Freitag, 25. Februar 2022

"Besonders betroffen macht mich die Angst der Kinder"

Michail ist 20 Jahre alt, russischsprachiger Ukrainer aus Charkiw/Charkow und Mitglied der Jugendgruppe der evangelischen Gemeinde. Heute, am 25. Februar berichtete er in einem Videointerview mit Sarah Münch von der aktuellen Lage und seinen Befürchtungen:

Wie ist im Moment die Situation bei dir in Charkow?

Erst vor zehn Minuten habe ich in er Nähe Schüsse gehört. Meine Schwester und meine Oma sind zum Glück an einem etwas ungefährlicheren Ort außerhalb der Stadt. Sie haben die nötigsten Dinge zusammengepackt, um bereit zu sein, wenn wir wirklich fliehen müssen.

Viele Menschen haben heute die Nacht in einer der Metrostationen verbracht (siehe Bild). Der öffentliche Personennahverkehr ist eingestellt. Vor den Supermärkten und Banken waren gestern lange Schlangen. Alle haben sich mit Lebensmitteln eingedeckt und Geld abgehoben, da sie nicht wissen, was kommen wird.

Wie gefährlich ist es für euch?

Der Anblick von bewaffneten Soldaten auf den Straßen macht uns Angst. Wir wissen nicht, zu welcher Armee sie gehören und ob von ihnen eine Gefahr ausgeht. Ich persönlich empfinde es auf der Straße aber nicht als unmittelbar gefährlich. Bei den Schießereien treffen nur Soldaten aufeinander, die Zivilbevölkerung ist nicht betroffen. So wie eben, als wir Schüsse gehört haben. Wenn aber die Flugzeuge mit Bomben kommen, dann wird es richtig gefährlich. Man spürt immer wieder Erschütterungen von den Kampfhandlungen. Wir haben den Eindruck, dass sie immer näher kommen. Deshalb weiß ich auch nicht, ob wir heute Abend noch in der Stadt sein werden.

Wir können nur abwarten. Ich gebe zu: Ich habe Angst vor dem, was noch kommen könnte. Ich weiß noch nicht einmal, was heute Abend sein wird – geschweige denn nächste Woche. Wenn die Lage schlimmer wird, werde ich zu meiner Schwester und meiner Oma gehen. Ansonsten bin ich seit gestern in der Stadt unterwegs, dokumentiere die Situation mit meiner Kamera und helfe Menschen. Das ist das einzige, was ich derzeit tun kann. Gestern habe ich auf der Straße einer alten Frau beim Tragen von Lebensmitteln geholfen. Die U-Bahn fährt ja nicht und sie war völlig überfordert.

Wie kommt es, dass du gestern sofort deine Kamera gezückt hast und die Situation in Bilder festgehalten hast?

Ich habe schon vor einigen Jahren angefangen, Bilder zu machen und mir das künstlerische Fotografieren nach und nach selbst beigebracht. Ich bevorzuge dabei Schwarz-Weiß-Bilder. Das ist meine Form, mit den gesellschaftlichen Entwicklungen hier in der Ostukraine umzugehen.

Bist du von der Generalmobilmachung der Armee betroffen?

Ich werde zunächst nicht zum Kämpfen eingezogen. Ich habe keine militärische Ausbildung und traue mir ehrlich gesagt den Dienst an der Waffe auch nicht zu. Ich könnte nur so etwas wie Sanitätsdienste machen.

Was wünschst du dir? Für was sollen wir beten?

Was soll man sich in einer kriegerischen Zeit wünschen? Wir wünschen uns Frieden. Ich wünsche mir, dass die Menschen sich nicht mehr gegenseitig umbringen und wieder friedvoll miteinander leben. Es ist schön, dass alle Kirchen in der Stadt offen sind.

Ich mag Kinder und kümmere mich gern um sie. Besonders traurig macht mich ihre Angst, wenn sie fragen: Warum wird geschossen? Was ist los?

In der Gemeinde beten wir für die ukrainischen Soldaten, dass sie es schaffen, ihre Heimat zu verteidigen. Unser Pfarrer, Pawlo Schwarz, bringt gerade seine Familie ins Ausland und will heute nach Charkow zurückkehren und anderen helfen, nach Polen zu gelangen.

 

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