Montag, 7. Februar 2022

Die Geschichte von Tella

Tella und ihre Mutter
Wenn derzeit an der Grenze zur Ukraine große Truppenaufmärsche stattfinden und ein Krieg droht, dann gilt es auch an die Geschichten des Leids zu erinnern, an Menschen wie Tella. Es ist die Geschichte einer Frau, deren Leben beeinflusst wurde durch den Krieg und die Vertreibungen in Russland, Kasachstan und der Ukraine. Was wird sie über die Kriegsgefahr denken ...?

Tellas Geschichte:

Im Juni 1941 wurde die Sowjetunion durch Nazi-Deutschland überfallen. Millionen an Opfern hat das hervorgebracht. Eine Folge des Überfalls war der Deportationserlass vom 28. August 1941. Betroffen waren alle Deutschen in der Sowjetunion. 894.626 Deutsche wurden laut Angaben des KGB der UdSSR bis zum 25. Dezember 1941  in der Sowjetunion zwangsweise umgesiedelt, die meisten aus der Wolgaregion. Aus dem europäischen Teil der Sowjetunion wurden sie unter menschenunwürdigen Bedingungen nach Kasachstan und Kirgistan, nach Sibirien und dem Ural deportiert. Bereits auf dem Weg dorthin, vor allem aber in den Zwangsarbeitslagern der so genannten „Trudarmee“ starben Hunderttausende Russlanddeutsche, erlagen der Kälte und dem Hunger, mussten Schwerstarbeit leisten, bis sie mit ihren Kräften am Ende waren.

Tella Emanuilowa Schmidt aus der ev.-lutherischen Gemeinde in Berdjansk in der Ukraine ist eine der Überlebenden dieser Zeit. Ihr Leben kann stellvertretend für viele stehen,

Anfang des 19. Jahrhunderts kamen ihre Vorfahren nach Russland. In der Sowjetzeit verloren alle deutschen Familien mit der Kollektivierung ihren Besitz. Bei den Repessionen von 1937 unter Stalin wurden auch die Großväter Tellas und deren Brüder ermordet. Als 1941 Tella und ihre Familie deportiert wurde, gab man ihnen 24 Stunden. 16 kg Gepäck waren pro Person erlaubt. Auf Viehtransportern der Eisenbahn wurden sie nach Kasachstan deportiert. Ein Monat dauerte die beschwerliche Fahrt. Tellas Vater wurde in die Trudarmee nach Sibirien verbannt. Die Familie kam nicht wieder zusammen.

Drei Jahre war Tella alt, als sie im Gebiet Semipalatinsk in Kasachstan ankamen. Nur notdürftig fanden sie eine Unterkunft in den Ruinen eines früheren Dorfklubs. Tellas Mutter bekam zudem Typhus. Folglich wurde sie von der Großmutter Maria versorgt, die einer alten Pastorenfamilie angehörte. Sie war es, die im fernen Kasachstan eine lutherische Gemeinde organisierte – unter hohem Risiko. Männer gab es nicht. Maria taufte, konfirmierte, leitete Bibelstunden und Gottesdienste. Das Leben blieb hart mit vielen Entbehrungen. Tella machte einen Schulabschluss, heiratete, wurde selbst 1957 Mutter. Immer wieder gab es Ortswechsel. Später war es möglich, sich wieder freier in der Sowjetunion zu bewegen. So entschloss sich die Familie 1983, in die Ukraine zurückzukehren nach Donezk. Zur Ruhe kam die Familie nicht – auch nicht nach dem Zerfall der Sowjetunion. Im Juli 2014 wurde die Siedlung angegriffen. Die Familie verlor die Wohnung. Schon wieder gab es einen Ortswechsel nach Berdjansk. Jetzt galten sie als intern Vertriebene.

Die Geschichte von Tella ist eine von vielen Lebenswegen der Russlanddeutschen. Eine Geschichte großer Entbehrungen, von Verlusten und Leid. Sie selbst beklagt sich nicht über ihr Schicksal. Sie lebt einfach – und vor allen Dingen die Gemeinschaft in der evangelischen Gemeinde und ihr Glaube helfen ihr, nicht zu verbittern, sondern aus Hoffnung zu leben.

(nach einem Bericht über Tella aus „Der Bote – Ev.-Luth. Zeitschrift" N° 2/2021) 

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