Sonntag, 27. Oktober 2019

Zum Glück gibt´s den Segen...

Segen
... so war am 27. Oktober der Konfirmationsgottesdienst in der lutherischen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile überschrieben. Wie wichtig ist das in der derzeitigen Lage im Land. Seit über einer Woche befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Vor Kurzem demonstrierten mehr als 1,2 Millionen Menschen in der Innenstadt um Veränderungen im Land. Bis vor Kurzem war es kaum vorstellbar, dass in Chile so viele Menschen aufstehen, um für dringend notwendige Veränderungen einzutreten.

Pastor Johannes Meckel von der Versöhnungsgemeinde beschreibt die Situation so:

"Mitte Oktober sprach der chilenische Präsident Sebastián Piñera noch davon, dass sein Land eine „Oase“ inmitten eines (Krisen)geschüttelten Lateinamerikas sei. Und das konnte man nachvollziehen – nicht nur mit Blick auf die abschreckende Lage in Argentinien, Brasilien, Ecuador oder Venezuela. Nein, Chile hat in den letzten Jahren tatsächlich eine beachtenswerte wirtschaftliche Entwicklung genommen und auch die Demokratie wirkt 30 Jahre nach Ende der Diktatur gefestigt und stabil.
Dazu half nicht nur kluge Politik, sondern auch ein beispielloses Wachstum. Der unter Augusto Pinochet eingeschlagene Kurs der strikten Privatisierungen und möglichst geringen staatlichen Einmischung in wirtschaftliche Belange, hat neben den großen Gewinnen aus der Kupferförderung nach Meinung vieler, diese Entwicklung ermöglicht.
Die Schattenseiten dieses Modells haben nun aber Proteste heraufbeschworen, die nicht nur zur Ausrufung des Ausnahmezustands in weiten Teilen des Landes führten, sondern Präsident Piñera höchst selbst sprach plötzlich nicht mehr von „Oase“, sondern von „Krieg“.
 Die Erhöhung der Metropreise in Chiles Hauptstadt Santiago in der letzten Woche war dabei der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der wirtschaftliche Kurs und die konsequente Privatisierung aller Güter von der Bildung bis zum Wasser, von der Rentenvorsorge bis zur Autobahn, führte nicht nur zu vielen Aufstiegsmöglichkeiten, sondern auch zur immer größeren Ungleichverteilung der Einkommen. So liegt das monatliche Einkommen von mehr als der Hälfte der Chileninnen und Chilenen unter 530€ - und das bei Lebenserhaltungskosten, die in Vielem mit europäischem Niveau vergleichbar sind.
Militär in den Strassen Santiagos
Die hohen Ausgaben für Bildung oder Kredittilgung, kürzlich 10% gestiegene Stromkosten: selbst in der Mittelschicht reicht bei vielen das Gehalt nicht bis zum Ende des Monats und der mit der Wahl des amtierenden Präsidenten erhoffte wirtschaftliche Aufschwung ist ausgeblieben. Stattdessen haben große Korruptionsfälle in Politik, Polizei und Militär das Vertrauen in den Staat erschüttert und die oft milden Gerichtsurteile dazu das Gefühl verstärkt: „die da oben bedienen sich und wir hier unten müssen zahlen, zahlen, zahlen.“ Schon seit langem wuchsen Frust und Wut, bei manchen auch einfach die Verzweiflung oder das Gefühl von Ausweglosigkeit.
Seit der von außen betrachtet geringen Fahrpreiserhöhung der Metro bricht sich all das Bahn. Und nicht nur in Santiago! Die Plätze der größeren Städte im ganzen Land füllen sich mit größtenteils friedlichen Demonstranten. Selbst die gut verdienenden Minenarbeiter solidarisieren sich und wollen in den Streik treten. Beides gibt es selten in Chile: dass Proteste weithin gewaltfrei ablaufen und dass sich über eine lokal oder sozial beschränkte Gruppe hinaus viele Menschen beteiligen. 
 Leider ist aber auch ein hässliches Gesicht der Proteste sehr präsent, wobei niemand sagen kann, ob dies wirklich einen inhaltlichen Bezug hat oder hier vielmehr gezielt die Situation genutzt wird, um ganz andere Ziele zu verfolgen: Am vergangenen Freitag brannten zahlreiche Metrostationen in Santiago, so dass bis auf weiteres nur noch eine der für das Funktionieren des Nahverkehrs zentralen Linien in Betrieb ist. Seit dem kommt es trotz nächtlicher Ausgangssperre immer wieder zu Plünderungen und Verwüstungen durch gezielt gelegte Brände. Dabei sind bisher schon über zehn Menschen ums Leben gekommen. Und auch der Einsatz von Polizei und Militär lief nicht immer glimpflich ab, sondern es gab dabei Verletzte und Tote, Menschenrechtsaktivisten berichten von Misshandlungen und ungerechtfertigter Brutalität.
Das weckt natürlich bittere Erinnerungen an die Militärdiktatur, in denen die Militärpräsenz auf den Straßen genauso normal war, wie die häufig verhängten Ausgangssperren. Allein die Worte „toque de queda“ (Ausgangssperre) rufen bei Manchen körperliche Reaktionen hervor, so tief sitzt der Schrecken der Vergangenheit.
Und wer tagsüber gepanzerte Fahrzeuge und Soldaten auf den Straßen und nachts riesige brennende Lager sieht, könnte tatsächlich an Krieg denken. Aber dieses Wort trifft angesichts der überwiegend friedlichen Proteste doch wohl kaum zu und so ist Präsident Piñera auch kräftig für seine Aussage kritisiert worden.
Überhaupt spielt die Politik bisher keine gute Rolle. Die pauschale Kriminalisierung der Proteste ist natürlich wenig hilfreich und wird zum Glück langsam differenziert. Aber nach wie vor mangelt es an deutlichen Signalen, die Fragen anzupacken, die die Protestierenden umtreiben.
Das wird auch nicht einfach werden, den Reformen werden schwierig und eigentlich ist für Reformen wie die jüngst diskutiert Reduzierung der Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden weder im Staatshaushalt Geld vorhanden noch bei den Unternehmen eine entsprechende Steigerung der Produktivität zu erwarten.
Aber Chile hat in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht und gerade die Regionen und soziale Schichten überspannenden Demonstrationen zeigen, das ein breiter gesellschaftlicher Konsens besteht, dass Änderungen nötig (und in der Akzeptanz von vielleicht auch persönlich negativen Auswirkungen möglich) sind. Man kann nur hoffen, dass diese Tage im Nachhinein nicht als sinnlos oder gar mit kriegerischem Ende in der Erinnerung bleiben werden. Sondern als eine Oase, in der das Land letztlich mehr zu sich selbst gefunden und Kraft getankt hat: für den schwierigen Weg in eine bessere Zukunft."

Wie sich Chile weiterentwickelt... das bleibt abzuwarten. Der Präsident hat jetzt umfangreiche Kabinettsumbildungen angekündigt. Die wesentlichen Reformen, für die die Menschen demonstrieren brauchen aber Zeit. Ob diese da ist...?

Zum Glück gibt´s den Segen! - Genau das ist es, was notwendig ist: im Spanischen heißt Segen Gutes sagen. Hoffentlich greift das Gute Raum, dass Frieden und Gerechtigkeit wachsen.

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