Donnerstag, 25. April 2019

Der Glaube beansprucht keine definitiven Antworten. Interview mit Jakub S. Trojan - EKBB

Jakub Trojan
Jakub Trojan ist Theologe, Pfarrer der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) und ehemaliger Dekan der Theologischen Fakultät. Am 25. Januar 1969 bestattete er Jan Palach, den Studenten der Karlsuniversität, der sich selbst angezündet hatte, aus Protest gegen die Gleichgültigkeit, die die tschechische Gesellschaft nach der Okkupation der sowjetischen Armee im August 1969 gefangen hielt. Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Um an Jan Palach zu erinnern, führte  die Kirchenzeitung der EKBB ein Interview mit Trojan.  Hier ein Auszug aus dem interessanten Interview: 

In der Zeit des Prager Frühlings waren Sie Pfarrer der EKBB und in diesem Amt haben Sie im Januar 1969 Jan Palach bestattet. Er gehörte zu Ihrem Gemeindegebiet. Kannten Sie ihn persönlich? 

Ich kannte ihn kaum. Als ich in Libiš (30 km nördlichen von Prag) Pfarrer wurde, studierte er bereits in Prag. Seine Mutter wohnte in Všetaty, einem Ort der zur Gemeinde Libiš gehörte. Sie kam häufig mit dem Zug in unsere Gottesdienste. Aber am Sonntag vor seiner Tat kam auch Jan in den Gottesdienst. Ich fand ihn interessant, er hatte ein konzentriertes Gesicht und einen herrlichen Blick. Nach dem Gottesdienst unterhielten wir uns. Man merkte, dass er ein geistreicher Mensch war.

Worüber sprachen sie denn? 

Es störte ihn, dass sich die Menschen anpassen und resignieren. Er war der Meinung, dass es nötig ist, sie aufzurütteln. Er wäre glücklich, wenn sich die Kirche mehr am Kampf mitten im Besatzungssystem beteiligen würde. Es schien ihm, dass die Kirche nicht darauf reagierte, wie die Menschen sich anpassten und die Hoffnung auf Wandel zum Besseren verlören. Ich gab ihm da Recht. 

Ließ sich da etwas machen – aus Ihrer Situation eines seelsorglichen Predigers, der selbst mit dem System seine Schwierigkeiten hatte? 

Die Kommunisten hatten die Meinung, dass die Kirche und die Religion nicht mehr lange überleben würden und aussterben. Sie lehnten es ab, dass die Kirche auf die Geschehen in der Gesellschaft reagierte. Ich war damit nicht einverstanden. Ich war überzeugt, dass das Evangelium eine Botschaft ist, die nicht nur das Individuum und seine Lebensrichtung betrifft, sondern die ganze Gesellschaft. Im Hinblick auf Jan Palach: Er beging seine Tat kurz nach unserem Gespräch, für eine tieferes Gespräch war keine Zeit. Ich habe ihn nicht mehr getroffen. 

Im Jahr 1977 waren Sie unter den Ersten, die die Charta 77 unterschrieben. Hatte das etwas mit dem Tod von Jan Palach zu tun? 

Ja, unter anderem. Aber ich habe mehrere solcher Texte unterschrieben, wenn mir der Inhalt entsprechend anregend erschien. Es gab etwa zehn solcher Veröffentlichungen. Niemand ahnte, dass das Papier Charta 77 solch eine Wirkung haben sollte. 

Jan Palach
Die Mutter von Palach kam nach seinem Tod zu Ihnen, damit Sie ihren Sohn bestatten. Haben Sie erwartet, dass sie Sie bittet? 

Nachdem Jan Palach sich durch die Selbstverbrennung das Leben genommen hatte, sprach ich lange mit Palachs Mutter. Direkt nach Palachs Tod habe ich nicht gewusst, dass es sich um ein Mitglied aus meiner Gemeinde handelt. In der Zeitung schrieben sie nur J.P. Ich wusste nicht, dass das Kürzel für Jan Palach stand. Wir haben es erst durch unsere Tochter erfahren, die mit Jans Cousin zur Schule ging. Das hat uns alle erschüttert. Aber da wusste ich noch nicht, dass ich ihn bestatten würde. 

In der kirchlichen Agende zur Bestattung unterscheidet man zwischen einem selbstherbeigeführten und einem natürlichen Tod. Die Frage, ob der Tod Palachs ein Suizid war, mussten Sie sich vor seiner Bestattung stellen. War die Antwort auf diese Frage schwierig?

Ja, das war ein Problem, das ich erst theologisch lösen musste. Die Mehrheit von Suiziden ist ein Akt der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. War der Tod von Jan ein Selbstmord oder ein Opfer? Ich sagte mir: Das war keine Verzweiflungstat. Er wollte mit seiner Tat die ganze Gesellschaft aufrütteln. Er wollte Menschen mobilisieren, dass sie darüber nachdenken, wie sie mit der aktuellen Besatzungssituation umgehen. Er dachte nicht an sich, sondern an den Nächsten. Und er wählte ein Mittel, das unvorstellbar wirkungsvoll ist. 

Sie sagen „wirkungsvoll“. Wie haben die Menschen denn auf den Tod von Jan Palach reagiert? 

Es war unglaublich, was für eine Welle sein Tod nicht nur in Prag, sondern im ganzen Land ausgelöst hat. Sogar die Köpfe des Regimes waren aus der Bahn geworfen, das Regime war einige Wochen wie betäubt. Es war auch deswegen ein Schock, weil es kein feindlicher Akt war. Es war eine Selbstvernichtung, die eine Botschaft hatte. Palach hat sich, glaube ich, vorgestellt, dass sich die Leute sagen: „Wenn so ein junger Mensch so weit geht, sein Leben zu opfern, was muss dann ich erst machen?“ Nicht das nachzuahmen, aber kleinere Opfer zu bringen. Die Situation, in der die Gesellschaft steckte, zu ändern, in kleinen Dosen. Bei seiner Bestattung zog eine unglaublich große Menge Menschen durch die Prager Straßen. Es war still, die Menschen weinten. Sie waren betroffen, und zugleich war es eine würdevolle Stimmung. 

Wie ging es dann weiter, wenn Sie sagen, das Regime war „aus der Bahn geworfen“? 

Einige Tage waren sie vollkommen ratlos. Die „Normalisierung“ hatte begonnen, viele Politiker waren unsicher. Die würdevolle Bestattung mit dem Beerdigungszug durch Prag haben sie noch erlaubt. Als sich die Regierung wieder gefasst hatte und die gesamte Begebenheit etwas verhallt war, versuchte die Regierung eine neue Deutung für die Tat zu finden. Sie begannen zu sagen, dass Palachs Tod ein tragischer Unfall war. 

Vilem Novy, kam damals mit der Erklärung, dass der Tod von Jan Palach ein Unfall bei dem Versuch mit der sogenannten „kalten Flamme“, mit der auch Feuerschlucker ihre Tricks machen, war. Dass er sich gar nicht verbrennen wollte, es ihm aber nicht gelungen war, die richtige Mischung der „kalten Flamme“ zu mischen. Glaubte das damals jemand? 

Niemand. 

Welche Reaktion rief Palachs Tod in der Kirche hervor? 

In der Kirche begann eine Diskussion darüber, ob es ein Opfer war. Auch die Katholiken stimmten mit dieser Sichtweise überein. Der katholische Bischof bot der Familie sogar an, dass er die Bestattung machen würde. Aber die Palachs waren evangelisch. 

Sehen Sie eine Gemeinsamkeit zwischen Palachs Selbstverbrennung und Jan Hus Tod 1415? 

Palach liebte die tschechische Geschichte. Der Unterschied liegt aber darin, dass Hus verbrannt wurde, es handelte sich bei Jan Hus um eine Strafe. Während Palach sich eine Frage stellen musste – bzw. ich hoffe, dass er sie sich gestellt hat - ob diese Selbstzerstörung einen Sinn hat. 

Jan Hus musste nicht sterben, es war sein Opfer für Gottes Wahrheit. Bei Palach scheint es, als ob Gott in Palachs Sterben keine Rolle spielt. Dass es ein Opfer für die Gesellschaft war. Was denken Sie, wie Gott auf Palachs Tat blickt? 

Palachs Motive haben wir schon oben besprochen, aber niemand weiß es mit Sicherheit. Ich möchte keine definitive Antwort geben. Es gehört zum Glauben, dass er nicht den Anspruch hat, definitive Antworten zu geben. Und Palach hat das Ganze bis zu dem Punkt verschoben, wo wir mit unseren theologischen und biblischen Antworten an unsere Grenzen kommen. Aber das ist gut. Denn unser ganzes Sein stellt uns immer wieder von Neuem vor Fragen, auf die wir keine Antwort haben. Wir sind dazu berufen, dass wir die Fragen stellen, damit wir uns im Angesicht der Probleme vorwärts bewegen. 

Das führt uns zurück zu Palachs Mutter. Sie musste damit zurechtkommen, dass sie nicht nur ihren Sohn verloren hatte, sondern dass auch weitere Mütter ihre Kinder verloren. Palachs Tod zog eine Welle von Selbstverbrennungen nach sich. Von Januar bis April 1969 haben sich sieben weitere Menschen selbst verbrannt und 19 zogen sich schwere Brandverletzungen zu. Wie hat sie das ertragen? 

Über die weiteren Verbrennungsopfer berichtete die Presse schon gar nicht mehr und viele Menschen wusste davon gar nichts. Nur Jan Zajic ist noch bekannt. Der Tod von ihrem Sohn hat Frau Palach in eine tiefe Krise gestürzt. Aber jeden Tag hat sie viele Briefe bekommen, in denen Menschen ihre Solidarität und ihren Dank aussprachen. Sie begann zu begreifen, dass die Familie den Tod von Jan überstehen wird. Es war für sie wie eine Erscheinung – dass die gesamte Gesellschaft zu so einer Anteilnahme erwachte. Sie erhielt auch von der jungen Frau Unterstützung, die mit Jan zusammen war. 

Die geheime Staatspolizei setzte dann Frau Palach unter Druck. Hatten Sie ebenfalls nach der Bestattung Probleme dieser Art

Nicht sofort. Aber im September, neun Monate nach der Beerdigung kamen sie damit, dass Palach diese Tat nur durchführen hatte können, weil er von jemandem vorbereitet worden war. Und dass das der Pfarrer gewesen sein musste. Sie hätten Zeugen, die sagen, dass ich es gewesen sei. Sie wollten das deswegen so drehen, damit sie hätten sagen können: „Seht, die Kirche hat eine schlimme Wirkung auf unsere Jugend!“ Ich bat darum, dass sie mir die Zeugen vorführten. Aber sie meinten, das könnten sie nicht. Sie wollten meinen Kalender sehen, um zu sehen, ob es nicht Notizen zu einem Treffen mit Palach gäbe. Ich hatte keine, weil ich außer dem Gespräch im Anschluss an den Gottesdienst Palach nicht getroffen hatte. Dann wollten sie mein Tagebuch sehen, aber ich gab es ihnen nicht. Direkt im Anschluss bin ich zum Synodalrat gegangen und habe mein Tagebuch in meiner Aktentasche fest unter meinen Arm geklemmt. Ich hatte Angst, dass jemand sie mir wegnahm. Drei Jahre später bekam ich dann die staatliche Erlaubnis entzogen, als Pfarrer zu arbeiten. 

Jan Palach wurde, nachdem Sie ihn auf dem Olšany Friedhof in Prag bestattet haben, kurze Zeit später nochmal umgelegt, auf den Heimatfriedhof in Všetaty. 

Ja, die Familie kam zu mir und fragte, was sie machen sollten. Man hatten ihnen gesagt, dass sie ihn entweder auf dem Friedhof in Všetaty begraben werden oder dass sie ihn in einem Gemeinschaftsgrab verscharren ohne Angabe des Ortes. Also lag er dann bis 1989 in Všetaty. 

Damit hatten die Kommunisten nicht viel gewonnen, die Menschen pilgerten jetzt zu zwei Gräbern... 

Auf dem Prager Olšany- Friedhof haben sie das Grab von Palach umbenannt, der Name einer fremden Frau stand dort. Aber die Leute stellten trotzdem dort Kerzen ab. In seinem Heimatort Všetaty hatte es die geheime Staatssicherheit einfacher. Dort fingen sie die Menge an jungen Leuten, die am Jahrestag zum Grab wollten, schon am Bahnhof ab. 

Auch wenn das Opfer Jan Palachs die Nation erschütterte, das System änderte es nicht. Das, was Palach bezwecken wollte, geschah erst 20 Jahre später – 1989. Die Samtene Revolution begann im Januar mit der Palach-Woche. Haben Sie sich dabei an Jan erinnert? Was dachten Sie? 

Ich dachte, er ist tot und er spricht doch noch immer zu uns. Das ist wie in der Bibel. Die Bindung zu seiner Tat war unverkennbar. In den Menschen war sie geblieben, die Menschen hatten sie die ganze Zeit in ihren Herzen getragen. Für mich ergab sich daraus, dass wir unser Leben jeden Tag verantwortungsvoll führen sollen. Und so wächst der Mensch. Es kultiviert ihn, es macht ihn einfühlungsvoll in die Probleme anderer in der Gesellschaft. Verantwortung ist für mich der Eckstein des Glaubens. Im Wort „Verantwortung“ kann man das Wort „Beantwortung“ hören – Antwort auf das, was uns in diesem Spruch überliefert ist: „Du sollst so handeln.“. So spricht uns Gott an, durch seinen heiligen Geist. 

Kann man in der Bibel ähnliche Opfer finden, wie das von Palach? 

Als ich die Beerdigungspredigt für Jan Palach vorbereitet habe, habe ich so ein Opfer bei Samson gefunden. Es war auch kein Suizid – er gab sich hin, damit seine Brüder leben könnten. Suizid ist ein Akt aus Hoffnungslosigkeit, Palach hatte aber Hoffnung, dass Menschen seiner Tat eine Bedeutung zumessen. Jan Palach habe ich nicht als jemand verstanden, der sein Leben zerstört, sondern der ein Zeuge ist. 

Das Interview wurde aus der Zeitschrift „Brana 1/19“ übernommen, die von der EKBB herausgegeben wird. Redaktionell gekürzt

Donnerstag, 18. April 2019

Ein besonderer Karfreitag 2019 - in Frankreich, Syrien und Österreich

Diese im Syrienkrieg zerstörte ev. Kirche konnte
mit Hilfe des GAW wieder aufgebaut werden
In vielen Kirchen in Deutschland und Europa wird am Karfreitag zur Solidarität mit der Kathedrale Notre Dame in Paris aufgerufen. Es wird zahlreiche Kollekten geben als Zeichen der Solidarität und der europäischen Verbundenheit über Konfessions- und Glaubensgrenzen hinweg. Die brennende Kathedrale im Herzen der französischen Metropole hat geschmerzt. Die Bilder und die Vorstellung, dass die Kathedrale nicht mehr das Herz von Paris sein könnte, dass man hier keine Kerzen zum stillen Gebet aufstellen kann berührt emotional. 

Inzwischen gab es eine große Spendenwelle für die Kathedrale. 1 Milliarde Euro wurden schon gesammelt - insbesondere von schwerreichen Franzosen, die hoffentlich die damit verbundenen großzügigen Steuervorteile nicht für sich in Anspruch nehmen werden. Denn das würde allein jetzt schon 450.000.000 Euro aus dem Staatshaushalt herausziehen - wie spiegel-online berichtete - und wahrscheinlich würde es Sozialausgaben mit beeinträchtigen.

Der katholische Erzbischof Schick besuchte gerade Syrien. Er zeigte sich bewegt von dem was er dort erlebte und von den Leidensgeschichten der Menschen. Ebenso berührt ihn, was mit Notre Dame geschieht. Wie wäre es, wenn man beides nicht gegeneinander ausspielt? Wie wäre es, wenn in diesem Zusammenhang eben auch auf die Not der vielen Marginalisierten und Vergessenen hingewiesen wird. Der Generalsekretär der "National Evangelical Synod of Syria and Lebanon" Joseph Kassab wies ebenso darauf hin, dass die Not der Menschen in Syrien langsam in Vergessenheit gerät. "Die Menschen leiden. Das Syrien, wie es vor dem Krieg bestand gibt es nicht mehr und wird es wohl nie wieder geben. es ist fragmentiert. Und in den Gebieten, wo die evangelischen Gemeinden sich befinden, ist die Not am Größten, denn hier herrscht die syrische Regierung, die massiv unter Druck gerät durch Sanktionen, Embargos. Und letztlich leiden die Menschen vor Ort am meisten!"

Wenn für jeden Euro für Notre Dame ein weiterer Euro für notleidende Menschen in Syrien am Karfreitag in der Kollekte gegeben wird... 

Ein weiteres Thema bewegt uns in diesem Jahr am Karfreitag: in Österreich ist der Karfreitag für evangelische Christen kein geschützter Feiertag mehr. Ein ganz normaler Arbeitstag, wenn nicht Urlaub genommen wird... 

"Der Karfreitag ist der Tag der Besinnung auf das Leiden in der Welt“ sagt Bischof Michael Bünker. Für Evangelische gilt er als zentraler Feiertag, „weil er den Blick schärfen kann für Menschen, die ohnmächtig sind, die unter Gewalt oder Krieg leiden.“ Der ganzen Gesellschaft würde ein solcher Tag gut tun. Für Christinnen und Christen sei der Blick auf den Karfreitag wichtig, „weil er den Weg Gottes bis ans Kreuz zeigt“ und ihn als einen ausweise, der sich mit den Leidenden identifiziere und solidarisiere. Der Abschaffung des Karfreitags als Feiertag für Evangelische und Altkatholiken kann der Bischof daher nicht zustimmen. Kritik äußert er insbesondere daran, dass Angehörige der betroffenen Kirchen nun einen Urlaubstag heranziehen müssten, um den Karfreitagsgottesdienst am Vormittag zu besuchen.

Spenden für Notleidende in Syrien: https://www.gustav-adolf-werk.de/spenden.html

Mittwoch, 17. April 2019

Den Armen Gerechtigkeit!


Schülerinnen einer luther. Schule in einem Armenviertel
in Santiago de CHILE
In dieser Karwoche erreichte mich ein Brief meiner Freundin Schwester Karoline Mayer aus Santiago de Chile, die seit Jahrzehnten in chilenischen Armenviertel arbeitet. Mit meiner lutherischen Versöhungsgemeinde war sie seit der Gründung nach dem Militärputsch im September 1973 eng verbunden. Insbesondere das Engagement für die Armen und Ausgegrenzten in der chilenischen Gesellschaft hat uns ökumenisch verbunden. Sie schreibt nun in ihrem Ostergruß:

"Mich persönlich beschäftigt seit Monaten das Thema „Aporophobie“ („aporoi“ im Griechischen „die Armen“): der Hass oder die Ablehnung des Armen. Eigentlich ist es ein Thema, das mich seit 50 Jahren beschäftigt und das in den meisten Kulturen, die ich kenne, gegenwärtig ist. Adela Cortina, eine bekannte spanische Rechtsprofessorin aus Valencia, hat diesen Begriff geprägt und verlangt, dass er in Spanien in den Diccionario der „Real Academia Española“ aufgenommen wird. Sie geht das Thema von vielen verschiedenen Ausgangspunkten an und will alle Länder und Gesellschaften zu einem würdigen Umgang einladen – auf Augenhöhe mit allen Armen unserer Welt und zur Zusammenarbeit bei der Überwindung der Aporophobie – letztlich zu einem guten Leben in Frieden aller Völker unserer Welt. Das ist für mich Mitarbeit am Reiche Gottes auf Erden zusammen mit allen Menschen guten Willens. Ich bin fasziniert von ihrem Aufruf, denn wir wollen ihn verwirklichen durch unseren Dienst an den Armen...
Dazu entspricht unser Einsatz der Einladung durch Jesus aus dem Herzen Gottes, den Armen die Frohe Botschaft verkünden, Kranke zu heilen, Unterdrückte zu befreien und das Gnadenjahr der Gerechtigkeit anzusagen."

Dem kann ich nur aus Herzen zustimmen, wenn mich heute sowohl aus Venezuela und aus Syrien Nachrichten erreichen über die Not und das Elend, unter dem, die Menschen leiden, weil Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit die Menschen gefangen halten und in Armut und Elend stoßen. Der Überwindung von Armut - sowohl geistig als auch leiblich - dient auch unsere Arbeit im GAW. 

Pfr. Enno Haaks, Generalsekretär des GAW

Dienstag, 16. April 2019

Eine neue Kirche in Rio Aparecida - auch dank des GAW!

Neue lutherische Kirche in Rio Aparecida 
Am 8. Mai 2018 konnte die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rio Aparecida (Brasilien) ihren Kirchenneubau beginnen. Am 15. April 2018 war die Grundsteinlegung. Schließlich konnte die Kirche im November 2018 unter großer Beteiligung eingeweiht werden. Um die Baukosten zu reduzieren haben die Gemeindemitglieder vieles in Eigenarbeit geleistet. In weniger als 10 Monaten konnte das Projekt vollendet werden.
Es ist die jüngste Gemeinde der Gesamtgemeinde in Rio Possmoser, die sich Ende November 2016 selbständig machen konnte. 15 Jahre zuvor war sie als Predigtort gegründet worden. Bislang traf  sich die Gemeinde in einer Garage zu ihren Gottesdiensten, Bibelstunden und Kinder- und Jugendgruppenstunden - ebenso der Posaunenchor.

Derzeit besteht die Gemeinde aus 45 Familien, d.h. dass ca. 200 Personen der Gemeinde angehören. Die Gemeindeglieder sind zumeist Kleinbauern pommerscher Herkunft. Sie leben weitgehend von der Landwirtschaft. Nach wie vor spielt dieser Dialekt im Gemeindeleben eine große Rolle und wirkt auch identitätsstiftend. Das religiöse Gemeindeleben spielt für die Gemeinschaft eine große Rolle. Die Teilnahme an Gottesdiensten und Gruppenangeboten ist sehr hoch. 

Dank der Spende zweier Gemeindemitglieder erhielt die Gemeinde ein Grundstück für den Kirchenbau.

In einfacher Bauweise wurde auf dem geschenkten Baugrund eine Kirche gebaut. Der Kirchraum ist so konzipiert, dass er auch für andere Gemeindeaktivitäten genutzt werden kann. "Wir wünschen, dass der Gottesdienstraum Menschen zueinander bringt, sie aufeinander weist - über das Kirchengemeindeleben hinaus!" schreibt der Vorsitzende der Gemeinde.

Die Gemeinde dankt insbesondere dem GAW für die erhaltene Spende von 13.000 Euro aus dem Projektkatalog 2018!

Freitag, 12. April 2019

Über die Not der evangelisch-presbyterianischen Kirche in Portugal

Frauengruppe in Palmela / Portugal
Kleine Diasporakirchen haben es schwer, sich in Erinnerung zu rufen und auf sich aufmerksam zu machen – gerade auch wenn sie aus verschiedenen Gründen unter Druck geraten. Ein Beispiel dazu ist die „Presbyterianische Kirche in Portugal“ (IEPP). Die Kirche beschreibt ihre derzeitige Situation: 

Die Presbyterianische Kirche in Portugal (IEPP) ist eine kleine Minderheitskirche mit 19 Kirchengemeinden, zwei diakonische Zentren. 8 Pastor*innen betreuen ca 2.000 Gemeindemitglieder. Sie ist bunt und vielfältig. Ökumenisch sehr engagiert und setzt sich für Menschen ein, die unter Ungerechtigkeit und Unterdrückung leiden. Sie will eine offene Kirche sein, die sich nicht abschottet. – So beschreibt sich die IEPP selbst. Gerade in den diakonischen Zentren bemüht sich die Kirche darum, das Leben von Menschen in sozialer Not zu verändern. 

Nur - die finanzielle Situation der Kirche ist schwach. Die Gehälter der Pastor*innen mussten erneut gekürzt werden. Sie bewegen sich am Niveau des Mindestlohnes im Land. Für einen jungen Menschen ist es sehr schwierig, sich für den Pfarrberuf zu entscheiden. Eine Familie ist davon nicht zu ernähren. Im vergangenen Jahr konnte die Kirche für 3 Monate die Pfarrer*innen nicht bezahlen. 

Gottesdienst in Ponta Delgada
Die portugiesische Wirtschaftslage ist nicht gut: Eine halbe Million Portugiesen wandern aus. Laut Statistiken der EU sind 23,3% der Bevölkerung vom Armutsrisiko in Portugal betroffen. Die wirtschaftliche Kluft zwischen armen und reichen Menschen wird größer. Der Stundenlohn in Portugal ist die Hälfte des Durchschnitts in der Eurozone. Viele Familien leben in prekären Situationen und verwahrlostem Zustand. 

Kinderarbeit ist in den nördlichen und zentralen Teilen Portugals verbreitet. Viele Kinder verlassen die Schule auf der Suche nach Arbeit. Fast eine halbe Million der in Armut lebenden Bürger ist unter 18 Jahre alt. Portugal hat den niedrigsten Mindestlohn in Europa (580,00 € / Monat) 

Die wirtschaftliche Krise hat die IEPP stark getroffen. Viele Mitglieder sind verarmt – dadurch auch die Kirche. Presbyterianische Mitglieder verloren ihre Arbeit, ihre Häuser und ziehen manchmal an Orte, wo es keine reformierte Kirche gibt. Einige sind in andere Länder ausgewandert. Es gibt in den Gemeinden zahlreiche Euro-Waisen-Kinder. „Als die Krise kam, hatten wir immer noch junge Leute in der Kirche, aber jetzt sind 80% von ihnen in viele verschiedene europäische und afrikanische Länder gegangen, um eine Stelle zu finden. In unserer Kirche sind auch alte Menschen sehr betroffen: 48% der alten Menschen in Portugal erhalten eine Sozialversicherungsrente von weniger als 300 €. 30% der alten Menschen sind allein, da die Familien ausgewandert sind.“ 

Der Ruf der IEPP am Ende der Beschreibung lautet: „Wir brauchen Hilfe, um Gottes Mission fortzusetzen. Das ist unser Schrei.“

Mittwoch, 10. April 2019

Besuch bei einer lutherischen Gemeinde in der Taiga

Kirche und Gemeindeleben in Litkowka
Das Dorf Litkowka liegt nördlich von Omsk in der sibirischer Taiga. Für die 390 km braucht man gute fünf Stunden im Winter. Im Sommer kann es viel länger dauern. Die letzten 90 km verwandeln sich dann in eine glitschige Lehmstraße – die manchmal nicht befahrbar ist. Im Winter nennen die Bewohner diese Straße weiße Autobahn. Eine schöne unberührte Natur ist dann in einem weißen Schneepelz versteckt. An dieser Schönheit können die Augen sich kaum satt sehen. 


Das Dorf wurde von den Deutschen aus Wolynien in der Ukraine im Jahre 1899 gegründet. Warum hier? Das weiß keiner so genau. Aber wahrscheinlich hat der Zar sie hier angesiedelt. Die Dorfbewohner leben in schmucken Holzhäusern. Es gibt hier genug Holz, denn überall ist Wald. Ab und zu sieht man Felder und sonst viel Sumpf. 

Die Bewohner leben von der Landwirtschaft, die auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hier noch gut läuft. Viele Kolchosen der damaligen Zeit sind verschwunden. Hier nicht. Trotz der Entfernung und Schlammstraße wird jeden Tag aus dem Dorf Milch in die Stadt Tara (90 km entfernt) transportiert. Es gibt keine Möglichkeiten, im Dorf die eigene Produktion (Milch, Fleisch) zu verarbeiten. Dadurch sind die Monatslöhne sehr niedrig: 6000-8000 Rubel (80 bis 110 €). Heute leben 420 Menschen hier und es gibt eine Schule und sogar ein kleines Museum. 

Im Gottesdienst an einem normalen Sonntag kommen 60 Erwachsene und 15 Kinder in die schöne Holzkirche. Das sind 18 % der Bewohner. Ein motivierendes Zeichen für die Verantwortlichen der Evangelischen Lutherischen Kirche im Ural, Sibirien und fernen Osten (ELKUSFO) Bischof Scheiermann und Propst Winogradow. Beide besuchten vor Kurzem die Gemeinde und berichteten über ihren Besuch vor Ort.

Sonntag, 7. April 2019

Was ist Wahrheit...? - in der italienischen Politik und woraus die Waldenserkirche lebt

Vize-Ministerin Emanuela Del Re, daneben Prof. Paolo Naso
mit Pfr. Hans Rapp (Schweiz)
Der italienische Innenminister Matteo Salvini bestimmt derzeit das Bild, das die italienische Politik nach außen abgibt. Er hat es mit populistischen und nationalistischen Tönen geschafft, enormen Zulauf der Wählerschaft für seine Partei „Lega“ zu gewinnen. Mit vielen Halbwahrheiten, Vorurteilen und Gerüchten stillt er die Sehnsucht nach klaren Wahrheiten. Er gibt vor, was die Probleme des Landes sind: betrügerische Migranten, diebische Politiker, die verbrecherische Mafia, die heuchlerische Presse und die Millionen hart arbeitender kleiner Leute, die mit ihren mickrigen Löhnen nicht mehr über die Runden kämen. Das kommt an. Es verschreckt die, die in einer komplizierten Welt versuchen, zu prüfen, was denn wahr ist. 

Beim Runden Tisch der Waldenserkirche hat es Professor Paolo Naso – aktiver evangelischer Christ und Mitglied der Wadenserkirche – geschafft, die Vize Außenministerin Emanuela Del Re zu einem Gedankenaustausch mit den deutschen und schweizerischen Partnern der Kirche zu gewinnen. Sie selbst ist erst mit der aktuellen Regierung in Amt und Würden gekommen. Selbst ist sie Professorin und wurde von der „Fünf-Sterne-Bewegung“ gewonnen, in die Regierung einzutreten. Hört man ihr zu, dann verkörpert sie genau das Gegenteil von dem, was Matteo Salvini als Wahrheit verkauft. Sie betont, dass Italien als Gründungsmitglied der UNO zur Achtung aller Menschenrechte steht. Sie betont, wie wichtig Europa ist für die Lösung vieler Probleme. Das Flüchtlingsproblem sei kein italienisches Problem bloß weil Italien südlich gelegen ist und die Nähe von Afrika nach Europa so dicht. Sie betont, dass sie zu den sog. Humanitären Korridoren steht, d.h. dass Flüchtlingen in Lagern, die unter extremer Not leiden ein legaler Weg nach Europa ermöglicht wird. – Hört man ihr zu, dann scheint sich einiges zu relativieren, was man an populistischen Tönen aus der Regierung hört. Sie redet und spricht ganz anders als ihr Innenminister. Und man glaubt ihr. 

Wie kann es denn sein, in solch einer Regierung zu sein, wenn man total entgegengesetzter Meinung ist - wird sie gefragt. „Es ist notwendig, in dieser Regierung ein Gegengewicht zu haben!“ sagt Del Re. „Wir wollen Dialog und ausgleichen. Ich stimme mit Salvini in den meisten Punkten nicht überein. Aber über ihn wird auch in den Medien überzogen berichtet und nicht immer wahr,“ meint sie. 

Ob das gelingen kann? Wie reagiert man als Kirche darauf? 

Gottesdienst am Sonntag Judika 2019 in der römischen Waldenserkirche
Kurz darauf predigte der Waldenserpfarrer Jens Hansen über die Pilatusfrage aus dem Johannesevangelium: „Was ist Wahrheit?“ in der römischen Waldenserkirche.

Er sagte: „Die Wahrheit kann man nicht haben. Die Wahrheit steht nicht zu unserer Verfügung. Die richtige Art, die Wahrheit zu leben, ist Beziehung: in Beziehung mit dem zu treten, der die Wahrheit ist. Diese Beziehung verwandelt. - Pilatus ist dazu ein Beispiel, seine Worte im Johannesevangelium zeigen das: Seht, welch ein Mensch – sagt er am Ende und verweist auf Jesus. Pilatus verändert sich, allerdings ohne über seinen Schatten zu springen. Wir können uns viel radikaler verändern lassen, indem wir davon Abschied nehmen, die Wahrheit als Besitz zu sehen, und unsere Beziehung mit der Wahrheit wird uns dann auch kritischer machen gegenüber dem, was uns über Internet oder TV nach Hause kommt. Nicht von ungefähr hat mein Gemeindepastor uns gelehrt, nicht alles für bare Münze zu nehmen, sondern zu prüfen, bevor wir uns eine Meinung bilden. Die Beziehung zur Wahrheit verändert dann auch unsere Beziehungen zum Nächsten und zur Schöpfung.“ Und weiter sagte er: „Wenn die Bibel von Wahrheit spricht, verbindet sie immer die Wahrheit mit Gott und mit dem Heil, das Er bringt. Dazu denken wir an die Worte Jesu der sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Jesus selbst sagt nicht “ich habe die Wahrheit” sondern “ich bin die Wahrheit.” - Wir lernen also, dass man die Wahrheit nicht haben kann, dass die Wahrheit nicht zu unserer Verfügung steht. Die richtige Art, die Wahrheit zu leben, ist Beziehung, in Beziehung mit dem zu treten, der die Wahrheit ist. Diese Beziehung verwandelt.“ 

Und darum geht es für uns als Kirchen: diese Wahrheit immer wieder ins Leben hineinzubringen und alle, die uns verkauften Wahrheiten zu relativieren. Das ist ein Weg, sich mit populistischen und nationalistischen Bewegungen auseinanderzusetzen und ihnen etwas entgegenzusetzen. 

Im Gottesdienst in der römischen Waldenserkirche saßen neben Italiener viele Migranten – Filipinos, Latinos, dazu etliche Gäste. Ein bunter Haufen von Menschen, die die eine Wahrheit verbindet: Jesus Christus.

Montag, 1. April 2019

Ein Brief aus Venezuela

Aus der lutherischen Kirche Venezuelas erreicht uns eine bedrückende Mail:

"Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in einem solch kaputten Land leben würde. Venezuela ist von den Herrschenden in einen Narcostaat verwandelt worden. Die Machthaber gewähren Terroristen aus anderen Staaten Schutz. Das Land ist durch und durch korrupt. Es gibt keine persönliche Freiheit für Andersdenkende lässt. Das Volk ist ausgebeutet worden. Das Land ist in die Nachkriegszeit zurückgefallen und heute nicht mehr in der Lage, geregelte Elektrizität und Wasserzufuhr zu sichern. Allein in den letzten 3 Wochen war das ganze Land 3 mal 24-30 Stunden ohne Strom. Dort wo ich wohne waren wir 10 Tage ohne Strom - und das in der Hauptstadt Caracas!
Man kann sich vorstellen, wie es Familien mit Kindern, Kranken, älteren Menschen geht - von öffentlichen Krankenhäusern ganz zu schweigen, wo Menschen sterben."

In diesem Kontext muss unsere lutherische Partnerkirche ihren Weg finden. Das kann sie nur mit unserer Hilfe und der Hilfe anderer!

Allein das Straßenkinderheim, den Kindergarten und die Schule in Valencia offen zu halten kostet viel Energie und Hilfe von außen!