Dienstag, 26. April 2022

Geflohen aus Russland – weil er über den Krieg sprach

Die meisten Kriegsflüchtlinge in Estland sind aus der Ukraine geflohen, aber nicht nur. Pfarrer Pawel Zayakin (55), ein Geistlicher der Sibirischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, musste wegen des Krieges Russland verlassen.

Pfarrer Pawel Zayakin (Foto: Fea Üprus)
„Als der Krieg in der Ukraine begann, war das für mich sehr schmerzhaft, da ich selbst einmal in der Ukraine gelebt hatte. Eineinhalb Jahre lang war ich Pfarrer der ukrainischen lutherischen Kirche in der Stadt Dnipro. Mit den Menschen dort bin ich noch immer in Kontakt. Die Ukraine liegt mir auch deshalb sehr am Herzen, weil meine Mutter und meine ältere Schwester dort geboren wurden“, berichtet Zayakin.*

Er begann darüber zu sprechen und zu schreiben, wie ungerecht und schrecklich er den Krieg findet. Seine Kirche vermied die Kriegsthemen, doch Zayakin war der Meinung, dass man darüber reden müsse. Wegen seiner Veröffentlichungen kamen am 9. März Angehörige der staatlichen Sicherheitsorgane zu ihm nach Hause und drohten, gegen ihn zu ermitteln, wenn er nicht aufhöre zu schreiben.
Da fasste Pfarrer Pawel Zayakin den Entschluss, das Land zu verlassen: „Ich verkaufte mein Auto und kaufte von dem Geld Tickets nach Estland. Ich hatte ein Gespräch mit Bischof Wsewolod Lytkin und bat um die Erlaubnis, ins Ausland zu gehen, wo ich meine Meinung sagen kann. Ich wollte mit meinen Äußerungen die Kirche ja auch nicht in Schwierigkeiten bringen. Der Bischof erlaubte mir die Ausreise, und am 23. März kamen wir in Estland an.“

Nach Estland ist die gesamte Familie mitgekommen, seine Frau, die beiden Töchter und eine Enkelin. Ursprünglich war es so nicht geplant, doch die Kinder waren ebenfalls kritisch gegenüber den Entwicklungen in Russland, fürchteten um ihre Zukunft und darum, die Eltern nie wieder zu sehen. Zayakin erzählt, wie seine älteste Tochter in St. Petersburg die Papiere ihres Kindes von der Schule abholte: „Eine andere Mutter fragte, ob sie irgendwohin fahren würden. Die Tochter bejahte es. Und die Mutter meinte, sie hätten Glück, weil die Kinder in der Schule jetzt sogar Putins Reden analysieren müssten. Meinte Tochter dachte sich: Wenn so etwas schon in St. Petersburg passiert, dann ist es woanders wahrscheinlich noch viel schlimmer.“

Nach Estland hat Zayakin langjährige Verbindungen. Am 25. Februar 1997 war er von Jaan Kiivit, dem damaligen Bischof der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK), zum Diakon der estnischen Gemeinde in dem kleinen sibirischen Dorf Werchni-Suetuk geweiht geworden. Er arbeitete 21 Jahre lang in der Gemeinde in Abakan und war zugleich auch 15 Jahre als Diakon in Werchni-Suetuk tätig. In Estland angekommen half ihm Jaanus Noormägi, ebenfalls ein ehemaliger Pfarrer in Werchni-Suetuk. Er organisierte alles, angefangen mit der Unterkunft im Theologischen Institut bis zum Essen. Am 31. März traf Zayakin bereits den Erzbischof der EELK, Urmas Viilma, um über seine möglichen Zukunftsperspektiven in Estland zu sprechen.

Zunächst soll Zayakin als Freiwilliger in der Kirche mitarbeiten. Mit großer Freude hat er inzwischen an Gottesdiensten in Harkujärve mitgewirkt und dort die Bibel auf Ukrainisch gelesen. Auf seiner Facebook-Seite finden sich weiterhin viele kritische Gedanken und Antikriegspredigten, einige davon auch auf Englisch. Die Familie hat ihre Papiere bei der Polizei eingereicht, um politisches Asyl zu beantragen. Bis zu einer Entscheidung kann es ein halbes Jahr dauern.
Eine möglich Perspektive für ihn wäre, als Pfarrer in der lutherischen Gemeinde der estnisch-russischen Grenzstadt Narva zu dienen. Dort ist ein Großteil der Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg russischsprachig. In Russland hat Zayakin sich auch an der Pfadfinderarbeit beteiligt und hofft, dass er in Estland bei der Arbeit mit russischsprachigen Pfadfindern helfen kann.

(Aus den Materialien der Kirchenzeitung „Eesti Kirik“)

*Die GAW-Partnerkirche Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine (DELKU) weist allerdings darauf hin, dass Pfarrer Zayakin während seiner Zeit in der Ukraine zur Gruppe um den ehemaligen Bischof Maschewski gehörte, die die DELKU jahrelang gespalten hat.

Montag, 25. April 2022

Krieg und kein Ende - die Not wächst...

Brot für die Geflüchteten aus
der Bäckerei in Beregovo 
Zwei Monate dauert der Krieg in der Ukraine. Und ein Ende ist derzeit nicht abzusehen. 5 Millionen Menschen haben laut UN-Flüchtlingshilfe das Land verlassen. 7,7 Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht. 13 Millionen Menschen sind in schwer zu erreichenden Regionen des Landes. Eine immense Not, die man auch in der Westukraine hautnah mitbekommt.

In Beregovo und Umgebung sind ca. 10.000 Flüchtlinge untergebracht und werde u.a. mit Hilfe der Diakonie der Reformierten Kirche versorgt. In der Grenzstadt zu Ungarn befindet sich der Sitz des Bischofs der Kirche und das Diakoniezentrum, das u.a. eine Bäckerei unterhält. Hier wird derzeit unermesslich viel geleistet, um Brot auch nach Kiew zu transportieren.

Hilfe bekommt die Kirche und ihre Diakonie hauptsächlich von Partnern aus dem Ausland, wie z.B. vom Reformierten Hilfswerk Ungarns oder auch vom GAW. 

Versorgung der Geflüchteten 
In der gesamten Region Transkarpatien sollen an die 300.000 Flüchtlinge untergebracht sein. Es herrscht ein Kommen und Gehen, denn nicht alle Flüchtlinge bleiben. Entweder gehen sie weiter über die Grenze nach Ungarn und Westeuropa oder aber es kommen auch Menschen in die Ukraine zurück. Die Region ist mehr und mehr zu einer Durchgangsregion geworden. 

Ein weiteres Beispiel: In der Region von Tiszápéterfalva/Pyjterfolwo gibt es 16 kleine Dörfer mit ca. 19.000 Einwohnern. Allein hier sind 1.000 Flüchtlinge untergekommen. In drei Dörfern leben gut die Hälfte davon. Sie sind in 5 Einrichtungen untergebracht und werden mit drei Mahlzeiten pro Tag versorgt. Aber es ist auch hier ein ständiges Kommen und Gehen. Viele Flüchtlinge wohnen auch privat bei Familien. Die Hilfsbereitschaft vor Ort war bisher groß. Aber je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird es, die Herausforderung auch finanziell zu stemmen. 90 Personen sind eingebunden in die Betreuung der Flüchtlinge. Die reformierte Pfarrerin Agnés Kárdos kümmert sich derzeit hauptamtlich um diese Aufgabe. Dafür wird Hilfe benötigt. 

Das GAW ist gebeten auch hier zu helfen.

Helfen Sie mit! 

GAW
KD-Bank Dortmund
IBAN: DE42 3506 0190 0000 4499 11

Stichwort: GAW-Ukrainenothilfe

Mittwoch, 13. April 2022

Ukraine: Humanitäre Hilfe vom GAW Württemberg

Das Ehrenamtlichen-Team um Ulrich Hirsch Ende März beim Beladen des Hilfstransports nach Łódź

Am 14. April wird erneut ein GAW-Hilfstransport mit lebensnotwendigen Hilfsgütern für geflüchtete Menschen in die Ukraine starten. In der ukrainischen Grenzregion Transkarpatien versorgt der reformierte Pfarrer Péter Szeghljánik nicht nur seine Gemeindeglieder von Popowo/Csonkapapi, sondern auch mehr als 110 Binnenflüchtlinge aus Kiew. Weil zwölf von ihnen im Pfarrhaus untergekommen sind, schläft der Pfarrer selbst in seinem Kleinbus. Mit bewegenden Worten berichtet er von der Rettung einzelner Familien aus der Hauptstadt, aber auch von Familien, die durch Einberufung der Männer zerrissen wurden.
Um zielgenau zu helfen, wird in der Region Sachsenheim/Bietigheim und Göppingen am 13. April ein 14 Meter langer ungarischer 40-Tonner mit Pflegebetten, Saatmais, Saatkartoffeln, Stühlen und Tischen, Konserven und Mineralwasser in jeweils großen Mengen beladen. Die Helfer werden sogar den dringenden Wunsch nach einem Gabelstapler erfüllen. Zu weiteren Hilfsgütern zählen Kleider, Spielzeug, Schulbedarf, Betten, Bettwäsche, Arzneien, aber auch Paletten mit Lebensmittelspenden füllen den 14 Meter langen LKW. Ein ehrenamtliches Team unter Leitung von Ulrich Hirsch sorgt in Wangen, Stetten, Heilbronn, Nürtingen, Ensingen, Vaihingen/Enz und Mühlacker für die sachgerechte und sorgfältige Beladung.

Ziel des Trucks ist das 1300 km entfernte ungarische Grenzdorf Barabás. Von dort werden die Spenden mit Sprintern in ukrainische Grenzdörfer in Transkarpatien sowie ins 1000 Kilometer entfernte Kiew gebracht. Die Not leidenden Menschen erhalten eine Grundversorgung mit Lebensmittelpaketen und Broten, und spüren dabei, dass „auch die Liebe und Dankbarkeit unserer Herzen mit eingepackt wurde“, schreibt Pfarrer Szeghljánik. Neben praktischer Hilfe bietet der Pfarrer auch dreimal täglich Gottesdienste und Andachten in ungarischer und ukrainischer Sprache beidseits der Grenze an. Die Kosten des Hilfstransports im Wert von etwa 50 000 Euro, der zugleich weitere Ausgaben und Transportkosten verursacht, übernehmen die Ukrainehilfe des GAW und viele Einzelspender. So wird durch eine überwältigende Hilfsbereitschaft dieses tonnenschwere „Ostergeschenk“ für bedürftige Menschen auf den Weg gebracht. Der nächste Hilfstransport für Menschen aus der Ukraine ist bereits für die Zeit nach Ostern in Vorbereitung. Er wird für die Stuttgarter Partnerstadt Brno/Brünn bestimmt sein, wo sowohl in Tschechien untergebrachte Ukrainer unterstützt als auch Hilfstransporte in das Kriegsgebiet organisiert werden.

Die Reformierte Kirche in Transkarpatien zählte vor dem Krieg rund 64 000 Gemeindeglieder. Mit ihrer ungarischen Geschichte leben sie in der Ukraine in einer doppelten Diaspora. Das GAW pflegt schon lange intensive Beziehungen zu dieser kleinen Kirche im Südwesten der Ukraine.

Der vorherige Hilfstransport des GAW Württemberg erfolgte Ende März nach Łódź (Polen). Die Partnerstadt von Stuttgart hatte etwa 300 ukrainische Waisenkinder in verschiedenen leerstehenden Einrichtungen untergebracht und bat anschließend ihre deutsche Partnerstadt um Unterstützung. Stuttgart beauftragte mit der Vorbereitung und Durchführung des Hilfstransports das erfahrene Team ehrenamtlicher Mitarbeiter unter Leitung von Ulrich Hirsch, dem früheren Geschäftsführer des GAW Württemberg.

Dienstag, 12. April 2022

Flüchtlingshilfe für Ukrainer:innen in Brasilien

Spendenaktion in Ivoti (Brasilien)
Am Instituto Ivoti, einer Schule der lutherischen Kirche in Südbrasilien im Bundesstaat Rio Grande do Sul, gibt es ein "Grêmio Estudantil Gustavo Adolfo" (GEGA). Schüler:innen der Schule organisieren sich hier selbst, um Sozialkampagnen zu starten und Aktivitäten zu planen. So haben sie am 2. April einen Spendenaktion für ukrainische Flüchtlinge in Brasilien durchgeführt. "Diese Spenden wurden inzwischen an die ukrainischen Flüchtlinge und arme Familien von Ivoti verteilt", schreibt Germano Hartmann Brill, Vorsitzender der GEGA.

Nach offiziellen Angaben hat Brasilien inzwischen etwas mehr als 100 Ukrainier:innen aufgenommen. Es gibt im Land eine größere ukrainische Minderheit. Schätzungsweise seien es rund 600.000 ukrainischstämmige Einwohner, die vor allem im Süden des Landes wohnen. Die Stadt Prudentópolis gilt als «Kleine Ukraine». In der Stadt mit rund 52'000 Einwohnern sind rund 80 Prozent Nachfahren von Ukrainer. Vor allem in der Stadt Curitiba und Umgebung kamen inzwischen unterstützt von kirchlichen Organisationen mehrere Gruppen Ukrainer an.

Von der lutherischen Kirche in Brasilien (IECLB) unterstützt neben der GEGA auch die Obra Gustavo Adolfo (OGA) Nothilfe für die Ukrainer. Die OGA hat dem GAW für seine Arbeit 2.000 € überwiesen. Das Instituto Ivoti wird schon sehr lange vom GAW unterstützt. Neben Stipendien für arme Schüler:innen unterstützt das GAW das Deutschlehrerinstitut (IFPLA), das ebenso hier angesiedelt ist.

Das Ivoti-Institut, wie es heute heißt, hat eine lange Geschichte. Sein Ursprung geht auf den 4. April 1909 in der Gemeinde Taquari zurück. Das Institut ist das Ergebnis der Bemühungen deutscher Einwanderer, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit dem Bau von Schulen begannen.

Freitag, 8. April 2022

Estland: Eine Flüchtlingswohnung in Keila/Estland

Mehr als 30.000 ukrainische Flüchtlinge sind inzwischen in Estland angekommen. Die Flüchtlinge werden schnell und unbürokratisch integriert. In der Gesellschaft ist das akzeptiert und wird unterstützt. Auch die lutherische Kirche Estlands ist in die Unterstützung und Unterbringung der Flüchtlinge eingebunden .
In der Ev.-Luth. St.-Michaelisgemeinde in Keila - ca. 15 Kilometer westlich von Tallinn will die dortige Gemeinde Flüchtlinge unterbringen. 

"Bereits seit dem 9. März wohnt eine 6-köpfige Familie aus der Ukraine in unserem Gemeindehaus. Nun wollen wir auch die andere Hälfte des Obergeschoßes ausbauen. Es geht um Isolierung, Heizung, die Sanitärräume und Malerarbeiten", schreibt Pfarrer Matthias Burghradt. "Schon lange planen wir, das Gemeindehaus an die Fernwärme anzuschließen. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 15.000 Euro. Eine Renovierung der zweiten Wohnung im Obergeschoß des Hauses wird 7.000-8.000 Euro kosten. Wir werden einen Teil der Kosten aus unseren Ersparnissen bezahlen, einen weiteren Teil hat die Stadt Keila versprochen zu übernehmen. Wir danken dem GAW, dass sie mit 5.000€ die Errichtung der Wohnung für die Flüchtlinge unterstützt!"



Donnerstag, 7. April 2022

Zerstörung nach dem Abzug russischer Truppen

Alexander Groß, Vorsitzender der DELKU-Synode und Pfarrer in Odessa erzählt über die weiteren Entwicklungen in den Gemeinden in der Ukraine:

Verteilung von Medikamenten in Charkiw
„Die Situation in den Orten, die von russischen Soldaten besetzt waren, ist überall ähnlich wie in Butscha, Butscha ist gewiss kein Einzelfall. In unserer Filialgemeinde in Adrijiwka bei Kiew bietet sich ein ähnliches Bild: Die russischen Soldaten haben bei ihrem Abzug nicht nur unser dortiges Heim für ehemalige Obdachlose, sondern auch die meisten anderen Häuser im Dorf zerstört und zahlreiche Menschen erschossen. Eine Frau wurde in den Trümmern des Heimes tot gefunden, alle anderen Bewohner konnten gerettet und nach Iwano-Frankiwsk gebracht werden. Wir trauern um unsere Schwester, die wir verloren haben. (Weitere Infos und Fotos über die Obdachlosenunterkunft in Andrijiwka in "Ukraine: Obdachlosenunterkunft "Hafen" zerstört")

Wiedersehen mit Pawlo Schwarz in Charkiw
Die Gemeinde in Schostka bei Sumy im Norden nahe der russischen Grenze lag in russisch besetztem Gebiet, ohne dass russische Soldaten tatsächlich im Ort waren. Jetzt ist die Region wieder befreit und es gibt keine Schäden. Welch ein Glück. Die Menschen können auch wieder mit Lebensmitteln versorgt werden.

Die Gemeinde in Smejewka bei Cherson liegt jetzt nahe an der Front. Wir hoffen, dass sie in den nächsten Tagen von den ukrainischen Truppen befreit werden wird. Ich hoffe sehr, dass ich sie bald besuchen kann, vielleicht schon zu Ostern oder bald danach. Große Sorgen mache ich mir allerdings um unsere Gemeinde in Berdjansk, wo tatsächlich russische Truppen präsent sind und zu der es keine telefonische Verbindung mehr gibt. Ab und zu gibt es Internet und dann erhalten wir von dort ein Lebenszeichen. Sie schreiben, dass sie noch am Leben sind und dass sie als Gemeinde weiter zusammenhalten und Gottesdienste feiern.

Hier bei uns in Odessa ist es im Vergleich dazu fast „ruhig“, obwohl es weiterhin Raketenangriffe gibt. Nach der Zerstörung eines Treibstofflagers gibt es fast keinen Diesel mehr zu kaufen. Dennoch bin ich dankbar, dass dies das einzige Problem ist. Wir sind bereit Flüchtlinge aufzunehmen, bisher ist aber nur eine Familie angekommen. Die meisten wollen weiter Richtung Moldawien und Rumänien oder sie gehen gleich in die Westukraine. Wir haben humanitäre Hilfe von unseren evangelischen Freunden aus Rumänien erhalten und heute auch von einem Mann, der drei Tage lang mit einem Kleinbus aus der Schweiz bis nach Odessa gefahren ist. All diese Hilfe wollen wir noch vor Ostern in den Gemeinden verteilen. Zum Glück sind alle unsere Gemeindeglieder unversehrt. Es ist aber eine schwere Zeit für alle. Wir sprechen viel darüber. Es ist wichtig, dass ich als Pfarrer sie besuche und sie sich nicht verlassen fühlen.

Insgesamt ist die Situation wieder etwas „normaler“ geworden und etliches, was zu Beginn des Krieges zusammengebrochen war, funktioniert wieder. Das Leben kommt zurück, die Menschen gehen wieder zur Arbeit. Seit Montag ist unser Kinderzentrum im Dorf Novogradowka wieder geöffnet. Es kommen Kinder, die kein Computer und Internet zu Hause haben. Das Kinderzentrum ist so zu einer Schule geworden: Die Lehrer schicken die Aufgaben und die Mitarbeiter lösen sie zusammen mit den Kindern.

Die Gemeinde in Charkiw ist stark dezimiert durch Flucht. Der Bischof Pawlo Schwarz ist jetzt ein paar Tage dort und besucht verbliebene Gemeindeglieder und andere christliche Gemeinden. Sie verteilen Lebensmittel und Medikamente. Man sieht auf den Bildern, wie froh er ist, seine Freunde und Gemeindeglieder wiederzusehen!“
Gemeinsames Gebet in der Kirche in Charkiw

Mittwoch, 6. April 2022

Erste Pfarrerin in Syrien ordiniert: "Akt der Gerechtigkeit gegenüber Frauen"

Sabbagh mit NESSL-Generalsekretär Joseph Kassab
Mathilde Sabbagh ist die erste Frau, die in Syrien zur Pfarrerin ordiniert wurde. Bereits 2016 ging sie mitten im Krieg in ihre evangelische Heimatgemeinde in Hassakeh in Nordostsyrien zurück, um dort den Pfarrer zu ersetzen, der vor dem Krieg geflohen war. Sie baute eine große Kinder- und Jugendarbeit auf und koordinierte die humanitäre Hilfe für hunderte Familien. Krieg, Wirtschaftskrise und Corona verhinderten all die Jahre, dass der Gottesdienst zu ihrer Ordination stattfinden konnte. Am 3. April 2022 war es endlich so weit: Mathilde Sabbagh wurde als erste Frau in Syrien zur Pfarrerin ordiniert. Hier ihr Bericht:

"Seit meiner Ordination hatte ich noch gar keine Zeit zum Nachdenken. Immer wieder klopfen Leute an mein Büro, um mir zu gratulieren. Der Ordinationsgottesdienst lief wirklich sehr gut, obwohl es eine halbe Stunde zuvor eine Explosion in der Stadt gegeben hatte - zum Glück nicht in unserer Nähe, sodass wir den Gottesdienst normal beginnen konnten. Es war beeindruckend, dass so viele Pfarrer der Evangelischen Kirche in Syrien und im Libanon (NESSL) nach Hassakeh kommen konnten! Wir waren sehr aufgeregt, ob sie wirklich kommen würden. Schießlich war es der erste Flug von Beirut nach Hassakeh seit sehr langer Zeit. Aber das Flugzeug ist angekommen, Gott sei Dank!

Zu dem Gottesdienst kamen nicht nur Pfarrer meiner Kirche, sondern auch Geistliche anderer Kirchen. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich auch über meine Ordination freuten und mich akzeptierten. Die katholischen Priester nahmen sogar an den Feierlichkeiten nach dem Gottesdienst teil.

Auch wenn die pastorale Arbeit sich durch meine Ordination nicht ändern wird, denke ich, dass die Ordination einen symbolischen Unterschied macht. Zwar fühlen sich einige Menschen davon provoziert, aber es ist gut, dass die NESSL es gemacht hat. Diese Entscheidung der Männer war ein Akt der Gerechtigkeit gegenüber Frauen. Schießlich haben mich Männer ordiniert, keine Frauen. Das macht in unserer patriarchalen Gesellschaft leider einen großen Unterschied. Es war ein sehr wichtiges Symbol, dass sechs männliche Pfarrer eine weibliche Pfarrerin ordiniert haben.

Und nicht zuletzt ist es erfreulich, dass endlich einmal positive Nachrichten aus Hassakeh kommen – einem Ort, der so viel Schrecken erlebt hat!"


Dienstag, 5. April 2022

Straßburg: Interreligiöser Dialog und französisch-deutsche Begegnung

Gospelchor der Gemeinde mit Pfarrer Frédéric Setodzo
„Das Gemeindezentrum in Straßburg im Viertel Cité de l’Ill in Straßburg-Robertsau ist wirklich marode“, sagt Prälat Martin Dutzmann, Präsident des GAW bei seinem Besuch bei der UEPAL (Union Protestantischer Kirchen von Elsass und Lothringen). Es ist sein erster Auslandsbesuch als GAW-Präsident. „Ich bewundere den Mut der Kirche, dass sie hier etwas Neues aufbauen will. Dafür gibt es ein hohes Engagement Ehrenamtlicher und einen charismatischen Pastor, der mit Ideen und Kreativität sich für den interreligiösen Dialog im Nordender Stadt mit einem hohen Migrationsanteil einsetzt. Das ist absolut unterstützenswert“, ist Dutzmann beeindruckt von dem Projekt, für das das GAW im Projektkatalog 2022 wirbt.

Lange wurde überlegt, ob die protestantische Gemeinde hier in Cité de l'Ill überhaupt eine Zukunft haben kann. Der Anteil der Protestanten im Stadtteil ist gering. 2019 beschloss die UEPAL schließlich, sich den Herausforderungen im Stadtteil zu stellen, um zum friedlichen Miteinander beizutragen. Eine Besonderheit in Cité de l’Ill ist, dass hier an der Rue d’Ill die Moschee, die katholische und die evangelische Kirche nebeneinanderstehen. Allein das fordert zum interreligiösen Dialog heraus. Gemeinsam mit der muslimischen Gemeinde werden Figuren und Charaktere diskutiert, die dem Christentum, dem Judentum und dem Islam gemeinsam sind. Eine ghanaische Gemeinde und eine Romagemeinde können die Räumlichkeiten der protestantischen Kirche für ihre Veranstaltungen nutzen, auch gemeinsame Gottesdienste und Konzerte stehen auf dem Plan. Die Gemeinde will den Jugendlichen im Stadtteil durch Musikprojekte einen Ort der Entfaltung bieten, Gospelmusik fördern und in Schulen Bildungsangebote unterbreiten. „Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen und bleiben, damit sich die unterschiedlichen Seiten verstehen lernen und friedlich miteinander leben,“ sagt der Ortspfarrer Frédéric Setodzo.

Bauarbeiten in der Kapelle der Begegnung
im Januar 2022
Im Straßburger Hafenviertel Port du Rhin besuchte Prälat Martin Dutzmann auch die im Projektkatalog 2020 geförderte Kapelle der Begegnung. „Wenn sie im Oktober eingeweiht wird, dann soll sie ein unkonventioneller Ort der Feier und des Gebets mit einer ökumenischen, grenzüberschreitenden und auch interreligiösen Dimension sein“, hoffen die Verantwortlichen der UEPAL und der Evangelischen Landeskirche in Baden, die dieses Projekt in einem wachsenden neuen Stadtviertel gemeinsam verantworten.

Die Kapelle wurde 1941 eingeweiht, gegen Ende des Krieges zerstört und schon 1947 wiederaufgebaut. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie immer seltener genutzt. Inzwischen wächst in Port du Rhin jedoch ein neuer Stadtteil. Die Evangelische Landeskirche in Baden und die Union Protestantischer Kirchen von Elsass und Lothringen haben sich deshalb zu diesem grenzüberschreitenden Projekt entschlossen. Ein deutschsprachiger Pfarrer und eine französischsprachige Pfarrerin sind seit Herbst 2017 damit beauftragt, die kleine protestantische Diaspora zusammenzubringen und eine protestantische Präsenz in dem neuen Stadtteil zu entwickeln. Die Sanierung der Kapelle steht kurz vor Ihrer Beendigung.
„Diese grenzüberschreitende Arbeit – das ist es, was wir in ganz Europa brauchen“, unterstreicht Prälat Dutzmann.

Im Gespräch mit Kirchenpräsident Christian Albecker wurden weitere zukünftige gemeinsame Herausforderungen besprochen. U.a. die Frage, wie das GAW mit den GAW-Partnerkirchen gemeinsam zum Wohle der weltweiten evangelischen Diaspora arbeiten kann. "Die Diasporasituation spielt immer mehr eine Rolle bei uns in Deutschland," so Dutzmann. "Die Erfahrungen unserer Partnerkirchen sind dabei von großem Nutzen. Wir brauchen sie bei uns auch strukturell."

Insbesondere dankte Dutzmann der UEPAL für ihre Unterstützung für die Ukrainenothilfe. 40.000 Euro hat die UEPAL dem GAW für diese große Herausforderung zur Verfügung gestellt.

Montag, 4. April 2022

Ukraine: Obdachlosenunterkunft „Hafen“ zerstört

Das zerstörte Gebäude des Obdachlosenheims
Seit 2020 gab es im Dorf Andrijiwka im Bezirk Butscha nahe Kiew eine Unterkunft für Obdachlose namens Gawan (Hafen), die von der lutherischen St. Martinsgemeinde in Kiew mit betreut wurde. Nach der Befreiung des Ortes von der russischen Besatzung ist jetzt die Gewissheit: Das Haus ist nur noch eine Ruine. Eine Bewohnerin ist unter den Trümmern verstorben.
Anfang März hatten die russischen Truppen das Dorf eingenommen, wenige Tage später fielen der Strom und die Kommunikationskanäle aus. Das Dorf lag fast an der Frontlinie, sodass die berechtigte Befürchtung bestand, dass es zerstört werden würde.

Am 2. April 2022 schreibt nun die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche auf ihrer Homepage, dass das Dorf befreit wurde und die Befürchtung sich bewahrheitet hat: Das Heim wurde – wie viele andere Gebäude in Andrijiwka –zerstört. Einheimische berichten von schrecklichen Kriegsverbrechen: Erschießung von Zivilisten, Vergewaltigung von Mädchen und Plünderungen.
Der Pfarrer der St. Martinsgemeinde, Igor Schemigon, teilt mit, dass außer der einen getöteten Frau die übrigen Bewohner sich in Kellern versteckt und überlebt haben. Ihr mentaler Zustand sei aber schlecht. „Wir planen, sie alle in die Westukraine zu evakuieren. Die Frauen sind schon unterwegs. Es liegt ein langer Weg vor uns, den wir ohne die Unterstützung unserer Freunde und Partner nicht bewältigen können. Herr, erbarme dich!“ Zu Beginn der akuten Kriegsphase hatten im Gawan zwölf ältere und behinderte Obdachlose sowie der Prediger Sergij Beresin gelebt.

So sah das Gebäude früher aus.
Pfarrer Schemigon und der Sozialdienst Haus der Barmherzigkeit, der sich ansonsten um Obdachlose gekümmert hat, waren wegen der heftigen Kämpfe in der Umgebung von Kiew nach Iwano-Frankiwsk umgezogen. Die meisten Schützlinge leben jetzt ebenfalls dort. Der Sozialdienst hat Räumlichkeiten angemietet, die nicht nur Obdachlosen, sondern auch Vertriebenen aus den Kampfgebieten dienen. Es hat sich eine aktive Zusammenarbeit mit den reformierten Gemeinden in Iwano-Frankiwsk und in der Region entwickelt.
Der Kontakt zu den lutherischen Gemeindemitgliedern, die in Kiew und Bila Tserkva verbliebenen sind, erfolgt über das Internet: Die Gottesdienste werden online abgehalten. Nur eine der Bibelgruppen in Kiew trifft sich persönlich.

Im Heim entstand sogar eine Gemeindegruppe

Seit seiner Gründung 2020 hat das Heim Gawan 30 Obdachlose beherbergt, die von den Freiwilligen der Organisation Haus der Barmherzigkeit in schwierigen Situationen auf den Straßen von Kiew und anderen Orten gefunden wurden. Den meisten von ihnen ist es gelungen, ihre Papiere wiederzubekommen, sie erhielten eine Rente und kehrten nach und nach ins gesellschaftliche Leben zurück. Einige haben das Heim verlassen, andere sind dauerhaft im Gawan geblieben. Darüber hinaus nahmen 15 von ihnen am Konfirmandenunterricht teil und traten der evangelisch-lutherischen Gemeinde St. Martin bei. Die Gemeinde hat daher in Andrijiwka eine Zweigstelle eingerichtet, mit Prediger Sergij Beresin.

 
Aus Materialien der Seite https://nelcu.org.ua und https://www.facebook.com/truedelku