Dienstag, 18. Dezember 2018

100 Jahre Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder in Tschechien

Synodalsenior Daniel Zenatý (EKBB)
auf der Konferenz im Dezember
Mitte Dezember feierte die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) ihr 100-jähriges Jubiläum. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs und der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, für die besonders der Name des ersten Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk steht, gründete sich auch eine rein tschechische Kirche nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie.
Die Grundlagen der EKBB wurzeln in der Utraquistischen Kirche (1431–1620) und in der Brüderunität (1457–1620). Die EKBB entstand in ihrer heutigen Gestalt im Jahr 1918 durch den Zusammenschluss der bis dahin selbständigen evangelischen Kirchen Augsburger und Helvetischen Bekenntnisses. Deren Existenz wurde nach dem Ende der Gegenreformation, die von 1620 bis zum Erlass des Toleranzpatens durch Kaiser Joself II. im Jahr 1781 dauerte, erlaubt. Die strengen Beschränkungen mussten die Evangelischen freilich auch danach beachten, bis zum Erlass des Protestantenpatentes im Jahr 1861. In der Zeit ihrer Entstehung hatte die EKBB 250 000 Mitglieder, im Jahre 1938 waren es dann schon 325 000 Mitglieder. Heute ist die Kirche in 14 Seniorate aufgeteilt mit einer Gesamtzahl von 250 Gemeinden und ca. 80 000 Gemeindegliedern. Die Kirche wird vom sechsköpfigen Synodalrat geleitet, der auf sechs Jahre gewählt wird. Repräsentiert wird die Kirche vom Synodalsenior und vom Synodalkurator.
Im Newsletter der EKBB wird berichtet:
„Im Jahr 1918 war Österreich-Ungarn ein Pulverfass, das kurz davor war, in die Luft zu gehen. Die politischen und staatsrechtlichen Veränderungen führten in Böhmen zur Abtrennung vom Wiener Kirchenrecht. Die tschechischen Protestanten spürten die Gunst der Stunde und begannen mit den innerkirchlichen Verhandlungen. Die angestrebte Vereinigung der zwei größten evangelischen Kirchen, der lutherischen (Augsburger Bekenntnis) und der reformierten Kirche (helvetisches Bekenntnis), war Inhalt der Verhandlungen. In der Euphorie über den Zerfall Österreich-Ungarns und zusammen mit den Vorzeichen eines freien tschechischen Staates lösten sich alle theologischen und politischen Bedenken, die einer Vereinigung vorher im Wege gestanden hatten, auf. Schon am 16. Mai 1917 trafen sich die Vertreter der tschechischen Protestanten. Nach den Referaten von Josef Souček und Josef Hromádka wurde folgender Beschluss verfasst: „Die tschechischen Protestanten fühlen eine lebendige Sehnsucht danach, eine selbstständige tschechische nationale evangelische Kirche zu gründen, auf Spuren und Basis der böhmischen Reformation, dass die gegenwärtigen, geschichtlich gewachsenen, tschechischen Kirchen eine Einheit bilden.“ Großes Interesse an einem Anschluss an diese neue Kirche äußerten auch einige Tausend Tschechisch sprechende Protestanten in Schlesien, die sich von der Vereinigung mit der tschechischen Kirche eine Befreiung vom nationalistischen Druck versprachen, dem sie sich als Minderheit in den polnischen und deutschen Gemeinden ausgesetzt sahen. Mit der Gründung der Tschechoslowakei am 28.10.1918 begann die Neuorganisation der evangelischen Kirchen und ihr Zentralausschuss beschloss die Einberufung einer allgemeinen Kirchenversammlung, welche feierlich die Vereinigung der beiden Kirchen auf der Basis des Böhmischen und des Brüderischen Bekenntnisses erklärte. Die konstituierende Generalversammlung wurde am Dienstag, den 17.12.1918 um neun Uhr im Smetana-Saal im Prager Repräsentationshaus Obecní dům abgehalten. In den Reden, die nacheinander von den Vorstehenden beider Konfessionen gehalten wurden, kann man heute das Pathos der Stunde nachempfinden: gesprochen wurde von „tiefer Dankbarkeit“ für die „Befreiung der Nation“, Tomáš Garrigue Masaryk, der erste Präsident der Tschechoslowakei wurde als Instrument von Gottes Gerechtigkeit bezeichnet. Außerdem wurden die protestantischen Ideale gepriesen: Demokratie, Freiheit und Verantwortung. Die Abschlussresolution lasen Ferdinand Hrejsa und Antonín Frinta: die evangelischen Kirchen augsburgischen und helvetischen Bekenntnisses sind vereinigt. Schon einige Jahre vor der Gründung der EKBB war unter den Theologiestudenten der Gedanke gewachsen, in Prag ein Religions- und Kulturzentrum zu gründen, und dieses mit dem Namen von Jan Hus zu verbinden. Der Gedanke sollte zum 500. Jahrestag der Verbrennung von Jan Hus im Jahre 1915 umgesetzt werden. Ab dem Jahr 1902 schaute man sich nach einem Haus zum Kauf um. Am günstigsten zeigte sich im Jahre 1912 schließlich ein zweistöckiges Haus in der Jungmannova-Straße, im Zentrum Prags. Die Zeit drängte, bis zu den Hus-Feierlichkeiten, bei der man das Hus-Haus eröffnen wollte, blieben nur noch drei Jahre. Obwohl das Haus nun gekauft war, konnte es die Kirche nicht sofort vollständig beziehen. Es wohnten noch Mieter dort und für die verabredeten Zwecke gab es nicht genug Platz. Zum Haus aber gehörte ein weiträumiger Innenhof. Auf dem sollte dann das wirkliche Hus-Haus gebaut werden. Im Oktober 1918 wurde neben einem Saal für 200 Personen, eine Bibliothek mit einem Lesesaal eingerichtet. Dort hatte die sogenannte „Konstanzer Vereinigung“ ihren Sitz, die die Zeitschrift „Konstanzer Funken“ herausgab. Nach der Vereinigung der evangelischen Kirchen am Ende des Jahres 1918 zogen der Synodal-Ausschuss und seine Unterabteilungen ins Haus. Im Juni 1923 begann man mit dem Anbau. Gemäß den Plänen des Architekten Bohumir Kozák baute man auf das ursprüngliche Haus drei weitere Stockwerke und vereinheitlichte die Fassade zur Straße hin. Dort wurde auch eine HusStatue von Ladislav Kofránek angebracht wurde, ein Bibelrelief und ein Lamm mit einem Schriftzug. Das vordere Gebäude des Hus-Hauses wurde am 1. Mai 1924 feierlich eröffnet. Über die Baustelle für das Hof-Gebäude wurde im Jahr 1934 entschieden. Man wählte wieder den Architekten B. Kozák. Der Neubau im Hof wurde feierlich am 14.3.1937 eröffnet.
Die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum fand in Pardubice vom 27.-30. September 2018 statt. Diese Feierlichkeiten in Pardubice waren die größte und öffentlichkeitswirksamste Veranstaltung zum 100-jährigen Jubiläum der EKBB dar. Es nahmen evangelische Kirchenmitglieder aus der gesamten Republik teil. Auch Interessierte aus der nichtkirchlichen Öffentlichkeit und ökumenische Gäste aus Tschechien und dem Ausland waren gekommen. Experten schätzen, dass etwa 2000-3000 Menschen teilgenommen haben.
Im Dezember wurden die Feierlichkeiten fortgesetzt u.a. mit einer internationalen Konferenz im Senat des tschechischen Parlaments und eine feierliche Versammlung der EKBB im Smetana-Saal des Prager Repräsentationshauses, also an dem Ort, an dem die Kirche vor 100 Jahren gegründet wurde.
Heute ist die EKBB die größte nicht-katholische Kirche in der Tschechischen Republik. Berühmte Evangelische waren Präsident T. G. Masaryk, Milada Horáková und Jan Palach.“

In einem Grußwort während der Feierlichkeiten im Dezember 2018 wies die Stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Ulrike Scherf, auf die Bedeutung der Versöhnungsarbeit 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hin: https://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/scherf-verantwortung-fuer-europa-gerecht-werden.html

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