Montag, 11. Oktober 2021

Wir wollen die Kirche der Hoffnung bleiben - gerade jetzt

„Die Familien sitzen abends bei Kerzenschein zusammen“. Was gemütlich klingt, ist im Libanon erzwungene Realität. So erzählt es Pfarrerin Najla Kassab beim vierten Frauentalk weltweit am 7.10. über Zoom. Durch die schwere Energiekrise gibt es nur wenige Stunden am Tag Strom. Und es mangelt an Treibstoff. Auch unabhängig von Corona müssen die Menschen im Libanon zu Hause bleiben: Sie können schlicht ihre Autos nicht mehr betanken. Und wenn doch, mussten sie stundenlang dafür anstehen. Einen öffentlichen Nahverkehr gibt es nicht. „Wir wünschen uns alle so sehr, einmal wieder am Wochenende in unser schönes Libanongebirge zu fahren, aber das geht im Moment nicht“, sagt Najla Kassab.

Noch schlimmer als die Strom- und Treibstoffknappheit trifft die Menschen der allgemeine Preisanstieg. „Die Lebensmittel sind seit 2020 um 400 % teurer geworden. Wegen der rasanten Inflation fallen die Löhne. Drei Viertel der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Die Menschen verlassen das Land, vor allem die Gebildeten.“ Najla Kassab zeigt ein Foto von einer Schlange am Flughafen in Beirut: „Mir tut es so weh, zu sehen, wie die Menschen weggehen. In so einer Situation können wir uns als Kirche nicht auf das Beten beschränken. Wir versuchen zu helfen, wo wir können, vor allem mit Lebensmitteln, und mit Medikamenten.“

Hoffnung gibt Najla Kassab ein Projekt der GAW-Frauenarbeit: Im kirchlichen Altenheim Hamlin konnte mit Hilfe des Jahresprojekts eine Solaranlage auf dem Dach installiert werden. „Damals, als wir dieses Vorhaben beschlossen haben, war die Energiesituation noch nicht so schlimm. Nun kommt das Projekt gerade zur rechten Zeit. Es war prophetisch!“ Nun plant die Kirche, noch mehr Einrichtungen mit Solaranlagen zu versehen, um sauberen und verlässlichen Strom von der Sonne zu erzeugen.

Dass Najla Kassab heute Pfarrerin ist, war lange Zeit undenkbar. In den 1980er Jahren konnten Frauen im Libanon nur Religionspädagogik studieren, nicht Theologie. Also ging sie mit 22 Jahren in die USA, nach Princeton, und machte dort ihren Theologie-Abschluss. Doch dableiben wollte sie nicht: „Ich wollte meiner eigenen Kirche dienen.“ 1993 erhielt sie als erste Frau in ihrer Kirche die Lizenz zum Predigen, aber erst 2017 wurde sie richtig ordiniert. Im gleichen Jahr wurde sie zur Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen gewählt. Ein beeindruckendes Erlebnis war es für sie als Protestantin, 2017 auf der Kanzel Luthers in Wittenberg zu predigen.

Mit Unterstützung des Jahresprojekts hat das Frauenkomitee der Kirche, deren Leitung Najla Kassab hat, eine dreijährige Fortbildung für Frauen geplant, um ihre seelische Gesundheit und ihr Selbstbewusstsein zu stärken, gerade in so einer schwierigen Situation. Am Ende ihrer Erzählungen gibt Najla Kassab zu, dass es im Moment unklar ist, wie es im Libanon weitergehen wird und ob es überhaupt jemals besser werden wird. „Aber als Kirche sind wir aufgerufen, eine Kirche der Hoffnung zu sein!"

 

 

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