Freitag, 9. Oktober 2020

Wir brauchen eine weltoffene Theologie der Diaspora!

Prof. Dr. U. Körtner
Der Wiener Systematiker Prof. Dr. Ulrich Körtner hat in einem kürzlich veröffentlichten Interview zum Zukunftspapier der EKD "Kirche auf gutem Grund" (https://bit.ly/3daEBzk) sich auf der einen Seite kritisch zu dem Papier geäußert, auf der anderen Seite fordert er eine "weltoffen Theologie der Diaspora":

"Das ortsgemeindliche Leben ist das A und O der Kirche, darauf kann man nicht verzichten. In urbanen Gegenden mag es funktionieren, dass einzelne kirchliche Leuchtturmprojekte genügen, aber in ländlichen Regionen braucht es die buchstäbliche Kirche im Dorf. ...  

Für viele Menschen ist der Pfarrer oder die Pfarrerin das Gesicht der Kirche. Ehrenamtliche müssen wertgeschätzt, gefördert, aber nicht überfordert werden. ... 

Wir brauchen so etwas wie eine weltoffene Theologie der Diaspora. ... Die Diaspora ist die Grundsituation christlichen Glaubens in der Welt, das war schon im Neuen Testament so. Das sollte man mit einer volkskirchlichen niederschwelligen Mentalität verbinden. Eine höhere Autonomie der Ortsgemeinde wie bei Freikirchen hört sich auf den ersten Blick gut an, aber es droht dabei auch die Gefahr des Separatismus und der Entsolidarisierung, etwa wenn Ortsgemeinden sich vor allem durch Spenden finanzieren würden. Die Frage ist dann auch, welche Spenden man annehmen würde. Auch die eines Waffenherstellers? Wir müssen die Gemeindeebene trotzdem stärken. ... 

Die Kirchen müssen sich darauf einstellen, Kirche der Diaspora zu sein. Nicht nur in dem Sinne, dass Christen zur Minderheit werden. Sondern dass der Glaube der Welt auch immer ein Stück fremd bleibt. Das wandernde Gottesvolk hat hier keine bleibende Stadt. Aber es muss dabei der Welt zugewandt sein und seinen Öffentlichkeitsauftrag weiter ausfüllen."

Prof. Dr. Ulrich Körtner ist ein deutsch-österreichischer evangelischer Theologe und Medizinethiker. Seit 1992 ist er Ordinarius für Systematische Theologie  an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Zum Interview:

Prof. Körtner hat an dem Studiendokument der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) "Theologie der Diaspora" zur Standortbestimmung der evangelischen Kirchen im pluralen Europa mitgeschrieben. Dieses Dokument ist u.a. erschienen in dem Buch "Graswurzel oder Heiliger Rest? Auf dem Weg zu einer Theologie der Diaspora" (Leipzig 2020) erschienen.

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