Freitag, 1. Dezember 2017

Glyphosat, Landwirtschaft und die Zukunft der Kirchengemeinden am La Plata

Nicolás Rosenthal (Leiter der Diakonie, hinten links) mit
Jorge Weinheim (Projektkoordinator) - beides Theologen
"Die sogenannte moderne Landwirtschaft wird Auswirkungen auf unsere Kirche haben", sagt der Nicolás Rosenthal, Leiter der Diakonie der Evangelischen Kirche am La Plata (Iglesia Evangélica del Rio de la Plata - IERP). "Die großen Agrarkonzerne weiten sich immer stärker durch Pachtverträge mit Kleinbauern aus. Sie bemühen sich auch um die Ländereien mittelständischer Landwirtschaftsbetriebe - auch unserer Gemeindemitglieder in Paraguay, Uruguay und Argentinien."
Die IERP ist geprägt von ihren ländlichen Gemeinden, die von der Landwirtschaft lebten und noch leben. "Das wird aber immer komplizierter, wenn die großen Agrarkonzerne ihre Soja - und Maisproduktion ausweiten." Nicolas Rosenthal beschreibt, wie sich das auf die Gemeindestrukturen der IERP auswirkt: "Ich befürchte, dass viele Landgemeinden sukzessive weniger werden und aussterben. Denn: Wovon sollen die Familien leben? Auch die Diversität in der Landwirtschaft geht verloren. Es gibt nicht mehr genügend Flächen für Viehwirtschaft und für den Anbau anderer Pflanzenkulturen. Dazu kommt, dass die intensive industrielle Landwirtschaft auf den großflächigen Einsatz von Glyphosat setzt. Dies wird oft mit Flugzeugen auf das Land gebracht. Dabei können ganze Dörfer durch falschen Einsatz mit einer Glyphosatwolke kontaminiert werden." Nicolás Rosenthal berichtet, dass der Eindruck entstanden ist, dass dies zu vermehrten Krankheiten führt. "Allerdings sind die Zusammenhänge schwer nachzuweisen. Im November wurde ein Institut einer staatlichen Universität geschlossen, das sich mit diesen Fragen auseinandersetzte. Warum?", fragt Rosenthal. 
Die IERP beschäftigt sich vermehrt mit diesen Fragen, weil sie unmittelbar die Gemeinden betreffen. Das Dilemma: Es gibt in der IERP auch Gemeinden, die von der intensiven Landwirtschaft leben und in dieser Form der Landwirtschaft  schwerlich einen Nachteil für sich sehen. Dass die Vielfalt der Landwirtschaft verloren geht, dass bestimmte Produkte auf einmal nicht mehr hergestellt werden und importiert werden müssen, dass langsam die Dörfer und ländlichen Kleinstädte sterben und damit auch Kirchengemeinden verschwinden, dass Krankheiten durch den Einsatz von Spritzmitteln auftreten - die Einsicht in diese komplexen Zusammenhänge braucht Zeit und einen Wandel in den Köpfen. Letztlich gehen durch die intensive Landwirtschaft auch Arbeitsplätze verloren. Kinder von Landwirten können auf dem Land nicht mehr ihre Existenz sichern.
Das alles ist komplex. Sicher ist aber, dass sich die IERP verändern wird. Sie wird sich mehr und mehr um die Arbeit in den Städten kümmern müssen. Wird es gelingen, Menschen hier zu binden, die ihre Wurzeln an anderen Orten hatten? Und wie wird es in den ländlich geprägten Regionen weitergehen?
"Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, Menschen für all diese Zusammenhänge zu sensibilisieren", bekräftigt Nicolás Rosenthal. "Wir haben als Kirche eine Verantwortung. Und wir wollen Kirche in unserer Gesellschaft sein!" 

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