Montag, 12. April 2021

Verstehen und helfen

Die Hilfsorganisation Perichoresis hilft den Geflüchteten in Griechenland

Paris Papageorgiu (r.),
mit dem GAW-Generalsekretär Enno Haaks
„Als 2015 die ersten Flüchtlingsströme nach Griechenland kamen und auf den Feldern von Idomeni campierten, sah ich diese Menschen. Ich war schockiert zu sehen, dass Menschen wie du und ich quasi zu ‚Nichts‘ geworden waren. Sie hatten alles verloren. Als die Grenzen nach Norden geschlossen wurden und die Flüchtlinge nicht mehr wegkonnten, haben wir begonnen, sie in unseren Häusern aufzunehmen“, berichtet Paris Papageorgiou, Mitglied im Vorstand von Perichoresis, einer von der evangelischen Gemeinde in Katerini gegründeten Nichtregierungsorganisation (NGO).
Wenn Paris Papageorgiu ‚wir‘ sagt, meint er nicht nur seine Kirchengemeinde, sondern auch sich selbst. Mehreren Frauen mit ihren Kindern, insgesamt neun Personen bot seine Familie Schutz. Als einem Nachkommen der sogenannten Pontosgriechen, ging ihm das Schicksal der Flüchtlinge auch aufgrund seiner Familiengeschichte sehr nahe.

Die von vertriebenen und geflüchteten Pontosgriechen
errichtete evangelische Kirche in Katerini
„Nach dem griechisch-türkischen Krieg 1922 wurden unsere Leute vom Schwarzmeer gewaltsam vertrieben“, erläutert Paris Papageorgiou. Nea Trapezounta – Neutrabzon heißt der Ortsteil der Stadt Katerini, in dem er wohnt. Der Name erinnert an die verlorengegangene Heimat. Griechenland, das im Jahr 1923 eine Bevölkerung von nur etwa 5,5 Millionen hatte, sah sich mit einem Flüchtlingsstrom von rund 1,5 Millionen Menschen konfrontiert. Die Deportierten und Geflüchteten lebten in provisorischen Zeltlagern am Rande der Städte. Daraus erwuchsen Siedlungen, deren Namen auch heute noch an die frühere Heimat erinnern, oft erkennbar an dem Namensteil Nea: neu. Und wie das Schicksal so will, spielte im Jahr 1923 Syrien für viele griechischen Familien eine rettende Rolle. Paris Papageorgieu erzählt: „Viele kamen ums Leben, als sie Richtung Syrien geflohen sind. Etliche haben acht Monate bis anderthalb Jahre in Syrien Zuflucht erhalten und wurden dort versorgt, bis sie nach Griechenland ausreisen konnten und bei Katerini eine neue Heimat fanden.“ Heute nun sind Menschen aus Syrien auf der Flucht. Die Gastfreundschaft, die seine Vorfahren in Syrien erlebt hatten, motivierte Paris Papageorgiu während des Flüchtlingselends 2015 in Idomeni. „Wir sagten unseren syrischen Gästen, dass wir auf diese Weise das zurückgeben können, was wir damals empfangen haben.“
Bald wurde aber allen Beteiligten klar, dass es mehr und vor allem professionelle Unterstützung brauchte. Das war der Anfang der Hilfsorganisation Perichoresis.

Alexandra Nikolara
Foto: Thomas Einberger
Die Leiterin von Perichoresis heißt Alexandra Nikolara. Während der griechische Staat die Unterbringung und Versorgung inzwischen übernommen hat, kümmert sich Perichoresis um rechtliche Beratung, sozialen und psychologischen Begleitung sowie Sprachkurse von rund 600 geflüchteten und versucht, bei der Arbeitssuche zu helfen. „Wichtig sind Freizeitangebote und schulische Hilfe für Flüchtlingskinder. Das fordert uns alle sehr heraus“, sagt Alexandra Nikolara.
Seit den ersten humanitären Einsätzen der Freiwilligen in Idomeni vor sechs Jahren hat das GAW die Flüchtlingsarbeit der Griechisch-Evangelischen Kirche regelmäßig unterstützt, für Lebensmittelhilfen gespendet, beim Ausbau von Flüchtlingswohnungen geholfen etc. In diesem Jahr unterstützt die Konfirmandengabe des GAW die so notwendige Arbeit von Perichoresis. Die Menschen – besonders die Kinder – sollen nicht verloren gehen.

„Unser Anliegen ist es, die geflüchteten Menschen zu verstehen: ihren Status, ihre Nationalität, ihre Kultur, ihre Religion, ihre Erfahrungen. Nur wenn wir die Menschen verstehen, können wir ihnen helfen, hier in Europa Fuß zu fassen.“ (Alexandra Nikolara)


Samstag, 10. April 2021

Erster "Frauentalk weltweit" zu Syrien

Gleich der erste "Frauentalk weltweit" der GAW-Frauenarbeit war mit 35 Teilnehmerinnen sehr gut besucht. Zu Gast war Mary Khalaf aus der Evangelischen Kirche in Syrien. Seit 2014 lebt sie in Gummersbach im Rheinland. Dort arbeitet sie – wie vorher in Damaskus – als Ärztin für Psychiatrie.

Doch das hätte auch anders kommen können: "Gern hätte ich Theologie studiert, wenn es damals schon möglich gewesen wäre, in unserer Kirche Pfarrerin zu werden. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir heute in unserer Kirche schon vier Pfarrerinnen haben. Dafür bin ich Psychiaterin geworden, weil ich mich auf diese Weise um die Seele von Menschen kümmern kann."

Mary Khalaf erzählt, dass sie in Deutschland oft gefragt werde, warum sie Christin ist und ob sie etwa in Deutschland konvertiert sei. Viele wüssten gar nicht, dass es auch in Syrien Christen gebe und sogar evangelische Christen. "Bei uns in Syrien gibt es schon viel länger Christen als in Europa", erzählt sie dann. Besonders stolz ist sie, dass sie aus der Stadt kommt, in der Paulus bekehrt wurde. In Damaskus wohnte sie in der Geraden Straße. Dort steht das Wohnhaus von Hananias, der Christ, der Paulus nach seiner Bekehrung getauft hat.

Geflohen ist Mary Khalaf im Jahr 2014, erzählt sie: "In den ersten Kriegsjahren hat man in Damaskus lediglich die Bomben gehört, die außerhalb der Stadt fielen. Wir wussten nie, von wem sie kamen und wer gegen wen kämpfte. 2013 kam der Krieg schließlich nach Damaskus. Ich hatte zwei kleine Kinder, der Strom fiel irgendwann komplett aus. Schließlich fiel eine Rakete auf unser Nachbarhaus und die Splitter kamen auch in unsere Wohnung. Da wollte ich nur noch weg." Ihr Bruder studierte damals in Deutschland. Über eine sehr engagierte Frau und ihre Kirchgemeinde gelang es ihm, Mary und ihre Familie mit Hilfe einer Bürgschaft auf sicherem Wege nach Deutschland zu holen.

die Gerade Straße in Damaskus im Jahr 2010
Mary Khalaf hatte sich Anfang der 2000er Jahre für Menschen engagiert, die vor dem Irakkrieg fliehen mussten. Da konnte sie noch nicht ahnen, dass sie einmal selbst gezwungen sein würde, zu fliehen. Heute sagt sie: „Das Wort Asyl hat für mich im Deutschen einen negativen Klang. Ich bevorzuge die Worte Hilfe- oder Schutzsuchende.“

Heute werde in Damaskus zwar nicht mehr gekämpft. „Aber es sind immer noch überall Waffen vorhanden. Das macht Unsicherheit und Angst.“ Außerdem ist die wirtschaftliche Lage in Syrien katastrophal. Es gibt eine enorme Inflation. Die Menschen verdienen umgerechnet nur noch wenige Dollar im Monat. Deshalb sind sie auf Hilfe von außen angewiesen.

Trotzdem hat Mary Khalaf Hoffnung: Sie zeigt Bilder aus ihrer Heimatgemeinde mit vielen Kindern im Gottesdienst. Wenn sie die Bilder sieht, ist sie sich sicher, dass die Kirche trotz des Krieges eine Zukunft hat.

Donnerstag, 8. April 2021

Bulgarien: Glaubenskurse für Roma

Die Glaubenskurse für Roma-Männer in der evangelischen
Gemeinde Parmovay sind gefragt.
„Als meine Frau und ich vor 20 Jahren nach Parvomay kamen“, erzählt Pastor Delcho Atanasov, „gab es keine Roma in unserer Gemeinde. Heute gehört die Hälfte der Gemeindemitglieder der ethnischen Minderheit der Roma an.“ Viele Bulgaren interessieren sich nicht für den Glauben an Gott und die Kirche, so Atanasovs Erfahrung, wohingegen christliche Roma stolz auf ihren Glauben sind.

Die evangelische Gemeinde in Parvomay hat deshalb Glaubenskurse speziell für Roma ins Leben gerufen, die die Menschen dort abholen, wo sie sind. „Die Situation der Roma ist in mancher Hinsicht speziell“, sagt Atanasov, „viele Roma können nicht oder kaum lesen und schreiben. Und in der Gemeinschaft der Roma herrscht noch immer eine patriarchalische Struktur vor.“ Gerade letzteres hat die Gemeinde in Parmovay bewogen, im Rahmen ihrer Glaubenskurse auch besondere Angebote für Roma-Männer zu machen. Atanasov: „Ein frommer und kluger Mann ist ein Segen für seine Kinder, seine Frau, für die Kirche und für unsere ganze Gesellschaft.“

Zwei Module des Kurses finden als Familiencamp mit
den Ehefrauen und den Kindern statt.
Zwei Jahre dauert so ein Glaubenskurs für Roma-Männer und besteht aus drei Modulen: „Ich, Christus und andere“, „Füreinander“ und „Für mich und mein Zuhause“. Das erste Modul absolvieren die Männer in kleinen Gruppen in einem Schulungszentrum getrennt von ihren Familien. Die beiden anderen Module finden in Form von Familiencamps mit den Ehepartnern statt. Zwei Gruppen haben diesen Glaubenskurs seit 2016 bereits absolviert. Eine dritte Gruppe hat im November 2019 begonnen.

Die Glaubenskurse der Gemeinde in Parvomay stoßen auf großes Interesse, sodass der dritte Kurs an bereits zwei Orten nahe Parvomay gehalten wird: in den Dörfern Lenovo und Gradets. „In Gradets müssen wir das Gemeindehaus renovieren, um auch perspektivisch dort arbeiten zu können“, so Atanasov. Übernachtungsmöglichkeiten und Seminarräume sollen geschaffen werden. „Eine Investition in die Zukunft“, ist Delcho Atanasov überzeugt, denn Gradets liegt in einer Region, in der ausschließlich Roma leben.

Da Roma die ärmste Bevölkerungsgruppe in Bulgarien sind, können die Teilnehmer sich im Moment kaum oder gar nicht finanziell an den Schulungen beteiligen. Atanasov: „Im Moment sind wir auf die Hilfe ausländischer Partner angewiesen.“

Das GAW unterstützt die Renovierung des Gemeindehauses Gradets, damit die evangelischen Gemeinden in und um Parvomay weiter wachsen können.

Mittwoch, 7. April 2021

Konfirmation woanders: Chile

Im Konfirmandenunterricht kann ich mit Gleichaltrigen über Gott sprechen

Mein Name ist Carolina und ich lebe in Santiago de Chile. Ich liebe den Konfirmandenunterricht, weil ich dort mit Gleichaltrigen über Gott sprechen kann. Auch wenn wir wegen der Pandemie Abstand halten müssen und manchmal keine Präsenzveranstaltungen machen können, haben wir es bisher geschafft, uns nah zu sein. Manche Veranstaltungen machen wir über Zoom.

Ein Höhepunkt unserer Konfizeit war das Zelten im Pfarrgarten. Wir haben die Taufe einer Freundin vorbereitet und über unsere Erlebnisse mit Gott gesprochen. Gott ist ein Licht in der Dunkelheit. Gott gibt unserem Leben einen Sinn. Er schenkt uns allen so viel Liebe und Fröhlichkeit. Dafür bin ich dankbar.
Carolina aus Santiago de Chile

P.S.: Zur Coronalage in Chile: Das Land gilt als Vorreiterland in der Impfkampagne. Mehr als fünf Millionen Menschen haben bereits mindestens eine Impfdosis erhalten. Geimpft wird nach einem recht einfachen Priorisierungsplan ohne komplizierte Terminvergabe. Dennoch häufen sich derzeit die Corona-Infektionen. Chile befindet sich wieder in einem harten Lockdown. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gibt es in dem 19-Millionen-Einwohner-Land aktuell etwa 48.000 aktive Fälle – mehr als jemals zuvor. Insgesamt haben sich in Chile etwa eine Million Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Knapp 25.000 Menschen starben im Zusammenhang mit Covid-19. Die 7-Tages-Inzidenz liegt bei 253.
Die hohe Zahl an Neuinfektionen könnte mit den verwendeten Impfstoffen zusammenhängen. 60% der Impfdosen kommen aus China, 20% von Biontec/Pfizer und 20% von Astrazeneca. Der chinesische Impfstoff verhindert zwar schwere Verläufe, allerdings liegt der Schutz gegen eine Ansteckung nach einer brasilianischen Studie nur bei etwas über 50 Prozent. Zudem scheinen der Erfolg und die Schnelligkeit beim Impfen die Menschen sorgloser zu machen.

Freitag, 2. April 2021

Leben wir in einer Karsamstagszeit...?

Tod und Auferstehung - wie die Karwoche
unsere Hoffnung erneuern kann
"Es muss doch irgendwann möglich sein, Ostern mal wieder anders zu feiern!" schreibt Pfarrer Harald Malschitzky aus Brasilien. "Aber: Unsere Lage ist sehr böse: In den letzten 24 Stunden hatten wir 3.965 Tote! Unser Lockdown funktioniert nicht. Nun haben besonders Ärzte, Krankenpfleger und -pflegerinnen schon Angst vor den Konsequenzen der Karwoche. Abertausende fahren einfach los an den Strand. Zwei Wochen später kommt dann die Bescherung. -
Einer unserer Pastoren liegt noch im Krankenhaus und ringt ums Leben. In der letzten Nacht ist der Direktor unserer Schule in Sapiranga in der Nähe von Novo Hamburgo im Alter von 54 Jahren an Covid gestorben. Das ist schlimm und trifft uns sehr. Viele von uns kannten ihn gut."

Und Harald Malschitzky endet: "Wie nötig haben wir in dieser Zeit die Osterbotschaft..." - Ja - gerade in dieser bösen Zeit will uns die Osterbotschaft Kraft geben, Geduld zu behalten und das, was wir nicht verstehen, aushalten helfen. Es ist nicht abzusehen, wie lange wir mit allen Einschränkungen zu leben haben und wieviel Leid wir noch erleben werden.

Vielleicht leben wir in einer Karsamstagszeit… Das Leben ist eingeschränkt, macht müde und manchmal auch wütend. Nicht alles geht. 

Leben wir in einer Zeit des Todes Gottes? Karfreitag liegt hinter uns, Ostern vor uns. Aber Ostern kommt mit der Botschaft: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, noch Gewalten! Ja - es muss doch mal möglich sein, dass wir Ostern wieder aus vollem herzen feiern können!