Freitag, 18. Oktober 2019

Glaube braucht Begegnung und Gemeinschaft - ein Freizeitzentrum der IERP

Sanierung der Schlafräume in Santa Rosa del Monday
Glaube braucht Begegnung und Gemeinschaft - das ist das Motto der Begegnungsstätte in Santa Rosa del Monday. Die Gemeinde nutzt die Räume für ihre Kinder- und Jugendarbeit und Familientage, um die Gemeinschaft untereinander zu stärken. 

Das Gelände etwas außerhalb der Stadt wurde der Gemeinde von einer Familie geschenkt. In verschiedenen Etappen wurden ein großer Saal und verschiedene Gebäude zum Übernachten errichtet. Die wurden mit Hilfe des GAW aus dem Projektkatalog 2012 fertiggestellt. jetzt können 100 Personen an Freizeiten teilnehmen. "Und wenn wir zusammenrücken und noch an allen denkbaren Orten Matratzen hinlegen, dann können es auch 120 Personen werden," sagt Pastorin Mariella, die mit ihrem Mann die Gemeinde, zu der vier Filialgemeinden gehören betreut.

Die Gemeinde in Santa Rosa del Monday geht zurück auf die Einwanderung von Deutschbrasilianern aus dem Süden Brasiliens. Es wurde nach neuen Lebensgrundlagen gesucht, die man in Paraguay erwartete. Die Wahrung der lutherischen Identität spielte für sie eine große Rolle. Deshalb besuchte zunächst ein brasilianischer Pfarrer die Gemeinde. Bald kamen aber Vetreter der IECLB und der IERP überein, dass die Betreuung der Siedler von der IERP aus geschehen muss. Seit 1979 ist die Gemeinde offiziell registriert und Teil der Evangelischen Kirche am La Plate (IERP). Es Zentrum für die Protestanten der Region. Insgesamt gehören 350 Familien dazu.

Inzwischen wird das Zentrum auch an andere christliche Gemeinden vermietet, so dass die Gemeinde dringend notwendige Einnahmen zum Erhalt des Zentrums hat.

Allen Spendern sei gedankt im Namen der Gemeinde.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Ohne Fußball geht es nicht

Evangelisches Fußballfeld
Das gilt für die evangelische Gemeinde der IERP in Santa Rita Paraguay auf jeden Fall. Direkt an die Kirche ist ein überdachtes Fußballfeld vor einigen Jahren gebaut worden. Mindestens vier Mal in der Woche wird hier Fußball gespielt. So kommen Menschen aus der Umgebung, um hier gemeinsam Sport zu machen - und nebenbei lernen sie die Kirche kennen. Ein Gemeindemitglied kümmert sich darum. Er zahlt der Gemeinde dafür monatlich 300 Euro. Eine willkommene Einnahmequelle für die Gemeinde Dies ist um so wichtiger, als die Gemeinde einiges vorhat. Ohne Fußball geht es jedenfalls nicht so gut.

"Unsere Filialgemeinde ist in den vergangenen 10 Jahren von 60 Familien auf 120 Familien
angewachsen. Wir brauchen deshalb mehr Platz. Insbesondere für unseren Kindergottesdienst. Da kommen mindestens 15-20 Kinder zusammen!" sagt Pastorin Mariella, die mit ihrem Mann Armando Weiß die aus fünf Filialgemeinden bestehende Gemeinde Santa Rosa del Monday betreut. Santa Rita ist eine dieser Gemeinden.

Santa Rita ist eine wachsende Stadt und interessant für junge Familien. Das wirkt sich positiv auf das Gemeindeleben aus. 

Wie in den IERP-Gemeinden der Region stammen die meisten der Gemeindemitglieder aus Brasilien. Ab den 70er Jahren wanderten vermehrt Brasilianer nach Paraguay ein. Hier wurde ihnen Land angeboten. Viele haben es durch viel Arbeit zu einem guten Auskommen gebracht. Die Kirchengemeinden spielen für viele von ihnen eine wichtige gemeinschaftsstiftende Rolle. "Glaube ohne Gemeinschaft - das geht nicht!" betont Mariella.

Und wenn dann noch der Fußball das Seine leistet...

Aus einer Pfingstkirche wird eine IERP-Kirche

Mario Gerhardt aus Los Cedrales
Was wären Kirchengemeinden der Iglesia Evangélica del Rio de la Plata (IERP) ohne Menschen wie Mario Gerhardt? 2001 hat er seiner Kirchengemeinde in der 10.000 Einwohnerstädtchen Los Cedrales einfach eine Kirche geschenkt. Eine Pfingstgemeinde hatte die Kirche ihm zum Kauf angeboten, denn die Mitglieder dieser Gemeinde wanderten nach Brasilien zurück. Viele Brasilianer aus Südbrasilien hatte es seit den 1960er Jahren nach Paraguay gezogen, weil es in Brasilien nicht mehr genügend Land in den Familien gab. Alto Parana, die Region nahe der brasilianischer Grenze, ist inzwischen von ihnen geprägt. Auch Mario Gerhardt kommt aus Brasilien, dem  südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul. Man wusste, dass er ein engagiertes Kirchenmitglied der IERP war.
Vor der IERP-Kirche in Los Cedrales
Mit Landwirtschaft hat er es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. 150 Hektar land bewirtschaftet er. Neben Soja baut er Weizen und Mais an und betreibt auch noch Viehzucht. Nach und nach ist sein Betrieb größer geworden.

Mario engagiert sich sehr für seine Kirche. Lange Jahre war er Gemeindepräsident der Gesamtgemeinde Santa Rosa de Monday mit sieben Filialgemeinden. Ihm ist es wichtig, die Gemeinde zusammen zu halten. Sieben Familien gehören zur Filialgemeinde in Los Cedrales. Zwei Mal im Monat kommt der Pfarrer oder die Pfarrerin zum Gottesdienst. Dazu gibt es regelmäßig Bibelstunden. Das Angebot, die Kirche zu erwerben kam wie gerufen. Nun gibt es einen sichtbaren Ort für die Evangelischen der IERP. Und man spürt Mario ab, wie sehr im wichtig ist, dass die kleine Gemeinde in Los Cedrales einen Kirchraum hat.

Dienstag, 15. Oktober 2019

Das Recht auf Leben, Glauben, Kultur - die indigene Missionsarbeit der IECLB

Indigene der Apurina
Die Amazonasregion wird sich nach kürzlichen Aussagen des brasilianischen Präsidenten nicht in einen „Öko-Park für die Welt“ verwandeln. Damit bleibt er bei seiner Linie, die letztlich Großgrundbesitzer ermutigt, den Regenwald weiter zu dezimieren - und damit auch der indigenen Bevölkerung Lebensraum zu nehmen. Sie spüren die Auswirkungen der neuen Politik am Schärfsten. Dabei nutzt der brasilianische Präsident auch bewusst indigene Führer, mit Versprechungen, dass es ihnen wirtschaftlich besser gehen könnte, indem er ihnen Angebote und Versprechungen macht, wie: "Euch könnte es so gut gehen wie uns...!"-  Bewusst werden in indigene Gruppen Konflikte hinein getragen. Letztlich geht es dabei um Manipulationen, Geld und Macht. Teilweise hat Bolsonaro damit Erfolg, weil sich Menschen verführen lassen - egal woher sie kommen und wer sie sind.

In Brasilien gibt es 305 anerkannte indigene Völker mit 274 verschiedenen Sprachen. Nach der letzten Zählung gibt es noch ca. 900.000 Indigene. 

COMIN - die indigene Missionsarbeit der brasilianischen lutherischen Kirche - nimmt sich bewusst der indigenen Bevölkerung an. Sie tut das auch, weil sie selbst Teil der Geschichte der Vertreibung der indigenen Bevölkerung ist. Als die deutschen Siedler in Brasilien landeten, rodeten sie den Urwald mit den Folgen der Vertreibung der indigenen Gruppen.

COMIN hat sich zum Ziel gesetzt, die Rechte der indigenen Minderheit zu stärken, ihr
Renate Gierus von COMIN
Selbstwußstsein zu fördern, ihre Kultur und Sprache zu bewahren, alte indigene Kunsthandwerke wieder zu beleben und ihre Kultur und Religion zu achten. In der Geschichte seit der Eroberung Lateinamerikas wurde ihnen immer wieder eingebläut, dass sie weniger wert sind, nicht dazugehören. Das hat viel mit ihnen gemacht. Viele sind den Weg der Anpassung gegangen. Demgegenüber setzt COMIN auf eine Stärkung ihrer Kultur und Religion. "COMIN versteht seine Missionsarbeit auch als Dialog und Ermutigung zum interreligiösen Dialog. Auch gegen die derzeitige Politik, die dem christlichen Glauben an erste Stelle setzt und andere abwertet", sagt Renate Gierus, Leiterin von COMIN. "In unserer Kirche gibt es leider auch Menschen, die meinen, dass nur im christlichen Glauben die einzige Wahrheit steckt und vergessen dabei, dass nur Christus die Wahrheit ist. 

Damit folgt die Arbeit von COMIN dem ökumenischen Dokument aus 2011 "Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt": "Christ*innen sind aufgerufen, sich zu verpflichten, mit allen Menschen in gegenseitigem Respekt zusammenzuarbeiten und mit ihnen gemeinsam Gerechtigkeit, Frieden und Gemeinwohl voranzutreiben. Interreligiöse Zusammenarbeit ist eine wesentliche Dimension einer solchen Verpflichtung." (Prinzipien N° 8)

COMIN leistet genau dies durch seine Bildungsarbeit in Workshops und Bewusstseinsbildung.

Das GAW hat in den Projektkatalogen 2016-18 diese Arbeit unterstützt.

Wir müssen eine missionarische Kirche sein.

Brasilien und die Gemeinden der IECLB
"In einer polarisierten Gesellschaft, die von einer populistischen Politik geprägt ist und in der mit Post-Fakten Wahrheit manipuliert wird und die eigenen Interessen im Vordergrund stehen, ist es eine große Herausforderung, Kirche zu sein", bekennt der Generalsekretär der lutherischen Kirche (IECLB) Pastor Marcos Bechert im Gespräch mit dem GAW, als er die aktuelle Situation in seinem Land beschreibt. "Wir sind als Kirche dabei aufgerufen, die Einheit zu wahren. Für unsere Kirchenpräsidentin heißt das, dass sie allen Gruppen und Strömungen in der IECLB erst einmal zuhören will. Das ist nicht immer einfach, denn all die Polarisierungen in der Gesellschaft finden sich auch in der Kirche wieder. Derzeit ist Zuhören wichtiger, als zu den zahlreichen politischen Themen deutlich in der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen. Das würde zusätzliche Spannungen in die Kirche bringen." Marcos Bechert erläutert das am Wahlverhalten in der Kirche. Zur Kirche gehören derzeit 650.000 Mitglieder. 1225 Pastor*innen arbeiten in der Kirche. Von ihnen haben 3/4 gegen den derzeit amtierenden Präsidenten gestimmt. Das Wahlverhalten der Gemeindemitglieder war dagegen umgekehrt. Das ist in den Gemeinden manchmal nicht einfach. Allerdings scheint die Stimmung langsam zu kippen. Die Zustimmungswerte für den Präsidenten sind auf 30% zurückgegangen. Man spürt, dass es einfache Lösungen nicht gibt, wie es der Präsident vorgibt. 

In diesem Kontext Kirche zu sein ist eine Herausforderung. "Wir sehen die rückläufigen Zahlen und wissen, dass wir als Kirche missionarisch sein müssen," sagt Marcos. "Im kommenden Jahr lautet deshalb das Jahresthema. "Das Amt aller Getauften". Es soll zeigen, dass die Mission der Kirche von allen getragen sein muss." Er erläutert das missionarische Verständnis der IECLB. Die vier zentralen missionarischen Punkte sind: Kirche muss evangelisieren und Zeugnis in der Welt von ihrem Glauben geben, denn das Evangelium soll das Herz aller Menschen erreichen. Kirche muss Gemeinschaft leben. Kirche muss den Glauben feiern. Kirche muss sich diakonisch in Dienst nehmen lassen. Diese vier Kernpunkte sind unerläßlich und immer wieder bis auf Gemeindeebene mit Leben zu füllen und nachgedacht werden, ob es sich im Gemeindeleben zeigt. Gleichzeitig müssen diese vier Kernpunkte durch drei "Achsen" begleitet und durchzogen werden: Als missionarische Kirche müssen wir unsere uns anvertrauten Menschen bilden, miteinander kommunizieren und nachhaltig leben.
Auf die konkrete Frage, wie sich das bei tagespolitischen Fragen wie z.B. den
Gespräch in der Kirchenleitung der IECLB;
ganz links Marcos Bechert
Bränden im Amazonas zeigt, wird die Herausforderung für die Kirche deutlich. Es gibt Gemeinden, die davon in der Vergangenheit gelebt haben, dass sie im Amazonaswald gebrannt haben, um Land zu gewinnen. das waren Kleinbauern. heute sind es in der Regel die großen industriellen Agrarbarone, die Rinder züchten und in großen Flächen Soja anbauen. Es gibt aber Gemeinden, die befürworten, dass Land genommen wird. Da dann Stellung zu beziehen und etwas zu sagen ist nicht einfach, denn die Pastoren sind abhängig von ihren Gemeinden. Sie bekommen ihr Gehalt direkt von ihnen. Zu diesem aktuellen Thema gibt es andere Themen, die auch in die missionarischen Herausforderungen gehören. "Wenn wir das Wort Gottes verkünden, dann kann uns nicht egal sein, wie es der Mehrheit der Menschen im Land geht. Die Armut wächst, der Rassismus grassiert, 30% der Jugendlichen erreicht nicht das Alter von 30 Jahren, die Umweltzerstörung und -verschmutzung ist gravierend, die Gesundheitsversorgung ist nicht flächendeckend gegeben, der Bildungsstand ist sehr niedrig.


"Wir sind eine brasilianische Kirche und es ist nicht egal, wie es den Menschen in unserem Land geht. Wir wollen Kirche für die Menschen sein und an ihrer Seite stehen und sie alle ermutigen, Zeugnis zu geben!" sagt Marcos Bechert.

Montag, 14. Oktober 2019

Minderheiten müssen durch den Rechtsstaat geschützt werden

"Als Minderheit brauchen wir Demokratie und Rechtsstaatlichkeit," das sagte eine Mitarbeiterin der lutherischen Kirche in Polen. "Ohne das haben wir keine Chance zu überleben, denn dann werden sukzessive unsere Rechte in der Gesellschaft als gleichberechtigte Partner beschnitten und andere Dinge wie der Volkeswille oder der Wille eines starken Mannes entscheiden über das, wer dazugehört und wer nicht."

Diese Sätze habe ich dieses Jahr in Polen gehört. In ähnlicher Weise erzählen davon unsere Ansprechpartner in der lutherischen Kirche in Brasilien. "Gerade der letzte Walhkampf um das Präsidentenamt hat durch den Sprachduktus Gewalt befördert!" sagen Theologiestudenten in Sao Leopoldo. "Die Sprache richtet sich gegen Minderheiten: Gegen Flüchtlinge aus Afrika oder Venezuela, gegen Menschen dunkler Hautfarbe, gegen Indigene, gegen Frauen und natürlich gegen Homosexuelle. Die Situation hat sich verschlimmert und der derzeitige Präsident Bolsonaro tut alles, um die Gesellschaft damit weiter zu spalten," wird uns berichtet. "Das reicht dann auch in die Familien hinein. Es kommt zum Streit und man kann gar nicht mehr offen über Probleme und Herausforderungen in der Gesellschaft sprechen. Und gerade Minderheiten und ihr Schutz gerät bei diesen populistischen und teilweise faschistischen Tendenzen unter die Räder!"

Es braucht eine Stärkung des Rechtsstaates - und keine Beugung des Rechts. Es braucht ein ringen und Kämpfen für Demokratie und kein Demokratieabbau. das jedenfalls sagen uns weltweit viele GAW-Partner.

Samstag, 12. Oktober 2019

Cracksüchtige in São Paulo

Cracolândia
"Ich möchte, dass ihr das wenigstens einmal mit eigenen Augen gesehen habt," sagt Pastor Federico Ludwig als er mit seinem Auto auf dem Weg zu einem Gemeindeausflug abbiegt. Nicht weit von der Lutherkirche im Stadtzentrum entfernt lenkt er den Wagen anfangs an auf dem Boden liegenden Drogenabhängigen vorbei. Dann werden es immer mehr. Plötzlich in einem Straßenzug ist alles überfüllt von Menschen, die heruntergekommen sind, ausgemergelt und kaputt. Lauter Crack-Abhängige, die sich hier zusammengefunden haben. "Das ist Cracolândia," sagt Federico. Ein beißender Gestank liegt in der Luft aus Kot und Urin. Seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich hier eine weltweit einmalige Situation entwickelt vor der die Stadtregierung ratlos davorsteht. Hat man immer mal wieder versucht mit Programmen, die Menschen von der Strasse und diesem Elend wegzubekommen und sie wieder zu integrieren gab es jedoch meistens eine Politik der harten Hand. Mit Polizeigewalt versucht man Cracolândia immer wieder aufzulösen. Man
verschob damit immer nur das Problem. Nach kurzer Zeit fanden sie sich in einem anderen Straßenzug wieder zusammen. Die Politik der neuen Bundesregierung unter Bolsonaro wird die Situation eben so wenig in den Griff bekommen. Bestrafung steht hier an erster Stelle, das Recht auf Gesundheit wird verletzt. Polizeigewalt und Repressionen sollen wirken. Nur - die Vergangenheit in Cracolândia hat gezeigt, dass das nicht funktionieren wird.
Crack ist in Brasilien weit verbreitet. Rund eine Million der gut 200 Millionen Einwohner des Landes sind süchtig – ein tragischer Weltrekord. Wer sich in den Schlingen der Droge verfängt, verliert erst seinen Job, dann die Familie und landet in der Regel auf der Strasse. Die heruntergekommenen Stadtquartiere, in denen besonders viele Cracksüchtige leben, heissen umgangssprachlich Cracolândia, Crackland. Es gibt sie auch in anderen Grossstädten wie Rio de Janeiro, Manaus und Salvador. In Sao Paulo ist es weltweit jedoch einmalig.
"Ich rechne damit, dass auch hier sich die Situation verschärfen wird, denn die schlechten wirtschaftlichen Aussichten haben Folgen für die Menschen," sagt Federico. 

Freitag, 11. Oktober 2019

Kirche ist Zuflucht und zu Hause! - Obachlosenarbeit in São Paulo

Andacht mit den Menschen der Strasse
"Hier ist das Haus Gottes. Hier bin ich zu Hause" - singt am Freitag Nachmittag eine besondere Gottesdienstgemeinde im Kirchhof der Lutherkirchengemeinde in São Paulo. 150 Menschen haben sich versammelt. Die meisten sind Männer. Obdachlose - ohne zu Hause. Menschen der Strasse. Ab 13 Uhr kommen sie langsam an. In das zu Hause, das auch ihnen gehört. Sie können sich duschen, die Sanitäranlagen der Kirchengemeinde benutzen. "Es gibt in ganz São Paulo keine öffentlichen Toiletten!" sagt empört Pastor Federico Ludwig. Vor 20 Jahren begann er im Stadtzentrum der Millionenmetropole mit der Obdachlosenarbeit. Als er Pastor der
Essensausgabe 
Gemeinde wurde, da sagte man ihm: "Hier ist ein Schachtel mit Münzen. Du kannst den bettelnden Obdachlosen etwas geben. Dann sind sie weg und stören nicht mehr." - "Das war der Anstoß für mich, dass sich was ändern musste im Gemeindeleben!" sagt er mit einem Lächeln. Er begann samstags die Tore zum Kirchhof zu öffnen. "Wir luden unsere Brüder der Straße ein, um mit ihnen zu sprechen und ihre Geschichten zu hören. Es begann mit 3, 4 Männern.- Frauen der Strasse trauen sich wohl nur wenige - dann wurden es langsam immer mehr. Es sprach sich herum, dass hier ein friedlicher Ort war zum Ausruhen, Zuhören und gemeinsamem Essen," erzählt Federico. "Irgendwann fragte mich einer: Warum beten wir nicht mal." So begann Federico seine Freitagnachmittage vor der Essensausgabe mit einer kleinen Andacht. Das gehört zum Programm. Viele machen mit, beten das Vaterunser und sind dankbar, dass sie gesegnet werden. Hier ist ihr zu Hause! In der halb zerstörten Kirche
steht über dem Altarraum: "Gott - du bist meine Zuflucht für und für!" Das erleben die Menschen der Strassen São Paulos hier an diesem Ort - bis dahin, dass sogar ihre Papiere, Dokumente und Urkunden sicher im Gemeindebüro verwahrt werden. Von 300 Obdachlosen sind diese Dinge gut
Dokumente der Obdachlosen
aufbewahrt, dass sie nicht verloren gehen.
Und dann erzählt Federico: "Das Bewegendste nach der Zerstörung unserer Kirche war, dass viele Gemeindemitglieder fragten: Wann und wie können wir denn jetzt unseren Geschwistern von der Strasse unseren Kirchhof öffnen? Sie fragten nicht zuerst, wann wir die Kirche wieder aufbauen. Da habe ich gespürt, dass diese Arbeit zur Identität unserer Gemeinde gehört. Und genauso soll es sein! Das ist unsere Mission im Herzen São Paulos!"

Seit die Kirche eingestürzt ist kennt man uns...

Lutherkirche São Paulo
"Seit die Kirche eingestürzt ist kennt man uns!" erzählt Federiko Ludwig, Pastor der Lutherkirchengemeinde in São Paulo, der 12,5 Millionen Metropole Brasiliens. Mitten in der Innenstadt liegt die lutherische Gemeinde, zu der 500 Familien gehören. Sie ist mit 11 Jahren die älteste lutherische Gemeinde der Stadt. Sechs weitere gibt es in der 12,5 Millionen- Metropole São Paulo. Sie ist quasi die Muttergemeinde. Die Stadt ist im Laufe des letzten Jahrhunderts stark gewachsen. Irgendwann stand ein 21-geschössiges Hochhaus direkt neben der alten Kirche, die inzwischen unter Denkmalschutz stand. Die Bundepolizei war eine zeitlang hier untergebracht. Als sie aus dem Gebäude rausging blieb das Gebäude leer. Verarmte Wohnungslose der Stadt haben dann Stück für Stück das Hochhaus besetzt. Nichts mehr wurde an dem Gebäude getan. Die Abwasserprobleme und Mosquitos setzen deshalb auch oft den Gottesdienstbesuchern der Lutherkirche zu. Dann kam der entscheidende: Am 1. Mai brach in dem Hochhaus ein Feuer aus. In Windeseile breiteten sich die Flammen aus. Die Feuerwehr, die schnell zur Stelle war konnte nichts mehr tun. Das Gebäude stürzte nach 1 1/2 Stunden ein. Man schätzt, dass es ca. 30 Tote gab. Genaue Zahlen kennt niemand, Unter ihnen waren auch Flüchtlinge aus Afrika und Haiti. Das Hochhaus begrub auch die Hälfte der Lutherkirche. "Auf einmal waren wir in aller Munde!" betont Federico, der seit
Die beiden Pfarrer der Gemeinde: Jonathan Klebber
und Federico Ludwig
21 Jahren Pfarrer der Gemeinde ist. "Immer wieder wurden die Bilder gezeigt und unsere zerstörte Kirche!" Was tun? Die Frage stellte sich nun. Schadensersatz vom Besitzer des ehemaligen Hochhauses ist kaum zu erwarten, da nicht klar ist, ob das Hochhaus der Regierung oder der Kommune gehörte. Der Rechtsstreit kann sich lange hinziehen. Ca. 1 Millionen Euro kostet der Wiederaufbau. Der Gemeinde war klar, dass sie sich daran machen muss. Gerade hatte sie eine wichtige Renovierungsetappe der Kirche beendet - dann das... Aber die neue Aufgabe ließ auch plötzlich neue Kräfte frei. Die Hälfte des Gelder war bald zusammen. "Ostern 2020 wollen wir auf jeden Fall in der wiederaufgebauten Kirche feiern, auch wenn mit Sicherheit noch nicht alles fertig sein wird!" sagt Federico. 
das GAW hat sich bisher mit 10.000 Euro am Wiederaufbau beteiligt.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Über die Reformierte Kirche Kroatiens

Heute erschien in der Sächsischen Kirchenzeitung DER SONNTAG ein Interview mit dem Bischof der Reformierten Kirche Kroatiens Péter Szenn: "Da unsere Kirche so winzig ist und wir größtenteils in zweifacher, in einer religiösen und in einer sprachlichen Minderheit leben, ist unseren Mitbürgern nicht imme rganz klar, wer wir überhaupt sind. Diese Tatsache bietet aber zugleich für uns die Möglichkeit zum Bekenntnis!"

Die Kirche hat ca. 4.000 Gemeindeglieder in 23 Gemeinden (hauptsächlich in Slawonien und der Baranaja). Sieben Pfarrer und drei Pfarrerinnen dienen in den Gemeinden.

Dienstag, 8. Oktober 2019

Was wären wir auch in Kirche ohne Fußball...

"Evangelisches" Fußballfeld in Santa Rita
Ein Glück, dass es Fußball gibt. Da kommt man schnell ins Gespräch - weltweit! Auch wenn sich am Fußball die Geister scheiden. Gerson, der Präsident der Gesamtgemeinde Santa Rosa de Monday zum Beispiel zu der Santa Rita gehört, ist als brasilianischer Paraguayer natürlich für Brasilien. Einer seiner schlimmsten Tage im Leben war die Niederlage Brasiliens gegen Deutschland. Als ich ihm 7 Finger hinhalte, da weiß er sofort, auf welches Ergebnis anspiele. Zum Glück kann er jetzt darüber lachen.

In einer seiner Filialgemeinden in Santa Rita gibt es einen Fußballplatz, der vier Mal in der Woche vermietet wird. Das sorgt für regelmäßige Einnahmen monatlich für die Gemeinde. Die braucht sie - gerade jetzt. Denn es wird ein neuer Kindergottesdienstraum gebaut und das Gemeindezentrum erweitert. 

"Die Unterstützung vom GAW aus dem Jahr 2018 war für uns eine enorme Hilfe. Ohne diese Hilfe hätten wir nicht anfangen
Evangelische Gemeinde in Santa Rita
können. Sie ist aber wichtig, denn die Gemeinde wächst," sagt 
Gerson. Und Pastorin Mariella ergänzt: "Die Gemeinde ist in den vergangenen 10 Jahren um das Doppelte gewachsen. Inzwischen gehören 110 Familien zur Gemeinde."

Die Gemeinde Santa Rita liegt etwas südlich der Wasserfälle von Iguazu. Das Wachsen hat verschiedene Gründe: Neben der Migration in die Stadt, die sehr attraktiv ist für viele Menschen, ist das gemeindliche Angebot besonders für Familien sehr ansprechend. Auf Grund des Wachstums der Gemeinde und der Erwartung, dass dieser Trend auch in Zukunft anhalten wird, hat sich die Gemeinde deshalb entschlossen, ihren Kirchraum zu erweitern. Es kommt öfter vor, dass der Platz im Kirchraum nicht ausreicht und Gottesdienstbesucher draußen vor der Kirchentür dem Gottesdienst folgen müssen. Zudem ist die aktuelle Situation für den Kindergottesdienst sehr schwierig, da auch hierfür der Raum zu klein ist. Die Kinder können weder singen noch spielen, wenn parallel der Gottesdienst der Gemeinde stattfindet.

Im neuen Kindergottesdienstraum
Das wird sich jetzt in Kürze ändern. In einem Monat sollen die Umbaumaßnahmen zu Ende sein.

Unter dem Namen „Wir sind mehr“ („Somos más“) hat die Gemeinde einen Plan erarbeitet, um das Kirchengebäude den wachsenden Bedürfnissen der Gemeinde anzupassen, und um damit dem „Evangelium mehr Raum zu geben“. 

Und wenn der Fußball auch seinen Platz hat: Was will Mann und Frau mehr - inzwischen spielen übrigens auch Frauen der Gemeinde immer montags Fußball...

Sanierung eines Gemeindezentrums in Cascavel (Brasilien)

Lutherische Gemeinde in Cascaval
"Wir konnten unser Gemeindezentrum in Cascavel in zwei Etappen sanieren. Jetzt ist alles erledigt dank der Unterstützung durch das GAW!" schreibt Gemeindepräsident Paulo Franke. Das Gemeindezentrum wurde 1966 erbaut. Es musste dringend renoviert werden. In der ersten Etappe wurden die Sanitäreinrichtungen renoviert. In der zweiten Etappen wurden die Gemeinderäume, die für die verschiedenen Gruppen- und Gemeindeaktivitäten gebraucht werden, saniert. Dafür sammelte das GAW im Projektkatalog 2017 9.000 Euro.
"Die Hilfe des GAW hat uns gefreut und gestärkt. Es ist uns sehr wichtig, dass wir miteinander in der Mission Gottes arbeiten. Deswegen danken wir sehr für die finanzielle Unterstützung. Die Räume haben eine besondere Bedeutung für unsere Gemeinschaft und für unseren diakonischen Dienst, denn in dem Mehrzweckraum halten wir jeden Sonntag
Saniertes Gemeindezentrum Cascaval
den Kindergottesdienst. Aber dieser Raum dient auch dem Generationenprojekt mit ihrem Musikunterricht. Und noch, dort versammelt sich auch eine Gruppe der Narcotics Anonymous, die dreimal in der Woche sich treffen."

Sechs Familien gründeten im Jahr 1956 die evangelische Gemeinde in Cascavel. Heute gehören ihr 1.000 getaufte Mitglieder an und noch fünf weitere Predigtstätten. Genau im Zentrum der 310.000 Einwohner zählenden Stadt befindet sich das Gemeindezentrum. 

Die Aktivitäten der Gemeinde sind vielfältig und beginnen bei den wöchentlichen Gottesdiensten und den Kasualien. In der Seniorenarbeit gibt es einen Besuchsdienst, Vorträge und eine Tanzgruppe. Die Frauengruppe ist sehr aktiv in der Begleitung Notleidender, den Besuchen Alter und Kranker und eines Handarbeitskreises. Mit einem Musikprojekt für Kinder und Jugendliche wirkt die Gemeinde in die Kommune hinein. 

Die verschiedenen Gemeindegruppen organisieren im Laufe eines Jahres für die gesamte Gemeinde Feste, um den Zusammenhalt zu stärken. 
"Wir bitten, dass Gott das GAW weiterhin segnet. Unsere Gemeinde hat sehr viel über Solidarität gelernt, sodass wir jetzt auch andere Brüdern und Schwestern in Not helfen. Wir danken allen Spendern!" schreibt Paulo Franke.

Montag, 7. Oktober 2019

Ein Pfarrhaus in Santa Leopoldina (Brasilien)

Beginn des Pfarrhausbaus in Santa Leopoldina
"Wir brauchten dringend ein zweites Pfarrhaus in unserer Gemeinde in Santa Leopoldina! Das ist uns gelungen dank der Hilfe des GAW!" schreibt Pfarrerin Ivanda Keller. "Damit kann die Gemeinde weiter wachsen!"  

Die Gemeinde hat viel getan, um selbst ihren Beitrag zu leisten. So wurde das Grundstück von einem Gemeindemitglied zur Verfügung gestellt. 

Santa Leopoldina wurde 1856 von Schweizer Immigranten gegründet. Schon kurze Zeit später folgten im Jahr 1857 ca. 200 Immigranten von Deutschland und Luxemburg. Den ursprünglichen Namen, „Cachoeiro de Santa Leopoldina“, bekam die Gemeinde 1860 von der Mutter des Kaisers von Brasilien Pedro II., Maria Leopoldine, Erzherzogin von Österreich. In Santa Leopoldina – einer „Oase im Regenwald“ - leben 13.000 Menschen. Davon gehören 2.000 zur evangelischen Gemeinde.

Fertiges Pfarrhaus in Santa Leopoldina
Zum vereinigten Pfarrbezirk in Santa Leopoldina, der seit 2015 von Pastorin Ivanda Keller betreut wird, gehören neun Orte. Die Gemeinde hat sich in dem wachsenden Ort viel vorgenommen. Sie will in die Stadt hineinwirken. In unmittelbarer Nachbarschaft wird eine Schule erweitert, die bald 1.200 Schüler haben wird. Darin sieht die Gemeinde große Chancen. Sie will die Beziehung zu dieser Schule stärken und ausbauen, um damit in der Region bekannter zu werden. Eine lebendige Kinder- und Jugendarbeit prägt das Gemeindeleben. Wichtig ist auch die Posaunenmissionsarbeit.

"Wir wissen, das wir noch Viele Herausforderungen vor uns haben, doch mit Gottes Hilfe schaffen wir es, zum lobe Gottes!" schreibt Ivanda Keller.

Das GAW hat € 10 000 zur Verfügung gestellt. Allen Spendern sei herzlich gedankt!

Dienstag, 1. Oktober 2019

Kirche in dieser Welt sein

Theologisches Treffen der KEK in Finnland
Es ist gut, dass evangelische Kirchen an Treffen der "Konferenz Europäischer Kirchen" (KEK/CEC) teilnehmen - wie jetzt gerade in Finnland vom 24.-26. September. Aus den Ökumeneabteilungen verschiedenster Kirchen trafen sich Vertreter der KEK-Mitgliedskirchen. Aus Partnerkirchen des GAW nahmen aus der Evangelische Kirche der Böhmischen (EKBB) Brüder Oliver Engelhardt und aus den beiden ungarischen Partnerkirchen Ódor Balázs und Dr. Klára Tarr teil. Für evangelische Diasporakirchen ist es wichtig, gesehen zu werden, teilzuhaben und sich gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Dabei geht es immer um die Frage, wie wir als Kirche in dieser Welt sicht- und hörbar uns einbringen und wie wir auf evangelische Weise zeigen können, was christlicher Glaube im Zusammenspiel mit Christen anderer Konfessionen zum Wohle aller beitragen kann.

In Finnland ging es um Fragen der Ekklesiologie und der Mission - und es ging gerade darum, aufeinander zu hören und von- und miteinander zu lernen. Eine große Herausforderung sieht die KEK unter anderem darin, wie die in Europa historisch seit langer Zeit verwurzelten Kirchen mit sog. "Migrationskirchen" und ethnischen Minderheitskirchen ökumenisch zusammenarbeiten und Gemeinschaft leben können.

Eine große Herausforderung in Zukunft für die KEK wird es sein - so ein Ergebnis der Tagung - wie man missionarische Kirche in einem säkularen Umfeld oder einer nach-christlichen Gesellschaft sein kann, wie kirchliche Identität in einigen Kontexten eng mit der nationalen Identität verwoben ist und wie gerade dieses das ökumenische Zusammenspiel beeinflußt. Es braucht zudem eine verstärktes ökumenisches Bildungsprogramm gerade für diese Fragestellungen.

Die Teilhabe von evangelischen Diasporakirchen an solchen Tagungen macht deutlich, dass diese Kirchen offen sind für die Herausforderungen unserer Zeit in der populistische Tendenzen eher dazu führen, sich abzuschotten. Umso wichtiger in Zeiten wie diesen ist der Austausch, das sich einander aussetzen und zumuten - wissend, dass wir verbunden sind in dem Glauben an unseren Erlöser - Jesus Christus.