Dienstag, 18. Juni 2019

Was für ein Vertrauen! - Losung des DEKT in Dortmund

„Als Gläubige müssen wir die Vielfalt in der Gesellschaft und in der Kirche umarmen und die Unterschiede feiern. Das ist nicht nur Spaß. Es geht um die Vielzahl, die niemand zählen kann, alle Sprachen, aus jeder Nation. Es ist sehr ernst, eine kühne Vorwegnahme der Zukunft Gottes, der Durchbruch seines Reiches“, sagt Steven Fuite. Er ist Präsident der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien, einer Kirche, die mit drei offiziellen Sprachen arbeitet, im Alltag aber mit einigen mehr. 

Die belgische Gesellschaft ist sehr bunt und vielfältig. Die koloniale Vergangenheit hat das Land geprägt. Diese Unterschiede und diese Vielfalt auszuhalten ist nicht nur Spaß, sondern auch eine Herausforderung. Steven Fuite weiß das nur zu gut. Aber er erzählt davon mit einem Lächeln: „Es ist uns geschenkt. Es ist Aufgabe und Herausforderung. Es soll keine Angst machen. Wir sollen uns nicht fremd fühlen, sondern die Unterschiede feiern und die Vielfalt umarmen!“ 

Die Vielfalt umarmen. Die Unterschiede feiern. Sich freuen an der Buntheit dieser Welt. Dazu will Glaube ermutigen. Der Glaube, der sich nach vorne streckt nach dem, was jetzt schon sein könnte. Der Glaube will das Vertrauen stärken, damit wir das, was uns an Vielfalt zufällt, getrost annehmen. 

Wunderbare Worte sind das, die von einem großen Vertrauen zeugen. Niemand muss das allein machen. Wir sind getragen von dem, der in unser Herz den Glauben verpflanzt hat, dass unser Leben und Erleben hier und jetzt einen Sinn haben. 

„Was für ein Vertrauen“ – so lautet die Kirchentagslosung des Deutschen Evangelischen Kirchentages aus dem Zweiten Buch der Könige, Vers 18,19). Der Kirchentag ist ein großes Fest des Vertrauens, auf dem die Vielfalt umarmt wird. Es sind vier wunderbare Worte, die darauf bauen, dass eine Kraft in mir ist – trotz aller Zweifel. 

Unsere Welt, unser Land und wir selbst brauchen Vertrauen in Gott, denn er hat Vertrauen in uns, dass wir daraus leben. Nur so trauen wir uns, offen nach vorne zu schauen, mutig das anzunehmen, was uns zufällt, freudig die Vielfalt zu umarmen und die Unterschiede zu feiern. Mehrfarbig und vielstimmig lasst uns an diesen Gott voller Vertrauen glauben. 

Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des GAW

Donnerstag, 13. Juni 2019

Wer das Wort Gottes verkündet, ist eigentlich in einer guten Position

Hans Leyendecker, Kirchenpräsident des DEKT 
In einem aktuellen Interview spricht der Kirchentagspräsident Hans Leyendecker auch über die Leistungsfähigleit einer Minderheitskirche:

"Es gibt ja Untersuchungen, wonach mittlerweile ein Drittel der Menschen in diesem Land ohne den Glauben an Gott auskommt. Und die Kirchen sind auf dem Weg zur Minderheitskirche. Aber auch eine Minderheitskirche kann stark sein. Die Kirche ist nicht davon abhängig, dass die Mehrzahl der Menschen in den beiden großen Kirchen ist. Sie muss, egal ob Mehrheits- oder als Minderheitskirche, die Kirche Jesu Christi sein. Dazu gehört es, das Wort Gottes in den Mittelpunkt zu stellen, das Wort Gottes zu predigen und sich gleichzeitig nicht in einen frommen Winkel zurückzuziehen. Man muss beides hinbekommen.
Die Kirche kann immer noch viel leisten, weil die Kirche einen gewaltigen Verbündeten hat. Das ist Jesus Christus. Das ist der, der den Menschen Halt geben kann und auch der Kirche. Wer das Wort Gottes verkündet, ist eigentlich in einer guten Position. Man muss nur schauen, dass der Gottesdienst zentral wird, und dass der Gottesdienst so interessant wird, dass man Menschen zurückholen kann, die der Kirche verlorengegangen sind." (Ben Lassiwe sprach mit dem Kirchentagspräsdidenten)

Der Auftrag der Kirche, das Evangelium öffentlich und für alle Menschen zu bezeugen, gilt für alle Kirchen; er gilt für Kirchen in Mehrheits- wie in Minderheitensituationen. Es gilt dazu: Die Kirchen und die einzelnen Christinnen und Christen bezeugen das Evangelium in Wort und Tat auch im Alltag der Gesellschaft, in Arbeit und Beruf, Freizeit und Kultur. Dazu gilt es Menschen zu ermutigen und zu befähigen. Das ist auch ein Auftrag des GAW!

Wir freuen uns im GAW auf den Kirchentag in Dortmund! besucht uns in Halle 8, Stand D08!!!

Freitag, 7. Juni 2019

Die Flüchtlingshilfe in Griechenland bliebt weiter eine große Aufgabe!

Flüchtlingskinder in Katerini (Griechenland)
In den letzten Wochen wurde immer wieder über die Situation der Migranten auf den griechischen Inseln berichtet und über die teilweise katastrophalen Bedingungen. Teilweise können sie gar nicht mehr in den errichteten Lagern unterkommen. Auf der Insel Samos leben mehr als 3800 Migranten derzeit im und außerhalb des Lagers, das für nur 648 Personen ausgelegt ist. Kein anderer sogenannter Hotspot auf den ägäischen Inseln ist so überfüllt. Die Migranten dürfen nicht weg, Samos hat sich quasi für sie in ein Gefängnis verwandelt. 

Pfarrer Meletis Melitiadis aus Volos von der Griechischen Evangelischen Kirche schreibt uns dazu: „Es stimmt: Die Situation auf allen Inseln, wo Flüchtlinge sind, ist schrecklich. Der Zustand in den Lagern auf dem Festland ist jedoch nicht besser. Im vergangenen Winter konnte ich aus einem Lager drei Familien mit Neugeborenen herausholen. Sie hatten zu der Zeit drei Tage lang keinen Strom. Das bedeutet, dass sie keine Heizung hatten. Es hatte viel geschneit und war teilweise sehr kalt. Und immer wieder ist es schwierig überhaupt Zugang zu den Lagern zu bekommen. Als Evangelische Kirche arbeiten wir derzeit sehr gut mit dem Roten Kreuz zusammen. Aktuell unterstützen wir dabei bei der Versorgung und Unterbringung von 30 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Das Rote Kreuz bittet uns immer wieder um Unterstützung bei der Beschaffung von Lebensmittel, Kleidern etc. Aktuell haben wir jedes Zimmer dieser Flüchtlingsgruppe mit einem Mückenschutz ausgestattet.

In Milotopos beherbergen wir derzeit drei neue syrische Familien. Insgesamt werden von der Gemeinde vierzehn Personen untergebracht. Ihnen geht es dort sehr gut. Sie scheinen dort sehr glücklich zu sein. Die syrischen Männer helfen auf den Feldern beim Kirschen pflücken.

In Katerini werden weiterhin über 600 Flüchtlinge von der NGO der Gemeinde betreut. Ein derzeitiges Problem, das zunimmt ist, dass die Vereinten Nationen langsam aufhören, die Wohnungen der Flüchtlinge zu finanzieren, die seit 5 Jahren in Griechenland sind. Sie sollten Arbeit finden, um auf eigenen Beinen zu stehen. Da es jedoch keine Arbeit gibt, befürchten wir, dass eine Reihe von Flüchtlingen aus ihren Wohnungen vertrieben wird, weil sie nicht das Geld haben, um ihre Miete und andere Ausgaben zu bezahlen. Wir werden sehen, wie sich das weiterentwickelt.

Im April war ich in Darmstadt bei den griechischen Evangelischen, die in der Region leben. Dort traf ich ein paar albanische Flüchtlinge, die in Volos gelebt hatten. Ihnen hatten wir sehr geholfen. Sie waren als Flüchtlinge in den 90er Jahren gekommen. Es war schön, sie zu sehen. Ich besuchte auch eine syrische Familie, die ich im Herbst 2016 aus dem Flüchtlingslager in Volos mitgenommen und nach Milotopos gebracht hatte. Sie blieben zwei Jahre dort. Im Oktober 2018 konnten sie nach Darmstadt fahren, wo ihre beiden Söhne bereits waren. Es war eine große Freude, sie zu besuchen und eine Tasse Tee mit ihnen zu trinken. Sie sagten, dass ihre Zeit in Milotopos die beste Zeit für sie gewesen ist.

Das ist doch ein wunderbares Zeugnis – gerade auch für die Arbeit des GAW! Dafür danke ich Euch allen!“

Das GAW wird weiter die Flüchtlingsarbeit der Griechischen Evangelischen Kirche unterstützen. Helfen Sie mit: https://www.gustav-adolf-werk.de/spenden.html

Montag, 3. Juni 2019

Gemeindehaus konnte in Estland saniert werden

Gemeindehaus in Kadrina
"Wir danken dem GAW von Herzen, dass ihr uns bei der schwierigen Arbeit der Sanierung des Gemeindehauses in Kadrina (Estland) geholfen habt," schreibt Pfarrer Erikson von der lutherischen Gemeinde. "Besonders danken wir für eure Geduld! Es war nicht leicht und hat gedauert, die Arbeiten durchzuführen. das Dach wurde repariert, der Ofen erneuert und andere Reparaturen durchgeführt. Noch bleiben wichtige Arbeiten, wie z.B. die Wärmedämmung und Fassadenverkleidung. Aber viel ist schon einmal geschafft."

Kadrina liegt im Nordosten Estlands. Die nächste größere Stadt Rakvere (Wesenberg) ist 15 Kilometer entfernt. Eine Kirchengemeinde besteht im Ort schon seit 1231. Die heutige Kirche stammt aus dem 15. Jahrhundert. Sie ist mit viel Mühe instand gesetzt worden. Die einstmals sehr große Gemeinde hatte vor 10 Jahren 500 Glieder. Besonders aktiv ist die Gemeinde in der Kinder- und Jugendarbeit sowie auf dem Gebiet der Kirchenmusik. 

Die Kirchengemeinde Kadrina hat nach der politischen Wende alle ihre Gebäude zurück erhalten, allerdings in einem schlechten Zustand. Deshalb war die Sanierung des Gemeindehauses dringend geboten. Dafür wurde auch eines der Häuser verkauft, um diese Renovierung zu finanzieren. 

Mittwoch, 29. Mai 2019

Aufruf zu einem gesellschaftlichen Wandel in Brasilien

Kirchenpräsidentin Sílvia Genz
Die brasilianische Gesellschaft ist tief gespalten. Besonders deutlich wurde dies nach der Wahl des neuen Präsidenten Bolsonaro und seinen politischen Vorstellungen. Der Schutz des Regenwaldes hat keine Priorität, stattdessen wird die Agrarlobby gestärkt, die mehr nutzbare Fläche will. Auch indigene Gruppen werden vertrieben. Im Mai gingen über eine Millionen Menschen auf die Strasse , um gegen die Kürzungspolitik im Bildungsbereich zu protestieren. In über 200 brasilianischen Städten wurden Menschen mobilisiert um, dem "Trump der Tropen" - so auf einem Plakat zu lesen - etwas entgegen zu setzen. Die Kürzungen in den Renten verschärft die Not vieler Rentner. Ein wichtiger Aspekt von Bolsonaros Wahlkampf war die Lockerung des Waffengesetzes. Das befördert zusätzlich die Gewalt im Land - entgegen der Vorstellung, dass dadurch mehr Sicherheit entsteht. Dazu kommen weitere Themen, die polarisieren - wie z.B. die grassierende Korruption im Land, die in jeder Gesellschaft wie ein Krebsgeschwür wirkt. 


All diese Themen, die in das alltägliche Leben der Menschen hineingreifen, wirken sich auch aus auf die Lutherische Kirche in Brasilien (IECLB).


Angesichts der polarisierten innenpolitischen Situation in Brasilien hat die IECLB Ende März eine Erklärung abgegeben, in der sie zu einem kirchlichen und gesellschaftlichen Klima der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit aufruft. „Gravierende wirtschaftliche Ungleichverteilung und die Dominanz von wirtschaftlichen Interessen über die Bewahrung der Schöpfung führten zu Umweltkatastrophen und Klimawandel und machten Frieden für jetzige und künftige Generationen unmöglich. Anstelle des Gemeinwohls sei die Politik von persönlichen Interessen einzelner Gruppen dominiert und in der Politik herrsche, wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, Korruption. Auch die geplante Rentenreform lasse den Blick auf das Gemeinwohl vermissen. Nicht die Lockerung von Waffengesetzen, sondern die Frage nach den Ursachen von Gewalt könnten dauerhaften gesellschaftlichen Frieden bringen. Der Begriff „fake news“ verharmlose das Lügen; Meinungsfreiheit werde mit der Möglichkeit verwechselt, Botschaften des Hasses zu streuen“, heißt es in dem Schreiben IECLB. Neben dem bereits existierenden Einsatz der Kirche für Gendergerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz seien alle Gläubigen aufgerufen, sich noch mehr für das Gemeinwohl und gesellschaftlichen Frieden einzusetzen.

Unter den Gemeindemitgliedern stieß die Erklärung auf gemischte Reaktionen. Neben Zustimmung gab es auch Stimmen, welche das Manifest als „linke Positionierung für die PT [Partido Trabalhador] und Greenpeace“ kritisierten. Vor allem das Thema Agroindustrie spaltet die Kirche, unter deren Mitgliedern Vertreter und Gegner der Agroindustrie sind.

Montag, 27. Mai 2019

Die Schönheit der Kirche zieht Menschen an!

Kirche in Bakonyszentlászó
"Wir danken euch im GAW ganz herzlich für die großzügige Unterstützung zur Renovierung unserer Kirche in Bakonyszentlászó aus der Árpaden-Zeit," schreibt Pfarrar Cszaba Szakos von der lutherischen Kirche in Ungarn. "Mit Ihrer Hilfe konnte der Kirchturm erneuert werden. Die Kirch ist jetzt wieder eine der schönsten Kirchen von Transdanubien." Und weiter schreibt der Pfarrer: "Der wertvollsten Schatz sind aber die Schwestern und Brüder, die Sonntag für Sonntag im Gottesdienst Gottes Wort hören und an den Sakramenten teilhaben." Und weiter berichtet er, dass die erneuerte Kirche anziehend und werbend nach aussen wirkt. "Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist gestiegen!" Gleichzeitig berichtet er davon, dass es nicht einfach sei die Gemeinde lebendig zu halten. "Das ist oft schwieriger als eine Kirche zu renovieren. In der Region leiden wir zudem unter den demographischen Entwicklungen und Abwanderung aus Arbeitsgründen. Bei allem bemühen wir uns, dass die Gemeinde mit ihrer Kirche ein Hoffnungsort bleibt."

Die evangelische Gemeinde Bakonyszentlászló entstand mit der Reformation. Sie übernahm eine im frühen Mittelalter errichtete Kirche, die seitdem ohne Unterbrechung der Gemeinde gehört. Allerdings war die Kirche bis zum Toleranzpatent ohne Turm. Dieser wurde erst 1816 errichtet. 

Der Pfarrer aus Bakonyszentlászló betreut auch eine Tochtergemeinde und mehrere kleine Gemeindegruppen in den Dörfern der Umgebung. Die Gemeinde hat vom Staat noch keinen Schadensersatz für die früheren kirchlichen Immobilien, vor allem die Gemeindeschule, bekommen. Deshalb konnte sie bisher auch nicht den Traum von einem Gemeindehaus realisieren und verfügt über kein Gebäude, in dem Presbyterversammlungen, Jugendtreffen oder andere Veranstaltungen stattfinden könnten. 

Die größte Aufgabe der Gemeinde war die Restaurierung ihrer denkmalgeschützten Kirche.

Das ist gelungen. Das GAW konnte 11.000 Euro dazu geben.

Freitag, 24. Mai 2019

Fremdenfeindlichkeit darf keinen Raum in unseren Herzen haben!

Bischof Atahualpa Hernández
"Auch wenn die lutherische Kirche in Kolumbien klein ist, so engagieren wir uns doch für die Menschen, die in Not sind. Wir fühlen uns durch das Evangelium dazu gerufen," sagt Bischof Atahualpa Hernández. Er leitet seit vier Jahren die Kleine Kirche die ca. 2.500 Mitglieder in 26 Gemeinden hat. 

"Durch die immensen politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Venezuela sind nach inoffiziellen Schätzungen mindestens 2 Millionen Venezolaner nach Kolumbien geflohen," sagt er. "Die kolumbianische Regierung spricht offiziell von 1,6 Millionen Menschen aus dem Nachbarland, die fliehen, weil sie das Nötigste zum Überleben in ihrer Heimat nicht haben." 

Im Gespräch berichtet Bischof Atahualpa von dem, was die lutherische Kirche für die Venezolaner an Hilfe anbietet. Zunächst gibt es ein Beratungszentrum in der Hauptstadt Bogota. Hier geht es darum, den Geflüchteten Informationen zu geben hinsichtlich all der bürokratischen Prozesse, die gefordert sind. Dann versucht das Zentrum dabei zu helfen Zugang zum Gesundheitswesen und zu Bildungseinrichtungen zu beschaffen. Zudem wir anwaltliche und psychologische Hilfe gewährleistet. "Gerade psychologische Hilfe ist dringend geboten für Frauen, die allein mit ihren Kindern unterwegs sind. Etliche sind traumatisiert durch das, was sie erlebt haben. Und zudem gibt es genügend Menschen in Kolumbien, die auf Kosten der Not der Venezolaner sich bereichern," sagt der Bischof. 

Und dann berichtet er, wie in drei Gemeinden der lutherischen Kirche den notleidenden Venezolanern weitergeholfen wird: in Bucaramanga, Villavicencio und in Paz de Ariporo. Hier geht es um Versorgung der Menschen, die Hilfe brauchen und um den Versuch, sie sicher weiter zu geleiten.

"Es ist für das Land und uns als kleine Kirche eine große Herausforderung, auf die Not angemessen reagieren zu können. Und wir müssen als Kirche dafür sorgen, dass die Flüchtlinge als Schwestern und Brüder gesehen werden. Bei all den Problemen, die auch da sind: Fremdenfeindlichkeit darf in unseren Herzen kein Raum gewinnen!"

Es braucht in Medellin ein Friedenshaus!!!

Ostern 2019 mit 6 Konfirmationen und 3 Taufen in Medellin
Der politische Wandel in Kolumbien hat die Situation der lutherischen Emmausgemeinde verändert. "Es ist ein Rückschritt hinsichtlich des Friedensprozesses im Lande sehr spürbar," schreibt Pastor John Hernández aus Medellin. Die Wahlen haben die Spannungen im Land deutlich sichtbar werden lassen - gerade in der Region Medellins. Hier hat der ehemalige Präsident Uribe seine politische Hochburg und Unterstützung. Er ist ein entschiedener Gegner des Friedensprozesses seines Nachfolgers und Friedensnobelpreisträgers Santos. Zudem ist Uribe verwickelt in Menschenrechtsverletzungen und ungeklärten Gewalttaten unter seiner Präsidentschaft.

In Medellin hat sich die kleine lutherische Emmausgemeinde gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen zu helfen, aus der Botschaft des Evangeliums heraus Wege zur friedlichen Konfliktbewältigung zu finden. Unter Leitung des Pastors versucht die Gemeinde im „Haus des Friedens“ („Casa de Paz“) insbesondere mit Jugendlichen und Frauen daran zu arbeiten, Gewalt zu überwinden. Die Arbeit findet in verschiedenen Gruppen und auch mit professioneller Unterstützung statt. Die Gemeinde hat gut 30 konfirmierte Glieder, doch durch die verschiedenen Angebote wie das offene Treff Café Lutero werden mindestens 150 Personen erreicht.

Es ist eine Herausforderung, in Medellin als kleine lutherische Diasporagemeinde eine solch ambitionierte Arbeit zu machen. Medellín ist weltweit bekannt geworden durch die Drogenkartelle, die die Region in den 1980-1990er Jahren beherrschten, und die Gewalt, die bis heute nachwirkt. Man schätzt, dass 80 % der Stadtteile Medellíns unter der Bandenkriminalität zu leiden haben. 

Insbesondere für Menschen aus der Comuna 13 versucht die lutherische Gemeinde ihre Angebote zu gestalten. In diesem berüchtigten Stadtteil - einem Armenviertel der Stadt. "Das ist jetzt nach dem Regierungswechsel nur noch eingeschränkt möglich," schreibt John. "Es gibt unsichtbare Grenzen in der Comuna 13, die es zu beachten gilt. Die Sektoren werden von unterschiedlichen Banden kontrolliert, die sich gegenseitig bekämpfen. Die Anzahl der Morde ist erheblich nach oben gegangen."

Bei allen Schwierigkeiten nehmen an den Aktivitäten zwischen 12 bis 20 Personen teil. Insbesondere an Frauen und Jugendliche richtet sich das Angebot. 

Die Gemeinde „Emmaus“ hat die große Hoffnung, dass die Versöhnungsarbeit, die vom „Haus des Friedens“ ausgeht, dennoch friedensstiftend wirkt. „Wir wollen Friedensprozesse unterstützen, Gewalt überwinden und Menschen dabei helfen, sich gegenseitig als Menschen und nicht als Feinde anzusehen“, betont Pastor John.

Die Missionsgemeinde hat keine eigenen Räumlichkeiten. Um ihre Arbeit weiter zu stabilisieren, möchte die Gemeinde ein Gemeindezentrum erwerben, in dem die vielfältige kirchliche Versöhnungsarbeit Raum findet. Das GAW wird dafür um eine dreijährige Unterstützung gebeten. 

Insgesamt wollen wir 50.000 Euro für dieses wichtige Projekt sammeln. Helfen Sie mit!

Donnerstag, 23. Mai 2019

Bald 5 Millionen venezolanische Flüchtlinge...?

Medizinversorgung in der Acción Ecumenica in
Caracas - hier kommen die Mitarbeitenden inzwischen
sehr an ihre Grenzen
Mitte April 2019 wurde die Zahl der Menschen, die Venezuela verlassen haben von den aufnehmenden Ländern mit 3,7 Millionen Flüchtlingen, Migranten oder Asylsuchenden angegeben (https://r4v.info/es/situations/platform). Diese Zahl ist mit Sicherheit nicht die 100%-ig reale Ziffer - so wird betont. Wahrscheinlich liegt die Anzahl derer, die das Land verlassen haben noch höher. Schätzungen gehen davon aus, dass bis Ende 2019 5 Millionen Venezolaner das Land verlassen haben, weil sie schlicht und ergreifend keine Perspektive mehr sehen. Es fehlt an ausreichender Lebensmittelversorgung. Medikamente sind Mangelware. Die genaue Anzahl derer, die in Venezuelas Krankenhäusern oder Altenheimen sterben, weil sie nicht entsprechend medizinisch versorgt werden können oder dringend notwendige Medikamente nicht mehr bekommen, ist nicht bekannt. 

Obwohl Venezuela über die größten bekannten Erdölreserven weltweit verfügt, fehlen dem sozialistisch regierten Land massenweise Lebensmittel und Medikamente. Hyperinflation macht Bargeld faktisch wertlos. Staatschef Nicolás Maduro und der selbst ernannte Interimspräsident Juan Guaidó liefern sich nach wie vor einen Machtkampf.

Wichtig ist es laut UNHCR, die unmittelbaren lateinamerikanischen Nachbarländer zu stärken, um soziale Spannungen zwischen Bürgern der Nachbarländer und geflüchteten Venezolanern zu verhindern. Davon zeugen auch Aussagen eines evangelischen Bischofs in Peru. Nach seinen Angaben seien 750.000 Venezolaner inzwischen in seinem Land. Die meisten würden in Lima versuchen durchzukommen. "Wir sind zur Solidarität verpflichtet," sagt er. "Viele der Venezolaner haben viele Herausforderungen bestehen müssen, bis sie hier in Peru angekommen sind. Und sie stehen hier vor neuen Herausforderungen. Ihre tägliche Versorgung, die medizinische Unterstützung, die Suche nach Arbeit ist sehr schwer. Und es gibt Spannungen zwischen Einheimischen und Venezolanern - gerade bei der Arbeitssuche," sagt er. "Wir müssen aber jeder Fremdenfeindlichkeit wehren, denn es sind unsere Brüder und Schwestern, die an unsere Tür klopfen!"

Das ist nur ein Wort eines leitenden Geistlichen in Lateinamerika, der auf die Not der venezolanischen Flüchtlinge hinweist und auf die Spannungen, die dadurch auch hervorgerufen werden.

Gerade haben wir erneut eine Unterstützung für die lutherische Kirche in Venezuela auf den Weg gebracht in der Hoffnung, dass es möglich sein wird, Lebensmittel für die Versorgung der diakonischen Zentren und der ärmsten Gemeindemitglieder zu ermöglichen. Das wird noch länger eine bleibende Aufgabe sein. Auch das Gesundheitszentrum der "Acción Ecumenica" werden wir weiterhin unterstützen.



Freitag, 17. Mai 2019

Wir machen uns große Sorgen wie wir unsere Kinder versorgen können... - Gerardo Hands in Venzuela

Kinder des Kindergartens "Casa de amistad" in Valencia
„Es macht mir derzeit große Sorgen, dass es im Moment nicht möglich ist, Lebensmittel- und Hygieneartikel aus Miami direkt zum Straßenkinderheim nach Valencia zu senden. Bis Ende Juli reichen derzeit noch unsere Vorräte. Und dann müssen wir sehen, was wir tun können. Und weiter: Es gibt derzeit an kaum einer Tankstelle Benzin. Das heißt, dass das ganze Land quasi blockiert ist. Wie sollen Lebensmittel, Medikamente etc. transportiert werden..? Die Situation bleibt dramatisch – und wir haben wenig Hoffnung auf Besserung,“ schreibt Kirchenpräsident Gerardo Hands von der lutherischen Kirche Venezuelas. 

Mitten in der politischen Krise hält die lutherische Gemeinde ihren Kindergarten „Casa de amistad“ (Haus der Freundschaft) offen. Und mitten in der Hoffnungslosigkeit machen die Kinder dennoch Mut, die Hoffnung nicht zu verlieren, sich für sie einzusetzen, zu helfen, solidarisch zu sein und zu beten. 

Inzwischen hat die US-Regierung alle Passagierflüge von den USA nach Venezuela und umgekehrt verboten. Außerdem wird von der US-Regierung empfohlen, nicht in das Land zu reisen 

Das venezolanische Militär gilt als entscheidender Faktor im Machtgefüge. Ein Großteil steht nach wie vor hinter Maduro. Er hatte im vergangenen Jahr eine umstrittene Wahl gewonnen und war im Januar als Präsident für eine zweite Amtszeit vereidigt worden. 

Seit August 2018 geht Venezuelas Regierung gegen Oppositionelle im Land vor. Bei mehreren Massenprotesten gegen den Präsidenten hat es Tote gegeben. 

Die im Juli 2017 gebildete verfassungsgebende Versammlung hat dem Präsidenten noch mehr Macht verliehen. Oppositionelle kritisieren, dass er über die Institution der Versammlung die Rechte des Parlaments aushebelt und Venezuela diktatorisch regiert. 

Ein durch Massenproteste herbeigeführter Machtwechsel ist bisher gescheitert. Der Parlamentspräsident Guaido hat es bisher nicht geschafft wesentliche Teile der Militärführung für sich zu gewinnen. Zudem spielen Kuba, China, Russland und der Iran eine wichtige Rolle im Kampf um die Macht im Land - und um Einfluss in der Region.

Bei all dem: Das GAW unterstützt die kleine lutherische Kirche in Venezuela. Dabei geht es derzeit um Nothilfeleistungen. Wir hoffen, dass die gerade weitergereichten Spenden dazu beitragen, Lebensmittel und Medikamente beschaffen zu können.

Donnerstag, 16. Mai 2019

Wann hört der Krieg in Syrien endlich auf...? Die Not ist groß!

Angriff auf Kessab
„Die vergangenen Tage haben wir in Kessab und Aleppo Raktenangriffe erlebt. Das war heftig. Und in Aleppo in dicht besiedelten Stadtteilen gab es mindestens 38 Todesopfer. Auch in Kessab – im Nordwesten an der türkischen Grenze – fielen Raketen in der Nähe des armenischen ev. Sommerlagers. Es soll renoviert werden. Ich wollte gerade dorthin aufbrechen von Aleppo, aber das war nicht möglich durch die Bombardements,“ berichtet am 15. Mai Pfarrer Haroutune Selimian aus Aleppo. 

Seit zwei Wochen bombardieren syrische und russische Kampfjets wieder die Provinz Idlib im Norden Syriens, wo seit September 2018 ein Waffenstillstand herrschte. Der Regierung Assad wird ein Bruch des vereinbarten Waffenstillstandes vorgeworfen. Die verschiedenen islamistischen Rebellengruppen sollen den Angreifern unterlegen sein. Angeblich sind
Angriff auf Kessab -
Nähe armen. Sommercamp
tausende ausländische islamistische Kämpfer in der Region um Idlib. Al-Kaida Anführer haben alle waffenfähigen Männer zum Widerstand aufgerufen. So sind die Raketenangriffe auf Kessab und Aleppo zu erklären. 

Den Regierungstruppen wird vorgeworfen Schulen und Gesundheitszentren gezielt zu bombardieren. Seit Ausbruch der Kämpfe sind über 300 Tote zu beklagen. Mehr als 200.000 Menschen sind derzeit auf der Flucht ins syrisch-türkische Grenzgebiet. Die Türkei hat dabei die Grenze geschlossen und vorsorglich Truppen dort zusammengezogen. Die Flüchtlinge, die teilweise schon aus anderen Regionen Syriens geflohen sind, campieren jetzt im Nirgendwo und wissen nicht weiter. Die Not ist in der Region Idlib/Hamaa groß. 

Die Not ist auch für die Menschen groß, die in den Gebieten leben, die von der syrischen Regierung kontrolliert werden. Gerade in diesen Regionen leben die evangelischen Christen - und überhaupt die Christen aller anderen Denominationen. In islamistisch besetzten Gebieten wie Idlib gibt es so gut wie keine christliche Präsenz mehr.  

„Der Benzinmangel in Syrien hat weitreichende Auswirkungen bis hin zum Anstieg bei den Lebensmittelpreisen. Die wirtschaftliche Not ist immens in den Gebieten, die unter der Kontrolle des syrischen Regimes stehen. Die iranische Unterstützung wurde vor einem
Lebensmittelhilfe in Aleppo - links: Pfr. Selimian
halben Jahr gestoppt, was die Versorgungskrise verschärfte. Täglich bilden sich lange Schlangen mit Hunderten von Autos vor den Tankstellen. Leider stiegen die Preise für Kochgas oder Treibstoff um mehr als dreimal so hoch wie der offizielle Preis ist. Heute besteht unsere Hauptpriorität darin, unseren bedürftigen Familien zu helfen beim Nötigsten für den Alltag. Um Menschen das Dableiben zu ermöglichen sind wir auf Solidarität und Hilfe angewiesen,“ schreibt Pfarrer Haroutune Selimian.

Freitag, 10. Mai 2019

Das GAW hilft beim Aufbau einer Krankenhausseelsorge in Brasilien

Treffen der brasilianischen Krankenhausseelsorger
Eine fundierte Krankenhausseelsorge gibt es in Brasilien nicht. In der lutherischen Kirche gab es deshalb in den vergangenen Jahren verstärkt Bemühungen, mit Krankenhäusern und Pflege- und Altenheimen zusammenzuarbeiten. Das ist für die Kirche ein relativ neues Arbeitsfeld, weil sie sich zunehmend Menschen zuwendet, die nicht zum Umfeld der lutherischen Kirche gehören. Die Kirche folgt dabei der Option für die Schwachen und der Verteidigung ihrer Würde. Diese Arbeit ist sehr vielschichtig. Die Begleitung und Beratung im Kontext von Krankheit, Schwäche, Grenze und Tod bedarf besonderer Aufmerksamkeit und Fortbildung. Zielgruppe der Krankenhausseelsorge sind der kranke Mensch, seine Angehörigen und das Personal des Krankenhauses. Darüber hinaus soll die Krankenhausseelsorge die Kultur einer menschenwürdigen, multidimensionalen Krankenversorgung fördern. 

Die Ausbildung für Krankenhausseelsorger hat in der lutherischen Kirche (EKLBB) begonnen in Zusammenarbeit mit der Theologischen Hochschule EST in Sao Leopoldo. Fünf Module werden dazu verpflichtend angeboten  – drei fanden 2018 statt und zwei in diesem Jahr 2019. An diesem Kursus nimmt je ein Vertreter von den 18 Synoden der EKLBB teil. Im Laufe des Kurses wenden die erworbenen Kenntnisse bei den Besuchen in den Krankenhäusern erprobt und eingeübt.  

"Viele Patienten konnten so schon erreicht werden. Auch waren die Reaktionen, die die Seelsorger erfahren haben sehr positiv. Gerade Glaubensfragen spielen dann auch in dem brasilianischen Kontext und der Kultur eine große Rolle. Die Menschen sind dafür sehr ansprechbar. Gerade Neupfingstler geben ganz andere Angebote als wir es tun," schreibt Pastor Volkmann vom brasilianischen GAW (OGA). "Die Genesung der Menschen wird dabei oft erschwert, da ihnen gesagt wird, dass ihre Krankheit Konsequenz ihrer Sünde ist und dass sie nicht genügend Glauben haben, um gesund zu werden. Gerade deswegen ist es wichtig eine gut fundierte Ausbildung zu haben, um die kranken Menschen zu begleiten, ihnen zu helfen, dass sie sich von Gott auch in der Krankheit begleitet fühlen."

Inzwischen gibt es von der lutherischen Kirche acht Krankenhausseelsorgestellen. Zudem sind etliche Pfarrer*innen an verschiedenen weiteren Krankenhäusern tätig. Über die Kirchenleitung wurde schon zwei mal zu überregionalen Treffen eingeladen, um sich als Krankenhausseelsorger auszutauschen und zu vernetzen und gemeinsam Sorgen, Nöte und Herausforderungen zu teilen.

"Wir sind dem GAW sehr dankbar für die Förderung dieses Projektes!" schreibt Martin Volkmann.

Das GAW fördert in einem dreijährigen Programm den Aufbau der Krankenhausseelsorge der EKLBB in Brasilien: 2018/15 000 €; 2019/14 500 €; 2020/13 960 €.

Brot für die Welt ohne das "Brot der Welt in der Krippe von Bethlehem" kann es nicht geben!

Hans Katz (1900-1974)
Als Hanz Katz seinen Dienst als GAW-Präsident im Jahre 1968 antrat schrieb er ein Jahr später - vor 50 Jahren - folgende Worte im GAW-Blatt vom April 1969. Auch heute durchaus lesenswert und aktuell:

"In der Diaspora ist der einzelne Christ ständig nach dem Grund seines Glaubens und seiner fröhlichen Hoffnung gefragt und angehalten, sich Rechenschaft über diesen Glauben zu geben...

Bei aller Wandlung bleibt die unaufgebbare Aufgabe des GAW die Verkündigung des Evangeliums und die Gründung der Gemeinden auf das Evangelium Jesu Christi. Darin wird der ökumenische Charakter dieses Werkes, den es von Anfang an hatte, deutlich. Es gilt theologisch zu sehen und deutlich zu machen, dass wir Menschen ... allein von der freien Gnade Gottes in Jesus Christus leben...

Die Kirchen müssen alle Kraft daran setzen, dass sie nicht durch den Druck von außen her zu Sozialinstitutionen werden. Da die theologische Arbeit, die der Ökumenismus stellt, sehr viel zeit, Geduld und Kraft erfordert, weicht man auf den sozialen Sektor aus, der der Welt einleuchtend zu machen ist und auf dem man ohne Schwierigkeiten zusammenarbeiten kann. Wenn wir aber vergessen, dass es Brot für die Welt ohne das "Brot der Welt in der Krippe von Bethlehem" nicht geben kann , werden wir kläglich Schiffbruch leiden. Das GAW hat und wird es nie vergessen, dass es vom Brot in der Krippe zu Bethlehem lebt und dieses Brot auszuteilen hat. Hier ist der Quellort wahrer Diakonie, die nicht verstopft werden darf. ...

Das GAW kann nicht ein Kirchbauverein sein... Wir mühen uns um den Bau von Gemeindezentren und auch um die Einrichtung von diakonischen Diensten und Stationen und Unterrichtmöglichkeiten. Alles was eine Gemeinde zum Leben braucht, wird von uns ins Blickfeld genommen. Dafür benötigen wir die Liebe und Hilfe der Gemeinden, die uns nicht ohne Information und Werbung in den Schoss fällt."

Hans Katz studierte Theologie in Heidelberg, Tübingen und Marburg. Er war Pfarrer der Badischen Landeskirche. 1935 wurde er Dekan in Lörrach, 1946 Mitglied des Oberkirchenrates in Karlsruhe, ab 1958 ständiger Vertreter des Landesbischofs. Von 1968-1974 war er Präsident des GAW der EKD in der Bundesrepublik Deutschland.

Donnerstag, 9. Mai 2019

Gelungene Sanierung des Jugendfreizeitzentrums im ungarischen Rábcakapi

Jugendfreizeitzentrums im ungarischen Rábcakapi
"Vielen Dank für die Hilfe bei der Renovierung unseres Jugendlagers im ungarischen Rábcakapi! Das hat uns auch viel Ansehen in dem Dorf gebracht. Die Dämmung der Gebäude konnte verbessert werden und insbesondere das äußere Erscheinungsbild verschönert werden. Alle aus dem Dorf, der lutherischen Kirchengemeinde und der Gesamtkirche freuen sich über das nun Erreichte!" schreibt Pfarrer Miklós Kiss. Im Projektkatalog 2014 wurden 10.000 Euro für dieses Projekt gesammelt. Der GAW-Vorsitzende aus Bayern Pfr. Wolfgang Layh vertrat das GAW bei der Feier zum Abschluss der Arbeiten. 136.000 Euro kosteten die Sanierungsarbeiten insgesamt. Die Lokalgemeinde, die Kirche und die ungarische Regierung halfen bei der Finanzierung.

Zum nordwestungarischen Kirchenbezirk Győr-Moson gehören 14 Gemeinden. Für die Mitarbeiter des Kirchenbezirks ist es ein wichtiges Anliegen, gemeinschaftsbildende und identitätsstiftende Veranstaltungen für dieses Gebiet zu organisieren. Eine wichtige Rolle spielen dabei die sommerlichen Freizeiten für Jugendliche. Seit 1986 finden diese im früheren Pfarrhaus und in der früheren Schule im Dorf Rábcakapi statt. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass solche Freizeiten die kirchliche Bindung von Jugendlichen stärken. Viele frühere Teilnehmer sind heute als Kirchenvorsteher oder Pfarrer in der Kirche aktiv. „In einer Gemeinde haben sogar sechs Mitglieder des Vorstands ihre ersten kirchlichen Erfahrungen in Rábcakapi gesammelt“, unterstreicht der Leiter dieser Arbeit, András Rátz. An den vom Kirchenbezirk organisierten Freizeiten nehmen jeden Sommer 100 bis 150 Jugendliche teil. Viele Gemeinden veranstalten auch ihre eigene Freizeiten oder Konfirmandenwochenenden in diesem Freizeitheim. 

Das Gebäude des Jugendfreizeitheims in Rábcakapi bietet in fünf Zimmern Platz für ca. 40 Teilnehmer. In den vergangenen 32 Jahren wurde es nur einmal grundsaniert. Damals wurde das Dach erneuert. Mit den Jahren war nun eine erneute Sanierung unumgänglich geworden. Die Einrichtung der Küche und der Zimmer sowie die Sanitäranlagen mussten dringend erneuert werden. Zudem wurde die Isolierung der Gebäude verbessert, damit das Freizeitzentrum länger im Jahr als bisher genutzt werden kann.

Allen Spendern sei gedankt!

Dienstag, 7. Mai 2019

"Ich bin trotz allem gerne Pastor auf Kuba!" sagen Liudmilla und Yoelcis

Liudmilla Hernandez (re.), Yoelcis González (2. v.li.)
Liudmila Hernandez Retureta ist Vize-Moderatorin der Presbyterianisch-Reformierten Kirche auf Kuba, einer der ca. 50 Partnerkirchen des GAW weltweit. Sie ist mit 30 Jahren die jüngste Pastorin der Kirche. 2014 wurde sie ordiniert. Seit 2018 ist sie Pastorin der ersten, ältesten und größten Gemeinde der Kirche in der Hauptstadt Havanna. Hier wurde auch die erste presbyterianische Kirche im Jahre 1906 gebaut. 


"Ich bin mit Leib und Seele Pastorin," erzählt sie bei einem Besuch mit zwei Pastorenkollegen in der GAW-Zentrale. "Ich identifiziere mich sehr mit meiner Kirche und ihren Aufgaben und Herausforderungen. Das ist mein Leben!" Ihr ist es wichtig, die Kinder- und Jugendarbeit der Kirche zu stärken. "In meiner Gemeinde liegen mir die 40 Kinder und 10 Jugendlichen am Herzen, die sich in Gruppen der Gemeinde in Havanna organisieren. Das macht mir Hoffnung, dass es diese jungen Menschen gibt, die zur Kirche kommen, auch wenn die meisten ihrer Eltern sie nicht zur Kirche begleiten. Hier spüre ich, dass es Hoffnung und Zukunft in der Kirche gibt. Auch hoffe ich, dass das das Leben in den Familien positiv beeinflusst."


Kinder- und Jugendgruppe in Cardenas
Yoelkis Sierra González ist ebenfalls Pastor der Kirche. Er ist 43 Jahre alt und arbeitet in Havanna im Stadtteil Guanabacoa. Bevor er Theologie studierte hat er einen Studienabschluss in Betriebswirtschaft gemacht und arbeitete dann eine zeit lang als Professor an einer Universität. 2012 schloss er sein Studium der Theologie ab. Im Juni 2013 übernahm er seine Pfarrstelle. "Pastor zu sein bedeutet mir sehr viel in meinem Leben. Gottes Wort zu verkünden und mit den verschiedenen diakonischen Programmen mit Leben zu füllen zeigt, dass die Kirche Bedeutung hat. Mein Traum ist es, dass wir in Guanabacoa einen Kindergarten einrichten können. Das wäre notwendig!"


Und dann berichtet er von den großen Herausforderungen für die Kirche inmitten einer tiefgreifenden Krise, in der sich der Inselstaat befindet.

Das hat mehrere Gründe: Ein großer Teil der Lebensmittel muss eingeführt werden, denn 50% der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen liegen brach. Dabei ist der Boden sehr fruchtbar. Die Brachflächen sind mit Dornengestrüpp übersät. Die Energieversorgung ist 
Presbyteriansiche Kirche in Cardenas
schwierig, weil u.a. venezolanische Öllieferungen erheblich durch die Krise dort eingeschränkt wurden. Die USA haben weitere Embargomassnahmen getroffen, die die Lage verschlimmern. Verträge, die Brasilien zur ärztlichen Versorgung in armen, ländlichen Regionen mit Kuba geschlossen hatte, wurden gekündigt. Dadurch fehlen weitere Devisen. Die Lage hat sich durch den politischen Wandel erheblich verschlechtert. 

"Inmitten all dieser Krisen, die wir auch als Pastoren am eigenen Leib erfahren, wollen wir dennoch Kirche sein, Hoffnung säen und unsere prophetische Stimme erheben. Wir wissen, dass wir dabei auf die Solidarität unserer Partner angewiesen sind!" sagen Liudmilla und Yoelcis zum Abschluß. "Für eure Hilfe im GAW danken wir euch sehr!"

In diesem Jahr fördert das GAW die Sanierung der presbyteriansichen Kirche in Cardenas. 


Helfen Sie mit, diese Kirche zu sanieren: https://www.gustav-adolf-werk.de/spenden.html

Mittwoch, 1. Mai 2019

An der Grenze - ein kleines Stückchen Hoffnung...

Heiliges Abendmahl an der
US-Grenze zu Mexiko
"Wisst ihr, was wir hier gerade feiern?" fragte Pastor Dario Barolin, Waldenserpfarrer aus Uruguay und Vorsitzender der AIPRAL (Alianza de Iglesias Presbiterianas y Reformadas de América Latina), Flüchtlingskinder aus Zentralamerika. Sie standen auf der mexikanischen Seite der hochbewachten Grenze zu den USA. Auf der nordamerikanischen Seite der Grenze zu Mexiko feierte Dario mit einer Delegation reformierter Kirchen das Heilige Abendmahl. "Ja - klar!" antworteten sie durch den trennenden Grenzzaun. "Wollt ihr mitfeiern?" - "Ja - sehr gerne!" antworteten die Kinder. "So feierten wir mit den Kindern gemeinsam das Mahl Jesu Christi. Es hat uns verbunden, auch wenn der Grenzzaun uns trennte!" Ursprünglich war geplant, dass die Delegation einen Gottesdienst beidseitig der Grenzen feiern wollte. Die US-Polizei erlaubte dies nicht, so dass man sich auf dem nordamerikanischem Boden traf.

"Die Situation an der Grenze zwischen Mexiko und den USA ist komplex!" sagte Pfarrer Dario. Die Delegation der reformierten Kirchen Lateinamerikas und Nordamerikas wollten sich gemeinsam vor Ort informieren. "Wir sind als Christen verpflichtet, ungerechte Strukturen wahrzunehmen und auf sie hinzuweisen. Es kann uns nicht egal sein, was mit den Menschen geschieht, die an der mexikanischen Grenze stranden und nicht weiter wissen. Und es kann uns nicht egal sein, dass in den USA auf Kosten der Menschen, die vor Gewalt, Chaos und Korruption in ihren zentralamerikanischen Ländern fliehen, Wahlkampf gemacht wird."

In der mexikanischen Grenzstadt Juarez traf sich die Delegation und sprach mit den Flüchtlingen, die die Strapazen des langen und gefährlichen Weges auf sich genommen hatten. Immer wieder hörten sie, dass der Fluchtweg und ihre Situation an der Grenze oft erträglicher sei als die Situation in ihrer Heimat, die immer bedrohter sei.

Die Delegation kam zu dem Schluss: "Migration ist eine globale Krise, der mit Mitgefühl und Gerechtigkeit begegnet werden muss. Das christliche Zeugnis fordert uns, den Fremden wahr- und aufzunehmen. Hauptursachen für Migration liegen in den ungerechten Strukturen, in der Gewalt, im Imperialismus und im Kolonialismus. Wiedergutmachende Gerechtigkeit ist der Schlüssel zum globalen Wohlergehen und zur Sicherheit. Wir fordern die Demontage von Mauern, Grenzen und Einrichtungen, die zur Entmenschlichung, Ausgrenzung und Isolation von Menschen beitragen. Wir fordern unsere Nationen auf, gerechte Gesetze zu erlassen, die Menschenrechte und Gerechtigkeit zulassen, die die Menschenwürde, Gerechtigkeit und Mitgefühl ausmachen."

"Diese groß angelegte Fluchtbewegung von Menschen zeigt deutlich die kritischen lebensbedrohlichen Situationen, in denen viele Menschen in Zentralamerika, leben", sagte zum Schluß Dario Barolin. 

Das Heilige Abendmahl unter diesen Bedingungen zu feiern... - das zeigt die Kraft, die im christlichen Glauben liegt, der Grenzen überwindet.

Donnerstag, 25. April 2019

Der Glaube beansprucht keine definitiven Antworten. Interview mit Jakub S. Trojan - EKBB

Jakub Trojan
Jakub Trojan ist Theologe, Pfarrer der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) und ehemaliger Dekan der Theologischen Fakultät. Am 25. Januar 1969 bestattete er Jan Palach, den Studenten der Karlsuniversität, der sich selbst angezündet hatte, aus Protest gegen die Gleichgültigkeit, die die tschechische Gesellschaft nach der Okkupation der sowjetischen Armee im August 1969 gefangen hielt. Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Um an Jan Palach zu erinnern, führte  die Kirchenzeitung der EKBB ein Interview mit Trojan.  Hier ein Auszug aus dem interessanten Interview: 

In der Zeit des Prager Frühlings waren Sie Pfarrer der EKBB und in diesem Amt haben Sie im Januar 1969 Jan Palach bestattet. Er gehörte zu Ihrem Gemeindegebiet. Kannten Sie ihn persönlich? 

Ich kannte ihn kaum. Als ich in Libiš (30 km nördlichen von Prag) Pfarrer wurde, studierte er bereits in Prag. Seine Mutter wohnte in Všetaty, einem Ort der zur Gemeinde Libiš gehörte. Sie kam häufig mit dem Zug in unsere Gottesdienste. Aber am Sonntag vor seiner Tat kam auch Jan in den Gottesdienst. Ich fand ihn interessant, er hatte ein konzentriertes Gesicht und einen herrlichen Blick. Nach dem Gottesdienst unterhielten wir uns. Man merkte, dass er ein geistreicher Mensch war.

Worüber sprachen sie denn? 

Es störte ihn, dass sich die Menschen anpassen und resignieren. Er war der Meinung, dass es nötig ist, sie aufzurütteln. Er wäre glücklich, wenn sich die Kirche mehr am Kampf mitten im Besatzungssystem beteiligen würde. Es schien ihm, dass die Kirche nicht darauf reagierte, wie die Menschen sich anpassten und die Hoffnung auf Wandel zum Besseren verlören. Ich gab ihm da Recht. 

Ließ sich da etwas machen – aus Ihrer Situation eines seelsorglichen Predigers, der selbst mit dem System seine Schwierigkeiten hatte? 

Die Kommunisten hatten die Meinung, dass die Kirche und die Religion nicht mehr lange überleben würden und aussterben. Sie lehnten es ab, dass die Kirche auf die Geschehen in der Gesellschaft reagierte. Ich war damit nicht einverstanden. Ich war überzeugt, dass das Evangelium eine Botschaft ist, die nicht nur das Individuum und seine Lebensrichtung betrifft, sondern die ganze Gesellschaft. Im Hinblick auf Jan Palach: Er beging seine Tat kurz nach unserem Gespräch, für eine tieferes Gespräch war keine Zeit. Ich habe ihn nicht mehr getroffen. 

Im Jahr 1977 waren Sie unter den Ersten, die die Charta 77 unterschrieben. Hatte das etwas mit dem Tod von Jan Palach zu tun? 

Ja, unter anderem. Aber ich habe mehrere solcher Texte unterschrieben, wenn mir der Inhalt entsprechend anregend erschien. Es gab etwa zehn solcher Veröffentlichungen. Niemand ahnte, dass das Papier Charta 77 solch eine Wirkung haben sollte. 

Jan Palach
Die Mutter von Palach kam nach seinem Tod zu Ihnen, damit Sie ihren Sohn bestatten. Haben Sie erwartet, dass sie Sie bittet? 

Nachdem Jan Palach sich durch die Selbstverbrennung das Leben genommen hatte, sprach ich lange mit Palachs Mutter. Direkt nach Palachs Tod habe ich nicht gewusst, dass es sich um ein Mitglied aus meiner Gemeinde handelt. In der Zeitung schrieben sie nur J.P. Ich wusste nicht, dass das Kürzel für Jan Palach stand. Wir haben es erst durch unsere Tochter erfahren, die mit Jans Cousin zur Schule ging. Das hat uns alle erschüttert. Aber da wusste ich noch nicht, dass ich ihn bestatten würde. 

In der kirchlichen Agende zur Bestattung unterscheidet man zwischen einem selbstherbeigeführten und einem natürlichen Tod. Die Frage, ob der Tod Palachs ein Suizid war, mussten Sie sich vor seiner Bestattung stellen. War die Antwort auf diese Frage schwierig?

Ja, das war ein Problem, das ich erst theologisch lösen musste. Die Mehrheit von Suiziden ist ein Akt der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. War der Tod von Jan ein Selbstmord oder ein Opfer? Ich sagte mir: Das war keine Verzweiflungstat. Er wollte mit seiner Tat die ganze Gesellschaft aufrütteln. Er wollte Menschen mobilisieren, dass sie darüber nachdenken, wie sie mit der aktuellen Besatzungssituation umgehen. Er dachte nicht an sich, sondern an den Nächsten. Und er wählte ein Mittel, das unvorstellbar wirkungsvoll ist. 

Sie sagen „wirkungsvoll“. Wie haben die Menschen denn auf den Tod von Jan Palach reagiert? 

Es war unglaublich, was für eine Welle sein Tod nicht nur in Prag, sondern im ganzen Land ausgelöst hat. Sogar die Köpfe des Regimes waren aus der Bahn geworfen, das Regime war einige Wochen wie betäubt. Es war auch deswegen ein Schock, weil es kein feindlicher Akt war. Es war eine Selbstvernichtung, die eine Botschaft hatte. Palach hat sich, glaube ich, vorgestellt, dass sich die Leute sagen: „Wenn so ein junger Mensch so weit geht, sein Leben zu opfern, was muss dann ich erst machen?“ Nicht das nachzuahmen, aber kleinere Opfer zu bringen. Die Situation, in der die Gesellschaft steckte, zu ändern, in kleinen Dosen. Bei seiner Bestattung zog eine unglaublich große Menge Menschen durch die Prager Straßen. Es war still, die Menschen weinten. Sie waren betroffen, und zugleich war es eine würdevolle Stimmung. 

Wie ging es dann weiter, wenn Sie sagen, das Regime war „aus der Bahn geworfen“? 

Einige Tage waren sie vollkommen ratlos. Die „Normalisierung“ hatte begonnen, viele Politiker waren unsicher. Die würdevolle Bestattung mit dem Beerdigungszug durch Prag haben sie noch erlaubt. Als sich die Regierung wieder gefasst hatte und die gesamte Begebenheit etwas verhallt war, versuchte die Regierung eine neue Deutung für die Tat zu finden. Sie begannen zu sagen, dass Palachs Tod ein tragischer Unfall war. 

Vilem Novy, kam damals mit der Erklärung, dass der Tod von Jan Palach ein Unfall bei dem Versuch mit der sogenannten „kalten Flamme“, mit der auch Feuerschlucker ihre Tricks machen, war. Dass er sich gar nicht verbrennen wollte, es ihm aber nicht gelungen war, die richtige Mischung der „kalten Flamme“ zu mischen. Glaubte das damals jemand? 

Niemand. 

Welche Reaktion rief Palachs Tod in der Kirche hervor? 

In der Kirche begann eine Diskussion darüber, ob es ein Opfer war. Auch die Katholiken stimmten mit dieser Sichtweise überein. Der katholische Bischof bot der Familie sogar an, dass er die Bestattung machen würde. Aber die Palachs waren evangelisch. 

Sehen Sie eine Gemeinsamkeit zwischen Palachs Selbstverbrennung und Jan Hus Tod 1415? 

Palach liebte die tschechische Geschichte. Der Unterschied liegt aber darin, dass Hus verbrannt wurde, es handelte sich bei Jan Hus um eine Strafe. Während Palach sich eine Frage stellen musste – bzw. ich hoffe, dass er sie sich gestellt hat - ob diese Selbstzerstörung einen Sinn hat. 

Jan Hus musste nicht sterben, es war sein Opfer für Gottes Wahrheit. Bei Palach scheint es, als ob Gott in Palachs Sterben keine Rolle spielt. Dass es ein Opfer für die Gesellschaft war. Was denken Sie, wie Gott auf Palachs Tat blickt? 

Palachs Motive haben wir schon oben besprochen, aber niemand weiß es mit Sicherheit. Ich möchte keine definitive Antwort geben. Es gehört zum Glauben, dass er nicht den Anspruch hat, definitive Antworten zu geben. Und Palach hat das Ganze bis zu dem Punkt verschoben, wo wir mit unseren theologischen und biblischen Antworten an unsere Grenzen kommen. Aber das ist gut. Denn unser ganzes Sein stellt uns immer wieder von Neuem vor Fragen, auf die wir keine Antwort haben. Wir sind dazu berufen, dass wir die Fragen stellen, damit wir uns im Angesicht der Probleme vorwärts bewegen. 

Das führt uns zurück zu Palachs Mutter. Sie musste damit zurechtkommen, dass sie nicht nur ihren Sohn verloren hatte, sondern dass auch weitere Mütter ihre Kinder verloren. Palachs Tod zog eine Welle von Selbstverbrennungen nach sich. Von Januar bis April 1969 haben sich sieben weitere Menschen selbst verbrannt und 19 zogen sich schwere Brandverletzungen zu. Wie hat sie das ertragen? 

Über die weiteren Verbrennungsopfer berichtete die Presse schon gar nicht mehr und viele Menschen wusste davon gar nichts. Nur Jan Zajic ist noch bekannt. Der Tod von ihrem Sohn hat Frau Palach in eine tiefe Krise gestürzt. Aber jeden Tag hat sie viele Briefe bekommen, in denen Menschen ihre Solidarität und ihren Dank aussprachen. Sie begann zu begreifen, dass die Familie den Tod von Jan überstehen wird. Es war für sie wie eine Erscheinung – dass die gesamte Gesellschaft zu so einer Anteilnahme erwachte. Sie erhielt auch von der jungen Frau Unterstützung, die mit Jan zusammen war. 

Die geheime Staatspolizei setzte dann Frau Palach unter Druck. Hatten Sie ebenfalls nach der Bestattung Probleme dieser Art

Nicht sofort. Aber im September, neun Monate nach der Beerdigung kamen sie damit, dass Palach diese Tat nur durchführen hatte können, weil er von jemandem vorbereitet worden war. Und dass das der Pfarrer gewesen sein musste. Sie hätten Zeugen, die sagen, dass ich es gewesen sei. Sie wollten das deswegen so drehen, damit sie hätten sagen können: „Seht, die Kirche hat eine schlimme Wirkung auf unsere Jugend!“ Ich bat darum, dass sie mir die Zeugen vorführten. Aber sie meinten, das könnten sie nicht. Sie wollten meinen Kalender sehen, um zu sehen, ob es nicht Notizen zu einem Treffen mit Palach gäbe. Ich hatte keine, weil ich außer dem Gespräch im Anschluss an den Gottesdienst Palach nicht getroffen hatte. Dann wollten sie mein Tagebuch sehen, aber ich gab es ihnen nicht. Direkt im Anschluss bin ich zum Synodalrat gegangen und habe mein Tagebuch in meiner Aktentasche fest unter meinen Arm geklemmt. Ich hatte Angst, dass jemand sie mir wegnahm. Drei Jahre später bekam ich dann die staatliche Erlaubnis entzogen, als Pfarrer zu arbeiten. 

Jan Palach wurde, nachdem Sie ihn auf dem Olšany Friedhof in Prag bestattet haben, kurze Zeit später nochmal umgelegt, auf den Heimatfriedhof in Všetaty. 

Ja, die Familie kam zu mir und fragte, was sie machen sollten. Man hatten ihnen gesagt, dass sie ihn entweder auf dem Friedhof in Všetaty begraben werden oder dass sie ihn in einem Gemeinschaftsgrab verscharren ohne Angabe des Ortes. Also lag er dann bis 1989 in Všetaty. 

Damit hatten die Kommunisten nicht viel gewonnen, die Menschen pilgerten jetzt zu zwei Gräbern... 

Auf dem Prager Olšany- Friedhof haben sie das Grab von Palach umbenannt, der Name einer fremden Frau stand dort. Aber die Leute stellten trotzdem dort Kerzen ab. In seinem Heimatort Všetaty hatte es die geheime Staatssicherheit einfacher. Dort fingen sie die Menge an jungen Leuten, die am Jahrestag zum Grab wollten, schon am Bahnhof ab. 

Auch wenn das Opfer Jan Palachs die Nation erschütterte, das System änderte es nicht. Das, was Palach bezwecken wollte, geschah erst 20 Jahre später – 1989. Die Samtene Revolution begann im Januar mit der Palach-Woche. Haben Sie sich dabei an Jan erinnert? Was dachten Sie? 

Ich dachte, er ist tot und er spricht doch noch immer zu uns. Das ist wie in der Bibel. Die Bindung zu seiner Tat war unverkennbar. In den Menschen war sie geblieben, die Menschen hatten sie die ganze Zeit in ihren Herzen getragen. Für mich ergab sich daraus, dass wir unser Leben jeden Tag verantwortungsvoll führen sollen. Und so wächst der Mensch. Es kultiviert ihn, es macht ihn einfühlungsvoll in die Probleme anderer in der Gesellschaft. Verantwortung ist für mich der Eckstein des Glaubens. Im Wort „Verantwortung“ kann man das Wort „Beantwortung“ hören – Antwort auf das, was uns in diesem Spruch überliefert ist: „Du sollst so handeln.“. So spricht uns Gott an, durch seinen heiligen Geist. 

Kann man in der Bibel ähnliche Opfer finden, wie das von Palach? 

Als ich die Beerdigungspredigt für Jan Palach vorbereitet habe, habe ich so ein Opfer bei Samson gefunden. Es war auch kein Suizid – er gab sich hin, damit seine Brüder leben könnten. Suizid ist ein Akt aus Hoffnungslosigkeit, Palach hatte aber Hoffnung, dass Menschen seiner Tat eine Bedeutung zumessen. Jan Palach habe ich nicht als jemand verstanden, der sein Leben zerstört, sondern der ein Zeuge ist. 

Das Interview wurde aus der Zeitschrift „Brana 1/19“ übernommen, die von der EKBB herausgegeben wird. Redaktionell gekürzt