Donnerstag, 11. August 2022

Friedensethik in der Bewährung

"Was sagt das GAW zum Ukrainekrieg?" - diese Frage habe ich öfter seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine am 24. Februar diesen Jahres gehört. Dahinter stehen viele Fragen: Wie helfen wir den Menschen, die unter dem Krieg leiden? Wie unterstützen wir sie? Wie stehen wir zum Krieg? Zu Waffenlieferungen? Wie können Konflikte gelöst werden? Und - wie lernen wir, in Frieden miteinander zu leben? Wie geht das...?

Alle Kirchen haben dazu etwas geschrieben. Sie müssen sich dazu verhalten, denn Jesus sagt in der Bergpredigt: "Selig sind die Frieden stiften!"

Am 18. März 2022 äußerte sich auch der Rat der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in Straßburg zum Krieg in der Ukraine. In der Kurzfassung heißt es dazu: 

"Der Krieg, den die Russische Föderation seit 2014 gegen die Ukraine führt, hat mit den russischen Angriffen seit 24. Februar 2022 eine neue Phase erreicht. Als GEKE stehen wir an der Seite aller Menschen, die in der Ukraine unerträgliche Not leiden. Wir tun dies auf dreifache Weise: Wir beten, wir erheben unsere Stimmen, und wir helfen. Gemeinsam beten und klagen wir und befehlen die Menschen der Ukraine dem Gott des Friedens und der Gerechtigkeit an. Im Gebet können wir dem Entsetzen und der Furcht Ausdruck verleihen, die wir empfinden, wenn unser Kontinent erneut durch einen Krieg zerrissen wird. Wir erheben unsere Stimmen und verurteilen den Bruch des Völkerrechts durch den russischen Präsidenten Putin. Wir sind solidarisch mit allen Schwestern und Brüdern, die für den Frieden und die Versöhnung arbeiten. Wir helfen, indem wir im Rahmen unserer Möglichkeiten alle Leidtragenden finanziell, materiell und logistisch unterstützen und ihnen bei der Integration in ihren neuen Gemeinschaften helfen. Als Kirchengemeinden und Einzelpersonen bieten wir denjenigen, die vor den Gräueltaten des Krieges fliehen, unsere Gastfreundschaft an." 

Der gesamte Text findet sich unter folgendem Link: https://www.leuenberg.eu/cpce-statement-on-the-war-on-ukraine/

Im Nachklang zu dieser GEKE-Stellungnahme zum Ukrainekrieg hat das "Zentrum Glaube und Gesellschaft" der Uni Fribourg/Schweiz beschlossen, eine Videopodcast-Serie zum Thema „Krieg und Frieden“ zu produzieren. Er wird moderiert von der Studienleiterin Dr. Christine Schliesser. Dabei geht es darum, verschiedene Stimmen aus der christlichen Friedensethik (u.a. Ulrich Körtner und Meego Remmel) im Blick auf den Krieg in der Ukraine und darüber hinaus zu Wort kommen zu lassen und auch alternative Sichtweisen (z.B. im Blick auf Waffenlieferungen, etc.) einzubinden.

Dazu gibt es einen kurzen Trailer (40 Sek.): https://www.youtube.com/watch?v=nssJOW0PHFk

Die erste Episode unter dem Titel „War der Pazifismus eine naive Idee?“ findet sich unter diesem Link: https://www.youtube.com/watch?v=-kbeNI_m2lY

Aktuelle kirchliche Äußerungen zu friedensethischen Fragen finden sich hier: https://www.ekd.de/ukraine-stellungnahmen-kirche-72267.htm

Mittwoch, 10. August 2022

"Wenn Europa oder die USA niesen, erkältet sich Lateinamerika" - Auswirkungen des Krieges aus Venezuela

Ein lateinamerikanisches Sprichwort sagt: "Wenn Europa oder die USA niesen, erkältet sich Lateinamerika." So war es schon immer. Und das spürt man derzeit auch auf dem lateinamerikanischen Kontinent. In Venezuela scheint der Krieg sowohl positive als negative Folgen zu haben.

Venezuela leidet seit Jahren unter einer schlimmen Krise. "Im Moment versucht die Regierung mit Kürzungen und Steuererhöhungen, die Hyperinflation in den Griff zu bekommen. Das gelingt ihr durchaus, aber die Maßnahmen treffen die sowieso schon armen Menschen hart. Auch Acción Ecuménica (AE), das ökumenische Sozial- und Medizinzentrum in Caracas, kämpft mit den Folgen: Durch die gestiegenen Steuern sind Untersuchungen und Medikamente teurer geworden. Der Staat kontrolliert unsere Arbeit stärker und hat darüberhinaus die Löhne für medizinisches Personal gesenkt", schreibt César Henriquez, Leiter von AE. "All dies ist demotivierend. Unsere Lebensqualität ist gesunken und die soziale Ungleichheit hat zugenommen, auch wenn sich die Wirtschaft erholt. Die Regierung wird von einem beträchtlichen Prozentsatz der Bürger abgelehnt. Die US-Sanktionen dienen ihr als Vorwand, um ihre eigene Ineffizienz zu verbergen."

Wie sich der Krieg genau in dieser Situation auswirken wird, ist laut César Henriquez noch unklar. "Aber ich bin davon überzeugt, dass wir zumindest indirekt davon betroffen sind. In einer globalisierten Gesellschaft hat jeder Konflikt globale Auswirkungen, auch auf das Leben der einzelnen Bürger."

Die Regierung Venezuelas steht auf der Seite Putins und befürwortet den Krieg. Dazu schreibt César Henriquez: "Man dachte, dass diese Unterstützung dazu führen wird, dass die US-Regierung ihre Sanktionen gegen Venezuela verschärft. Das war aber nicht der Fall. Im Gegenteil: Im Juni kam eine außerordentliche US-Delegation nach Venezuela, um angesichts des US-Embargos gegen russisches Öl engere Beziehungen zu Venezuela und einen Zugang zu venezolanischem Rohöl zu suchen", so César Henriquez. "Es gab einige entspannende Signale. Wir haben Hoffnung, dass die Ölpreise steigen könnten und Venezuela als ölproduzierendes Land davon profitieren könnte. Hoffenlich kommt das der Not leidenden Bevölkerung zu Gute." So könnte sich der Ukrainekrieg sogar positiv auf Venezuela auswirken.

Sorge bereitet ihm allerdings der Anstieg der Preise für Düngemittel in Venezuela, die hauptsächlich in Russland, der Ukraine und Belarus produziert werden. Dadurch könnten sich die Lebensmittelpreise weiter erhöhen. Es bleibt also abzuwarten, ob die positiven oder die negativen Folgen des Ukrainekrieges für Venezuala überwiegen werden!

Dienstag, 9. August 2022

Bolivien und die Folgen des Ukrainekrieges

Auch in Bolivien spürt man die Auswirkungen des Ukrainekrieges. Pfarrer Emilio Aslla Flores schreibt:

"Boliviens Beziehungen zu Russland sind eng. Und so spüren wir die Auswirkungen des Krieges auch hier im Andenstaat. Treibstoff ist teurer und knapper geworden. In den letzten Monaten konnten wir kaum welchen finden, in den Großstäden La Paz und Santa Cruz gab es lange Warteschlangen für Diesel. Und die Auswirkungen des Krieges werden in den kommenden Monaten sicher noch stärker werden.

Bolivien erzielt gute Einnahmen aus dem Gasexport. Aber das wiegt die Ausgaben für Erdöl nicht auf. Die Preise für Weizen, Mais und Öl und damit auch für Fleisch sind gestiegen.

Nicht nur der Krieg beeinflusst die Preise in Bolivien, sondern auch der Klimawandel. Im Norden, in der Gegend zum Santa Cruz, leiden die Menschen unter einer anhaltenden Dürre. Dadurch wachsen die Winterkulturen nicht richtig; Soja, Mais, Weizen, Sorghum und Sonnenblumen mickern auf den Feldern vor sich hin. Außerdem hat der Frost in der indigen bewohnten Provinz Cordillera die Maisernte auf mindestens 1.600 Hektar Feld vernichtet.

Bolivien hat ein weiteres Problem: Es hat keinen eigenen Hafen. Alles läuft über den chilenischen Hafen Arica. Auch hier muss der Staat inzwischen steigende Nutzungsgebühren zahlen."

Montag, 8. August 2022

Klein-Ukraine in Brasilien

Insgesamt hat Brasilien rund 600.000 ukrainischstämmige Einwohner:innen, die vor allem im Süden leben. Einer dieser Orte ist Prudentopolis westlich von Curitiba im Bundesstaat Paraná. Von 53.000 Einwohnern sind drei Viertel ukrainischer Abstammung. Einige von ihnen kamen schon Ende des 19. Jahrhunderts aus Galizien nach Brasilien. Andere flüchteten im Zweiten Weltkrieg nach Brasilien. Seit dem Kriegsausbruch Ende Februar 2022 sind noch einmal ca. 1.000 Ukrainer:innen nach Brasilien gekommen, einige von ihnen auch nach Prudentopolis. Integration gelingt hier leichter, denn Ukrainisch ist in dem Ort die zweite offizielle Sprache.

"Auch in Esteio, südlich von São Leopoldo im Bundesstaat Rio Grande do Sul sind einige Familien aufgenommen worden. Esteio hat eine kleine ukrainische Gemeinde," schreibt Harald Malschitzky, Generalsekretär der Obra Gustavo Adolfo (OGA) in Brasilien.

Malschitzky schreibt auch etwas über die Auswirkungen des Ukrainekrieges für Brasilien:

"Die Folgen des Krieges erfahren wir täglich: Weizen, Mais, Düngemittel, Rohöl, alle Kosten steigen spürbar. Auf der anderen Seite fehlen Produkte für die Industrie wie Autoteile, elektronische Bauteile etc. Und dann stockt der Export. Darüber hinaus ist der Krieg auch eine gute Ausrede für Präsident Bolsonaro, um vom Desaster seiner Politik abzulenken. Gleichzeitig liebäugelt Bolsonaro mit Putin, denn Brasilien ist sehr abhängig von Düngemittellieferungen aus Russland."

Und Malschitzky schreibt auch zur Lage in der lutherischen Kirche (IECLB) und die Auswirkungen des Krieges auf die Gemeinden:

"Alle Gemeindeglieder sind von den steigenden Preisen betroffen. Die Einkommen der Gemeinden verringern sich. - Die Kirche hat aber weitere Probleme, die mit dem Krieg erst einmal direkt nichts zu tun haben. Es gibt Polarisierungen, die die ganze Gesellschaft betreffen. Innerhalb der IECLB gibt es zwei rechtsorientierte fundamentalistische Gruppen. Immer wenn die IECLB etwas zur sozialen Lage im Land sagt, wittern diese Gruppen einen politisch linken Einfluss. Für die Kirchenleitung ist es sehr schwer, sich damit immer wieder auseinandersetzen zu müssen, denn sie wird immer wieder angegriffen."

Montag, 1. August 2022

Der erste Kirchbau, der allein durch das GAW finanziert wurde, wird 175 Jahre alt!

Evangelische Kirche in Seligenstadt

"Vor 175 Jahren wurde unsere Kirche in Seligenstadt eingeweiht. Das ist noch nicht so lange her wie bei manch anderer Gemeinde, aber unsere Kirche ist der erste in Deutschland durch das Gustav-Adolf-Werk geförderte Kirchenbau," schreibt der Vorsitzende des Kirchenvorstandes der hessen-nassauischen Kirchgemeinde Norbert Schweitzer.

Auf der Homepage der Gemeinde heißt es: "Mit der Säkularisation im Jahre 1803 bildete sich aus Beamten des Finanzgerichts und -amtes, die aus Darmstadt übergesiedelt waren, eine kleine evangelische Gemeinde. Rasch wuchs die Zahl, sodass im Jahr 1835 bereits 112 Protestanten in Seligenstadt wohnten. In jenem Jahr wurde Seligenstadt zur selbstständigen Gemeinde ernannt - nur leider immer noch ohne eigenes Gotteshaus.
Am 19. Juni 1845 wurde auf der Hauptversammlung des „Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung“ der Bau unserer Kirche beschlossen.
 

Die Stadt folgte dem Wunsch der evangelischen Gemeinde und hatte ihr bereits vorher, am 15. Mai 1844, ein Stück Land außerhalb der Stadtmauern („vor dem Obertore“) zugesprochen. Dieser Platz wurde aufgrund seiner besonderen Bedeutung gewählt, erhielt dort doch der evangelische Heerführer und König Gustav Adolf von Schweden im 30-jährigen Krieg (am 25. November 1631) die Schlüssel der bis dahin katholischen Stadt.


In dem Buch "Die Bauten des Gustav-Adolf-Vereins" (Darmstadt 1860) heißt es: "Der Gustav-Adolf-Verein lenkte alsbald seine Blicke auf dieses Häuflein Protestanten, und durch diese Theilnahme aufgemuntert, richtete die Gemeinde an den Hessischen Hauptverein die Bitte, ihr zur Gründung einer selbständigen Gemeinde und zur Erbauung eines eigenen Gotteshauses behülflich zu sein." Damals wurde diese Bitte überallhin verbreitet. Zahlreiche Gustav-Adolf-Vereine halfen, "so dass die Kosten des ganzen Baues, die mit Einschluß der Orgel 11.844 Taler betrugen, allein durch die Beiträge der Vereine der Gustav-Adolf-Stiftung und einigen Schenkungen gedeckt wurden, und man mit Recht sagen konnte, jeder Stein an dieser Kirche sei ein Zeugnis von der Liebe der evangelischen Brüder." 

Grundsteinlegung war am 15. Juni 1846. Am 23. September 1847 wurde die Kirche eingeweiht.

Zu den Feierlichkeiten am 25. September diesen Jahres ist das GAW eingeladen. Gut, dass es die Erinnerung an die Anfänge vor Ort gibt! Das ist ein Ausdruck der Verbundenheit und Solidarität miteinander. Diese gemeinsame Verbundenheit im evangelischen Glauben braucht es in unserer heutigen Zeit mehr denn je.