Mittwoch, 26. Mai 2021

Theologie der Diaspora: "Wir sind ein Europa der Minderheiten"

Im Gespräch mit Professor Klaus Fitschen

Klaus Fitschen ist Professor für neuere und neueste Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Er ist Vorsitzender des Diasporawissenschaftlichen Vereins e.V. und zudem Vorstandsmitglied des GAW Braunschweig, Herausgeber des Jahrbuchs „Die evangelische Diaspora“ sowie des inzwischen vergriffenen Buchs „Graswurzel oder heiliger Rest. Auf dem Weg zu einer Theologie der Diaspora“, das auf dem Studiendokument „Theologie der Diaspora“ der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) aufbaut.
Vom 27. - 29. Mai 2021 leitet Professor Klaus Fitschen das Blockseminar "Diakonie und Diaspora", eine Online-Veranstaltung der Theologischen Fakultät Leipzig in Zusammenarbeit mit dem GAW. In unserem Magazin "Evangelisch weltweit" 2/2021 haben wir mit ihm über die Rolle und die Möglichkeiten der Theologie der Diaspora in Deutschland und in Europa gesprochen.

Der Studienprozess der GEKE zur Theologie der Diaspora ist inzwischen abgeschlossen. Das Thema sollte jedoch nicht in Schubladen verschwinden. Wie könnte die weitere Rezeption und Aufnahme des GEKE-Papiers über die Theologie der Diaspora erfolgen?

Fitschen: Ich hoffe erstmal, dass sich viele damit auseinandersetzen. Kirche wird sich in den kommenden 20-30 Jahren sehr stark verändern. Wir müssen uns auch in Deutschland auf eine Minderheitensituation einstellen, in der wir unsere theologischen Kräfte anders bündeln müssen: massive Investitionen in die Kinder- und Jugendarbeit und in eine Kirche, die den Menschen zugewandt ist.

Das würde jeder kirchenleitende Mensch auch sagen.

Fitschen: Da geschieht zu wenig. Natürlich gibt es bestimmte Initiativen. Aber was wir viel mehr brauchen, ist Personal an der Gemeindebasis. Wir wissen doch, dass der persönliche Kontakt immens wichtig ist.

Was kann man als evangelische Minderheit in Europa überhaupt bewirken? 

Fitschen: Der Protestantismus spielt je nach Land eine ganz unterschiedliche Rolle. In Deutschland hat der Protestantismus eine deutliche Stimme in die Politik hinein. Damit meine ich nicht die Kirchenleitungen etc., sondern die Politikerinnen und Politiker, die noch eine gewisse evangelische Prägung haben. Das merkt man vielleicht nicht immer, das ist nicht die hörbare Stimme der Kirche, sondern es ist das Handeln von Leuten, die sich dezidiert christlich oder evangelisch verstehen. In Frankreich ist es wiederum wahnsinnig schwierig, sich kirchlicherseits überhaupt zu politischen Fragen zu äußern. Und es gibt Länder wie Polen, wo der Protestantismus eine verschwindende Minderheit darstellt und sich überhaupt erst einmal hörbar machen muss gegen eine mas-siv auftretende katholische Mehrheitskirche.
Aber gesamteuropäisch, muss man sagen, ist es wichtig, diese Minderheitenstimme selbstbewusst ins Spiel zu bringen. Denn wir sind ein Europa der Minderheiten. Das gilt für geschlechtliche Identitäten - wenn man das vergleichen kann - bis zu religiösen Identitäten. Das, was man in unseren westlichen Gesellschaften an Diversität einfordert, muss auch für Religionen gelten, sofern sie sich auf dem Boden der für alle geltenden Gesetze bewegen. Religion muss sein können und Religion muss auch öffentlich sein können, wo sie mit dem Gesetz und dem Recht im Einklang steht.

Der österreichische Bischof i. R. Michael Bünker hat mal gesagt, dass wir als Kirche nicht dazu da sind, zu beklagen, dass wir immer weniger werden, sondern wir sollen Salz der Erde sein. Die Theologie der Diaspora soll im Grunde eine Hoffnungstheologie sein: Wir sind hier hingestellt. Nun lasst uns das Beste daraus machen!

Fitschen: Die Religion soll einfach deutlich sagen, was die Botschaft des Evangeliums ist. Sie ist zukunftsbezogen: Da kommt noch was und da gibt es auch etwas, was trägt. Salz der Erde ist ein schönes Bild. Das sollte man sein, überall, und zwar mit evangelischem Selbstbewusstsein. Das muss man stärken.

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Eine gute Gelegenheit, Professor Klaus Fitschen zu begegnen und mit ihm über die Theologie der Diaspora zu diskutieren, bietet in diesem Sommer eine Tagung am 3. Juli 2021 in Hanau:

Diaspora am Nebentisch - Auf dem Weg in eine Kirche der Diaspora – Erfahrungen und Impulse für eine evangelische Kirche der Zukunft (Präsenz + online)

Der Studientag ist eine Kooperationsveranstaltung des Gustav-Adolf-Werks der EKKW, des Zentrums Oekumene und des Evangelischen Forums Hanau.

Infos und Anmeldung https://kurzelinks.de/DiasporaAmNebentisch



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