Mittwoch, 29. Dezember 2021

Diasporaexistenz als Brückenexistenz

Brücke in einem ev. Freizeitzentrum
in Paraguay (St. Rosa de Monday)
"Der Begriff des „Fremdseins“ kann als eine Dimension von diasporischer Existenz verstanden werden. Eine Kirche, die sich nicht nur ihrer Verstreuung und ihres Minoritätsdaseins, sondern auch ihres Fremdseins bewusst ist, macht sich klar, dass es immer auch darum gehen muss, eine Brücke zwischen der eigenen (kirchlichen) Sprache und der Sprache der jeweiligen Gesellschaft zu finden, um dem Auftrag der Kirche gerecht zu werden, das Evangelium öffentlich zu verkündigen. Der Begriff Brücke impliziert damit immer eine doppeldeutige Erfahrung, die sowohl Fremdheit im
Sinne von Getrenntsein als auch Verbundenheit impliziert. Zum Brückesein gehört, das Getrennte zu verbinden, ohne ihre Verschiedenheit aufzuheben. Damit wäre dann im konkreten Fall der Anfang eines relationalen Verständnisses der eigenen Minderheitensituation gemacht, das eben die konstruktive Deutung eines relational fokussierten Diasporakonzeptes ermöglicht. Aus der „Kirche in der Fremde“ wird so eine „Kirche in Beziehungen“. 

aus: "Theologie der Diaspora - Studiendokument der GEKE zur Standortbestimmung der evangelischen Kirchen im pluralen Europa": file:///C:/Users/m0eh/Downloads/Theologie%20der%20Diaspora%20(2).pdf - Abschnitt 9.3., S. 52

Donnerstag, 23. Dezember 2021

Christen bringen einen anderen Ton in die Welt

Präses Anette Kurschus,
Ratsvorsitzende der EKD
In einem aktuellen WELT-Interview wurde die neue EKD-Ratsvorsitzende Präses Anette Kurschus nach der Nutzung des Gottesbezuges bei der Vereidigung der neuen Bundesminister:innen gefragt und was der Verzicht bei einigen von ihnen für die Relevanz der Kirche in unserer Gesellschaft bedeutet. Sie antwortete:

"Der Gebrauch des Gottesbezugs bei der Vereidigung taugt weder zur Gesellschaftsanalyse noch zur Bewertung kirchlicher Relevanz, er ist etwas ganz und gar Persönliches." Und weiter: "Ehrlich gesagt: Mein Fokus liegt nicht auf der Relevanz-Frage. Es hat etwas von kirchlicher Nabelschau, wenn wir uns immerzu fragen, welche gesellschaftliche Bedeutung und Resonanz wir haben und wie wir „ankommen“. Wenn Jesus dauernd danach gefragt hätte, welche Wichtigkeit er hat, wäre wenig passiert. Mir geht es vielmehr darum, wie wir das, wovon wir Christen leben und was uns trägt, in die Welt tragen – so, dass es Menschen erreicht und berührt.Wir bringen einen eigenen Ton in die Welt. Dieser Ton speist sich aus der Verheißung: Gott, der die Welt ins Leben rief, wird sie auch zu einem guten Ziel führen. Solche Gewissheit hilft uns zu einem anderen Blick, der nicht von Angst getrieben ist, sondern von Hoffnung beflügelt. Dass Gott es am Ende gut machen wird, gibt uns keine Narrenfreiheit. Im Gegenteil, wir sind in Gottes Spur gerufen. Nichts, was wir in seiner Nachfolge tun, wird vergeblich sein. Gegründete Hoffnung ist eine völlig andere Motivation als die ängstliche Sorge vor dem Weltuntergang."

Nicht, was wir tun aus unserem evangelischen Glauben heraus wird vergeblich sein! Da geht es nicht um eine besondere Größe, der Anzahl der Mitglieder. Nein - auch kleine evangelische Diasporakirche oder kleiner werdende Kirchen haben einen Auftrag, das Evangelium zu verkünden. Das ist gelebte Diaspoarexistenz. 

Mittwoch, 22. Dezember 2021

Weihnachtsgrüße 2021 aus der weltweiten Diaspora

Weihnachtsbild von Isabel Graf
aus Argentinien

Erneut feiern wir in diesem Jahr Weihnachten unter Coronabedingungen. Kontakte sind eingeschränkt. Begegnungen nicht oder nur eingeschränkt möglich – gerade auch mit unseren evangelischen Partnern weltweit.  „Man kann sich kaum treffen. Dennoch gilt die Botschaft der Engel: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Euch allen und euern Familien wünsche ich Gesundheit, ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein frohes neues Jahr 2022,“ schreibt der Leiter der Diakonie Kosovo Bernd Baumgarten.

Dass Furcht nicht unser Leben bestimmen möge, dass betont auch Bischof Alfred Eichholz von der lutherischen Kirche in Kirgistan.

Von Zuversicht spricht der Weihnachtsgruß aus dem Zentrum Evangelische Theologie Ost (ZETO) in Sibiu/Hermannsatdt in Rumänien, und dass Weihnachten Mut macht, diese Zuversicht in diesen herausfordernden Zeiten nicht zu verlieren.

Samule Misko – ehemaliger GAW-Stipendiat und Leiter der Diakonie in der Ostslowakei nimmt das auf und zitiert Martin Luther: „Wenn Christus zwanzigmal geboren wäre, so wäre es doch vergebens gewesen, wenn wir nichts davon wüssten.“ Dass Christus in uns geboren werde gerade „in diesen beschwerlichen Zeiten der Pandemie“ – das wünscht er uns allen. Und er schreibt: „Möge die Weihnachtsbotschaft Ihnen in Ihr Herz die Freude, Liebe und Sicherheit bringen, dass sich Gott von seiner Schöpfung nicht abgewendet hat und sein Sohn der Beweis seiner Liebe und Treue zum Mensch jederzeit ist.“

Bischof Scheiermann aus Omsk in Russland von der Evangelischen Kirche Ural, Sibirien und Ferner Osten (ELKUSFO) spricht dann von diesem Sohn Gottes als dem Licht, das Christus für uns alle in dunklen Zeiten sein möge. Und er kommt von diesem Wunsch zum Dank für die Verbundenheit im Glauben – sowohl geistlich als auch materiell.

Wie wichtig es ist, immer wieder an das Licht zu erinnern, das Christus für uns ist, das wird einmal mehr deutlich aus dem Weihnachtsgruß der Diakonie „Hora de Obrar“ der Iglesia Evangélica del Rio de la Plata (IERP):  „Ein herausforderndes Jahr geht zu Ende… Wir haben tiefgreifende Veränderungen erlebt, aber wir haben auch gesehen, wie Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten und die Zerstörung unseres gemeinsamen Hauses fortbestehen. Und doch wird Jesus geboren und er lädt uns ein, wiedergeboren zu werden,“ so schreiben sie aus Buenos Aires. Und das sei die Möglichkeit, nachzudenken, was wir verändern können und die zu würdigen, die Solidarität leben. Weihnachten mache Mut, „für eine bessere Welt zu arbeiten.“

Aus Aleppo von der evangelischen Bethelkirche schreibt Pfarrer Haroutune Selimian und fragt, wie man unter den Bedingungen der Coronapandemie, der ökonomischen Krise und der Gewalt Weihnachten feiern kann. „Gottes Wort sollte uns ausrichten und Orientierung geben, auch wenn wir nur sehr eingeschränkt Weihnachten feiern können. Wir sind müde und entmutigt, dass wir uns nicht treffen können und immer auf den gegenseitigen Schutz bedacht sein müssen. All das, was wir mal gewohnt waren zum Weihnachtsfest – erneut müssen wir darauf verzichten. Bei all der getrübten Weihnachtsstimmung durch die Pandemie und die wirtschaftlichen Katastrophen – lasst uns umso mehr von Hoffnung, Frieden, Freude und Liebe sprechen, die von der Geburt Christi ausgeht! Gott verlässt uns nicht!“ – Das schreibt ein evangelischer Pfarrer der unter extremen Bedingungen Weihnachten zum wiederholten Male erlebt. Das lehrt Demut.

Weihnachten erneuert uns – gerade in schwierigen Zeiten. Hier bekommen wir „Hoffnung und die Verpflichtung, uns für eine menschliche und ökologische Welt einzusetzen, denn Gott ist mit uns!“ das schreibt Kirchenpräsident Leonardo Schindler von der IERP (Evangelische Kirche am La Plata).

Immanuel – Gott mit uns – das ist die Weihnachtsverheißung aus dem Jesajabuch. Dass sei unser Gebet zu Weihnachten.

Mit diesen ausgewählten Weihnachtsgrüßen unserer GAW-Partnerkirchen grüßen wir Sie alle von Herzen zum Weihnachtsfest und wünschen Ihnen Gesundheit, Zuversicht und den Segen Gottes, der alles umfasst, was wir zum Leben brauchen!

Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär

Montag, 13. Dezember 2021

Die Marienkirche in Tartu wird saniert

St. Marienkirche Tartu
Tartu (Dorpat) ist die zweitgrößte Stadt Estlands. Tartu ist eine Wissenschafts- und Universitätsstadt und einstige Hansestadt mit viel historischem Flair. Die lutherische Mariengemeinde wurde im Zweiten Weltkrieg 1941 zerbombt, und nach dem Krieg durch die sowjetischen Machthaber 1961 in eine Sporthalle verwandelt. Für den Bau der Turnhalle wurde damlas der Kirchturm abgerissen. Erst 2009 erhielt die Gemeinde ihre Kirche wieder zurück, jedoch ohne Gemeinderäume. 2017 wurde die Haupttreppe saniert. Seit Beginn 2021 finden Arbeiten zur Wiedererrichtung des Kirchturmes statt, der Mitte 2022 fertiggestellt werden soll.

Die Maarjakirche in Tartu ist ein kulturhistorisch bedeutender Ort. Hier wurde das erste gesamtestnische Gesangsfest von 1869 mit vorbereitet. Unter dem Slogan „Bauen wir die Wiege der estnischen Gesangsfeste wieder auf!“ hat die Gemeinde im ganzen Land um Spenden gebeten. 

Das GAW wurde gebeten, die Arbeiten an den Grundmauern zu unterstützen.

"Bei einem solchen Vorhaben sind wir auf verläßliche Wegbegleiter angewiesen wie dem GAW! Wir sind dankbar für die Förderung. Ihr im GAW seid wirkliche Freunde! Danke für die Unterstützung!" schreibt Silvia Leiaru, Leiterin der Stiftung St. Marienkirche Tartu. "Ihr seid bei uns jederzeit herzlich willkommen!"


Freitag, 10. Dezember 2021

Glaubensfreiheit für die Welt! - Tag der Menschenrechte

Gedenkstein in Breitenfeld
„Glaubensfreiheit für die Welt“ - diese Worte finden sich auf einem Gedenkstein vor den Toren Leipzigs in Breitenfeld. Er steht ein Stück außerhalb, umgrenzt von ein paar Bäumen mit weitem Blick hinüber nach Leipzig. Der Gedenkstein erinnert daran, dass Glaubensfreiheit durch schwere Zeiten hindurch errungen wurde. Er erinnert an eine Schlacht im 30-jährigen Krieg. 

Man hat mühsam gebraucht zu lernen, dass in einem Land nicht alle Menschen gleich glauben müssen. Sie haben das Recht anders oder gar nicht zu glauben. Das darf das Zusammenleben nicht gefährden. Im Gegenteil: Es bereichert es. Glaubensfreiheit ist ein Menschenrecht. 

In der Charta der Menschenrechte ist es quasi das Herzstück, denn an diesem Recht hängen andere Rechte wie die Gewissens- und Meinungsfreiheit. 

Glaubens- und Religionsfreiheit ist in vielen Ländern dieser Welt keine Selbtsverständlichkeit. Daran erinnert das Gustav-Adolf-Werk - Diaspoarwerk der Evangelischen Kirche in Deutschland - mit seiner Arbeit immer wieder.

So gibt es in bestimmten Regionen Syriens – dem Ursprungsland des christlichen Glaubens - gar keine Christen mehr. Radikale Islamisten und der lange Krieg verhindern es. In Aleppo, Homs, Latakia, Damaskus oder Qamishli kann man seinen Glauben frei leben - wenn man sich denn politisch zurückhält. Wir müssen an sie erinnern, denn der christliche Glaube ist in der ganzen Region bedroht. 

Es darf uns nichtegal sein, wenn an anderen Orten dieser Welt Christen bedrängt sind. Sie dürfen nicht vergessen werden. Daran zu erinnern: Das gehört zum Wesen unseres Glaubens.

Der Tag der Menschenrechte  wird am 10. Dezember gefeiert und ist der Gedenktag zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde.

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Ein neues Gemeindezentrum konnte in der Slowakei errichtet werden

"Wir danken dem GAW für die Spende, um in Tormal´aein neues Gemeindezentrum zu errichten! die 15.000€ aus dem Projektkatalog 2016 waren eine große Hilfe!" schriebt Generalbischof Ivan Elko von der Evangelischen Kirche A.B. in der Slowakei. 

Tornaľa (1948 bis 1990 slowakisch: Šafárikovo, ungarisch: Tornalja) ist eine Stadt mit rund 7.400 Einwohnern. Sie liegt in der südlichen Mittelslowakei nahe der Grenze zu Ungarn. Über die Hälfte der Bewohner sind Ungarn. Die evangelische Gemeinde wurde 1947 gegründet. Die Kirche, die die Gemeinde benutzt, ist jedoch älter und stammt aus dem Jahr 1933, eine zweite im Dorf Kráľ wurde 1972 errichtet. Die Gemeinde zählt 630 Glieder. Jugendtreffen, Konfirmandenunterricht, Gitarrenclub, ökumenischer Chor, ein Frauenchor und Bibelstunden gehören neben den Gottesdiensten zu regelmäßigen Angeboten der Gemeinde. Im Sommer finden eine Kinderfreizeit und ein Jugendcamp statt. Die Gottesdienstsprachen sind slowakisch und ungarisch.

Der Grundstein für den Bau des Gemeindehauses und Missionszentrums erfolgte 2018. 2021 konnte der Bau vollendet werden. Es fehlt noch die Herrichtung des Aussengeländes. Das will die Gemeinde 2022 durchführen. 

In den Räumen findet nun die missionarische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen statt, ebenso dient der  Raum als Treffpunkt für Senioren. 

"Wir bedanken uns als Gemeinde ganz herzlich und laden GAW-Gruppen zu uns ein," schreibt der verantwortliche Gemeindepfarrer.

Freitag, 3. Dezember 2021

Diasporaverantwortung ist keine "Winkelsache" - es weitet den Horizont!

Prälat Dr. Eichele
Diasporaverantwortung - und damit die "Gustav-Adolf-Sache" - ist eine der kirchlichen Lebensäußerungen neben Mission, Ökumene und Diakonie. Das findet sich im Neuen Testament u.a. in Galater 6,10: "Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist an des Glaubensgenossen!" 

Prälat Dr. Eichele betonte vor 60 Jahren:

"Die Gustav-Adolf-Sache ist keine Winkelsache, sondern nimmt sich in aller Welt der Diaspora und ihrer Not an, der nur ein weltweites Denken helfen kann, das sich über die Grenzen der eigenen Heimatkirche hinaus den Glaubensgeschwistern in aller Welt verpflichtet weiß und bereit ist, für sie Opfer zu bringen."

Dr. Eichele sagte diese Worte vor 60 Jahren auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1961 im Rhamen einer Begegnung des Kirchlichen Außenamtes und des GAW. Dr. Eichele war bis 1962 Prälat in Ulm; danach Landesbischof der Württembergischen Landekirche.