nachbarstaaten Syriens ausgelöst. Wir wissen, dass es für die Länder, die syrische Flüchtlinge aufgenommen haben, eine Herausforderung ist, für diese Menschen – für
Pfr. Selimian vor Fotos der zer-
störten Kreuzkirche: "Das ist wie in
Aleppo!" sagte er.
Kinder, Jugendliche und Erwachsene – zu sorgen, für Bildung und andere Bedürfnisse. Es ist schwer für uns, uns vorzustellen wie Millionen von Syrern in überfüllten Quartieren unter großen sozialen Spannungen leben – in Flüchtlingslagern in Syrien oder anderswo. 
Nur noch 11 Millionen von 23 Millionen Syrern leben heute noch dort, wo sie vor dem Krieg zu Hause waren. Stellen Sie sich das Leid vor. ... Lassen Sie mich heute kurz erzählen, welche Antwort wir als Armenisch-Evangelische Gemeinschaft in Syrien auf diese grausame Realität geben: Wir verteilen Lebensmittel und sauberes Trinkwasser an Menschen ohne Ansehen ihrer Konfession oder Religion. Wenn Familien ihre Wohnungen oder Häuser verlieren, statten wir sie mit Kleidung, mit Matratzen und Decken, mit neuem Hausrat aus. Psychologen unserer Gemeinde arbeiten mit traumatisierten Kindern. Und wir bieten als Gemeinde weiterhin alle unsere kulturellen und geistlichen Veranstaltungen an. Eine positive Herausforderung inmitten negativer Anfechtungen. Der Krieg, der Syrien in den letzten sechs Jahren geprägt hat, zeigt uns, das Krieg keinen Sinn macht. Manche sagen, es ist nutzlos von Weltfrieden zu sprechen bis die Führer in den Ländern des Nahen Ostens eine aufgeklärtere Haltung annehmen. Ich bete und hoffe, dass sie das tun werden!  Aber ich glaube, dass auch wir unsere Haltung hinterfragen müssen, wenn es um Krieg oder Frieden geht. Zu viele von uns glauben, dass es unmöglich ist, Frieden in den Nahen Osten zu bringen. Zu viele glauben, dass das eine unrealistische Erwartung ist. Aber das ist pessimistisch und gefährlich. Ich spreche dabei nicht von einem absoluten Konzept von Frieden und gutem Willen, über das manche Träumer fantasieren. Lassen Sie uns über einen praktikablen und erreichbaren Frieden sprechen, der nicht durch eine plötzliche Revolution der Gesellschaft erreichbar ist, sondern durch eine stückweise Entwicklung menschlicher Institutionen. Frieden ist ein Prozess und die beste Art und Weise, Probleme zu lösen. In einem solchen Frieden wird es zweifelsohne noch konträre Interessen geben. Weltfrieden oder der Frieden innerhalb einer Gemeinschaft erfordert nicht, dass jeder seinen Nachbarn liebt. Aber es erfordert, dass auch Kontrahenten in Toleranz und Akzeptanz zusammenleben und ihre Differenzen auf friedlichem Wege beilegen. Lassen Sie uns einander als Menschen betrachten, die aus der Situation lernen möchten. Lassen wir nicht zu, dass unsere Unterschiede uns blenden. Lassen Sie uns unsere Aufmerksamkeit auf gemeinsame Interessen lenken und auf Strategien, mit denen wir unsere Konflikte lösen. ... Es ist an Ihnen und an mir Respekt und Akzeptanz in unseren Gesellschaften aufzubauen. Nur auf diese Weise wird jede Regierung, jede Gesellschaft und jeder einzelne von uns, wahrhaftig und praktisch die Prinzipien unserer universalen Menschenrechte umsetzen. Nur dies wird uns friedlich und menschlich machen, in unserem Zusammenleben auf dieser kleinen blauen Perle, die Erde nennen und die das Zuhause aller Menschen ist. Möge Gott Sie segnen!"

Wenn wir auf Syrien schauen, dann müssen wir auf die Menschen schauen, die bleiben und darauf hoffen, dass sie das Land wieder aufbauen können. Diese Menschen gilt es zu unterstützen - so wie Haroutune, der an der Seite seiner ihm anvertrauten Menschen bleibt. Während des Kriegs musste er schon über 230 Menschen beerdigen, die durch Raketen und Bomben gestorben sind. Das bedeutet für ihn auch Auftrag: "Gott hat mir diese Aufgabe gegeben. Und ich weiche davor nicht zurück!" sagt Haroutune.

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