Samstag, 29. Februar 2020

Eine wachsende Gemeinde in Marcinelle

Protest. Kirche in Marcinelle
Emmanuel Coulon ist seit 10 Jahren verantwortlich für die protestantische Gemeinde Marcinelle der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien (VPKB). Seit sechs Jahren ist er ordiniert. Er war vor seinem Dienst in der Gemeinde Ingenieur und hatte viel mit Bauten zu tun. Das hat ihm in Marcienelle enorm geholfen - sowohl im äußerlichen baulichen Sinne wie im geistlichen Sinne. 

Seine Kirche hatte ihn nach Marcinelle geschickt, damit er sich in Ruhe auf seine Berufung zum Pfarrer vorbereiten kann. Die Gemeinde war kurz davor geschlossen zu werden. Nur 15 weitgehend ältere Gemeindemitglieder kamen noch. Schwierig... Emmanuel ließ sich nicht entmutigen und nahm die Herausforderung an. Er knüpfte Beziehungen, wirkte versöhnend in eine etwas zerstrittene Gemeinde, band eine protestantische freie Schule in sein Gemeindeaufbauprogramm ein. Auf einmal kamen langsam aber stetig junge Familien. Inzwischen gehören mindestens 100 Menschen zus einer Gemeinde. Ebensoviele kommen jeden Sonntag zu Gottesdienst. 

Paralell ging es darum, die marode Bausubstanz wieder auf Vordermann zu bringen. Da
Pfarrer Emmanuel Coulon (rechts)
half das GAW gemeinsam mit der Ev. Kirche im Rheinland. Gemeinsam wurde die erste Sanierungsphase vorangetrieben: Marode Treppen, schlecht zugängliche Toiletten, die Gemeindeküche, das Pfarrbüro - das war eine wichtige Etappe der Hilfe für die wachsende Gemeinde in einer Region, der es wirtschaftlich nicht gut geht.


Marcinelle ist mit dem größten Bergbauunglück in Belgien verbunden. 1956 starben hier im Kohlebergwerk Bois du Cazier 262 Menschen, zum größten Teil Zuwanderer aus Italien. Fünf Deutsche waren ebenso unter den Opfern. 

Seit 1977 gehört Marcinelle zur alten Bergbau- und Stahlstadt Charleroi, die mitten im Strukturwandel steckt und eine hohe Arbeitslosigkeit aufweist. 

Da die protestantische Gemeinde in einem verarmten Gebiet liegt, ist ihre diakonische Hilfe bis hin zu Lebensmittelspenden sehr gefragt. Großen Wert legt die Gemeinde auf die Arbeit mit Kindern. Die evangelische Grundschule liegt nur 250 m von der Kirche entfernt. An vier Wochentagen öffnet die Gemeinde ihren Gemeindesaal für pädagogische Aktivitäten mit den Schülerinnen und Schülern, von denen etwa die Hälfte keiner Kirche angehört. 

Die wachsende Gemeinde möchte weiterhin offen für Außenstehende sein. „Das ist ein wichtiger Faktor für unser Wachstum in den letzten Jahren“, unterstreicht Emmanuel Coulon. Tauf- und Konfirmationskurse für Erwachsene, Jugendtreffs mit gemeinsamem Essen und interessanten Diskussionen sowie Kinderclub für Kinder aus der Gemeinde und der Nachbarschaft sind einige Beispiele für die Aktivitäten im Pfarr- und Gemeindehaus. Die Gemeinde will jetzt sowohl die Pfarrwohnung als auch die Gemeinschaftsräume renovieren.

Ein Schock mussten die Gemeinde im Januar verkraften: Die Dachstruktur ist marode. das wird wieder eine enorme Anstrengung für die Gemeinde bedeuten. Gottesdienste sind erst einmal nicht möglich... - wahrscheinlich wird das GAW wieder um Hilfe gebeten....


Freitag, 28. Februar 2020

Dialog, Dialog, Dialog... - das ist die Mission der Kirchen

Peter Pavlovič
"Dialog - das ist unsere Mission als Kirchen! Denn - wir treten für offene Gesellschaften ein in denen es um Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung geht," sagt Pfarrer Peter Pavlovič, Studiensekretär der KEK (Konferenz Europäischer Kirchen) in Brüssel. "Als Kirchen müssen wir in Europa dabei sein, denn bei politischen Fragen geht es oft auch um ethische Frage." Und Peter erläutert das mit dem Vertrag von Lissabon, der die europäische Politik ausdrücklich in Artikel 17 verpflichtet, mit Kirchen und Religionen in ständigem Dialog zu sein. Das ist keine Kann-, sondern eine IST-Bestimmung. 

Die KEK hat sich 1959 gegründet als Folge der Gründung der EU. Man wollte dabei sein, denn das Ziel der Gründung der EU war das Streben nach Frieden als Ziel. Es ging nicht darum, Wirtschaftsinteressen in den Vordergrund zu schieben, sondern Wirtschaft als ein Instrument zur Friedenssicherung zu sehen. Das ist Grundbestreben aller Kirchen. 

113 Kirchen gehören der KEK an - protestantische, anglikanische, alt-katholische und orthodoxe. Gemeinsam versucht man, der EU-Kommission ein kirchliches Gegenüber zu sein. Eine Herausforderung - aber notwendig und sinnvoll. Denn: Nur im Dialog und gemeinsam kann man zur Friedenssicherung beitragen und die Stimme der Kirchen in der EU zum Ausdruck bringen. 

Wir wollen eine zeitgemäße Kirche sein

Synodalpräsident Steven Fuite
"Seit sieben Jahren gibt es in unserer Kirche eine Kommission mit dem Titel "Zeitgemäße Kirche"," erzählt Synodalpräsident Steven Fuite von der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien (VPKB). "Sie hat den Auftrag, Vorschläge zu erarbeiten für die Synode der Kirche, um Fragen zu klären, wie die VKPB sich ändern muss, um in angemessener Weise für die Gesellschaft da zu sein. Wo können wir als Kirche für Frieden und Versöhnung eintreten und Hoffnung säen? Warum sind wir überhaupt da und wozu? Und was können wir wirklich tun? Wir sind ja - obwohl eine kleine Kirche - immer noch da." 

Vorrangig geht es darum, die Gemeinden und ihre Pfarrer*innen zu begleiten, den ausgeprägten Kongregationalismus zu überwinden, gemeinsam Kirche zu sein. Auch geht es darum, die Vielfalt der Kirche wahrzunehmen und als Reichtum zu sehen. Man ist Kirche in Belgien mit drei Sprachen: Französisch, Holländisch und auch etwas Deutsch. 105 Pfarrer*innen arbeiten in der Kirche. Die Gehälter werden vom Staat bezahlt. "Das ist manchmal Segen, manchmal Fluch," bekennt Fuite, denn es ist egal, wie viele Gemeindemitglieder wirklich dabei sind. Kontrolliert wird es nicht. Es gibt ein Stück Sicherheit, aber fordert auch heraus, verantwortlich mit dem, was gegeben ist umzugehen. "Man darf sich darauf nicht ausruhen, denn wir haben eine Mission in der belgischen Gesellschaft. Von den sechs anerkannten Religionen bieten wir eine durchaus liberale und differenzierte Alternative den Menschen, gerade wenn es um ethische Fragen geht." 

Ca. 45.000 Gemeindemitglieder gehören der Kirche an in 110 Gemeinden. Davon sind 70 Gemeinden wallonisch und 35 flämisch, drei deutsch- und 2 englischsprachig.

"In dieser Kirche wollen wir Kirche für und mit anderen sein," sagt Fuite. "Wir wollen die Vielfalt umarmen in unserer Kirche und Gesellschaft. das ist nicht immer leicht. Aber wir wollen es ohne Angst tun und den menschen Angst nehmen in einer komplizierter gewordenen Welt. Wir wollen einander willkommen heißen. Wir wollen eine zeitgemäße Kirche sein."

Donnerstag, 27. Februar 2020

Theologie lernen in Brüssel

Harry Sinneghal
Seit zwei Jahren ist Harry Sinnaghel Pfarrer der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien (VPKB). Er betreut eine Gemeinde ca. 20 km von Brüssel entfernt. Gleichzeitig lehrt er an der Theologischen Protestantischen Fakultät Brüssel und hat sich auf Altes Testament und Judaistik spezialisiert. Dass Harry Theologe und Pfarrer geworden ist, ist ungewöhnlich. Er ist inzwischen 60 Jahre alt. Mit 56 Jahren entschloss er sich, sein ihm gesetzlich in Belgien zustehendes einjährige "Sabbatical" zu nehmen. Das Jahr ist für Weiterbildungen gedacht. "Dann kann ich ja mal Theologie studieren," dachte Harry sich. Er begann. In kurzes Zeit hat er verschiedene Abschlüsse in Theologie absolviert und lehrt inzwischen selbst an der Fakultät. "Das ist eine entscheidende Wende noch einmal in meinem Leben gewesen und die beste Entscheidung, die ich treffen konnte," sagt er, nachdem er sein ganzes Berufsleben als IT-Ingenieur durch die Welt gereist ist.
Theologische Fakultät Brüssel

Die Theologische Fakultät in Brüssel wurde 1950 gegründet in Fortsetzung der Theologischen Akademie in Gent. 1963 wurde sie durch königlichen Erlass anerkannt. 1965 zog sie in ihr eigenes Gebäude. Es gibt quasi zwei Fakultäten - eine arbeitet auf Holländisch, die andere auf Französisch. Und beide arbeiten auch sehr verschieden, denn die französischsprachigen Studierenden stammen weitgehend aus Afrika und bringen ihre Prägung un Kultur mit. "Das ist für die Lehrenden manchmal eine ziemliche Herausforderung," sagt Dekan Johan Temmerman. "Sie müssen oft erst einmal lernen zu lernen." Nicht nur das ist eine Herausforderung, sondern auch die kleine Anzahl der Studierenden. In der niederländischen Abteilung gibt es höchstens 1-2 Studierende pro Jahrgang, in der französischen Abteilung sind es 5-10. "Eine weitere Herausforderung ist die Einführung eines e-learning Programms. "Hier nimmt die Anzahl der Studierenden zu," sagt Temmermann. "Oft sind es Menschen, die auf der Suche sind und sich mit existentiellen Fragen auseinandersetzen wollen. Und für die Zukunft unserer protestantischen Kirchen brauchen wir diese Menschen, um unsere Gemeinden versorgen zu können."

Und manchmal ist es so wie bei Harry: Auch mit über 50 Jahren kann man in Belgien ordinierter Pfarrer werden.

Für die VPKB ist die Fakultät sehr wichtig. Sie finanziert vier Gehälter der Lehrenden. Nach wichtigen Reformprozessen ist die Verbindung zwischen VPKB und der Fakultät wieder sehr eng geworden. Auf Bitten der Kirche hat das GAW in Kooperation mit der Württembergischen Landeskirche und dem GAW-Rheinland die dringend notwendige Sanierung der Räumlichkeiten mit 33.000 Euro im Jahr 2019 unterstützt.

Mittwoch, 26. Februar 2020

Kirchen sind Orte der Besinnung und Ermutigung

Ev. Kirche in Ramuciai in Litauen
Kirchen sind Orte der Besinnung und Ermutigung - das sagte Fulbert Steffensky auf der EKD-Synode im Jahr 2003. Das bleibt! 

Und Steffensky ermutigte die Synodalen damals - und nicht nur sie - mit den Worten: "Lasst uns stolz sein auf unsere Kirchen und auf unsere Kirche. Lasst uns überlegen, was wir an dieser Kirche haben! Wir haben unsere Gottesdienste. Wir hören die Geschichten von der Freiheit und der Bergung des Lebens. Wir singen. Wo gibt es das, dass Menschen miteinander singen, ohne dass sie geübte Sänger sind? Wir teilen miteinander die Poesie unserer Gebete. Wir spielen im Abendmahl das große Spiel der Zuneigung Gottes zu den Menschen. Die Kirche ist nicht nur gefangen in sich selber. Ich denke an eine einfache kleine Selbstverständlichkeit, die EineWelt-Läden, die wir überall in unseren Kirchen finden. Schön, einen Horizont zu haben, der weiter geht als Flensburg und München! Das nimmt der Kirche die provinzielle Enge, und das lässt sie in mehr beheimatet sein als in der Dumpfheit des eigenen Ortes. Wir haben nicht nur unsere eigene Biographie, wir haben die Geschichten unserer Toten, einer Hildegard von Bingen und eines Franz von Assisi, eines Dietrich Bonhoeffer und eines Martin Luther King. Wir haben Texte, die uns nicht in der Gefangenschaft unseres eigenen Horizonts lassen." 

Und wir haben die Glaubensgeschwister weltweit mit ihren Freuden und Sorgen, mit ihren Nöten und ihrem Angewiesensein auf Solidarität und Gebet. Sie holen uns auch aus eigener Enge heraus. Das Wissen um sie und die Chance, ihnen Stimme und Gehör zu geben, dafür braucht es auch das GAW.

Und dafür braucht es Räume. Ein alter Slogan des GAW heißt: Diaspora braucht Dächer! - Ja - der Glaube braucht Dächer!

Montag, 17. Februar 2020

Förderung der Roma-Missionsarbeit der reformierten Kirche in Ungarn

Roma-Mission der Refomierten Kirche in Ungarn
„Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken“ lautet das Motto der Roma-Arbeit der Reformierten Kirche für dieses Jahr. Die Weiterbildungen für Ehrenamtliche sollen die Leitidee der inklusiven Gemeinschaft stärken und praktische Anleitung für ihre Umsetzung bieten. Außerdem soll eine landesweite Roma-Musikgruppe gegründet werden, weil die Erfahrung zeigt, dass die Musik eine wichtige Rolle in den inklusiven Gemeinden spielt, in denen Roma willkommen sind und im Gottesdienst mitwirken.


Die Fortbildung für Ehrenamtliche in der Roma-Arbeit der Reformierten Kirche in Ungarn soll in diesem Jahr mit 10 000 € unterstützt werden.

Sonntag, 16. Februar 2020

In Assureti/Elisabethtal ist es fraglich ob die lutherische Kirche "ihre" Kirche wieder nutzen darf...

Assureti - ehemalige luther. Kirche
In Assureti/Georgien wird durch die Kommune vor Ort die ehemals lutherische Kirche saniert. Eine Rückgabe an die lutherische Kirche in Georgien wird es wohl nicht geben. Bischof Schoch sagt: Leider dürfen wir die Kirche derzeit nicht nutzen, während die orthodoxe Kirche schon damit begonnen hat, eine Kapelle dort einzurichten."

Seit 2017 ist der württembergische Pfarrer Markus Schoch Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien  und dem Südlichen Kaukasus. 

Im Interview im GAW-Magazin "Evangelisch weltweit" (1/2020) berichtet er von der nicht einfachen Ökumene mit der georgisch-orthodoxen Kirche - insbesondere im Blick auf Kirchengebäude und Fragen der Restitution:

"Wir haben eine sehr gute ökumenische Zusammenarbeit mit Baptisten, Katholiken und den Armeniern in einem de facto Ökumenischen Rat.... Die Orthodoxe Kirche ist ebenfalls dazu eingeladen, kommt aber nicht. Auf der Leitungsebene besteht mit der orthodoxen Kirche ein respektvolles
"Die orthodoxe Kirche hat schon
damit begonnen hat,
eine Kapelle dort einzurichten..."
Verhältnis. Wir werden von dem Patriarchen als Geschwisterkirche wahrgenommen und gelegentlich eingeladen. Für den Alltag hat es aber kaum Auswirkungen. Je weiter herunter in der Hierarchie, desto schwieriger wird es. 
Der Umgang wird aggressiver, wir werden als Sekte bezeichnet. Als im Jahr 2000 in Rustawi ein lutherisches Gemeindehaus gebaut wurde, gab es zunächst große Ängste, bis dahin, dass die Nachbarn fürchteten, krank zu werden. Solche Ängste werden auch von Priestern geschürt. Das ist keine offizielle Politik, trotzdem ist der Alltag oft diskriminierend... 

Kircheninnenraum Assureti
Wir haben keine Unterdrückung und Verfolgung, aber das gesellschaftliche Klima ist nicht immer einfach. Assureti/ Elisabethtal ist ein gutes Beispiel dafür. Die Verwaltung saniert dort aktuell die einstige lutherische Kirche. Wir begrüßen es, wenn das Kirchengebäude von Bewohnern kulturell genutzt werden soll, würden dort aber gern auch Gottesdienste feiern dürfen. Der orthodoxe Priester vor Ort hat mir jedoch ins Gesicht gesagt: Hier wird nie ein lutherischer Gottesdienst stattfinden. Die Stadtverwaltung reagiert auf meine Anfragen und Briefe nicht. Sie hat Angst vor der Macht der orthodoxen Kirche. Inzwischen habe ich auf Umwegen erfahren, dass im Grundbuch bereits das Nutzungsrecht für die orthodoxe Kirche eingetragen worden ist. 

Ich habe das Problem im Patriarchat angesprochen, aber statt zu sagen: Ja, ihr dürft dort
feiern, ist doch eine ehemalige lutherische Kirche, gibt es nur Beschwichtigungen....

Als die georgische Botschaft in Berlin ein Gotteshaus für die georgische orthodoxe Kirche suchte, wandte sie sich an die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Ich habe den Berlinern über die Situation in Assureti berichtet. Daraufhin haben sie in einem Brief an die georgische Botschaft darauf hingewiesen, dass die selbstverständliche Geschwisterlichkeit zwischen den Kirchen in Deutschland auch auf Georgien zurückstrahlen sollte. Das GAW kann ebenfalls seine Kontakte nutzen."

Das vollständige Interview lesen Sie unter: 

Donnerstag, 13. Februar 2020

Kirche mit und für andere! - Ein neues Gemeindezentrum in Posadas / Argentinien

Einweihungsfest in Posadas / Missiones
„Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist!“ so schrieb Dietrich Bonhoeffer. Das will die evangelische Gemeinde in Posadas mit Leben füllen und für die Menschen da sein - in der 1-Millionen Einwohner zählenden Regionshauptstadt Misiones. Viele sind Migranten, die aus den ländlichen Regionen Misiones kommen, um Arbeit zu finden; viele sind Studierende, die an der großen Universität studieren; und dann sind da Kranke und deren Angehörige, die in dem besten Hospital der Region behandelt werden und keine bezahlbare Unterkunft finden. 

Die Gemeinde ist vor 20 Jahren mit diesen Menschen entstanden. Vorher gab es keine evangelische Gemeinde in Posadas. Jetzt hat sie schon 60 Gemeindeglieder. Zunächst trafen sie sich in einem kleinen Häuschen am Stadtrand, bis es ihr 2006 gelang, in unmittelbarer Nähe zum Hospital ein Haus zu kaufen, das als Gemeindezentrum dient. Hier will sie „Kirche für andere sein“. 

Und weil in Misiones die Gemeinde wächst, kümmert sich nun ein Vikar um den wichtigen Gemeindeaufbau in Posadas. Er baut zudem eine Krankenhaus- und Universitätsseelsorge aufbauen. Bisher gab es einen Gemeindesaal für alle Aktivitäten und drei einfache Gästezimmer. Hier fiel der Gemeinde die Begleitung der Menschen zu, die ihre Angehörigen im Hospital besuchen und sich einen längeren Aufenthalt in Posadas nicht leisten können. Das nahmen Gemeindeglieder wahr, als sie eine ganze Familie auf der Straße übernachten sahen. Die Gemeinde hatte beschlossen, sich hier stärker zu engagieren. 

Kirchenpräsident Leonardo Schindler bei der Einweihung
So wurden jetzt auch dank der Hilfe des GAW aus dem Projektkatalog 2017 das Gemeindezentrum saniert und insbesondere Gästezimmer erweitert. Das Zentrum bietet auch jetzt Studenten Zimmer an. Dafür musste das Gemeindezentrum aufgestockt werden. 

Alte baufällige Bausubstanz musste ersetzt werden. Die Arbeiten waren nicht einfach durchzuführen, da die wirtschaftliche Lage in Argentinien schlecht ist und die Arbeiter auf Grund eines zu geringen Lohnes nicht sehr motiviert waren. Trotzdem ist es nun gelungen, das Zentrum so auszubauen, dass es als Kirchengemeinde mit der ihr zugewachsenen diakonischen Arbeit als Kirche für und mit anderen existieren kann.

Das GAW hat 19.600 Euro zu diesem Projekt gegeben bei einer Summe von 88.600 Euro. Allen Spendern sei herzlich gedankt!

Dienstag, 11. Februar 2020

Auf evangelische Weise dem Evangelium Raum geben - das sind wir der Welt schuldig!

Dieter Knall
Vor 50 Jahren schrieb Dieter Knall folgende Worte in dem GAW-Jahrbuch "Die Evangelische Diaspora": 

"Diaspoarexistenz weist sehr verschiedene Gesichter auf. Innerhalb Deutschlands lebt sie in einer anderen Situation als jenseits der Grenzen, wie beispielsweise in Frankreich, Spanien, Griechenland, in Lateinamerika oder in Ländern der östlichen Welthälfte. Sofern wir erwarten, dass evangelische Diaspora in der sie umgebenden Welt die Stimme des Evangeliums zum Erklingen bringt, scheint mir eine Vernachlässigung oder gar Aufgabe evangelischer Diasporaarbeit schlechterdings ausgeschlossen und nach wie vor ein nicht aufzugebender Auftrag, den wahrzunehmen die ganze evangelische Kirche aufgerufen ist und bleibt. Andernfalls müsste rundweg gefragt werden, ob evangelisches Kirchentum selbst noch eine Lebensberechtigung, ja, ob Evangelischsein heute überhaupt noch eine Bedeutung hat und sinnvoll ist. Wenn ökumenische Bewegung und das in ihr vorhandene Suchen und Streben nach Einheit eine Zukunft und ein Ziel haben, dann nur im Suchen und Streben nach dem Evangelium, das Jesus Christus heißt. Diesen Beitrag sind wir als evangelische Menschen, ist unsere evangelische Kirche und ist unsere evangelische Diaspora der gesamten Christenheit und Welt schuldig. Von daher scheint mir eine echte, auf das Evangelium bezogene Diaspoararbeit auch des GAW nicht in Frage gestellt, vielmehr gerade im ökumenischen Zeitalter dringend notwendig, ja gefordert zu sein." 

(Dieter Knall, Ev Dia 40. Jg., 1970, S. 181)

Freitag, 7. Februar 2020

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! - zu den Herausforderungen des GAW

Hermann Rieß
Vor 50 Jahren stellte der ehemalige Präsident des GAW Hermann Rieß (1914 - 1990; GAW-Präsident 1979-88) vier Punkte zur Diskussion im Blick auf die Weiterentwicklung der Arbeit des Diaspoarwerkes der EKD. Sie waren damals wichtig und spielen heute ebenso eine bleibende Rolle: 

1. Es genügt nicht mehr, wenn sich das GAW nur als Kirchbau-Verein versteht. Das GAW gehört eng mit denen zusammen, die sich in Entwicklungsländern engagieren. Das GAW hat dabei einen besonderen Akzent zu setzen. Brot für die Welt bliebt wichtig für notleidende Menschen. Was aber heißt es, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt?

2. Bei aller notwendigen sozialen Hilfe darf das Missionarische nicht vergessen werden. Wie können wir in den Sozial-Projekten zum Glauben an das Evangelium helfen und den Glauben stärken? 

3. Die lange Tradition des GAW ist wichtig, aber wir müssen auf die beiden genannten Punkte mit unsere Tradition Antworten finden. Wir müssen unseren Auftrag dabei in unsere Zeit und ihre Fragen hinein formulieren. Dazu gehört, dass wir die Situation unserer Partner in ihren Ländern immer besser verstehen. Partner raten: "Entwickelt euch selber so, dass ihr uns besser versteht!"

4. Notwendig sind gute und enge Kontakte zu ökumenischen Netzwerken, Partnerorganisationen und Missionswerken. Denn: Zeugnis und Dienst gehören in das Projekt-Denken hinein und zusammen. da hat das GAW seinen Anteil zu leisten und seine Aufgabe zu erfüllen. Wichtig ist, Partnern Hilfe zu geben, ohne ihnen unsere eigenen Modelle aufzuzwingen. 

(nach: GA-Blatt, 16.Jg., Okt 1970, Heft 4)

Donnerstag, 6. Februar 2020

Renovierung der lutherischen Kirche in Ramučiai in Litauen

Lutherische Kirche in Ramučiai nach der Dachsanierung
Das Dach der kleinen lutherischen Kirche in Ramučiai in Litauen war in einem katastrophalen Zustand. An einigen Stellen drohte die Decke des Kirchenschiffs einzustürzen. Die Gemeinde bemühte sich sehr um die Rettung der Kirche. Zugleich haben aktive Gemeindeglieder selbst Maßnahmen getroffen und die am stärksten beschädigten Stellen am Dach auf eigene Kosten repariert. Im Winter 2017 wurden die großen Bäume um die Kirche herum gefällt, damit sie keinen Schaden bei Unwetter anrichten können. 

Nachdem man das alte Dach abgedeckt hatte wurde der dramatische Zustand der Kirche sichtbar. Auf dem Gewölbe war  früher Torf aufgelegt worden, der durch die undichte Dacheindeckung Feuchtigkeit enthielt. Das zersetzte die Hauptdachkonstruktionen. Das
Während der Sanbierungsarbeiten
Dach war in einem Notzustand.

"Wir freuen uns, dass das Dach Ende 2019 komplett mit Regenrinnen und Fallrohren versehen wurde. Innenreparaturen, wie der Beginn der Elektroinstallationsarbeiten, sowie das Verputzen und Anstreichen der Schadstellen, werden im Frühjahr 2020 fortgesetzt, wenn das Wetter wärmer wird. Das Projekt soll bis Juli 2020 vollständig abgeschlossen sein," schreibt Pf. Remigijus Šemeklis. "Besonderer DANK gilt dem GAW. Ohne Eure Unterstützung hätten wir das Dach nicht sichern können und die Schäden hätten sich verschlimmert."

Erneuerung des Dachstuhls
Nach der Dacherneuerung und den weiteren Sanierungsarbeiten soll die Kirche auch dem Dorf als gemeinschaftlicher Raum für wichtige Ereignisse zur Verfügung stehen. 

Die evangelisch-lutherische Gemeinde Ramutten (jetzt litauisch: Ramučiai) im Memelland wurde 1895 gegründet. Sie war von Anfang an klein und auch ihre 1929 errichtete rote Backsteinkirche war kleiner als in anderen Gemeinden. 1944 flohen die meisten Memeldeutschen vor der heranrückenden Roten Armee. Während des Sozialismus ist es den wenigen verbliebenen Gemeindegliedern gelungen, die Kirche zu erhalten. Sie wurde weder verstaatlicht, noch als Speicher genutzt. Heute zählt die Gemeinde rund 40 Personen. Der Gottesdienst findet nur einmal im Monat statt, aber dann immer mit einem anschließenden gemeinsamen Kaffeetrinken im Pfarrhaus. Die Beziehungen zu der Kommune sind gut, obwohl die meisten Einwohner katholisch sind. Die Dorfgemeinde hat der Kirchengemeinde den Vorschlag unterbreitet, die lutherische Kirche gemeinsam zu nutzen. 

Das GAW hat das Projekt mit 13.500 Euro im Projektkatalog 2018 unterstützt! Allen Spendern sei gedankt!

"Die Unterstützung des GAW zeigt, dass wir zu einer großen evangelischen Familie gehören!" - Hilfe für ein Diakoniezentrum in Tschechien

Sanierung eines alten Pfarrhauses in Třinec
"Wir bedanken uns beim GAW für die 7.500 Euro aus dem Projektkatalog 2017 für die Instandsetzung des alten Pfarrhauses der lutherischen Gemeinde in Třinec. Dadurch konnten wir überhaupt unseren Eigenanteil bei der Sanierung aufbringen. Aber wichtiger für uns ist es, dass wir uns durch diese Unterstützung als zugehörig fühlen zu einer großen Familie evangelischer Kirchen. Dafür steht das GAW für uns! Für ist diese Hilfe eine moralische und geistliche Unterstützung!" schreibt Pfarrer Bohdan Taska aus Třinec.

Der Aufstieg von Třinec im schlesischen Teil Tschechiens von einem unbedeutenden Dorf zu einer Industriestadt begann mit dem Bau einer Eisenbahnstrecke. Waren die
Sanierungsarbeiten in Třinec
ursprünglichen Bewohner evangelische Polen gewesen, kamen nun evangelische und katholische Tschechen und Deutsche dazu. Noch heute werden in der lutherischen Kirche sonntags zwei Gottesdienste gefeiert, in tschechischer und in polnischer Sprache. Die Gemeinde ist stark geprägt durch neupietistische Frömmigkeit. Nach einer schmerzhaften Spaltung der Gemeinde in den 1990er Jahren steigt die Zahl der Gemeindeglieder wieder und beträgt derzeit 2.300 Personen. Die Gemeinde kaufte das ehemalige Kino Hutník und baute es 2010 zu einem Gemeindezentrum um, in dem es jetzt vielfältige Veranstaltungen
Umbau des alten Pfarrhauses in Třinec
für alle Altersgruppen gibt. 

2008 entstand in der Gemeinde das Projekt „Die Chance – die helfende Hand“, das sich um Menschen mit verschiedenen Abhängigkeiten (Drogen, Spielautomaten, Bulimie etc.) kümmert. Zurzeit werden die Dienste wie Beratung, Suppenküche etc. im Gemeindezentrum „Hutník“ angeboten. Die Räume reichten dafür jedoch nicht mehr aus, zudem ist das Nebeneinander der Kinder- und Jugendarbeit und der Klienten gelegentlich problematisch. Die Gemeinde hat nun das ehemalige Pfarrhaus, das aktuell als Frauenhaus dient, für das Projekt „Die Chance“ umgebaut. Das 1904 errichtete Gebäude musste wegen statischer Probleme von Grund auf saniert werden. Für das Frauenhaus hat die Stadt ein anderes Gebäude zur Verfügung gestellt.

"Dank eines großzügigen Zuschusses durch die EU und anderer Spenden - u.a. des MLB und des GAW - ist es uns gelungen, das Sanierungsprojekt ohne größere Schulden abzuschließen," schreibt Pfarrer Bohdan Taska.

Třinec gehört zu Schlesischen Evangelischen Kirche A.B. - 15.200 Gemeindegliedern werden in 21 Gemeinden von zwei Pfarrerinnen und 32 Pfarrern betreut.


Dienstag, 4. Februar 2020

Diasporaexistenz ist ein permanenter Lernprozeß

Kerz am Alt in Rumänien
Der ehemalige siebenbürgisch-sächsische Bischof Christoph Klein (* 20. November 1937 in Hermannstadt; war bis Oktober 2010 Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien) beschrieb in einem Vortrag die Vision einer Kirche in der Diaspora folgendermaßen:

"Der Weg zur Kirche in der Diaspora ist mit einem schmerzhaften Lernprozess verbunden. Lernen meint hier nicht Wissenserweiterung, sondern existentiell verstanden als ein geistlicher Lebensvorgang, der sich in seinem Inhalt und dem Vollzug her bestimmt weiß durch die Nachfolge Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen. Der Typ des Lernenden ist der Jünger Jesu, als eigentlicher Gegentypus des pharisäisch befangenen Menschen, der die Wahrheit zu besitzen glaubt. (Dietrich von Oppen)." 

Und dann schildert er beispielhaft eine besondere Gemeinde in Siebenbürgen in Kerz am
Alt. Hier befindet sich eine alte Zisterzienser-Abtei. Die Wurzeln reichen zurück bis ins 12. Jahrhundert. Es muss ein großartiges Kloster gewesen sein. Aber: Irgendwann brach dieses Werk zusammen - symbolisch auch irgendwann das Kirchendach. Aus der Klosterkirche wurde eine Gemeindekirche. Die Gemeinde hatte gelernt mit der zerbrochenen Struktur umzugehen. Eine Restauration der großen Klosterkirche war in Rumänien nicht möglich. So konzentrierte sich die Gemeinde auf das Wesentliche: Ihren Kirchraum. Um den alten Altar herum entstand die kleiner Kirche. Im ehemaligen Mittelschiff mit dem nicht mehr vorhandenen Dach wurden Kriegsgefallene beerdigt. Nach 1989 ist die Gemeinde dann weiter geschrumpft. Eine ehemalige selbstbewusste evangelische Kirche der Siebenbürger Sachsen wurde eine kleine Diasporakirche von heute noch höchste 12.000 Gemeindemitgliedern. 

Klein sagte: "Die noch Wenigen werden beim Betreten ihres heutigen kleinen Gotteshauses an die vielen Gestorbenen und auch sonst Weggegangenen aus ihrer Mitte und aus der großen Kirche erinnert, die sie umgeben und mit denen sie zusammen die "Gemeinschaft der Heiligen" bilden. Das leere ehemalige Hauptschiff, das man heute zuerst betritt... ist offen gegen den Himmel, ohne Dach... Dies erinnert uns daran: wenn die Türen hier unten verschlossen sind, so nimmt uns Gott "oben" in seine Kirche hinein. - Das ist ein Bild für die Zukunft: die Kirche als "Gemeinschaft der Heiligen", verbunden mit den Toten und Weggegangenen, offen für das Eingreifen Gottes von "oben", gewiss seiner beschützenden und behütenden Hand, auch offen für die, die in diesen großen Raum eintreten wollen. Hier unter dem offenen Himmel Gottes gibt es keine Gäste und Fremdlinge mehr, sondern sie sind alle "Mitbürger der heiligen und Gottes Hausgenossen". Und insofern sind sie nicht "Zerstreute und Getrennte" in Ost und West, in Rumänien und Deutschland, nicht solche, die ihre Identität und Heimat verloren haben, hier und dort, sondern solche, denen sie Gott neu geschenkt hat... " (Chr. Klein, Ausschau nach Zukunft, S. 208f)

Ein sehr schönes Bild und ermutigend, dann zu bekennen: Gut dass wir Diaspora sind 8 nicht werden müssen - und das ist: Salz der Erde, Licht der Welt!