Mittwoch, 25. Mai 2022

Drei Monate Krieg in der Ukraine - 14,5 Millionen Geflüchtete

Drei lange Monate dauert der Krieg in der Ukraine schon an. 6,5 Millionen Menschen haben das Land verlassen, 8 Millionen haben innerhalb der Ukraine Zuflucht gesucht. 13 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen - auch in den schwer zugänglichen okkupierten Regionen. Die Zahl der Toten ist hoch. Genaue Zahlen gibt es nicht, weder über Zivilisten, noch über Soldaten auf der ukrainischen und der russischen Seite. Genauso fehlen zuverlässige Zahlen über Menschen, die aus der Ukraine nach Russland deportiert worden sind, und über Menschen, die Russland aufgrund des Krieges, der Sanktionen und der zunehmenden Repressalien verlassen haben. Allein den Krieg beim Namen zu nennen heißt dort Gefängnis und kritische Worte über das russische Militär sind eine Straftat.

Es ist ein Drama! Ein Horror, wie man ihn sich in Europa kaum hat vorstellen können ...

Der Krieg hat schlimme Folgen für die beiden Partnerkirchen des GAW in der Ukraine:

Von den 65 000 Mitgliedern der Reformierten Kirche in Transkarpatien haben ein Drittel das Land verlassen. Auch viele, die bisher geblieben sind, wissen nicht, wie lange noch. Zugleich sind in Transkarpatien viele Geflüchtete angekommen. 

Die lutherische Kirche (DELKU) mit Gemeinden im ganzen Land hat zwei Drittel ihrer insgesamt 1.000 Mitglieder durch Flucht verloren. Zu einigen Gemeinden in besetzten Gebieten gibt es gar keinen Zugang mehr und es ist schwer, sich eine Zukunft für sie vorzustellen - wie in Cherson oder Berdjansk. Damit können die Notleidenden dort auch keine Hilfe mehr erhalten. Auch die Gemeinden in Krywyj Rih und Saporischschja sind gefährdet.

Als GAW werden wir weiter unseren Partnern solidarisch zur Seite stehen und für sie beten!

Die Kirchen in Deutschland setzen sich intensiv mit der Ukraine, dem Krieg und den Folgen auseinander. So hat vor wenigen Tagen die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sich in einer Resolution mit den Menschen in der Ukraine solidarisch erklärt und dazu aufgerufen, die weltweiten Folgen des Krieges in den Blick zu nehmen und die Diskussion über friedensethische Themen zu verstärken. „Unsere Gedanken und Gebete sind besonders bei den Menschen in der Ukraine, die entsetzliche Gewalt und Krieg erfahren. Mit Recht verteidigen sie ihr Leben, ihr Land und ihre Freiheit. Wir halten es für legitim, sie in ihrer Verteidigung durch wirtschaftliche Sanktionen gegen den Aggressor und durch Waffenlieferungen zu unterstützen. Ziele müssen dabei ein Waffenstillstand und Verhandlungen sein, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen“, heißt es in der Erklärung mit dem Titel „Nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden streben“.

Spenden für die Ukrainenothilfe des GAW: https://www.gustav-adolf-werk.de/

Freitag, 20. Mai 2022

Frauentalk mit Wanda Falk: Jeden Tag neue Probleme lösen

Bustransport
„Mit Unterstützung eines deutschen Busunternehmens organisierten wir Transporte für ukrainische Geflüchtete nach Deutschland, genauer gesagt nach Frankfurt am Main. Dort angekommen riefen die Menschen uns an, dass sie nach Polen zurückwollten, weil in der kommunalen Aufnahmestelle unhaltbare Zustände herrschten. Es gab es zu wenige Betten und zu wenig Essen.“ Diese Begebenheit erzählte Wanda Falk, Direktorin der Diakonie Polen, beim digitalen GAW-Frauentalk am 17. Mai.

Die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine hat das Nachbarland Polen aufgenommen. Die dortige Zivilgesellschaft kümmert sich in einem großen Kraftakt um die neu ankommenden Menschen. „An manchen Tagen gelangten mehrere Zehntausend Menschen nach Warschau und brauchten sofort ein Bett“, sagt Wanda Falk. „Es gab und gibt immer noch unglaublich viel zu tun. Jeden Tag sind neue Probleme zu lösen.“

Über 50 evangelische Gemeinden in Polen nahmen Flüchtlinge auf und stellten ihnen Wohnungen zur Verfügung. Die Diakonie verteilte Essen und Sachspenden – auch in der Ukraine – und organisierte Weitertransporte für geflüchtete Menschen nach Lettland, Tschechien und Deutschland. Aktuell sammelt die Diakonie Spenden für den Kauf eines Kleinbusses zum Transport gehbehinderter und älterer Flüchtlinge. „In Zukunft wird die Herausforderung sein, nach der ersten Welle der Hilfsbereitschaft Ehrenamtliche für ein längerfristiges Engagement zu gewinnen.“

Ein weiteres Problem, von dem Wanda Falk erzählt, ist die Gefahr für Frauen und Kinder durch Menschenhändler. Deshalb müssen sich inzwischen alle Freiwilligen bei einer etablierten Hilfsorganisation registrieren lassen.

Eine Teilnehmerin fragt, ob immer noch Geflüchtete aus dem Irak und Afghanistan über Belarus nach Polen kämen. Ja, auch von dort kämen weiterhin Menschen, sagt  Wanda Falk. Aber die Hilfe für sie ist inzwischen sehr schwierig bis unmöglich geworden, weil der polnische Staat einen Grenzzaun errichtet hat. Menschen irren in den Wäldern herum, einige sind bereits an Erschöpfung und Kälte gestorben. Es sei eine humanitäre Katastrophe, beklagt die Diakoniedirektorin.
 
Notunterkunft in einer Gemeinde




Donnerstag, 19. Mai 2022

Geflüchtete Roma in Prag

In Tschechien sind mehr als 200.000 Flüchtlinge aus der Ukraine angekommen. Bislang wurden die Flüchtlinge aus der Ukraine mit offenen Armen und Türen empfangen. Geflüchtete kamen in Hotels und öffentlichen Notunterkünften unter, viele Tschechen nahmen Ukrainer in der eigenen Wohnung auf. Das Land war stolz auf sich, auf eine in Tschechien so nicht gekannte Hilfsbereitschaft für Menschen auf der Flucht.

Beeindruckt davon zeigte sich auch Pfarrer Michael Pfann, ein ehemaliger Stipendiat des GAW. Aber schon kurz nach Kriegsausbruch warnte er, dass die Stimmung leicht kippen könne.

Eine solche Situation scheint jetzt am Prager Hauptbahnhof zu entstehen. Hier campieren derzeit an die 500 Flüchtlinge aus der Ukraine unter völlig unzureichenden Bedingungen. Sie sind hier gestrandet. Einige wurden abgeschoben in Internierungslager für illegale Flüchtlinge. Es gibt Ressentiments: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/tschechien-roma-fluechtlinge-101.html

Die geflüchteten Roma kommen in der Regel aus der Westukraine. Davon berichtet auch der reformierte Bischof Zán Fábián aus der Ukraine. In seinem Ort Wary/Mezövári ist die Arbeit mit den Romakindern zusammengebrochen, weil viele das Land verlassen haben. In der Ukraine leben sie tief unter der Armutsgrenze, in Tschechien erhält jeder Flüchtling monatlich 200 € an staatlicher Unterstützung. Eine Familie kann auf diese Art eine hohe Summe monatlich erhalten, die in der Heimat undenkbar wäre. Inzwischen gibt es Diskussionen in der tschechischen Politik, wie man sich dieser Herausforderung stellt. Doch sollte man den Roma unterstellen, sie kämen nur wegen des Geldes, während man bei allen anderen annimmt, dass sie in erster Linie vor dem Krieg fliehen? Äußern sich da nicht Jahrhunderte alte Vorurteile gegen Roma? Geht es nicht viel mehr um individuelle Menschen?

Um etwas gegen diese Ressentiments zu tun, hat nun auch der Pfarrer für Minderheitsfragen der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB), Mikuláš Vymětal, mit dem Synodalsenior Pavel Pokorný den Bahnhof besucht. Die Kirche setzt sich sehr für ausgegrenzte Minderheiten ein. Das ist dringend notwendig.

Das GAW steht mit der EKBB in dieser Frage derzeit in Kontakt. Der Pfarrer für Minderheitenfragen wird auch mit Hilfe des GAW unterstützt: https://gustav-adolf-werk.1kcloud.com/ep1Ezbrv/#196

Freitag, 13. Mai 2022

Ukrainische Flüchtlinge auch in Belarus

Pfarrer Tatarnikow zu Besuch im GAW
12.000 ukrainische Flüchtlinge sollen nach Angaben des lutherischen Pfarrers Wladimir Tatarnikow in Belarus sein. Sie seien gekommen, weil sie Verwandte oder Freunde haben, bei denen sie unterkommen konnten. In Witebsk und Grodno kümmert sich Tatarnikow inzwischen um ukrainische Flüchtlinge. "Drei Familien kommen regelmäßig zu unseren Gottesdiensten", berichtet er bei einem Besuch beim GAW.

Tatarnikow betreut vier lutherische Gemeinden in Minsk (20 Mitglieder), Witebsk (25 Mitglieder), Grodno (130 Mitglieder) und Polazk (15 Mitglieder). Zudem gibt es ein paar selbständige lutherische Gemeinden, mit denen er im Gespräch ist. "Vielleicht kommen wir in diesem Jahr noch zusammen. Die Gespräche gehen gut voran", so der junge Pfarrer, der mit viel Elan und Motivation seine Gemeinden zusammenhält und begleitet. In Grodno ist ihm dank der Hilfe von Partner wie dem MLB und dem GAW gelungen, die heruntergekommene Kirche wieder zu sanieren und unter anderem zu einem beliebten Konzertort zu verwandeln. Auch das Pfarr- und Gemeindehaus ist inzwischen saniert.

"Wir merken, dass in letzter Zeit mehr Menschen unsere Gottesdienste besuchen", so Tatarnikow. "Die Menschen suchen Halt in dieser schwierigen Zeit."

Im Winter hat Tatarnikow in Kooperation mit der Caritas Hilfe an die Grenze nach Polen, den dort in einem Logistikzentrum untergebrachten Flüchtlingen aus dem Nahen Osten gebracht. Das GAW hat ihm für diese humanitäre Hilfe Unterstützung gegeben. 400 Menschen waren dort untergekommen und durften nicht raus. Aber jetzt ist das Zentrum auf einmal leer. "Keiner weiß, wo diese Menschen jetzt sind. Man rätselt darüber", berichtet der Pfarrer.

Das GAW wird ihm jetzt auch bei der Hilfe für ukrainische Geflüchteten unterstützen.

Samstag, 7. Mai 2022

Die GAW-Konfigabe geht in die Ukraine - in Badaló werden Romakinder gefördert

Mittagessen in Badaló
Badaló in Transkarpatien/Ukraine hat ca. 2.000 Einwohner. Knapp 700 sind Roma. "Wir wollen hier gut mit allen zusammenleben", sagt der reformierte Pfarrer der Gemeinde. Mit einer Koordinatorin und seiner Frau betreut er jeden Tag für ca. 3 Stunden eine Gruppe von 30 Romakindern verschiedenen Alters. "Zunächst bekommen sie etwas zu essen. Dann gibt es Hausaufgabenhilfe, elementare Unterstützung wie Zähne putzen und Freizeitangebote," sagt der Pfarrer. Man spürt ihm ab, mit wieviel Herzblut er dabei ist.

Schätzungen zufolge gehören rund 400.000 Menschen in der Ukraine der ethnischen Minderheit der Roma an. Inzwischen haben wegen des Kriegs viele Roma ihre Heimat verlassen. Etliche sind nach Ungarn gegangen. Andere suchen Arbeit - auch in Rußland. 

Hausaufgabenhilfe
Von der eigenen reformierten Gemeinde sind ca. 150 Menschen gegangen. "Wir hoffen, dass sie nach und nach zurückkommen," erzählt der Pfarrer. "Wir brauchen sie hier. Es ist unsere Heimat - und es ist schön, hier zu leben," ergänzt er mit einem Lächeln im Gesicht. Man nimmt es ihm ab.
 
Viele erwachsene Roma können nicht lesen und schreiben. Das ist ein großes Problem und verschärft die ohnehin schwierige Lage dieser Minderheit, die unter prekären Lebensbedingungen und Diskriminierung leidet. Viele Roma erkennen, dass Bildung wichtig ist, doch in der Praxis gibt es zahlreiche Probleme: Oft haben Roma-Kinder Schwierigkeiten beim Lernen und besuchen nur unregelmäßig den Unterricht. Sie fühlen sich in der Schule nicht willkommen und erhalten wenig Unterstützung beim Lernen. Viele Roma-Kinder brechen vorzeitig die Schule ab.

In vier Dörfern in der Westukraine unterstützt die Reformierte Kirche in Transkarpatien benachteiligte Kinder beim Lernen: in Badaló, in Mezövari, in Nagybereg und in Tiszabökény. Insgesamt 79 Kinder und ihre Familien profitieren derzeit von diesem Programm. Die Kinder erhalten nach der Schule ein gesundes und reichhaltiges Mittagessen (für viele die einzige Mahlzeit am Tag), sie erhalten Hilfe bei den Hausaufgaben und beim Lernen und sie werden sensibilisiert für Gesundheits- und Hygienefragen. Außerdem gibt es Freizeitangebote wie Singen, Basteln oder Sport.

Außerdem unterhält die Reformierte Kirche in Transkarpatien zwei Tageszentren für Kinder mit Behinderung in Mezövari und in Hetyen. Die Kinder werden betreut und gefördert und erhalten notwendige Therapien. Für die Kinder und die Familien sind diese Tageszentren ein großer Segen. In Mezövari waren jetzt etliche Wochen Flüchtlinge untergebracht. Seit 3 Tagen arbeitet das Zentrum wieder mit den behinderten Jugendlichen.

Mit der GAW-Konfirmandengabe 2022 unterstützt das GAW das Roma-Projekt der Reformierten Kirche in Transkarpatien und die beiden Tageszentren für Kinder mit Behinderungen.

30.000 € sollen durch die Konfirmandengabe aufgebracht werden. Dafür brauchen wir Hilfe! Gerade jetzt!

Freitag, 6. Mai 2022

Die reformierte Kirche in Borshowa/Ukraine soll saniert werden

Reformierte Kirche in Borshowa
"500 Mitglieder hat meine Gemeinde," sagt der junge Pfarrer aus Borshowa. "Ca. 100 von ihnen sind gegangen. Einige Frauen sind zurückgekommen. Die jungen Männer sind wegen des Krieges gegangen." 

Das ist scheinbar noch möglich in der Nähe der ungarischen Grenze. Die Theiß ist nahe. Ratsam, über die grüne Grenze ohne Bestechung zu gehen ist es dennoch nicht. Es ist gefährlich. "Mit monetärer Überzeugung klappt es aber meistens," sagt der Bischof der Kirche, Sandor Zan Fabian. "Ohne das geht vieles nicht. Wirklich gebessert hat sich bei uns nicht viel in dieser Hinsicht."

Das Dorf Borshowa (Borzsova, auch Nagyborzsova) liegt in der Nähe der Stadt Berehowe (Beregszász), wo sich der Bischofssitz der Reformierte Kirche befindet. 90 % der Bewohner sind Ungarn. Schon im 15. Jahrhundert wurde hier eine Kirche errichtet. Wöchentlich finden zwei Gottesdienste statt, dazu Bibelstunden, Konfirmations- und Religionsunterricht. In der Kirche müssen dringend Feuchtigkeitsschäden beseitigt werden. Auch die Kirchenbänke haben durch die Nässe gelitten, sodass sie ausgetauscht werden müssen.

Inzwischen sind die Leitungen für eine Fußbodenheizung verlegt. Der Kircheninnenraum soll neu gestaltet werden unter Denkmalschutzbedingungen. 

Und wie ist es mit den steigenden Kosten? Den Baumaterialien? 

Zum Glück hat die Gemeinde vorgesorgt. Vor dem Krieg wurden die wesentlichen Materialien beschafft. Handwerker sind auch da. Sie halten sich etwas zurück. Wer auf der Straße als Mann unter 60 sichtbar ist, kann Probleme bekommen. Derzeit werden alle Männer, die im waffenfähigen Alter sind, besonders in den Blick genommen. "Wir hoffen, dass unsere Handwerker bleiben. Derzeit sind sie mit dem Innenausbau beschäftigt. Sie sind froh, dass wir ihnen Arbeit geben können," so der Pfarrer

Das GAW sammelt im Projektkatalog 2022 dafür 14.000€. Auf Grund der Not soll das Projekt vorfinanziert werden. Absolut sinnvoll!

Shall I stay or shall I go...

Gespräch im reformierten Internat mit
ukrainischen Flüchtlingsfrauen
Wie viele Menschen in der Ukraine stellen sich diese Frage: Soll ich bleiben, oder soll ich gehen? Je nachdem, wo man lebt, stellt sich die Frage anders.

Im Internat der reformierten Gemeinde in Beregzsazs leben derzeit ca. 80 Flüchtlinge. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Regionen der Ukraine: aus Kiew, aus Charkiw, aus Cherson, Butscha und Mariupol. Meist sind es Frauen. So wie die ältere Dame aus Butscha, die einen Monat in ihrem Keller ausgeharrt hat. Wir nennen sie Marischa. Auf offenem Feuer hat sie einen Monat ihr Essen zubereitet - wenn es denn noch welches gab. Kontakt zu den russischen Soldaten hat sie gemieden. In ihrer Straße hat sie Leichen gesehen, die gefesselt waren. Nicht weit entfernt von ihrem Haus war ein Zentrum, in dem russisches Militär ukrainische Mädchen und Frauen missbraucht hat. Als sie das erzählt, kommen Marischa die Tränen. Wie es weitergehen soll... - ein Zurück kann sie sich nicht vorstellen. 

Tanja ist aus Charkiw. Ihr Mann ist Zahnarzt. Ihre Praxis und ihre Wohnung befinden sich im Zentrum Charkiws. Beides ist derzeit noch intakt. Alles drum herum ist zerstört. Zurück? Das kann sie sich kaum vorstellen. Zwei kleine Kinder hat sie. Alles, was sie will, ist Frieden für sich und ihre Familie. Sie gehören einer evangelischen Freikirche an. In Beregzsazs hat sie mit anderen eine Musikgruppe gegründet, die regelmäßig probt. Es gibt inzwischen einen ukrainischsprachigen Gottesdienst in der Stadtkirche mit der Musikgruppe von Tanja. 

Und dann erzählt Kristina Bado, Büroleiterin im Bischofsamt der Reformierten Kirche in Transkarpatien: "Als ich kürzlich im Stadtzentrum war, habe ich mich zum ersten Mal fremd gefühlt in meiner Stadt. Um mich herum sprachen die Menschen Russisch oder Ukrainisch. Das war neu für mich in meiner ungarischsprachigen Stadt... - da kommen Fragen auf: Wie lange noch? Soll ich dort bleiben, wo mein Herz schlägt... in meiner Heimat? Oder habe ich bald keine Heimat mehr?"
Beregzsazs hat ca. 20.000 Einwohner. Inzwischen beherbergt die Stadt 15.000 ukrainische Flüchtlinge. Und - es gibt viele ungarschisprachige Ukrainer, die inzwiwchen gegangen sind. Besonders junge Menschen. Der Krieg verändert die Region. Er macht was mit den Menschen. Bleiben oder gehen....?

Donnerstag, 5. Mai 2022

Kurz vor dem 9. Mai 2022 - in der Ukraine...

"Als vor zwei Tagen eine Granate ca. 60 km von Beregszász einschlug, hat sich bei mir etwas verändert," berichtet Marika, Buchhalterin der Diakonie der Reformierten Kirche Transkarpatiens/Ukraine. "Wir haben gespürt: Der Krieg ist im ganzen Land!" 

Auf die Frage: "Was empfindest du, wenn du an den 9. Mai denkst?" sagt sie - "Nichts Gutes!" Das unterstreicht Bischof Zan Fabian von der Reformierten Kirche: "Ich erwarte ebenso nichts Gutes. Alles kann man den Machthabern und dem russischen Militär zutrauen - bis hin zu einem Flächenbombardement." 

Das zeigt, wie kritisch die derzeitige Situation empfunden wird und was das mit den Menschen macht - vor allen Dingen, wenn man einer ethnischen Minderheit angehören, die zudem "anders " glaubt als die Mehrheitsgesellschaft. Bis 1918 gehörte Transkarpatien zum Königreich Ungarn. Danach gehörte Region zur Ukraine und damit einem für sie fremden Land. Sie mussten sich fortan arrangieren. Bis heute. Die Diakonie bekommt jetzt im Krieg "Wunschlisten" mit humanitärer Hilfe aus Kiew und anderen Regionen. Die sollten erfüllt werden.

Auf die Frage wie der Krieg beendet werden kann... - diese Frage ist gerade für evangelische Minderheiten doppelt kompliziert. Sie wünschen sich Frieden - und zwar so, dass sie ihren Glauben leben können in Freiheit. 

Nur wie....?


Lasst uns Gutes tun! - Gerade jetzt in der Ukraine

Im Gespräch mit Bischof Zan Fabian
Vor dem Krieg gehörten ca. 65.000 Menschen zur Reformierten Kirche in Transkarpatien. "Durch den Krieg haben wir ca. 30% unserer Mitglieder verloren," berichtet Bischof Sandor Zan Fabian. Er ist gleichzeitig Pfarrer der reformierten Gemeinde in Mezöwari, einem Grenzort zu Ungarn. "Von dort ist es ein Leichtes, das Land zu verlassen - vor allem, wenn man einen ungarischen Pass hat," so der Bischof. Von den Kirchenvorstehern der eigenen Gemeinde sind nur noch 1/3 in der Ukraine geblieben. "Das schmerzt!" so der Bischof. "Diese Menschen fehlen uns, denn sie haben das Gemeindeleben getragen. Vor allen Dingen sind die jungen Familien gegangen. Viele ältere Menschen sind zurückgeblieben. Um die müssen wir uns jetzt kümmern."

Und dann berichtet er von der Arbeit mit den Roma in Mezöwari. Vor dem Krieg hatte er eine wichtige Bildungsarbeit für die Kinder und Jugendlichen aufgebaut. In seinem Ort gibt es eine größere Romasiedlung. Ein Roma aus der Siedlung war im Presbyterium. "Er ist inzwischen auch in Ungarn," so Zan Fabian. Und er berichtet, dass 300 Roma aus seinem Ort weggegangen sind seit Kriegsausbruch. "Es sind die Gebildetsten und die, die Arbeit hatten," sagt er. "Unsere ganze Romaarbeit müssen wir von vorne beginnen, da auch die fort sind, die in diese Arbeit eingebunden waren. Ohne das geht es nicht. Wir können diese Arbeit nur mit ihnen machen." Wie es weitergeht...  "Wir können nicht anders... weitermachen - auch wenn es von vorne ist..." so Zan Fabian.

Das knüpft an an das Leitwort des GAW: "Solange noch Zeit ist... - lasst uns Gutes tun an jedermann!"

Sergej aus Kiew in Transkarpatien

Sergej (links) vor dem Mutter-Kind-Haus;
Bela Nagy (2.v.rechts)
"RB Leipzig spielt doch heute in Glasgow," stellt Sergej fest, als ich mich vorstelle und sage, dass ich aus Leipzig komme. "Ja! Und hoffentlich gewinnen sie..." - so meine Hoffnung am Nachmittag in Beregszász vor dem Halbfinalspiel der Europa League. Sergej ist ein ukrainischer Sportlehrer aus Kiew. Schnell kommen wir über den Fußball ins Gespräch. Seit Anfang März lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern im Mutter-Kind-Haus der Diakonie der Reformierten Kirche in Transkarpatien/Ukraine. Kiew haben sie verlassen, weil ihr Stadtbezirk unter Artilleriebeschuß der russischen Armee lag. Seine Wohnung liegt nicht weit entfernt von Butscha. Wann und ob sie zurückkehren können... - das ist offen. Sergejs Frau hat inzwischen in Beregszász eine Arbeit gefunden. Sergej hilft bei der Diakonie aus bei Gartenarbeiten auf dem großen Gelände und in der Landwirtschaft. Bisher wurde er noch nicht zum Militär eingezogen. Bis Ende Mai ist er freigestellt. Was dann...? Auch das ist offen.

Das Mutter-Kind-Haus wurde errichtet, um alleinerziehende Mütter zu unterstützen, die in Not und Armut geraten sind. In dem Haus leben derzeit drei Mütter mit ihren Kindern. Inzwischen teilen sie sich das Haus mit zwei Flüchtlingsfamilien. Im benachbarten Altersheim der Diakonie, in dem 37 alte Menschen versorgt werden, leben zusätzlich noch drei Flüchtlingsfamilien. "Vor Kurzem ist in unserem Haus eine alte ukrainische Frau gestorben, die zuvor geflohen war und die wir aufgenommen hatten," berichtet Bela Nagy, Leiter der Diakonie. "Eine weitere alte ukrainische Dame, die dement ist, ist ebenso bei uns in der Demenzabteilung untergekommen."

Das sind nur zwei kleine Beispiele aus der Arbeit der Diakonie der Reformierten Kirche, die zeigen, wie sich die Kirche für die Flüchtlinge einsetzt.

Derzeit sind 280.000 Flüchtlinge in der Region Transkarpatien in der Ukraine registriert. "Wahrscheinlich kommen noch einmal 100.000 unregistrierte Menschen dazu," sagt Bela Nagy. In den reformierten Gemeinden werden in Pfarr- und Gemeindehäusern derzeit ca. 2.000 geflüchtete Menschen betreut. Eine große Herausforderung für die Kirche. Ohne Unterstützung von außen ist das nicht zu schaffen. Das GAW hilft auch hier der Reformierten Kirche.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Das Gemeindeleben in Odessa geht weiter - trotz Krieg!

"Bei uns ist es im Moment mehr oder weniger ruhig. Es gab aber Raketenangriffe, bei denen die Brücke über die Dnistr-Mündung und einige Wohnhäuser zerstört wurden. Menschen sind leider auch gestorben. Hinzu kommt der Konflikt um Transnistrien, der den Menschen Angst macht. Russland versucht die Republik Moldau mit Propaganda und Terroranschlägen einzuschüchtern. Viele Menschen sind deshalb in den letzten Tagen aus Odessa geflohen, denn Transnistrien liegt in unserer unmittelbaren Nähe.

Ostern in der Gemeinde in Odessa
Hier in Odessa ist inzwischen Diesel und Benzin sehr knapp geworden. Sobald eine Tankstelle öffnet, bildet sich schnell eine lange Schlange. Man steht mehrere Stunden an und bekommt dann nur zehn Liter. Gut, dass wir bei Zeiten alles vollgetankt haben. So kann ich weiter zwischen den Gemeinden fahren und Gottesdienste halten. Wie lange das so bleibt, weiß ich nicht.

In Odessa machen wir weiter Gottesdienste, obwohl nur noch wenige Menschen da sind, vor allem die älteren Leute. Von Zeit zu Zeit kommen aber auch neue Leute in die Gottesdienste. Die Kirche ist immer geöffnet. Auch in den Dorfgemeinden halten wir weiter Gottesdienste. Unser Kinderzentrum im Dorf Nowogradiwka ist geöffnet und unterstützt Kinder aus sozial schwachen Familien beim Online-Unterricht, denn die Schulen sind immer noch geschlossen.

Kinder in Nowogradiwka

Unsere Sozialküche in Odessa versorgt weiter Menschen mit Essen. Wir arbeiten praktisch so wie vor dem Krieg mit Ausnahme der Sonntagsschule und des Teenagerkreises. Die Jugendleiterinnen sind leider alle im Ausland und niemand kann diese Arbeit übernehmen. Ich kann es nicht selbst machen, ich bin doch fast 50. Ich habe zwar mein halbes Leben Freizeiten für Kinder und Jugendliche geleitet, aber nun bin ich wirklich zu alt. 

Es kommen immer wieder Flüchtlinge nach Odessa, bleiben aber meist nur eine oder mehrere Nächte. Wir unterstützen sie mit Essen, das wir von den Spenden kaufen, auch denen des GAW. Wir helfen damit ganz konkret Menschen in der Kirche und um die Kirche herum, und Menschen, die direkt zu uns kommen und um Hilfe bitten. 

Im Dorf Petrodolinskoje sind Flüchtlinge untergebracht, die für längere Zeit bleiben wollen. Seit Montag helfen sie uns bei den Renovierungsarbeiten an einigen kirchlichen Gebäuden und wohnen im Gegenzug kostenlos bei uns. Damit haben wir ihnen eine Arbeit gegeben, was in diesen Kriegszeiten nicht einfach zu finden ist. Wir helfen ihnen und sie helfen der Kirche. Das ist eine schöne Sache, wie ich finde. 

Wegen unserem Kleinbus, der mit Unterstützung des GAW in Deutschland gekauft und nach Rumänien gebracht wurde, habe ich vor ein paar Tagen mit der Kirchenleitung in Rumänien telefoniert. Der Bus ist schon dort, muss aber noch umregistriert und in die Ukraine gebracht werden. Das wird noch einige Wochen dauern. Es kann allerdings sein, dass sich in dieser Zeit das Zeitfenster schließt, in dem unsere Regierung ermöglicht hat, Fahrzeuge steuerfrei einzuführen, und wir dann für die Umregistrierung in der Ukraine wieder viel Geld zahlen müssen. Das wäre schade, aber wir können es nicht ändern. 

Ich möchte Ihnen ausdrücklich Danke sagen für Ihre Unterstützung und dafür, dass Sie immer wieder fragen, wie es uns geht. Ich sehe, wie das Gustav-Adolf-Werk in vielen Ländern hilft, zum Beispiel in Rumänien, wo Pfarrer Uwe Seidner einige Flüchtlinge aus unserer Gemeinde aufgenommen hat."

Bischof Schwarz besucht die Gemeinde St. Katharina in Kiew
Das erzählte uns Pfarrer Alexander Gross aus Odessa, der zugleich Synodalpräsident der DELKU ist. Bischof Pawlo Schwarz ist aktuell viel unterwegs und besucht Gemeinden im Norden, im Zentrum und im Westen der Ukraine, hält Gottesdienste und bringt Medikamente und Nothilfe mit. In diesen Tagen ist er außerdem zu Besuch in Wien, wo er sich mit Verantwortlichen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) über die Hilfe für die Ukraine berät.
 

Dienstag, 3. Mai 2022

Ein neuer Dienstwagen für die Diakonie in Litauen

Ein Transporter für Litauen
Über 40.000 ukrainische Flüchtlinge sind inzwischen in Litauen registriert. Auch die Diakonie der lutherischen Kirche mit Pfarrer Mindaugas Kairys ist in ihre Betreuung und Begleitung eingebunden. Im Diakoniezentrum Smalininkai, das mit GAW-Hilfe ausgebaut und fertiggestellt wurde, sind Mütter mit Kindern sowie Menschen mit Behinderungen untergebracht. Mehr als 30 Personen werden dort versorgt und unterstützt.

Für diese Arbeit ist natürlich Mobilität notwendig. Doch der Dienstwagen der Diakonie - der ehemalige Dienstwagen des GAW - ist nach vielen Jahren verschlissen und ausgefallen. Für die Unterstützung der Flüchtlingshilfe in fünf diakonischen Zentren der lutherischen Kirche brauchte die Diakonie jedoch dringend einen Minibus.
Der Gebrauchtwagenmarkt ist gerade für solche Fahrzeuge derzeit schwierig. In Litauen war es überhaupt nicht möglich, ein solches Fahrzeug zu erwerben.
Mit Unterstützung des GAW wurde nun in Hamburg ein solches Fahrzeug für die Diakonie Litauen erworben. Die wichtige Arbeit des Diakonie in Litauen für Flüchtlinge kann jetzt weitergehen.