Samstag, 12. Januar 2019

Ist Estland wirklich eines der atheistischten Länder Europas?

Matthias Burghardt (Tallinn)
"Estland gilt als eines der atheistischsten Länder in Europa - gemeinsam mit Tschechien und Ostdeutschland. Aber stimmt das...?" fragt Pfarrer Matthias Burghardt nachdenklich. 13% der Bevölkerung gehören zu lutherischen Kirche, 14% zur orthodoxen Kirche. Burghardt ist Pfarrer einer deutschsprachigen und einer estnischen Gemeinde seiner Kirche. 

Er nimmt dann Bezug auf die spannende Kirchengeschichte der Estnischen Evangelischen-Lutherische Kirche (EELK). 1524 kam schon die Reformation ins Land und breitete sich schnell aus. Mit dem christlichen Glauben hatte man bisher immer eine Geschichte der gewaltsamen Missionierung verbunden. Die Reformation wurde als Befreiung erlebt. In der schwedischen Zeit blühte die Kirche zur Volkskirche auf. Dann unter dem russischen Einfluss erhielten die Deutschbalten Rechte, die es ihnen erlaubten, die Esten selbst zu Untertanen zu degradieren - auch in Kirchenfragen. Unter dem Einfluss Zinzensdorfs setzte sich schließlich eine pietistische Bewegung in der Kirche durch. Es entstanden Bethäuser, die die Frömmigkeit der Menschen in Estland prägte. Und vor allen Dingen förderte Zinzendorf die estnische Schriftsprache. Es entwickelte sich aus dieser pietistischen Tradition heraus eine sog. estnische Bauernaristokratie, eine Sänger- und Emanzipationsbewegung. 

Bis heute spielen die Sängerfeste mit bis zu 30.000 Chorsänger*innen eine große Rolle in der estnischen Tradition. "Und gerade hier spürt man auch eine tiefe religiöse Prägung - auch wenn bei weitem nur eine Minderheit zur Kirche gehört. Früher waren das die Kirchenchorfeste," sagt Pfarrer Burghardt. "Auch wenn diese Bewegungen mit der Kirche nichts mehr zu tun haben, so haben sie in der Kirche ihre tiefen Wurzeln."

Zur Kirche werden ca. 160.000 getauften Lutheranern gezählt - wobei davon nur 29.000 Gemeindeglieder sind. Die EELK ist aufgeteilt in 12 Propsteien, 166 Gemeinden mit 43 Pfarrerinnen und 169 Pfarrern in Estland sowie in fünf Propsteien und 32 Gemeinden im Auslandsbistum (seit 2010). 

Der erste estnische Bischof wurde gewählt mit der Gründung der Estnischen Lutherische Kirche nach dem 1. Weltkrieg. Dann aber begann eine weitere schwierige Phase: der Weg eines unabhängigen Staates und einer Kirche mit damals 85% Kirchenzugehörigkeit endete abrupt mit dem Hitler-Stalin-Pakt. Es kam zu Flucht, Deportation, Vertreibung - und großem Leid.

"Die aktuellen Fragen drehen sich auch nach der Neugründung Estlands und dem Zerfall der Sowjetunion darum, wie die Kirche nach der Zeit der sowjetischen Unterdrückung aus einer Nischensituation herauskommt im Sinne von: bei uns sind die „wahren Christen“ und Bewahrer der reinen Lehre zu finden und die anderen gehören zu feindlichen Welt. Das ist eine große Versuchung in Osteuropa!" sagt Burkhardt. "Die Sowjets haben die Kirche in die Nische gedrängt. Wollen wir da bleiben oder uns der Welt zuwenden, wie es der Ruf des Evangeliums ist, das uns befreien will von allen ideologischen Abhängigkeiten - auch den eigenen!"

Mit Sanftmut dem Hass begegnen! - Steven Fuite (Belgien)

Steven Fuite (Belgien)
"Die Welt verhärtet sich! Das spüren wir auf verschiedenen Ebenen bis dahin, dass mit Fake-News Politik gemacht wird und Menschen polarisiert. Als Kirche  leben wir mit unserem HERRN der Kirche. Er ist der HERR der Sanftmütigkeit. Als Kirche, die ihm folgt sind wir Kirche seines Wortes. Wir haben den Auftrag mit sanftmütigen Worten Hass in der Welt einzuhegen. Da sind wir in Europa als Kirchen insgesamt gefordert!" das sagt Kirchenpräsident Steven Fuite aus der Vereinigten Protestantischen Kirche Belgiens (VPKB) auf der Tagung der norddeutschen GAW-Hauptgruppen im ostfriesischen Aurich. "Wir sind als VPKB eine offene Kirche mit einem progressiven Blick auf die Welt. Es gibt in Belgien keine andere Kirche, die ähnlich offen und vielfältig ist. In allen ethischen Fragestellungen wie z.B. Homosexualität, Abtreibungsfragen und Sterbebegleitung wird das deutlich. Damit haben wir ein Angebot für die Gesellschaft. Wer sehr konservative Antworten sucht, der hat in Belgien eine große Auswahl an Kirchen. Eine Alternative zu uns gibt es im kirchlichen Kontext nicht. Das macht uns manchmal in Belgien einsam. Aber so verstehen wir unseren Auftrag aus der reformatorischen Tradition: die von Gott angebotene Vielfalt zu umarmen und willkommen zu heißen! Das ist ein Ausdruck der Offenheit unserer Kirche in der Gesellschaft."

Belgien ist zu 75 % katholisch. Religiöse Minderheiten sind 8 % Muslime, 3 % Evangelische und Protestanten (das ist die VPKB mit 1%), Orthodoxe und Juden. 59 % der Bevölkerung sind niederländische Flamen, 40 % französischsprachige Wallonen und 1 % Deutsche.

Ca. 75.000 Gemeindeglieder in 110 Gemeinden hat die VPKB. Davon gibt es 70 wallonische, 35 flämische, drei deutsch- und zwei englischsprachige Gemeinden mit 85 Pfarrerinnen/Pfarrern. Dazu kommen einige Spezialpfarrämter. Die Kirche hat eine 180-jährige Tradition.

Steven Fuite ergänzt dann: "Unsere Kirche selbst wächst nicht. Das bedrückt oft die Gemeinden und Pfarrer*innen, weil sie Dinge aufgeben müssen. Da stellt sich für uns als Kirchenleitung die Frage, wie wir ermutigen können, frei zu werden von Lasten - innerlich und äußerlich. Manche Verantwortliche fragen sich bei uns: Was machen wir falsch, wenn das Evangelium doch so schön ist? Machen wir zu wenig? - Der HERR aber verlangt nicht von uns, dass wir immer mehr machen. Wir müssen uns fragen, was wir verändern müssen, wenn es nicht mehr so wie früher geht. Das Reich Gottes liegt nämlich vor uns und nicht hinter uns! Es geht darum, hinter die selbst errichteten Mauern zu schauen, nach neuen Perspektiven, Chancen und Herausforderungen zu suchen und im Vertrauen auf Gott ein neues Abenteuer als Kirche zu wagen!"

Und er schließt damit, dass die Kirche eine Kirche in unserer Zeit sein will, um darin dem Evangelium Raum zu geben.

Donnerstag, 10. Januar 2019

Eine Mail aus Bogotá in Kolumbien von Lizbeth

Lizbeth Chaparro
"Ich melde mich mal wieder nach einiger Zeit bei Euch im GAW, um mich noch einmal ganz herzlich für eure Unterstützung für mein Stipendium in den Jahren 2012-2013 zu bedanken.

In den letzten beiden Jahren habe nach einer weiteren Pädagogikausbildung in einem Programm mitgearbeitet, das Bildung für alle sich auf die Fahnen geschrieben hat.Ich habe in einem Armenviertel in Bogotá gearbeitet. Dort habe ich 18 Gruppen begleitet mit insgesamt fast 643 Schülern. Mein Fach war Ethik.

In dieser Zeit begleitete ich auch die Kirche von Vida Nueva beim Aufbau einer Jugendarbeit. In letzter Zeit besuchte ich öfter die deutschsprachige Gemeinde San Mateo Kirche, wo Pastorin Christhild Grafe arbeitet. Gemeinsam wollen wir Taizéandachten in der Gemeinde vorbereiten und im Gemeindeleben installieren. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ich in Zukunft in der Konfirmandenarbeit mitmache. Auch besteht die Möglichkeit, dass ich in Zukunft Predigtvertretungen in der Gemeinde übernehme, wenn die Pfarrerin nicht da ist. Dafür hoffe ich, dass die Gemeinde mir bei der Verbesserung der Sprachkenntnisse hilft.

Ich bin sicher, dass ein großer Teil dessen, was ich bisher erreicht habe und machen konnte, Ergebnis dessen ist, was ich in Deutschland erlebt und gelernt habe. Ich denke an Euch und bete für euch. Bitte tut das auch für mich!" 

Lizbeth Chaparro (GAW-Stipendiatin 2012/13)


Freitag, 4. Januar 2019

Gelungene Sanierung des Kirchendaches in Dumbrăveni / Rumänien


"Wir danken dem GAW herzlich für die Unterstützung bei der Sanierung des Kirchturmes unserer evangelischen Kirche in Elisabethstadt! Dank dieser Hilfe konnten wir unsere Kirche instandsetzen!" schreibt Pfrarrer Ulf Ziegler. Im Projektkatalog 2016 wurde die Sanierung, die 22.400 Euro kostet mit 6.600 Euro durch das GAW unterstützt.

Die Stadt Dumbrăveni (deutsch: Elisabethstadt) liegt in Siebenbürgen am Fluss Târnava Mare (deutsch: Großer Kokel). Die evangelische Gemeinde zählt nur wenig über 70 Mitglieder, gehört jedoch zu den aktivsten des Kirchenbezirks. Neben den Gottesdiensten an jeden zweiten Sonntag gibt es verschiedene andere traditionelle Veranstaltungen wie der Nikolausgottesdienst oder das Adventskranzbinden der Jugend. „Die Gemeinde ist flexibel und wegen Konzerten oder Buchpräsentationen gern zu Nachbarn unterwegs“, beschreibt Pfarrer Ulf Ziegler das evangelische Leben in Dumbrăveni. „Fast jedes Jahr gibt es eine Konfirmandengruppe. Die Kinder aus dem Religionsunterricht haben zu Weihnachten zusammen mit der Kantorin ein Musical aufgeführt und sind damit am Heiligabend auch im kirchlichen Altenheim aufgetreten.“ Das alte Pfarrhaus konnte die Gemeinde zu 60 % vermieten. Mit den Einnahmen können verschiedene kleine Arbeiten verrichtet werden. 

Die heutige evangelische Kirche, eine Saalkirche mit Glockenturm, entstand 1771 als armenisch-katholische Privatkapelle. Die evangelische Kirchengemeinde erwarb sie 1925 und baute sie um. Das Dach der Kirche war stark beschädigt. Im Chorbereich fehlten die gesamten Firstziegel. Der einströmende Regen hatte den Dachstuhl und die Elektrik der Kirche beschädigt. Weitere Schäden waren durch Nässe in den Kirchenmauern und im Fußboden entstanden. Die Sanierung des Kirchendaches war für alle anderen Arbeiten unumgänglich. 

Wir danken allen Spendern!!!





Dienstag, 1. Januar 2019

Neun Brasilianer erneut im GAW zu Gast

Mit dem neuen IFPLA-Jahrgang vor der
Leipziger Universitätskirche St. Pauli
Erneut sind neun brasilianische Lehramtskandidaten aus dem Institut IFPLA (Instituto de Formação de Professores de Língua Alemã) zu Gast in der GAW-Zentrale in Leipzig. IFPLA bildet Deutschlehrer für Brasilien aus und ist eng mit der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB) verbunden. 

Die IECLB ist Trägerin mehrerer Schulen (ca. 55), an denen Deutsch unterrichtet wird. Das GAW unterstützt auf Bitten der IECLB nun schon zum 25. Mal ein Lern-, Kultur- und Austauschprogramm. 

Mit Unterstützung des GAW können die Lehramtskandidaten zwei Wochen lang am InterDaf e.V. am Herder-Institut der Universität Leipzig an ihren Sprachkenntnissen feilen und erhalten zudem Unterricht in Landeskunde und deutscher Kultur. 

Das Institut IFPLA ist in der Stadt Ivotí (Rio Frande do Sul) ansässig. Viele Absolventen des IFPLA arbeiten heute an kirchlichen Schulen, weil diese aus historischen Gründen Deutschunterricht anbieten. 

Auch auf dem Neujahrsempfang des GAW am 8. Januar 2019 wird der IFPLA-Kurs erneut wieder dabei sein.