Dienstag, 26. April 2022

Geflohen aus Russland – weil er über den Krieg sprach

Die meisten Kriegsflüchtlinge in Estland sind aus der Ukraine geflohen, aber nicht nur. Pfarrer Pawel Zayakin (55), ein Geistlicher der Sibirischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, musste wegen des Krieges Russland verlassen.

Pfarrer Pawel Zayakin (Foto: Fea Üprus)
„Als der Krieg in der Ukraine begann, war das für mich sehr schmerzhaft, da ich selbst einmal in der Ukraine gelebt hatte. Eineinhalb Jahre lang war ich Pfarrer der ukrainischen lutherischen Kirche in der Stadt Dnipro. Mit den Menschen dort bin ich noch immer in Kontakt. Die Ukraine liegt mir auch deshalb sehr am Herzen, weil meine Mutter und meine ältere Schwester dort geboren wurden“, berichtet Zayakin.*

Er begann darüber zu sprechen und zu schreiben, wie ungerecht und schrecklich er den Krieg findet. Seine Kirche vermied die Kriegsthemen, doch Zayakin war der Meinung, dass man darüber reden müsse. Wegen seiner Veröffentlichungen kamen am 9. März Angehörige der staatlichen Sicherheitsorgane zu ihm nach Hause und drohten, gegen ihn zu ermitteln, wenn er nicht aufhöre zu schreiben.
Da fasste Pfarrer Pawel Zayakin den Entschluss, das Land zu verlassen: „Ich verkaufte mein Auto und kaufte von dem Geld Tickets nach Estland. Ich hatte ein Gespräch mit Bischof Wsewolod Lytkin und bat um die Erlaubnis, ins Ausland zu gehen, wo ich meine Meinung sagen kann. Ich wollte mit meinen Äußerungen die Kirche ja auch nicht in Schwierigkeiten bringen. Der Bischof erlaubte mir die Ausreise, und am 23. März kamen wir in Estland an.“

Nach Estland ist die gesamte Familie mitgekommen, seine Frau, die beiden Töchter und eine Enkelin. Ursprünglich war es so nicht geplant, doch die Kinder waren ebenfalls kritisch gegenüber den Entwicklungen in Russland, fürchteten um ihre Zukunft und darum, die Eltern nie wieder zu sehen. Zayakin erzählt, wie seine älteste Tochter in St. Petersburg die Papiere ihres Kindes von der Schule abholte: „Eine andere Mutter fragte, ob sie irgendwohin fahren würden. Die Tochter bejahte es. Und die Mutter meinte, sie hätten Glück, weil die Kinder in der Schule jetzt sogar Putins Reden analysieren müssten. Meinte Tochter dachte sich: Wenn so etwas schon in St. Petersburg passiert, dann ist es woanders wahrscheinlich noch viel schlimmer.“

Nach Estland hat Zayakin langjährige Verbindungen. Am 25. Februar 1997 war er von Jaan Kiivit, dem damaligen Bischof der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK), zum Diakon der estnischen Gemeinde in dem kleinen sibirischen Dorf Werchni-Suetuk geweiht geworden. Er arbeitete 21 Jahre lang in der Gemeinde in Abakan und war zugleich auch 15 Jahre als Diakon in Werchni-Suetuk tätig. In Estland angekommen half ihm Jaanus Noormägi, ebenfalls ein ehemaliger Pfarrer in Werchni-Suetuk. Er organisierte alles, angefangen mit der Unterkunft im Theologischen Institut bis zum Essen. Am 31. März traf Zayakin bereits den Erzbischof der EELK, Urmas Viilma, um über seine möglichen Zukunftsperspektiven in Estland zu sprechen.

Zunächst soll Zayakin als Freiwilliger in der Kirche mitarbeiten. Mit großer Freude hat er inzwischen an Gottesdiensten in Harkujärve mitgewirkt und dort die Bibel auf Ukrainisch gelesen. Auf seiner Facebook-Seite finden sich weiterhin viele kritische Gedanken und Antikriegspredigten, einige davon auch auf Englisch. Die Familie hat ihre Papiere bei der Polizei eingereicht, um politisches Asyl zu beantragen. Bis zu einer Entscheidung kann es ein halbes Jahr dauern.
Eine möglich Perspektive für ihn wäre, als Pfarrer in der lutherischen Gemeinde der estnisch-russischen Grenzstadt Narva zu dienen. Dort ist ein Großteil der Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg russischsprachig. In Russland hat Zayakin sich auch an der Pfadfinderarbeit beteiligt und hofft, dass er in Estland bei der Arbeit mit russischsprachigen Pfadfindern helfen kann.

(Aus den Materialien der Kirchenzeitung „Eesti Kirik“)

*Die GAW-Partnerkirche Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine (DELKU) weist allerdings darauf hin, dass Pfarrer Zayakin während seiner Zeit in der Ukraine zur Gruppe um den ehemaligen Bischof Maschewski gehörte, die die DELKU jahrelang gespalten hat.

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