Dienstag, 28. Juni 2022

Nach dem Raketenangriff auf Krementschuk

Zerstörter Supermarkt in Krementschuk
Gestern zerstörte eine russische Rakete das Einkaufszentrum in Krementschuk. Es war voller Menschen. 

Bischof Pawlo Schwarz hält sich gerade in Krementschuk auf: Er brachte der dortigen lutherischen Gemeinde gerade Hilfsgüter. Er schreibt: "Das ist Terrorismus. Und die, die die Raketen abschießen, sind Mittäter und kriminell. Wir beten als Kirche weiterhin für die Opfer! Wir beten besonders auch für unsere mutigen Verteidiger und unser ganzes Volk - und für Gerechtigkeit für die Verbrecher."

Das Gemeindehaus der lutherischen Gemeinde ist nur zwei, drei Kilometer von dem getroffenen Einkaufszentrum entfernt. Auch eine Flüchtlingsfamilie, die von der Gemeinde aufgenommen worden ist, befand sich zu diesem Zeitpunkt in dem Supermarkt. Sie sind mit dem Schreck davon gekommen. "Es ist schrecklich und sinnlos!", so Schwarz.

Hilfslieferung für Krementschuk
vor dem Gemeindehaus
Bischof Schwarz wird weiter nach Charkiv zu seiner Gemeinde
fahren. Danach ist er eingeladen nach Dzięgielów in Polen, um an der Missions- und Evangelisationsveranstaltung der Evangelischen Kirche A.B. in Polen teilzunehmen.

Aus Odessa berichtet Pastor Alexander Gross, dass in zwei Wochen das Gemeindehaus in seiner Filialgemeinde hergerichtet sein wird. Die Sanierung wurde vom GAW unterstützt. Mit viel Eigenleistung der Gemeindemitglieder und der Flüchtlinge ist die Renovierung des Hauses geglückt. Eine Flüchtlingsfamilie wird hier in neues Zuhause finden. "Sie sind glücklich und dankbar!", sagt Gross.

Auf den Minibus, den das GAW bezahlt hat, wartet Pastor Gross noch ... "Die bürokratischen Hindernisse waren größer als gedacht!", schreibt er. "Aber jetzt wird es hoffentlich gelingen, einen rumänischen Fahrer für den Bus, der in Rumänien registriert ist, zu finden. Das ist nötig, damit der Bus die Grenze und den Zoll passieren kann." Der Bus ist nötig, damit Hilfen transportiert und Menschen befördert werden können.

Schwierig ist die Situation der lutherischen Gemeinden in den von Russland okkupierten Regionen. Es gibt dort nur noch russisches Fernsehen. An die Menschen werden russische Pässe verteilt. An vielen Orten kann man nur noch in Rubel bezahlen. Es wird immer komplizierter, mit Gemeindegliedern in Verbindung zu bleiben. "Der Kontakt zu unseren Leuten besteht immer mal wieder. Aber es ist schwer!", so Gross.

Freitag, 24. Juni 2022

Ukraine: Dank an Partner


Am 22. Juni 2022 wandte sich die Reformierte Kirche in Transkarpatien (Ukraine) mit einem Dankesbrief an alle, die seit dem Ausbruch des Krieges den Dienst dieser Kirche unter Geflüchteten und den Verbleib der Menschen in ihrem Heimatland unterstützt haben: Einzelpersonen, Organisationen, Unternehmen, Kirchen, Unterstützer aus Deutschland, den Niederlanden, England, Schottland und Ungarn.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn Jesus Christus!
In der letzten Zeit haben viele bekannte und unbekannte Organisationen, Kirchen und Einzelpersonen unserer Kirche hier in der Karpato-Ukraine die Hand gereicht. Unsere Kirchengemeinden, unsere Einrichtungen haben Hunderte von Binnenflüchtlingen aufgenommen, die wir allein nicht hätten versorgen können. Wir sind dankbar für Ihre großzügigen Spenden.
Leider können wir uns nicht bei allen einzelnen Partnern persönlich bedanken, aber wir sagen an dieser Stelle von ganzem Herzen: DANKE FÜR ALLES. Danke für Ihr Mitgefühl mit den Geflüchteten – ausgedrückt durch Ihre großzügigen Spenden. Vielleicht hätten sie nie die Vorsehung und Liebe Gottes erfahren, wenn sie nicht in diese Situation geraten wären. Viele haben ihren Glauben unter uns bezeugt, und viele haben die tragende Kraft der Liebe begriffen, die ihnen entgegengebracht wurde. Wir sind dankbar, dass wir dies mit Ihnen bezeugen konnten und können. "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient ..." (Römer 8:28)
Das Präsidium der Reformierten Kirche in Transkarpatien 

Das GAW hat die Reformierte Kirche in Transkarpatien während der Kriegsmonate mit insgesamt 170.600 Euro Unterstützt.

Donnerstag, 23. Juni 2022

Kolumbien und die lutherische Kirche nach der Präsidentenwahl

Atahualpa Herandez
"Nach 202 Jahren gibt es zum ersten Mal in der Geschichte Kolumbiens einen Kandidaten der Linken, der Präsident geworden ist," sagt Atahualpa Hernandez, Bischof  der lutherischen Kirche Kolumbiens (IELCO). Er besuchte die GAW-Zentrale, um laufende Projekte zu besprechen und über die aktuelle Situation des Landes zu berichten. Und er meint, dass es sicherlich keinen radikalen Wechsel sofort geben wird, denn die kolumbianische Gesellschaft ist tief gespalten. Viele Herausforderungen warten auf den neuen Präsidenten. Da ist zum einen die Umsetzung des stockenden Friedensprozesses, das beendigen der Kämpfe zwischen Paramilitärs und Guerillagruppen, der Kampf gegen die Drogenkartelle. 

"Das wird alles nicht einfach", so Hernandez. "Ich begrüße die Wahl Petros. Er hat gezeigt, dass er sensibel für soziale Themen ist, denn schließlich hat er sich als Bürgermeister von Bogota für soziale Themen stark gemacht." Bischof Hernandez schildert ein Beispiel: "Die öffentliche Schule, in der ich meine Stimme bei Wahlen abgeben muss, war in der Vergangenheit ein heruntergekommenes, dunkles und schlecht gepflegtes Gebäude. In der Zeit als Bürgermeister hat Petro diese Schule komplett sanieren lassen, sodass sie nicht mehr von privaten Schulen zu unterscheiden ist. Solche Beispiele gibt es viel, auch von öffentlichen Krankenhäusern oder Kindergärten, die saniert wurden." 

Und er fügt hinzu: "Das gefällt natürlich nicht denen, die privaten Schulen unterhalten, damit Geld verdienen und davon leben. Klar, dass die Menschen ihre Kinder auf private Schulen schicken, wenn die öffentlichen Schulen schlecht sind. Petro macht nun ihr Geschäftsmodell kaputt." In Bildung, Gesundheit und Infrastruktur muss investiert werden. Hier hofft der Bischof auf Veränderungen. 

"Als Kirche sind wir genau an diesen Themen dran. Ebenso sorgen wir uns um die Integration der ca. zwei Millionen venezolanischen Flüchtlinge. Das ist keine einfache Herausforderung für die Gesellschaft. In unseren Gemeinden haben wir deshalb diese Arbeit ausgebaut", sagt Hernandez. "Es wichtig, dass wir auf die Gegenwart und die Zukunft Kolumbiens schauen und uns weiterhin für das Leben, den Frieden und die Versöhnung in Kolumbien einsetzen. Wir haben große Hoffnung in Petro."

Die lutherische Kirche Kolumbiens hat ca. 3.000 Gemeindeglieder in 15 Gemeinden und sechs Missionsstandorten. Vier Pastorinnen und 13 Pastoren betreuen die Gemeinden. In naher Zukunft wird es wahrscheinlich vier Vikar:innen geben.

Die ehemalige kolumbianische GAW-Stipendiatin Lizbeth Chaparro arbeitet jetzt für drei Jahre bei der DIMÖ (Dienst Mission und Ökumene in der Württembergischen Landeskirche) in Ulm. Für die IELCO ist das eine gute Chance der Vernetzung. 

Zwei weitere kolumbianische Stipendiatinnen gehen ihren Weg. Adi Martinez wird demnächst Pfarrerin in Bogota oder Socota. Liria Preciado schreibt an ihrer Promotion an der EST in Sao Leopoldo und beteiligt sich inzwischen an der digitalen Aus- und Fortbildung der Laien und Pastor:innen der IELCO.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Bischof Zán Fábián: Als hingen schwarze Wolken über uns ...

Bischof Sandor Zan Fabian
"Es ist so, als würden große schwarze Wolken über uns hängen", berichtet Sándor Zán Fábián, Bischof der Reformierten Kirche in Transkarpatien in der Westukraine. 

"Wer geht, der hat sicherlich bessere Zukunftsperspektiven als derjenige, der im Land bleibt. Die Auswanderung ist sehr hoch. Der Verlust an Menschen ist spürbar. Das sieht man vor allen Dingen an den Kindergärten und Schulen der ungarischsprachigen Kirche in der Ukraine." 

Er berichtet von einem Kindergarten, der 2017 für 80 Kinder errichtet wurde. Jetzt seien nur noch 30 Kinder da. Ebenso sehen die Zahlen für die Schulklassen aus, die im September wieder öffnen sollen. In einer Schule stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine 1. Klasse geben wird. Zudem gäbe es jetzt Auflagen, zum Schuljahresbeginn für die Schulen und diakonischen Einrichtungen Bunker als Schutzräume vor drohenden Angriffen zu errichten. Das sei eine Aufgabe, die kaum zu schaffen sei.

"Noch sind alle Pfarrer:innen in ihren Gemeinden. Aber einige Diakone, Katecheten und Gemeindeleiter sind schon gegangen. Sie fehlen überall", so der Bischof. Es werde alle mögliche getan, um das Leben in den Gemeinden und der Diakonie aufrechtzuerhalten. Das ginge aber immer mehr an die Substanz der aktiven Mitarbeitenden. "Ich sehe die Zukunft voller Schatten", sagt er und klingt ziemlich resigniert. Dennoch arbeitet die Kirche für ihre Menschen weiter. "Das ist unsere Heimat und unser Leben hier", so Zán Fábián.

Gleichzeitig setzt sich die Kiche sehr für die ukrainischen Flüchtlinge ein. Sie sind untergebracht in den diakonischen Zentren, in den vier ungarisch-reformierten Schulen und in Pfarr- und Gemeindehäusern. 

Das GAW hilft der Kirche bei diesen großen Herausforderungen. In Zusammenarbeit mit der Diakonie Katastrophenhilfe wird das Bischofsbüro personell verstärkt, um Flüchtlingsprojekte in den Gemeinden zu koordinieren und unterstützen. Die Kirche erhält Hilfe auch durch die Übernahme der Gemeinkosten, die massiv gestiegen sind, sowie für die Diakonie.

Dienstag, 14. Juni 2022

Blauer Himmel – gelbe Sonne

Ein Treffen für ukrainische Flüchtlinge


Diesen poetischen Namen, der auf die Nationalfarben der Ukraine anspielt, trägt die Internetseite der Evangelischen Kirche A.B. in der Slowakei, auf der alle Hilfen für die Geflüchteten aus der Ukraine zusammengetragen werden: www.modrenebozlteslnko.sk.

„Die Nachricht vom Krieg in unserem Nachbarland war ein Schock für uns“, erzählt Marek Cingel, Sekretär des Bischofs für den Ostdistrikt. „Uns war sofort klar, dass Leute kommen werden. Deshalb habe ich am nächsten Tag alle unsere Einrichtungen angerufen, wo Menschen untergebracht werden können, und gefragt, wie viele Plätze sie haben.“ Der slowakische Staat, so Cingel, hatte bis zu diesem Tag kaum Erfahrungen mit der Aufnahme von Flüchtlingen. Und so waren es in den ersten vier Wochen vorwiegend nichtstaatliche Akteure, Kirchen und NGOs, die sich um die Menschen aus der Ukraine gekümmert haben.

Marek Cingel
Die Hilfe lief rund um die Uhr. Die Kirche hatte in Zusammenarbeit mit der Militärseelsorge ein Zelt in Vyšné Nemecké im Zollbereich aufgestellt, wo Menschen an der Grenze lange zwischen der Ukraine und der Slowakei warten mussten. Freiwillige verteilten Essen und Trinken und kümmerten sich um die Seelen der aufgewühlten Menschen. Von dort aus gingen auch Anrufe an Marek Cingel – oft sogar nachts, sodass seine Frau ihn schließlich für einige Wochen auf die Wohnzimmercouch ausquartierte. Es ging um Familien, die Unterkunft brauchten, um Transporte an verschiedene Orte. Es gab knifflige Fälle, wie der einer Familie, die mit zwei Erwachsenen und 13 Kindern in einem (!) klapprigen Auto ankam und angab, nach Deutschland weiterfahren wollen. Die Kirche schaffte es schließlich, Plätze in einem Bus zu organisieren, mit dem die Familie sicher nach Deutschland gelangen konnte. Als sich in Deutschland herausstellte, dass die zugesagte Unterkunft schon vergeben war, fand sich über Tausende von Kilometern hinweg mit slowakischer Hilfe eine neue Lösung.

www.modrenebozlteslnko.sk
Seit nunmehr zwei Wochen ist das Willkommenszelt am Grenzübergang abgebaut. Etwa 80 000 Flüchtlinge sind in der Slowakei untergekommen, davon 700 in evangelischen Einrichtungen und mindestens 1400 in evangelischen Familien, schätzt Cingel. Die slowakischen Helferinnen und Helfer haben vielen Ukrainerinnen geholfen, eine Arbeit zu finden, unterstützen bei der Suche nach einer eigenen Wohnung, nehmen Kinder in evangelischen Schulen auf und haben – mit Unterstützung des GAW – in Liptovský Hrádok im evangelischen Kindergarten eine ukrainische Gruppe mit 15 Kindern geöffnet. Mit der Arbeit ist es in der Ostslowakei freilich nicht einfach, mehr Arbeitsplätze gibt es in der Westslowakei. Aber dort wiederum sind Wohnungen teurer und knapper. Und so müssen auch Geflüchtete abwägen, wie und wo sie sich ihre Zukunft vorstellen.
Wie geht es also weiter? Cingel sagt, dass etwa ein Viertel der Flüchtlinge aktuell erwäge, bald in die Ukraine zurückzukehren – meist Menschen aus Kiew. Ein weiteres Viertel will zurückkehren, weiß aber nicht, wann. Ein Viertel werde wohl in der Slowakei bleiben. Und die übrigen sehen ihre Zukunft weiter im Westen: in Italien, Deutschland oder auch in Tschechien. Die evangelische Flüchtlingshilfe wird sich weiter um die Menschen kümmern – egal ob sie zurückgehen, bleiben oder noch überlegen, was für sie gut und richtig ist.

Sonntag, 12. Juni 2022

Das GAW hilft Gemeinden, die Bitteres erfahren haben und dennoch Großes leisten!

D. Brauer, M. Jürgens, M. Fendler, D. Stelter
"Das GAW hilft evangelischen Kirchen und ihren Gemeinden weltweit, die Bitteres erfahren haben und Großes leisten," das schrieb der scheidende Vorsitzende des GAW-Hannover Militärdekan Pfr.  Martin Jürgens in diesem Jahr für den GAW-Kollektenaufruf der Hannoverschen Landeskirche. 

Diese Worte nahm Oberkirchenrat Pfr. Dirk Stelter auf, als er Jürgens von seinem Vorsitz nach vier Jahren im GAW-Hannover am Sonntag Trinitatis entband. Stelter ist Ökumenbeauftragter der Hannoverschen Landeskirche. Die Worte - so Stelter - umschreiben das, was derzeit gerade die evangelischen Gemeinden in der Ukraine erleiden. Krieg ist seit über 100 Tagen im Land. Eine Katastrophe! Unendliches Leid, Zerstörung, Todesopfer, Chaos - und kein Ende in Sicht. 

Bischof Dietrich Brauer - bis vor Kurzem Erzbischof der beiden lutherischen Kirchen in Russland - ging in seiner Predigt darauf ein. "Keine Predigt kann dem Krieg in der Ukraine ausweichen," sagte er. "Für sehr viele Menschen ist das eine Passionszeit. Der 24. Februar hat alles verändert. - Wir alle sehnen uns nach einem Ende des Schreckens. Und wir lernen neu schätzen, wie wertvoll Freiheit und Demokratie ist - und wir erfahren, dass wir uns für Freiheit, Demokratie und Frieden einsetzen müssen, dafür kämpfen müssen. Und: Uns treibt die Frage um, warum das Böse so viel Macht hat. Gott erscheint uns verborgen. Wo ist er? Wenn wir ihn suchen, dann wird unsere Suche nicht unbeantwortet bleiben. Im Gekreuzigten Christus offenbart sich Gott uns und stellt ihn uns an die Seite. Ist unser Glaube ein suchender, dann zeigt sich Gott uns gerade in ihm. Wir bauen darauf, dass Gott uns dafür seinen Geist sendet, um uns Kraft zum Suchen zu geben - und damit wir zum Segen wirken."

Pfarrer Michael Fendler - selbst eine Zeitlang Pfarrer in Russland und derzeit Berufsschulpfarrer - übernimmt in der Hannoverschen Landeskirche den Vorsitz des GAW-Hannover. Dirk Stelter führte ihn in sein Amt im Gottesdienst ein und dankte ihm ausdrücklich, dass er mit seiner Erfahrung aus der Diaspora in der Landeskirche einen wichtigen Dienst übernimmt, um die Verbundenheit und Solidarität mit den weltweiten Glaubensgeschwistern zu leben und gleichzeitig von den Erfahrungen der Diaspora zu erzählen und diese in die Landeskirche zu tragen.


Dienstag, 7. Juni 2022

Täglich um 12 Uhr um Frieden beten in Rumänien

Um 12 Uhr klingelt das Handy von Reinhard Guib, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. "Lasst uns beten", sagt er beim Runden Tisch im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Und er spricht:

"Barmherziger und gnädiger Gott, der du unsere Welt als einen Ort des Guten und des Friedens geschaffen hast, habe Dank für die vielen Jahrzehnte des Friedens in Europa und in unserem Land. Dein Sohn Jesus Christus hat den Frieden und die Liebe vorgelebt. Er ist den Weg der Versöhnung und des Kreuzes gegangen. Wir klagen vor dir allen Terror, Krieg und Blutvergießen in unserer Welt und insbesondere in der Ukraine. Wehre allem Machtgebahren das Leben zerstört und Menschenleidverursacht. Wir bitten dich, dass die Verantwortlichen in Russland und weltweit wieder an den Tisch des Dialogs zurückfinden, die Waffen ruhen lassen und den Frieden suchen, der allein Leben und Gemeinschaft möglich macht. Wir bitten dich, stehe den Menschen und Glaubensgeschwistern in der Ukraine, aber auch in Weißrussland und Russland bei. Lass uns in Wort und Tat, im Beten und Arbeiten zu Werkzeugen deines Friedens werden. Erbarme dich über uns alle und schenk uns deinen Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Amen."

Eine guttuende Unterbrechung in der Sitzung in Hannover und ein Zeichen der Verbundenheit mit allen in Rumänien, die um 12 Uhr dieses Gebet mitsprechen!

Mehr als eine Millionen Flüchtlinge sind seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine nach Rumänien gekommen. Viele sind weitergezogen. Sie haben aber erste Hilfe u.a. von der Evangelischen Kirche A.B. erhalten. Die, die bleiben wollten wurden auch in Gäste- und Gemeindehäusern der Kirche untergekommen. Ca. 80.000 Ukrainer:innen sind im Land geblieben. "Diese Zeit fordert viel von uns und wir tun alles, was möglich ist, um den Menschen zur Seite zu stehen. Dankbar sind wir für die Hilfen von unseren Partnern, u.a. vom GAW, die uns dabei unterstützen", sagt Guib. Ca. 180 Flüchtlinge hat die Evangelische Kirche A.B. aufgenommen und betreut sie derzeit.

Die Kirche ist in den vergangenen 30 Jahren kleiner geworden. 10.800 Gemeindemitglieder gehören der Kirche in  acht Gemeindeverbänden an. Von den insgesamt 234 Gemeinden sind 200  Klein- und Kleinstgemeinden. 34 Gemeinden haben zwischen 100 – 1000 Mitglieder. 33 Pfarrer:innen betreuen die Gemeinden.

Die Kirche wirbt bei den ehemaligen Mitgliedern, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz leben, dass sie zusätzlich zu ihrer Kirchenmitgliedschaft in diesen Ländern als Mitglieder in ihren ursprünglichen Heimatorten  einschreiben. Das haben bisher rund 1000 Menschen getan. Sie engagieren sich und stärken die kleinen Gemeinden in Rumänien. Einige von ihnen kommen im Sommer und leben für einige Wochen oder Monate vor Ort. 

Donnerstag, 2. Juni 2022

We choose abundant life - ein Beitrag zur Theologie der Diaspora

Eine ökumenische Gruppe von Theologie-, Geistes- und Politikwissenschaftler:innen aus den christlichen Kirchen des Nahen Ostens haben ein Diskussionspapier herausgebracht: "We choose abundant life" / "Wir wählen das Leben in Fülle". 

In dem Papier sprechen sie die Probleme und Herausforderungen der Kirchen im Nahen Osten deutlich an.

Spannend ist es, wie sich die Autor:innen in ihren jeweiligen Gesellschaften verorten. Dabei geht es auch um die Frage, wie sie sich selbst als Minderheit verstehen, denn durch die politischen Entwicklungen und die kriegerischen Konflikte haben viele Christ:innen die Region verlassen.

Das Konzept der Minderheit, mit dem oft die Situation der Christen im Nahen Osten beschrieben wird, lehnen sie ab. "Sie gehen vielmehr von der ethnischen, kulturellen und religiösen Vielfalt aus, welche den Nahen Osten seit Jahrtausenden geprägt hat und welche den immensen kulturellen Reichtum dieser Region überhaupt erst hervorgebracht hat. Die Christ:innen seien ein originärer Teil davon und keine Minderheit, die sich von einer Mehrheit abgrenzen müsse. Diese gelebte Vielfalt sei erst mit dem Fall des Osmanischen Reiches vor hundert Jahren in Schieflage geraten ... Zugehörigkeiten zu Religion, Ethnie und Clan dominierten nach wie vor und seien Nährboden für Konflikte und religiösen Fanatismus. Dieser spiele eine verheerende Rolle in der gesamten Region, weswegen sich viele Christ:innen in ihrer Existenz bedroht fühlten. Es sei allerdings ein fataler Fehler, in der Logik der religiös oder ethnisch definierten Minderheit zu verharren, die sich nur schützen könne, wenn sie entweder den Schulterschluss mit anderen Minderheiten suche oder sich kritiklos einem autoritären Regime unterwerfe." (Katja Dorothea Buck in: "Eine Welt. Magazin aus Mission und Ökumene" 31. Jg. Ausgabe 2/2022, S. 25)

Im Kontext einer Theologie der Diaspora ein wichtiger ergänzender Aspekt!

Flüchtlinge in Belarus

Mehrere Male fuhr Pfarrer Wladimir Tatarnikow aus Grodno im Winter zu einer Lagerhalle, die unweit von der polnischen Grenze liegt. Hier waren monatelang Flüchtlinge untergebracht worden. Es waren vor allem Menschen aus dem Irak, Syrien und Afghanistan, die hier festsaßen. Die Geflüchteten waren und sind Spielball in den Händen des belarussischen Diktators. Zuletzt waren etwas mehr als 1.000 Menschen, die in der Lagerhalle ausharren mussten. Ende März zwangen belarussische Soldaten sie, die Lagerhalle zu verlassen. Seitdem versuchten etliche von ihnen, die schwer bewachte Grenze zu überwinden. Es gibt Berichte, dass die belarussischen Soldaten gedroht hätten, sie in die Ukraine zu bringen, wenn sie nicht nach Polen gehen. Es ist schlimm für diese Menschen - jetzt zusätzlich durch den Krieg in der Ukraine. Sie werden kaum noch beachtet, sind aber im Land. Wie viele?  Genaue Zahlen gibt es nicht.

Pfarrer Tatarnikow in Witebsk

"Einige von ihnen waren bei uns in der Kirche. Wir haben ihnen Kleidung und Essenstüten gegeben. Sie verstecken sich in den Dörfern", berichtet Pfarrer Tatarnikow. "Zudem helfen wir jetzt vermehrt ukrainischen Flüchtlingen. Wir haben fünf Familien in Witebsk und  50 Menschen in Grodno geholfen. Mit dem Roten Kreuz und der Stadtverwaltung beraten wir über die Hilfe für Migranten aus der Ukraine. Derzeit kommen sie vermehrt hier an. Wir versuchen Lebensmittel und Kleidung zu verteilen."

Inzwischen sollen nach offiziellen Angaben 30.000 Ukrainer:innen in Belarus sein.

Das GAW unterstützt die lutherischen Gemeinden in Belarus bei ihrer Hilfe für die Flüchtlinge.

Mittwoch, 25. Mai 2022

Drei Monate Krieg in der Ukraine - 14,5 Millionen Geflüchtete

Drei lange Monate dauert der Krieg in der Ukraine schon an. 6,5 Millionen Menschen haben das Land verlassen, 8 Millionen haben innerhalb der Ukraine Zuflucht gesucht. 13 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen - auch in den schwer zugänglichen okkupierten Regionen. Die Zahl der Toten ist hoch. Genaue Zahlen gibt es nicht, weder über Zivilisten, noch über Soldaten auf der ukrainischen und der russischen Seite. Genauso fehlen zuverlässige Zahlen über Menschen, die aus der Ukraine nach Russland deportiert worden sind, und über Menschen, die Russland aufgrund des Krieges, der Sanktionen und der zunehmenden Repressalien verlassen haben. Allein den Krieg beim Namen zu nennen heißt dort Gefängnis und kritische Worte über das russische Militär sind eine Straftat.

Es ist ein Drama! Ein Horror, wie man ihn sich in Europa kaum hat vorstellen können ...

Der Krieg hat schlimme Folgen für die beiden Partnerkirchen des GAW in der Ukraine:

Von den 65 000 Mitgliedern der Reformierten Kirche in Transkarpatien haben ein Drittel das Land verlassen. Auch viele, die bisher geblieben sind, wissen nicht, wie lange noch. Zugleich sind in Transkarpatien viele Geflüchtete angekommen. 

Die lutherische Kirche (DELKU) mit Gemeinden im ganzen Land hat zwei Drittel ihrer insgesamt 1.000 Mitglieder durch Flucht verloren. Zu einigen Gemeinden in besetzten Gebieten gibt es gar keinen Zugang mehr und es ist schwer, sich eine Zukunft für sie vorzustellen - wie in Cherson oder Berdjansk. Damit können die Notleidenden dort auch keine Hilfe mehr erhalten. Auch die Gemeinden in Krywyj Rih und Saporischschja sind gefährdet.

Als GAW werden wir weiter unseren Partnern solidarisch zur Seite stehen und für sie beten!

Die Kirchen in Deutschland setzen sich intensiv mit der Ukraine, dem Krieg und den Folgen auseinander. So hat vor wenigen Tagen die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sich in einer Resolution mit den Menschen in der Ukraine solidarisch erklärt und dazu aufgerufen, die weltweiten Folgen des Krieges in den Blick zu nehmen und die Diskussion über friedensethische Themen zu verstärken. „Unsere Gedanken und Gebete sind besonders bei den Menschen in der Ukraine, die entsetzliche Gewalt und Krieg erfahren. Mit Recht verteidigen sie ihr Leben, ihr Land und ihre Freiheit. Wir halten es für legitim, sie in ihrer Verteidigung durch wirtschaftliche Sanktionen gegen den Aggressor und durch Waffenlieferungen zu unterstützen. Ziele müssen dabei ein Waffenstillstand und Verhandlungen sein, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen“, heißt es in der Erklärung mit dem Titel „Nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden streben“.

Spenden für die Ukrainenothilfe des GAW: https://www.gustav-adolf-werk.de/

Freitag, 20. Mai 2022

Frauentalk mit Wanda Falk: Jeden Tag neue Probleme lösen

Bustransport
„Mit Unterstützung eines deutschen Busunternehmens organisierten wir Transporte für ukrainische Geflüchtete nach Deutschland, genauer gesagt nach Frankfurt am Main. Dort angekommen riefen die Menschen uns an, dass sie nach Polen zurückwollten, weil in der kommunalen Aufnahmestelle unhaltbare Zustände herrschten. Es gab es zu wenige Betten und zu wenig Essen.“ Diese Begebenheit erzählte Wanda Falk, Direktorin der Diakonie Polen, beim digitalen GAW-Frauentalk am 17. Mai.

Die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine hat das Nachbarland Polen aufgenommen. Die dortige Zivilgesellschaft kümmert sich in einem großen Kraftakt um die neu ankommenden Menschen. „An manchen Tagen gelangten mehrere Zehntausend Menschen nach Warschau und brauchten sofort ein Bett“, sagt Wanda Falk. „Es gab und gibt immer noch unglaublich viel zu tun. Jeden Tag sind neue Probleme zu lösen.“

Über 50 evangelische Gemeinden in Polen nahmen Flüchtlinge auf und stellten ihnen Wohnungen zur Verfügung. Die Diakonie verteilte Essen und Sachspenden – auch in der Ukraine – und organisierte Weitertransporte für geflüchtete Menschen nach Lettland, Tschechien und Deutschland. Aktuell sammelt die Diakonie Spenden für den Kauf eines Kleinbusses zum Transport gehbehinderter und älterer Flüchtlinge. „In Zukunft wird die Herausforderung sein, nach der ersten Welle der Hilfsbereitschaft Ehrenamtliche für ein längerfristiges Engagement zu gewinnen.“

Ein weiteres Problem, von dem Wanda Falk erzählt, ist die Gefahr für Frauen und Kinder durch Menschenhändler. Deshalb müssen sich inzwischen alle Freiwilligen bei einer etablierten Hilfsorganisation registrieren lassen.

Eine Teilnehmerin fragt, ob immer noch Geflüchtete aus dem Irak und Afghanistan über Belarus nach Polen kämen. Ja, auch von dort kämen weiterhin Menschen, sagt  Wanda Falk. Aber die Hilfe für sie ist inzwischen sehr schwierig bis unmöglich geworden, weil der polnische Staat einen Grenzzaun errichtet hat. Menschen irren in den Wäldern herum, einige sind bereits an Erschöpfung und Kälte gestorben. Es sei eine humanitäre Katastrophe, beklagt die Diakoniedirektorin.
 
Notunterkunft in einer Gemeinde




Donnerstag, 19. Mai 2022

Geflüchtete Roma in Prag

In Tschechien sind mehr als 200.000 Flüchtlinge aus der Ukraine angekommen. Bislang wurden die Flüchtlinge aus der Ukraine mit offenen Armen und Türen empfangen. Geflüchtete kamen in Hotels und öffentlichen Notunterkünften unter, viele Tschechen nahmen Ukrainer in der eigenen Wohnung auf. Das Land war stolz auf sich, auf eine in Tschechien so nicht gekannte Hilfsbereitschaft für Menschen auf der Flucht.

Beeindruckt davon zeigte sich auch Pfarrer Michael Pfann, ein ehemaliger Stipendiat des GAW. Aber schon kurz nach Kriegsausbruch warnte er, dass die Stimmung leicht kippen könne.

Eine solche Situation scheint jetzt am Prager Hauptbahnhof zu entstehen. Hier campieren derzeit an die 500 Flüchtlinge aus der Ukraine unter völlig unzureichenden Bedingungen. Sie sind hier gestrandet. Einige wurden abgeschoben in Internierungslager für illegale Flüchtlinge. Es gibt Ressentiments: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/tschechien-roma-fluechtlinge-101.html

Die geflüchteten Roma kommen in der Regel aus der Westukraine. Davon berichtet auch der reformierte Bischof Zán Fábián aus der Ukraine. In seinem Ort Wary/Mezövári ist die Arbeit mit den Romakindern zusammengebrochen, weil viele das Land verlassen haben. In der Ukraine leben sie tief unter der Armutsgrenze, in Tschechien erhält jeder Flüchtling monatlich 200 € an staatlicher Unterstützung. Eine Familie kann auf diese Art eine hohe Summe monatlich erhalten, die in der Heimat undenkbar wäre. Inzwischen gibt es Diskussionen in der tschechischen Politik, wie man sich dieser Herausforderung stellt. Doch sollte man den Roma unterstellen, sie kämen nur wegen des Geldes, während man bei allen anderen annimmt, dass sie in erster Linie vor dem Krieg fliehen? Äußern sich da nicht Jahrhunderte alte Vorurteile gegen Roma? Geht es nicht viel mehr um individuelle Menschen?

Um etwas gegen diese Ressentiments zu tun, hat nun auch der Pfarrer für Minderheitsfragen der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB), Mikuláš Vymětal, mit dem Synodalsenior Pavel Pokorný den Bahnhof besucht. Die Kirche setzt sich sehr für ausgegrenzte Minderheiten ein. Das ist dringend notwendig.

Das GAW steht mit der EKBB in dieser Frage derzeit in Kontakt. Der Pfarrer für Minderheitenfragen wird auch mit Hilfe des GAW unterstützt: https://gustav-adolf-werk.1kcloud.com/ep1Ezbrv/#196