Dienstag, 30. November 2021

Als Kirche leben wir von den Rändern her - dort gilt es Glaube zur Sprache zu bringen

Präses Dr. Thorsten Latzel
"Als Kirche leben wir von den Rändern her - dort gilt es Glaube zur Sprache zu bringen," sagt Präses Dr. Thorsten Latzel im Interview mit "GAW Rheinland Kurier in der aktuellen Adventsausgabe 2/2021. Seit 2021 ist Latzel Präses der rheinischen Landeskirche (www2.ekir.de) 

Im September traf Latzel sich mit der Vorsitzenden des GAW Rheinland und dem Generalsekretär des GAW der EKD.

1. Warum schlägt Ihr Herz für das GAW?

Das GAW weitet den Blick auf die Vielfalt protestantischen Lebens in Europa und weltweit. Mit seiner Arbeit sensibilisiert es für die Situation von Minderheitenkirchen und fördert den ökumenischen Zusammenhalt. Und es hilft konkret mit diakonischen Projekten.

2. Welche Rolle hat Ihre Heimatgemeinde in Ihrem Leben? 

Ich bin in einer sehr aktiven, ländlichen Gemeinde in Wittgenstein groß geworden. Die Erfahrungen von Glauben, Gemeinschaft und aktivem Engagement, die ich hier machen durfte, haben mich bleibend geprägt.

3. Welche Erfahrungen von Christentum in der Diaspora haben Sie gemacht?

Ein Beispiel ist die „intellektuelle Diaspora“, die ich etwa in der Akademie-Arbeit erfahren habe. In vielen Feldern ist christlicher Glaube hier alles andere als selbstverständlich. Mir ist es wichtig, dass wir als Kirche gerade von den Rändern her leben, dort Gott und Glaube zur Sprache bringen, wo sie nicht selbstverständlich sind.

4. Welche Zukunft hat die evangelische Kirche?

Die Kirche ist ein Geschöpf von Gottes Wort. Deswegen wird es eine Kirche Jesu Christi geben, solange die Erde besteht. Unsere Aufgabe ist es, Gottes Geist dabei möglichst Hilfe und nicht Hindernis zu sein. Wir werden uns in Zukunft noch stärker an den Menschen statt an überlieferten Strukturen ausrichten. Dazu ist es gut, agil zu sein, vielfältige Formen gemeindlichen Lebens zu haben, sich stärker nach innen wie nach außen zu vernetzen, jungen Menschen Raum zu geben, digitale Kommunikationsmöglichkeit zu nutzen, mutige Schritte zu machen und uns nicht im Prozess des Kleinerwerdens zu stark mit uns selbst zu beschäftigen. In dem Papier E.K.I.R. 2030 haben wir als Kirchenleitung dies versucht zu beschreiben. 

5. Welche Bedeutung hat das Gebet für Ihren Alltag? 

Im Gebet greift Gottes Geist in mir Raum. „Du bist mein Atem, wenn ich zu Dir bete.“ (Huub Osterhuis). Ich unterbreche meinen Alltag, öffne mich in Klage, Lob, Bitte, Dank der Gegenwart Gottes – auch dann, wenn ich nichts von Gott spüre. Oft ist es eine sprechende Stille.

6. Welches ist Ihre Lieblingsgeschichte in der Bibel? 

Da gibt es viele: Mein Lieblingspsalm ist Ps. 121, weil ich gerne wandere. Ich bin fasziniert von Jakobs Kampf am Jabbok, wenn Gott ihn als hinkenden Sieger vom Platz gehen lässt. Mein liebstes Evangelium ist das nach Markus, weil es so archaisch ist und Christus mit dem Schrei der Gottverlassenheit stirbt.

7. Welches sind Ihr Lieblingsbuch und Ihr Lieblingsland?

Lieblingsbücher ändern sich. Eine aktuelle Empfehlung ist „Lincoln im Bardo“, ein beeindruckend erzählter Roman. Ich lebe gerne in Deutschland und liebe es in andere Länder zu reisen. Hier stehen im nächsten Jahr Begegnungen u.a. in Italien und Osteuropa an.

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