Montag, 28. Februar 2022

"In unserem Dorf gibt es keinen freien Platz mehr"

Bischof Sándor Zán Fábián

Bewegende Berichte aus Transkarpatien (Ukraine)

„Ich bitte jeden, ob Pastor, Kurator oder Presbyter, an seinem Platz zu bleiben“, wandte sich Sándor Zán Fábián, Bischof der Reformierten Kirche in Transkarpatien, mit einer bewegenden Rede an Geistliche und Gemeindevorstände. „Es besteht ein großer Bedarf an Verkündigung des Evangeliums, an Gottesdiensten und am Dienst, den wir für die Zurückgebliebenen leisten können. Lasst uns einander zuhören, menschlich, hilfsbereit und geduldig sein!“ 

Bischof Zán Fábian besuchte auch ein temporäres Aufnahmezentrum, das vom diakonischen Zentrum "Vifania" (Bethania) im Dorf Polyana im Bezirk Mukachevo für Flüchtlinge aus anderen Regionen der Ukraine eingerichtet wurde. Er überbrachte Lebensmittelpakete und schilderte die Notlage der Geflüchteten: „Es gab Menschen, die kaum mit mehr als einer kleinen Tasche oder einem kleinen Beutel angekommen sind.“ 

Hilfe aus der ungarischen reformierten Kirche
auf dem Weg nach Transkarpatien in der Ukraine
(Foto: reformatus.hu)
Pfarrer Ferenc Radvánszky aus Kosson/Mezőkaszony meldete am 27. Februar, dass das Dorf mit Flüchtlingen überfüllt sei. „Es gibt keinen freien Platz, weder in den Häusern noch in den Einrichtungen wie dem Kindergarten und der Schule. Unsere reformierte Gemeinde versucht seit zwei Tagen, mit Lebensmitteln zu helfen.“ Inzwischen hat sich im Dorf eine Hilfsgemeinschaft gegründet, die aus verschiedenen lokalen sozialen Einrichtungen besteht. 

Das GAW hat heute 5000 Euro überwiesen, die für die Hilfe in Transkarpatien bestimmt sind. Ihre Spende für die Nothilfe: https://www.kd-onlinespende.de/projekt-checkout.html?id=272 


Nothilfe für die Ukraine läuft an! - Bitte helft mit!


Am 24. Februar hat sich die Welt verändert. Russland hat die Ukraine angegriffen. Es ist Krieg, der nach Gottes Willen nicht sein soll. Aber das, was nicht sein soll, das ist Realität geworden.

Und in dieser Not versuchen wir durch Gebet und Solidarität zu helfen. Dafür sind wir in einem permanenten Austausch mit unseren ukrainischen Partnerkirchen und unseren Partnerkirchen in Ungarn, Polen, der Slowakei und Rumänien. 

Unsere polnische lutherische Partnerkirche ist gerade dabei, für die lutherische Kirche in der Ukraine (DELKU) einen Transporter zu beschaffen. Der fehlt im Land, um vor Ort humanitäre Hilfen zu transportieren und zu verteilen. "Wir brauchen dringend Transporter. Ist es möglich, dass Ihr uns welche besorgt? Hier in der Ukraine ist das derzeit für uns unmöglich", fragt Bischof Pawlo Schwarz. Dafür setzen sich jetzt unsere Partner ein, die grenznah agieren können und über die entsprechenden Kontakte und das Knowhow verfügen. 10.000 € wird das GAW dafür als erste Hilfe zur Verfügung stellen.

Die Flüchtlingswelle ist angestiegen, das spüren unsere Partner, z.B. in Łódź in Polen.

 "Heute werden wir in unserer reformierten Gemeinde in Łódź eine Großmutter, Mutter und zwei kleine Kindern aus der Ukraine bei uns aufnehmen. Ein junges Mädchen aus Kiew kommt ebenfalls in Kürze dazu. Ihre Mutter mit zwei kleinen Geschwistern hat es nicht geschafft, aus Kiew herauszukommen. Der Vater kämpft für sein Land. Wir wollen diesen Menschen hier in unserer Gemeinde helfen und werden sie begleiten. In unserer Stadt gibt es sehr viele Freiwillige und Menschen, die helfen wollen. Wir danken Euch, wenn ihr uns bei der Unterbringung helfen könnt", schreibt Pfarrer Semko Koroza von der Reformierten Kirche in Polen. Das GAW stellt der Reformierte Kirche 2.000 € für die Unterbringung von Flüchtlingenzur Verfügung.

Das Reformierte Hilfswerk in Ungarn verfügt über eine gute Logistik, zahlreiche Kontakte und ehrenamtliche Helfer, die mit einenm hohen Einsatz Hilfen in Ungarn organisieren und insbesondere die Reformierte Kirche in Transkarpatien unterstützen. 5.000 € sind auf dem Weg nach Ungarn, um der Reformierten Kirche in der Ukraine bei ihren Herausforderungen zu helfen. Für die Flüchtlinge, die nach Ungarn kommen, werden  Lebensmittel, Getränke und Hygieneartikel bereitgestellt. Es wird prognostiziert, dass die Flüchtlingszahlen weiter anwachsen und die Hilfen verstärkt werden müssen. 

In der Ostslowakei stellt sich die Diakonie der Evangelischen Kirche A.B. auf die Unterbringung von ca. 4.000 Flüchtlingen ein. Dafür wird in den evangelischen Gemeinden nach Unterbringungen gesucht. "Viele Flüchtlinge ziehen auch weiter, weil sie Freunde, Bekannte oder Verwandte in der Westslowakei, Tschechien, Polen oder auch Deutschland haben. Dort wollen sie unterkommen", sagt Samuel Misko, der für die Diakonie in der Ostslowakei arbeitet.

In Odessa - wo es bis heute noch relativ ruhig ist - versucht Pfarrer Alexander Gross in Supermärkten Lebensmittel, Getränke und Hygieneartikel zu beschaffen, um Notleidende in seinen Gemeinden zu unterstützen. Wir sind in Kontakt mit ihm und warten auf seine Nachricht, damit wir Geld zu ihm überweisen können. 

Wir rufen weiter zur Nothilfe für die Ukraine auf. Bitte helfen Sie in dieser großen Not: https://www.gustav-adolf-werk.de/projekt-des-monats.html


Freitag, 25. Februar 2022

"Besonders betroffen macht mich die Angst der Kinder"

Michail ist 20 Jahre alt, russischsprachiger Ukrainer aus Charkiw/Charkow und Mitglied der Jugendgruppe der evangelischen Gemeinde. Heute, am 25. Februar berichtete er in einem Videointerview mit Sarah Münch von der aktuellen Lage und seinen Befürchtungen:

Wie ist im Moment die Situation bei dir in Charkow?

Erst vor zehn Minuten habe ich in er Nähe Schüsse gehört. Meine Schwester und meine Oma sind zum Glück an einem etwas ungefährlicheren Ort außerhalb der Stadt. Sie haben die nötigsten Dinge zusammengepackt, um bereit zu sein, wenn wir wirklich fliehen müssen.

Viele Menschen haben heute die Nacht in einer der Metrostationen verbracht (siehe Bild). Der öffentliche Personennahverkehr ist eingestellt. Vor den Supermärkten und Banken waren gestern lange Schlangen. Alle haben sich mit Lebensmitteln eingedeckt und Geld abgehoben, da sie nicht wissen, was kommen wird.

Wie gefährlich ist es für euch?

Der Anblick von bewaffneten Soldaten auf den Straßen macht uns Angst. Wir wissen nicht, zu welcher Armee sie gehören und ob von ihnen eine Gefahr ausgeht. Ich persönlich empfinde es auf der Straße aber nicht als unmittelbar gefährlich. Bei den Schießereien treffen nur Soldaten aufeinander, die Zivilbevölkerung ist nicht betroffen. So wie eben, als wir Schüsse gehört haben. Wenn aber die Flugzeuge mit Bomben kommen, dann wird es richtig gefährlich. Man spürt immer wieder Erschütterungen von den Kampfhandlungen. Wir haben den Eindruck, dass sie immer näher kommen. Deshalb weiß ich auch nicht, ob wir heute Abend noch in der Stadt sein werden.

Wir können nur abwarten. Ich gebe zu: Ich habe Angst vor dem, was noch kommen könnte. Ich weiß noch nicht einmal, was heute Abend sein wird – geschweige denn nächste Woche. Wenn die Lage schlimmer wird, werde ich zu meiner Schwester und meiner Oma gehen. Ansonsten bin ich seit gestern in der Stadt unterwegs, dokumentiere die Situation mit meiner Kamera und helfe Menschen. Das ist das einzige, was ich derzeit tun kann. Gestern habe ich auf der Straße einer alten Frau beim Tragen von Lebensmitteln geholfen. Die U-Bahn fährt ja nicht und sie war völlig überfordert.

Wie kommt es, dass du gestern sofort deine Kamera gezückt hast und die Situation in Bilder festgehalten hast?

Ich habe schon vor einigen Jahren angefangen, Bilder zu machen und mir das künstlerische Fotografieren nach und nach selbst beigebracht. Ich bevorzuge dabei Schwarz-Weiß-Bilder. Das ist meine Form, mit den gesellschaftlichen Entwicklungen hier in der Ostukraine umzugehen.

Bist du von der Generalmobilmachung der Armee betroffen?

Ich werde zunächst nicht zum Kämpfen eingezogen. Ich habe keine militärische Ausbildung und traue mir ehrlich gesagt den Dienst an der Waffe auch nicht zu. Ich könnte nur so etwas wie Sanitätsdienste machen.

Was wünschst du dir? Für was sollen wir beten?

Was soll man sich in einer kriegerischen Zeit wünschen? Wir wünschen uns Frieden. Ich wünsche mir, dass die Menschen sich nicht mehr gegenseitig umbringen und wieder friedvoll miteinander leben. Es ist schön, dass alle Kirchen in der Stadt offen sind.

Ich mag Kinder und kümmere mich gern um sie. Besonders traurig macht mich ihre Angst, wenn sie fragen: Warum wird geschossen? Was ist los?

In der Gemeinde beten wir für die ukrainischen Soldaten, dass sie es schaffen, ihre Heimat zu verteidigen. Unser Pfarrer, Pawlo Schwarz, bringt gerade seine Familie ins Ausland und will heute nach Charkow zurückkehren und anderen helfen, nach Polen zu gelangen.

 

Donnerstag, 24. Februar 2022

Stimmen aus der Ukraine und aus Russland: Ohnmächtig, fassungslos, erschüttert...

„Wir leben in großer Sorge,“ schreibt Katherina, Sekretärin von Bischof Pavel Schwarz von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU). „Sorge um die Situation, unser Land und um uns selbst. Sollen wir bleiben oder nicht? Diese Frage treibt uns um. Wir beten und vertrauen darauf, dass Gott uns helfen wird und allen Politikern Weisheit geben wird, das wir wieder in Frieden leben können.“

Bleiben oder gehen … - „Es gibt Menschen auf der Flucht Richtung Rumänien, Bulgarien, Moldawien. Bischof Schwarz hat seine Frau, die eine Polin ist, und seine Kinder in die Westukraine gebracht,“ so berichtet Alexander Gross, lutherischer Pfarrer in Odessa. „Am Freitag oder Samstag – so es denn möglich ist – will er in Charkiw zurück sein bei seiner Gemeinde,“ so Gross.

Und er berichtet dann: „Es gab Schüsse in Odessa, derzeit ist alles ruhig. Die Läden sind alle leergekauft. Es gibt auch kein Benzin an den Tankstellen. Wir hoffen auf Nachschub.“ Und er sagt offen: „Putin hat es geschafft, Menschen in Panik zu versetzen. Wichtige strategische Infrastruktur hat er angegriffen und teils zerstört. Aber: Er hat es trotz Ankündigung
bis jetzt nicht geschafft, Kiew einzunehmen. Man hört von abgeschossenen Flugzeugen und Hubschraubern. Jede Seite hat da ihr Narrativ. Unklar ist es deshalb auch, wieviel Opfer zu beklagen sind. Man spricht von mindestens 100 Toten.“ Und es ist für Gross wichtig zu betonen: „Es gibt eine Menge informierter Russen, die kein Verständnis für Putins Handeln haben. Die Propaganda, Ukraine sei kein Staat, ist eine Frechheit. Und dennoch gibt es Menschen, die es glauben.“ Enttäuscht äußert er sich über die bisherige Haltung der orthodoxen Kirchen. Deshalb war er überrascht, als der zuständige Bischof des Moskauer Patriarchats in der Ukraine sich heute für die Ukraine eingesetzt hat. Man müsse für „unsere ukrainischen Soldaten“ beten. In der Ukraine sei das eine Überraschung gewesen.

Wichtig sei es, dass das System „Putin“ und sein Machtrausch Menschen auf der einen Seite manipulieren, andererseits indifferent werden lassen oder bewirken, dass sie sich kraftlos und ohnmächtig dem System ausgeliefert fühlen. Aus Russland hören wir im GAW solche Stimmen: „Wir sind entsetzt und erschüttert, ich schäme mich russischer Staatsbürger zu sein, die Verbrechen von einem Besessenen kann man nicht rechtfertigen. Wir haben Angst, dass die nächste Etappe eine Hexenjagd wird innerhalb Russlands. In der Kirche machen wir uns Sorgen um unsere Familien und unsere Glaubensgeschwister … - was soll das noch werden …?“

Das GAW hat Partnerkirchen in der Ukraine und in Russland. Wir machen uns Sorgen, dass sie ihren Glauben in Zukunft in Freiheit noch leben können. Das steht ebenso auf dem Spiel.

Sorgen um unsere Glaubensgeschwister in der Ukraine machen sich unsere Partner in Polen, Ungarn, der Slowakei und Rumänien. „Lasst uns uns zusammentun, dass wir gemeinsam helfen“, sagte heute am Telefon eine Vertreterin der lutherischen Kirche aus Ungarn.

Als GAW bereiten wir uns auf Nothilfen vor. Deshalb bitten wir um Unterstützung: https://www.gustav-adolf-werk.de/projekt-des-monats.html

Sanierung der lutherischen Kirche in Veľké Leváre in der Slowakei

Kirche vorher - nachher
Die lutherische Gemeinde Veľké Leváre in der Slowakei hat es dank der 16.900€ aus dem Projektkatalog 2020 geschafft, ihre Kirche zu sanieren! Im Namen der gesamten Kirche bedanke ich mich beim GAW für diese erhaltene Hilfe," schreibt Generalbischof Ivan El`ko von der Evangelischen Kirche A.B. in der Slowakei.

Das erste Visitationsprotokoll über die Gemeinde Veľké Leváre wurde 1611 verfasst. Als eine der wenigen Gemeinden im Gebiet Záhorie überstand sie die Gegenreformation und konnte 1791, zehn Jahre nach dem Toleranzpatent, ihre Kirche einweihen. Heute ist die Gemeinde recht klein, aber sehr aktiv. Sie knüpft ökumenische, kulturelle und gesellschaftliche Kontakte in der Kommune und lädt Roma-Kinder zu ihren Kinderaktivitäten ein. 

Die Sanierung der Außenenfassade der Kirche war dringend notwendig. Zudem will die Gemeinde durch ein schönes Äußeres einladend wirken

Samstag, 12. Februar 2022

Was wir jetzt in der Ukraine als Kirchen tun können: Beten! Zum Frieden aufrufen!

Prälatin Gabriele Wulz
im Ulmer Münster
Die Sorge vor einem russischen Angriff der Ukraine wächst - so berichten Medien. Kann die derzeitige Krisendiplomatie noch etwas bewirken? In der kommenden Woche am 18. Februar beginnt die Münchner Sicherheitskonferenz. Hier wird es mit Sicherheit um die Ukrainekrise gehen. 

In München werden die Tage der Sicherheitskonferenz durch Gebete begleitet. Nicht nur dort!

Am 7. Februar war das GAW in der Nikolaikirche in Leipzig für das montägliche Friedensgebet verantwortlich, das es seit 40 Jahren gibt. Worte von evangelischen Kirchenvertretern aus Russland und der Ukraine konnten verlesen werden. Diese Worte werden derzeit in zahlreichen Gemeinden in Deutschland aufgenommen.

So z.B. am 12. Februar im Ulmer Münster, in der Auferstehungskirche und der Lukaskirche in Ulm. Damit haben sich diese Gemeinden der GAW-Initiative angeschlossen. Die Vorsitzende des GAW-Württemberg Prälatin Gabriele Wulz sagte: „Mit unseren Partnerkirchen in der Ukraine und in Russland teilen wir die Sorgen, die die eskalierende Aufrüstung mit der drohenden Kriegsgefahr auslöst. Wir wollen mit unseren evangelischen Partnern um Frieden beten.“ „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“ – es war kurz nach dem 2. Weltkrieg – 1948 – als sich die christlichen Kirchen auf ihrer ersten Vollversammlung in Amsterdam auf dieses gemeinsame Wort verständigt haben. Das gelte kurz nach dem 2. Weltkrieg genauso wie gerade jetzt, so die Ulmer Prälatin, wo die Gefahr eines Krieges auf einmal wieder real ist. Sollte das wirklich eintreten – dann sind die Auswirkungen kaum auszumalen.

Der ehemalige Pfarrer der ev. Katharinengemeinde in Kiew nimmt das Friedensgebet am 13. Februar in seiner Gemeinde in Marktleuthen in Bayern auf. Er bedankt sich für das Sammeln der Stimmen, aus denen die große Sorge um den Frieden zu spüren sei. In seinem Dekanat wurde das Friedensgebet verteilt. Ähnliches geschieht im Rheinischen Wuppertal bei Pfarrerin Friederike Slupina-Beck oder auch am 14. Februar beim Studientag des GAW der EKBO in Berlin.

Auch in Brasilien wird wahrgenommen, wie die Kriegsgefahr zunimmt. Der Generalsekretär des GAW-Brasilien Harald Malschitzky fragt: "Werden die Stimmen der Kirchen gehört? Wie könnten wir heute dem Rad in die Speichen greifen, um an Dietrich Bonhoeffer zu erinnern? Ob der Aufruf von ihm, im August 1934, in Fanö, für ein großes ökumenisches Konzil der heiligen Kirche Christi das für den Frieden eintritt und im Namen Christi ihren Söhnen die Waffen entreißt noch denkbar ist? Oder ist der Weg für Kirchen, zu beten, Stellungnahmen zu veröffentlichen, Aufrufe zu verfassen und kirchliche Gesprächsfäden nutzen, damit da heraus eine Kraft einsteht, die sich vielleicht plötzlich zusammenballt zu einem kräftigen Wort?"



Spendenmöglichkeiten für die Ukraineprojekte des GAW: https://www.gustav-adolf-werk.de/spenden.html 

Donnerstag, 10. Februar 2022

Als wäre eine einstürzende Mauer ein Symbol für Venezuela...


Eine einstürzende Mauer könnte für ein ganzes Land stehen... - die Menschen leiden unter der Not in Venezuela, der Korruption, eines kaum noch existenten Staates, der Fluchtbewegung aus dem Land - und einem Regime, das jegliche Legitimation verloren hat.

"Im Dezember 2021 mussten wir erleben, wie eine Mauer zum Nachbargrundstück des Zentrums Acción Ecuménica (AE) in Caracas einzustürzen drohte. Genau dort finden unsere Workshops des Programms "Gewalt überwinden" statt. Die brüchige Mauer hat inzwischen auch bei den Nachbarn Schäden verursacht. Wir hatten - auch auf Grund der nicht auszudenkenden Krise in Venezuela und des Mangels an finanziellen Mitteln - in der Vergangenheit keine Chance, die Mauer instand zu halten. Dank der spontanen Hilfe des GAW haben wir die Mauer stabilisieren und verstärken können. Das Ganze hat die Gefahr verhindert, dass dieses wichtige Programm für die Kinder und Jugendlichen beendet werden musste. Gewalt ist für sie tägliche Erfahrung. Im Schnitt werden 400 Kinder und Jugendliche mit unserem Programm erreicht. Wir brauchen für diese Arbeit den Bereich, an dem die Mauer sich befindet, um die Workshops durchführen zu können.
Im Namen der Mitarbeitenden und der Kinder und Jugendliche danke ich dem GAW ganz herzlich für die Soforthilfe in Höhe von 3.100€!" schreibt Pfarrer Cesar Henriquez, Leiter des Zentrums Acción Ecumenica in Caracas.

Das GAW hat in den vergangenen Jahren das Zentrum regelmäßig unterstützt. Insbesondere das Medizinzentrum - ebenfalls Teil des Zentrums - wurde mehrfach unterstützt. Das war in der Pandemiezeit dringend notwendig.

Inzwischen wird es immer schwieriger, das Zentrum offen zu halten. Das ist dem schrecklichen Gesamtzustand Venezuelas geschuldet. Es wird immer schwieriger, Geld in das Land zu transferieren. Direkt geht es kaum. Derzeit sind Wege des Transfers blockiert. Cesar arbeitet an einer Lösung dieses gravierenden Problems, das die gesamte Arbeit des Zentrums gefährdet.

Mittwoch, 9. Februar 2022

In Erdevik (Serbien) wurde die Kirchenfassade saniert

Lutherische Kirche in Erdevik
"Dank der Unterstützung des GAW konnte unsere lutherische Gemeinde in Erdevik ihre Kirche sanieren!" schreibt aus dem Bischofsbüro der Slowakischen Evangelischen Kirche A.B. in Serbien die Verwaltungsleiterin Evka Hlavati. 

Das Dorf Erdevik liegt in der autonomen Provinz Vojvodina und zählt rund 2.700 Einwohner. Wie in vielen Dörfern hat auch hier die Bevölkerung in den letzten Jahren stark abgenommen. Die evangelische Gemeinde in Erdevik wurde 1862 gegründet und gehört somit zu den jüngsten Gemeinden ihrer Kirche. Sie zählt rund 600 Gemeindeglieder. Seit 2011 hat die Gemeinde wieder einen eigenen Pfarrer. Für Jan Vida ist Erdevik die erste Stelle nach seinem Studium und der Ordination. Die Gemeinde ist sehr aktiv: Sonntags finden Morgen- und Abendgottesdienste statt, für Kinder gibt es gut besuchte Kindergottesdienste und sogar Jugendliche nehmen gern und intensiv an ihren Treffen samstags im Gemeindehaus teil. Die Gemeinde verfügt über ungefähr vier Hektar Ackerland, das die Gemeindeglieder gemeinsam kultivieren und somit einen wichtigen Beitrag für die Finanzierung der Gemeinde leisten.

Die evangelische Kirche in Erdevik wurde 1902 gebaut und geweiht. Seit Jahren arbeitet die Gemeinde an ihrer Sanierung. Alte und gefährliche Elektroinstallationen wurden ausgetauscht, das Dach wurde neu gedeckt und mit neuen Dachrinnen versehen. Nachdem die Feuchtigkeitsschäden der Kirche beseitigt wurden, konnte die Gemeinde mit der Sanierung der Aussenfassade beginnen und hat vom GAW dafür 4.000 Euro erhalten. Im Projektkatalog 2026 hat das GAW dafür gesammelt. Schon mit dem Projektkatalog 2011 konnte die Gemeinde unterstützt werden.

Dienstag, 8. Februar 2022

"Die Stunde der Kirche!" - Aufruf zu Friedensgebeten für die Ukraine

Friedensgebet in der Nikolaikirche Leipzig
„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“, sagten  1948 die Gründungsmitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam. Unter diesem Leitwort fand ein Friedensgebet am 7. Februar in der Nikolaikirche Leipzig statt. Das GAW war verantwortlich und hat den reformierten und lutherischen Partnerkirchen in Russland und der Ukraine Stimmen gegeben. Alle eint die Sorge und Angst vor einem drohenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Vom 18.-20. Februar findet nun die Münchner Sicherheitskonferenz statt. Die Ukrainekrise wird ein Schwerpunkt sein. Kirchen und Hilfswerke in München haben für Mitte Februar zu Friedensgebeten aufgerufen, um diese so zu begleiten wie es das GAW schon in Leipzig im Vorwege geleistet hat.

Auf der einen Seite ist wichtig, sich über Grenzen hinweg zum Gebet gemeinsam zu vereinen, um der Friedensbotschaft Jesu Raum zu geben.

Auf der anderen Seite sind auch kirchliche Initiativen wichtig. In den christlichen Weltbünden wird darüber intensiv gesprochen und es
werden Initiativen abgestimmt. Das geschieht auf Ebene der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, des Lutherischen Weltbundes, des Ökumenischen Rats der Kirchen. Die Partnerkirchen des GAW arbeiten dort als Mitglieder mit.

Es sei jetzt die Stunde der Kirchen, ist auch die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann überzeugt. Die Kirchen haben alle mit Einfluss auf die politisch Handelnden. Es geht um die eindeutige Botschaft Jesu: Frieden stiften, Feinde lieben! Und sie endet: „Worauf warten wir!“

Das Friedensgebet ist nachzulesen unter:

https://www.gustav-adolf-werk.de/files/gaw/downloads/Predigten/Friedensgebet_Ukraine.pdf

Montag, 7. Februar 2022

Die Geschichte von Tella

Tella und ihre Mutter
Wenn derzeit an der Grenze zur Ukraine große Truppenaufmärsche stattfinden und ein Krieg droht, dann gilt es auch an die Geschichten des Leids zu erinnern, an Menschen wie Tella. Es ist die Geschichte einer Frau, deren Leben beeinflusst wurde durch den Krieg und die Vertreibungen in Russland, Kasachstan und der Ukraine. Was wird sie über die Kriegsgefahr denken ...?

Tellas Geschichte:

Im Juni 1941 wurde die Sowjetunion durch Nazi-Deutschland überfallen. Millionen an Opfern hat das hervorgebracht. Eine Folge des Überfalls war der Deportationserlass vom 28. August 1941. Betroffen waren alle Deutschen in der Sowjetunion. 894.626 Deutsche wurden laut Angaben des KGB der UdSSR bis zum 25. Dezember 1941  in der Sowjetunion zwangsweise umgesiedelt, die meisten aus der Wolgaregion. Aus dem europäischen Teil der Sowjetunion wurden sie unter menschenunwürdigen Bedingungen nach Kasachstan und Kirgistan, nach Sibirien und dem Ural deportiert. Bereits auf dem Weg dorthin, vor allem aber in den Zwangsarbeitslagern der so genannten „Trudarmee“ starben Hunderttausende Russlanddeutsche, erlagen der Kälte und dem Hunger, mussten Schwerstarbeit leisten, bis sie mit ihren Kräften am Ende waren.

Tella Emanuilowa Schmidt aus der ev.-lutherischen Gemeinde in Berdjansk in der Ukraine ist eine der Überlebenden dieser Zeit. Ihr Leben kann stellvertretend für viele stehen,

Anfang des 19. Jahrhunderts kamen ihre Vorfahren nach Russland. In der Sowjetzeit verloren alle deutschen Familien mit der Kollektivierung ihren Besitz. Bei den Repessionen von 1937 unter Stalin wurden auch die Großväter Tellas und deren Brüder ermordet. Als 1941 Tella und ihre Familie deportiert wurde, gab man ihnen 24 Stunden. 16 kg Gepäck waren pro Person erlaubt. Auf Viehtransportern der Eisenbahn wurden sie nach Kasachstan deportiert. Ein Monat dauerte die beschwerliche Fahrt. Tellas Vater wurde in die Trudarmee nach Sibirien verbannt. Die Familie kam nicht wieder zusammen.

Drei Jahre war Tella alt, als sie im Gebiet Semipalatinsk in Kasachstan ankamen. Nur notdürftig fanden sie eine Unterkunft in den Ruinen eines früheren Dorfklubs. Tellas Mutter bekam zudem Typhus. Folglich wurde sie von der Großmutter Maria versorgt, die einer alten Pastorenfamilie angehörte. Sie war es, die im fernen Kasachstan eine lutherische Gemeinde organisierte – unter hohem Risiko. Männer gab es nicht. Maria taufte, konfirmierte, leitete Bibelstunden und Gottesdienste. Das Leben blieb hart mit vielen Entbehrungen. Tella machte einen Schulabschluss, heiratete, wurde selbst 1957 Mutter. Immer wieder gab es Ortswechsel. Später war es möglich, sich wieder freier in der Sowjetunion zu bewegen. So entschloss sich die Familie 1983, in die Ukraine zurückzukehren nach Donezk. Zur Ruhe kam die Familie nicht – auch nicht nach dem Zerfall der Sowjetunion. Im Juli 2014 wurde die Siedlung angegriffen. Die Familie verlor die Wohnung. Schon wieder gab es einen Ortswechsel nach Berdjansk. Jetzt galten sie als intern Vertriebene.

Die Geschichte von Tella ist eine von vielen Lebenswegen der Russlanddeutschen. Eine Geschichte großer Entbehrungen, von Verlusten und Leid. Sie selbst beklagt sich nicht über ihr Schicksal. Sie lebt einfach – und vor allen Dingen die Gemeinschaft in der evangelischen Gemeinde und ihr Glaube helfen ihr, nicht zu verbittern, sondern aus Hoffnung zu leben.

(nach einem Bericht über Tella aus „Der Bote – Ev.-Luth. Zeitschrift" N° 2/2021)