Freitag, 21. Oktober 2022

XXXIII. Konzil der IECLB in Cacoal

Grußwort von Dr. Dutzmann
auf dem Konzil der IECLB 
10 Tage vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl in Brasilien fand in Cacoal das 33. Konzil der Ev.-Luth. Kirche in Brasilien (IECLB) statt. Jede der 18 Synoden (so etwas wie Kirchenkreise hierzulande) der IECLB hatte im Vorfeld vier Delegierte in das alle zwei Jahre stattfindende Konzil entstandt. In diesem Jahr tagt das Konzil erstmalig in der Amazonassynode, was für sie meisten Delegierten eine Anreise von mehreren tausend Kilometern bedeutet, aber von der Kirchenleitung im Interesse des Zusammenhaltes der Kirche für notwendig gehalten wurde. Viele Delegierte waren noch nie in dieser Region des weiten Landes.

Die Einheit der Kirche angesichts der aktuellen politischen Polarisierungen in Brasilien betonten auch die Synodalberichte. Sie spiegeln die vielfältige Arbeit der IECLB und die große Anzahl an ökumenischen Beziehungen und Vernetzungen in der brasilianischen Gesellschaft wider. Konflikte, auch innerkirchliche, tauchen nur am Rande auf. Sowohl die Kirchenpräsidentin Sylvia Genz als auch ihr Stellvertreter Odaír Braun thematisieren ein schwieriges Thema: In den sozialen Medien gibt es immer wieder Äußerungen, die die Kirche und ihre Leitung beschädigen. Dahinter steht eine Facebookseite mit dem Namen „Alianza Luterana“ (AL), die regelmäßig gegen die Kirchenleitung polemisiert und Falschmeldungen verbreitet. Wer wirklich hinter dieser Seite steht, ist nicht klar. Die Berichte der Kirchenleitung wurden von der Synode zur Kenntnis genommen; eine kontroverse Diskussion fand nicht statt.
Von der EKD war Oberkirchenrat war Frank Kopania
, Leiter der Abteilung Auslandsarbeit, zu dem Konzil entsandt worden. Er predigte in der Andacht, die von den ökumenischen Partnern verantwortet wurde. Dabei wies er auf die politische Dimension des Evangeliums hin.

GAW-Präsident Dr. Martin Dutzmann ging in seinem Grußwort auf gemeinsame Herausforderungen ein, die sowohl die IECLB als auch die EKD betreffen. Hier die Worte von Dr. Dutzmann:

"Hohes Konzil, sehr geehrte Kirchenpräsidentin Sylvia Genz, liebe Schwestern und Brüder!

Es ist für mich als Präsident des Gustav-Adolf-Werks, der Obra Gustavo Adolfo, eine große Ehre, auf dem 33. Konzil der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB) dabei zu sein und zu Ihnen sprechen zu dürfen und ich danke Ihnen auch im Namen des Generalsekretärs des GAW, Pfarrer Enno Haaks, für die Einladung.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts – genauer gesagt seit 1853 – ist das GAW mit Ihrer Kirche verbunden. Die erste Hilfe aus Deutschland ging damals nach Sao Leopoldo. Seitdem verbindet die IECLB und das GAW eine enge Freundschaft, die insbesondere in der Obra Gustavo Adolfo mit Sitz in Sao Leopoldo einen lebendigen Ausdruck findet. Wir sind sehr dankbar, dass wir mit Rui Bernhard und Harald Malschitzky verlässliche Ansprechpartner haben.

Das Jahresmotto der IECLB für das Jahr 2022 lautet: "Liebe Gott und die Menschen!" Zur Präzisierung haben Sie das Bibelwort 1. Johannes 3,18 ausgewählt: "Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit". Wie das mit der Tat und Wahrheit konkret aussehen kann, das erläutern die fünf Worte des Logos: annehmen – dienen – bilden – Frieden stiften – im Dialog sein. Dass das alles in Ihrer Kirche gelingen möge, das wünschen wir Ihnen von Herzen und wo wir können, wollen wir uns gerne beteiligen.

Ich greife drei der fünf Punkte heraus:

Bilden. Zurzeit sind vier Theologiestudierende aus der IECLB bei uns in Leipzig. Drei aus der FLT und ein Student aus der EST. Wir freuen uns, dass diese vier Studierenden bei uns sind, die Sprache lernen/gelernt haben, den Weg auf sich genommen haben, über den brasilianischen Tellerrand schauen, sich mit anderen Studierenden austauschen und dabei einen weiten Horizont bekommen. Diese Zusammenarbeit wollen wir fortführen. Das wollen wir auch deshalb, weil die Studierenden aus Ihrer Kirche auch uns über den Tellerrand schauen lassen. Von ihnen erfahren wir, vor welchen Herausforderungen Sie als evangelische Kirche in Brasilien stehen und welche Lösungen Sie dafür finden. Daraus ergeben sich Impulse für die Gestaltung bzw. Umgestaltung unseres kirchlichen Lebens in Deutschland.

Im Dialog sein. In unseren Kirchen brauchen wir gut ausgebildete Theologen und Theologinnen, die sprach- und dialogfähig sind. Reformatorische Theologie lädt dazu ein, zu differenzieren und nicht zu polarisieren. Letzteres geschieht jedoch zunehmend in unseren Ländern. Wir erleben das in Deutschland und hörten, dass in Ihrem soeben beendeten Wahlkampf heftig polarisiert und polemisiert wurde. Wir hoffen, dass Ihre Kirche wenigstens punktuell zu Dialog und Verständigung beitragen konnte. Ich bin jedenfalls gespannt, was Sie dazu berichten werden, denn auch die evangelische Kirche in Deutschland sieht sich Vereinfachern und Populisten gegenüber. Da hoffen wir, von Ihnen lernen zu können.

Frieden stiften. In Europa treibt uns der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine besonders um. Unsere reformierten und lutherischen Partner berichten uns von der Not, den Opfern, den vielen Geflüchteten. Wir sind sehr dankbar, dass Sie unsere Ukrainenothilfe unterstützt haben. Das ist alles andere als selbstverständlich. Gemeinsam hoffen wir auf ein baldiges Ende dieses Krieges und auf einen nachhaltigen gerechten Frieden. 

"Liebe Gott und die Menschen!" Wir sind, liebe Schwestern und Brüder gespannt, welche Konkretionen Sie für Ihr Jahresthema bereits gefunden haben und noch finden werden und hoffen auf Anregungen für unser eigenes kirchliches Leben. Gerne unterstützen wir Sie mit den Möglichkeiten, die wir haben.

Gott segne Ihr Konzil, Ihre Kirche und das Zusammenleben der Menschen in Ihrem wunderschönen Land."

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Blühen, Morgendämmerung, Hoffnung, Neue Brücke - das sind tolle Namen für Kirchengemeinden in Brasilien

GAW-Präsident Dr. Dutzmann
in der Kirche "Florecer"
„Es ist so vieles anders als bei uns in Deutschland", beginnt GAW-Präsident Dr. Martin Dutzmann sein Grußwort in der lutherischen Gemeinde „Florecer“ (Aufblühen) in Santa Rosa/Rondônia. Sie gehört zur Parochie „Esperanza“ (Hoffnung), zu der sieben Gemeinden und 4 Predigstätten gehören. Pastor Carlos Wuttke begleitet die Gemeinde seit einem Jahr. Er legt im Monat allein ca. 2.000 km zurück – meist auf Schotterpisten -, um Gottesdienste zu feiern und die 570 Gemeindemitglieder zu besuchen.

Aus den einzelnen Teilgemeinden waren verschiedene Menschen gekommen, um ihre einzelnen Gemeinden vorzustellen, etwas zur Geschichte zu erzählen und Namen zu nennen, die untrennbar mit dem jeweiligen Beginn der Gemeinden verbunden sind. Es sind Gemeinden, die in den vergangenen Jahren langsam gewachsen sind.

„Es sind so viele Gemeinden mit so schönen Namen", fährt Dr. Dutzmann fort. „Hoffnung, Blühen, Morgendämmerung, Klarer Fluß, Gute Brücke, Neue Brücke. Das sind hoffnungsvolle Namen, die die geistliche


Aufbruchstimmung der christlichen Gemeinschaft widerspiegeln. Auch wenn das Leben hart ist. Wir leben aus dieser Hoffnung. Wir teilen sie gemeinsam. Dafür brauchen wir die Kirchen. Das macht mir Mut, wenn ich nach Deutschland zurückkehre. Und davon will ich erzählen, denn bei uns nehmen die Kirchenmitgliederzahlen ab und die Stimmung ist manchmal eingetrübt", sagt Dutzmann. "Mir tut die Aufbruchstimmung bei euch gut. Das zeigt sich an dem Pfarrhausprojekt, das wir im GAW von euch erhalten haben, und das wir gerne im kommenden Jahr unterstützen werden. Hier zeigt sich, dass ihr von der Kirche noch etwas erwartet. Mit der Kirche ist es eben nicht zu Ende. Und: Wir brauchen uns neben der materiellen Hilfe auch geistlich. Deshalb bitte ich euch hier in Santa Rosa: Betet für uns! Wir brauchen das. Wir tun es ebenso für euch.“

Im Rohbau des neuen Pfarrhauses
In Florecer wird für die Gesamtgemeinde das Pfarrhaus entstehen. Der Rohbau steht schon. Für die Beendigung des Baus braucht es die Hilfe des GAW. 

Zu der Gemeinde Florecer gehören ca. 38 Familien, die in den 1970er Jahren als Siedler in die Region kamen. Heute bauen sie Kaffee und Mais an, halten Rinder und produzieren Milch. Es ist kein leichtes Leben in der Hitze der Region. Und wenn die Regenzeit im Oktober beginnt, dann werden die Straßen teilweise unpassierbar.

Die Gemeinde ist Zufluchts- und Trostort. Sie gibt Orientierung und führt die Menschen zusammen, damit sie nicht vereinsamen. Sie ist ein Ort, wo man gemeinsam auf Gottes Wort hört, das die Welt so nötig hat. „Der Gerechte wird aus Glauben leben (Röm1,17)“ – dieses Wort steht über dem Kircheneingang.

Montag, 17. Oktober 2022

Cristo vive - eine Kapelle in Rondônia

Kaffeeplantage, dahinter die Kapelle Cristo Vive
Pastor Lauro Elói Fleck ist schon pensioniert. Nun ist er aber für sieben Monate nach Rondônia gekommen, um eine Schwangerschaftsvertretung zu übernehmen. "Ich habe früher in Mato Grosso gearbeitet", sagt er. "Die Leute in der Region sind mir ans Herz gewachsen. Sie brauchen pastorale Begleitung", so Lauro. "Ich bin in der Woche den ganzen Tag unterwegs und besuche die weit auseinander wohnenden Gemeindemitglieder", erläutert er vor einer Karte, auf der die Häuser der Mitglieder zu sehen sind.
Lauro hört bei den Besuchen viel. Das merken wir, als wir ihn begleiten.

Sechs Predigtstätten hat die Parochie Martin Luther. 220 Familien gehören ihr an. Das sind ca. 720 Personen. Eine der Predigtstätten ist die Kapelle "Cristo vive". Die Menschen hier leben von Viehzucht, Milchproduktion und Kaffeeanbau. Lauro ist es wichtig, ihnen nahe zu sein, denn sie kommen in großer Zahl zu den Gottesdiensten. Zwei bis drei Gottesdienste bietet er pro Sonntag an, zu denen ungefähr die Hälfte der Mitglieder kommen. Der Zusammenhalt und die Gemeinschaft ist ihnen wichtig.

Präsident Dr. Dutzmann im Gespräch
mit dem Spender des Kirchengrundstücks
Erst Mitte 2021 wurde die neue Kirche eingeweiht. Sie hat eine alte, langsam verfallende Holzkirche ersetzt. Das Grundstück hat ein Gemeindemitglied der Gemeinde geschenkt. Er selbst bewirtschaftet einen Hof mit 85 ha. Ihm ist es wichtig, dass das Evangelium rein gepredigt wird. "Der Pastor darf die Verkündigung des Evangeliums nicht verlassen!" sagt er sehr deutlich beim Mittagessen auf seinem Hof. "Die reine Verkündigung des Evangelium ist wichtig. Wir müssen bei Christus bleiben." Auf die Frage, wie das geschieht und bei welchen Themen diese Frage überhaupt aufkommt, ist er schnell bei politischen Themen. 

Das ist in der polarisierten brasilianischen Gesellschaft nicht verwunderlich. Gerade in dem derzeitigen Wahlkampf geht es nur um die Frage, wen man untersützt - Bolsonaro oder Lula. Je nachdem, ob man sich einig ist oder nicht, kann es zu Konflikten kommen. "Da ist es meine Aufgabe, die Gemeinde zusammen zu halten und im Dialog zu bleiben", so Lauro. Die Angst vor einem möglichen Auseinanderbrechen der Gemeinde an diesen Fragen beschäftigt derzeit viele Gemeindeglieder, das merkt Lauro bei seinen Besuchen.
Kircheninnenraum mit Bibelvers aus Römer 1,17

Der Name der Kirche "Cristo Vive" ist ein gutes Programm, um gemeinsam Kirche zu sein. Wie schafft man es, Jesus lebendig zu halten und ihn nicht zu vereinnahmen? Wie schafft man es, dass man trotz unterschiedlicher Auffassungen in Fragen der Gerechtigkeit füreinander, für das Miteinander, für die Schöpfung zusammenbleibt? Lebt Jesus unter uns? Ihn können wir nicht besitzen, aber er will uns frei machen, dass wir miteinander das Leben zum Wohle aller gestalten.

Es ist gut, dass das GAW in dieser aufgeheizten Atmosphäre in Brasilien diesen Kirchenbau unterstützt hat. 9.000 € wurden dafür gesammelt.

Kirchenräume sind dazu da, dass verkündet wird, dass Jesus lebt und wir mit ihm. Das muss Folgen haben und sich im Alltag bewähren! 

Ein Raum der Hoffnung für die Kinder in Hassakeh

Im Mai letzten Jahres bat das evangelische Magazin Chrismon um Spenden für die Jugendarbeit der presbyterianischen Gemeinde in Hassakeh. Dieses Anliegen war ein Teil des Jahresprojektes der GAW-Frauenarbeit 2021. Damals schrieb Chrismon:

Die Kinder in dem frisch renovierten Raum
"Die 32-jährige Mathilde Sabbagh ist evangelische Pfarrerin in Hassakeh, einer Stadt im kurdischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava. (...) Wer kann, der geht. Sabbagh hat sich entschieden zu bleiben. Weil es ihre Berufung ist, sagt sie. (...) Nach ihrem Theologiestudium in Beirut kehrte sie 2016 als neue Pastorin zurück. Eine Frau und so jung – das war schon ein halber Skandal. Aber es war Krieg, der alte Pfarrer war ins Ausland geflohen, und Sabbagh legte einfach los. Von der ursprünglichen Gemeinde, zu der früher 50 Familien gehörten, waren nur noch ein paar Dutzend ältere Leute übrig (...). Und dann waren da eben die vielen Kinder und Jugendlichen, die nachmittags vor der Kirche herumlungerten. Sie besuchen die evangelische Schule der Gemeinde, die meisten stammen aus katholischen oder orthodoxen Familien. Während ihre Eltern mühsam versuchten, den Lebensunterhalt zu verdienen oder im Krieg verschollen waren, bleiben sie alleine draußen. Sabbagh begann, sie zu Kindergottesdiensten, Bibelstunden und Jugendgruppen einzuladen. (...) Sabbagh will die Kriegskinder nicht verloren geben."

So sah der Raum vorher aus
Viele Leserinnen und Leser spendeten. Es gab eine Welle der Hilfsbereitschaft für die kleine, aber lebendige Gemeinde im Nordosten Syriens und ihre Pfarrerin, die die Hoffnung nicht aufgeben wollte. 

Nun hat Pfarrerin Mathilde Sabbagh es geschafft, mit Hilfe der Spenden einen Raum in der Kirche zu renovieren und mit Laptop, Beamer und Klimaanlage auszustatten. Hier sollen die Kinderaktivitäten und Nachhilfekurse für die Jugendlichen stattfinden. Mit seiner hellen Atmosphäre und den bunten Bänken haben die Kinder den Raum sofort lieb geworden. 

Die Freiwillige Ahed spielt mit den Kindern
"Sie sind es nicht gewohnt, so schöne Räume zu sehen", sagt Mathilde Sabbagh. Das Gebäude, in dem Schule und Kirche untergebracht sind, ist alt und auch wegen der Kriegsschäden dringend renovierungsbedürftig. "Wegen des Kriegs kommen immer mehr Kinder zu uns. Die Räume sind dafür zu klein und werden immer überfüllter. Es ist gut, dass wir jetzt wenigstens einen gut ausgestatteten, neuen Raum zur Verfügung haben! Es ist ein Raum der Hoffnung für unsere Kinder."

Facebook-Seite der Gemeinde: https://www.facebook.com
/thenationalevangelicalpresbyterianchurchalhassakeh

Sonntag, 16. Oktober 2022

Bist du auf Besuch - oder bleibst du?

Grußwort des GAW-Präsidenten Dr. Dutzmann
in der Kirche in Pimenta Bueno
"Na - wie geht`s? Alles gut?" fragt Martin Discher im pommerschen Dialekt, als wir zum Sonntagsgottesidenst in der lutherischen Gemeinde der IECLB in Pimenta Bueno kommen. Er ist Vorsitzender der 80-köpfigen Gemeinde.

Die Kirche liegt direkt an der Bundesstraße, die die beiden Bundesstaaten Mato Grosso und Rondônia verbindet. Mit Soja belandene LKWs donnern hier laufend vorbei. In dem 1.400 Kilometer entfernten Amazonas-Hafen Manaus wird die Fracht auf Schiffe geladen und nach Europa und USA verschifft. 

1970 wurde in Pimenta Bueno eine lutherische Gemeinde gegründet. Die ersten Siedler kamen von der weit entfernten Küste hierher. Sie waren auf der Suche nach neuem Land, das ihnen in Rondônia versprochen wurde. Martin Discher - der Onkel des jetzigen Kirchenvorstehers - begann kurz seiner Ankunft, lutherische Siedler in einer Gemeinde zu sammeln. Schnell stellten die Siedler ein Grundstück zur Verfügung und bauten eine Holzkirche.

Martin Discher begleitete diese Gemeinde zwei Jahre. Zwei bis drei Mal im Jahr kamen Pfarrer und besuchten die Gemeinde, tauften, konfirmierten - und gingen wieder. Die Gemeinde organisierte sich derweil selbst, feierte Gottesdienste, organisierte einen Kirchenchor und hielt mit den Kindern Sonntagsschule.

Endlich kam mit Gerardo Schacht 1972 der erste Pfarrer nach Pimenta Bueno - und ganz Rondônia. "Bist du zu Besuch oder bleibst du?", wurde er von den Menschen gefragt. Er blieb und baute die Gemeinde - die mit 52 Jahren älteste Gemeinde im Bundesstaat. Zur gesamten Parochie gehören 1.700 Personen, die heute von zwei Pastoren betreut werden. Damit ist die Parochie die größte in der lutherischen Synode Amazonien, die insgesamt nur 6.700 Mitglieder hat. 

Kirche in Piementa Bueno
Ein lebendige Gemeinde sammelt sich an der Bundesstraße, singt fröhlich und scheint offen und einladend zu sein.

Irritationen gab es an diesem Sonntagmorgen dann doch: Direkt vor dem Eingang der Kirche parkte ein freundlicher älterer Mann sein Auto, das mit Bolsonaro-Aufklebern verziert war. Wir fragten den Pfarrer, ob er das Gemeindeglied bitten könnte, mit seiner politischen Werbung außerhalb des Kirchengeländes zu parken? "Das wäre schwierig", so die Synodalpastorin Engelhardt. "Der Pfarrer könnte Probleme bekommen. Mehrheitlich wählt man in der Region Bolsonaro, obwohl er polarisiert. Wir können als Kirche nur immer wieder zum Dialog einladen. Aber allein schon eine Atmosphäre herzustellen, die zum Dialog in politischen Fragen einlädt, ist in der derzeitigen gesellschaftlichen Situation schwierig."

An der Linie 11 liegt die Luthergemeinde

Martin-Luther-Gemeinde an der Linie 11
Die Martin-Luther-Gemeinde liegt an der Linie 11. So heißt die Strasse, die vor über 40 Jahren in den Amazonas-Urwald im Bundesstaat Rondônia ca. 40 km von Cacoal entfernt, geschlagen wurde. Anfangs kam man nur per Pferd oder zu Fuß die Erdstrasse entlang. Hier begannen Lutheraner pommerscher Abstammung damit, den Urwald abzuholzen, Kaffee, Maniok und Bananen anzupflanzen und Vieh zu züchten. So wurde Stück für Stück dieses Land besiedelt - und der Urwald zerstört.

An der Linie 11 bauten die lutherischen Siedler eine kleine Holzkirche mit dem stolzen Namen Martin-Luther-Kirche. Später wurde sie durch eine feste, aus Stein gebaute Kirche ersetzt.

Aktuell gehören der Gemeinde ca. 115 Personen an, die sich regelmäßig treffen zu den Gottesdiensten in der Woche und am Wochenende, zu Glaubenskursen, Bibelstunden und geselligen Treffen. Und natürlich darf im Jahr ein in der Umgebung für alle offenes Wurstfest nicht fehlen. Da kommen schon mal 1.000 Personen. Dann wird gegrillt und hunderte Kilogramm Fleisch werden verzehrt. Die Einnahmen kommen wiederum der Gemeinde zugute.

Die Gemeinde wird derzeit von einem jungen Pfarrer begleitet, der weitere 6 Filialgemeinden betreut. Es ist seine erste Stelle, auf die er für drei Jahre entsendet wurde. "Ein Problem, das wir haben, sind die kurzen Verweilzeiten der entsandten Pfarrer:innen," sagt Synodalpfarrerin Vera Engelhardt. "In der Regel stammen die Pfarrer:innen aus dem Süden und haben dort ihre Familien. Dort wollen sie möglichst wieder zurück. Hier in diesem Klima fühlen viele nicht wohl. Außerdem ist das Leben teurer, die ärztliche Versorgung und die Schulangebote für Kinder sind schlechter."

Dr. Martin Dutzmann spricht zur Gemeinde
Das Leben ist hart in der Region. Das ist zu spüren und zu erleben. Und dann kommt hinzu, dass auch Menschen die Region verlassen, weil sie von der derzeitigen Regierung Brasiliens gelockt werden in abgelegener Regionen, um den Amazonas-Regenwald zu roden und noch mehr Land zu bewirtschaften. "Manche treibt die Gier. Man kann doch auch hier in der Region leben. Aber die Zeiten sind verrückt. Und sachlich kann man kaum über die negativen Folgen der Abholzung des Regenwaldes sprechen," so ein Kirchenleitender der IECLB. 

Und doch sind die Menschen da und brauchen das Evangelium. Das konnten wir erleben in einem lebendigen Gottesdienst, in dem der GAW-Präsident Dr. Martin Dutzmann ein Grußwort hielt und auf die Freiheit des Christenmenschen verwies, der verantwortlich ist für sich, seine Gemeinschaft und seine Umwelt.

Freitag, 14. Oktober 2022

Gott, Familie, Vaterland... - Kirche in einem polarisierten Land

Im Gespräch mit Synodalpfarrer Carlos Bock
"Wenn ihr ein Auto mit einer brasilianischen Flagge geschmückt seht, dann wisst ihr, dass darin Bolsaonaro-Anhänger sitzen", sagt Pastor Harald Malschitzky, Generalsekretär der Obra Gustavo Adolfo (OGA). "Ich liebe unsere Flagge, aber ich traue mich nicht mehr sie zu nutzen, weil ich nicht mit Bolsonaro in Verbindung gebracht werden will."

Brasilien befindet sich derzeit im Wahlkampf. Am 30. Oktober findet die Stichwahl zwischen Bolsonaro und Lula statt. Das Land ist polarisiert wie selten zuvor. Wird es der amtierende und extrem polarisierende Präsident Bolsonaro erneut schaffen? Oder schafft es Lula, der schon einmal Präsident war? 

"In einer meiner Gemeinden hat mir jemand gesagt, dass Bolsonaro von Gott gesandt sei. Lula dagegen sei der Teufel," berichtet der Pfarrer Carlos Bock von der Synode Rio dos Sinos. "Das zeigt die gegeneinander stehenden extremen Kräfte." Eine Synode ist in der IECLB so etwas wie ein Kirchenkreis. Zu Carlos` Synode gehören 35.000 Mitglieder in 69 Gemeinden. "Ich habe derzeit sehr viel mit Streitigkeiten in meinen Gemeinden zu tun und muss versuchen, zu vermitteln, zu schlichten, zu versöhnen. Einige dieser Streitigkeiten haben mit der polarisierten politischen Situation zu tun. Die Stimmung ist aufgeheizt. Das kostet viel Kraft."

Er berichtet von Konflikten zwischen Pfarrern und ihren Gemeinden. In Predigten trauen sich viele Pfarrer nicht mehr, wichtige sozialkritische Themen anzusprechen. Sie würden sofort mit Lula in Verbindung gebracht werden und dann wären sie in den Gemeinden Anfeindungen ausgesetzt. "In meiner Synode werden 80% der Gemeindemitglieder für Bolsonaro stimmen", schätzt Bock. Er fährt fort, dass gerade Frauen aus der Mittel- und Oberschicht für Bolsonaro seien. Dessen Schlagworte "Für Gott, Familie, Vaterland" würden sie überzeugen. Ob der amtierende Präsident frauenverachtende Kommentare macht oder Frauenrechte einschränkt, interessiere sie nicht.

Viel Konfliktstoff ist in dem Land zu spüren. Viele in der Kirche in leitenden Funktionen sind frustriert, dass sie mit Argumenten, Differenzierungen und Dialog nicht weiterkommen. "Dabei lädt doch gerade der evangelische Glaube dazu ein", so ein Pfarrer der Kirche. Sorgen machen sich die Verantwortlichen, dass gerade jetzt kurz vor dem zweiten Wahlgang das Konzil - d.h. die Synode der Gesamtkirche der IECLB - der Kirche stattfindet. Das sei ein ungünstiger Termin und könnte die innerkirchliche Atmosphäre beeinträchtigen.

Zu wünschen ist es der IECLB, dass sie mit allen Richtungen innerhalb der Kirche in Verbindung bleibt, dass die Kirche zusammenbleibt, dass sie versöhnend wirken und predigen kann. Und dass sie bei allen Polarisierungen der einen Wahrheit - Jesus Christus - verbunden bleibt. Enno Haaks und Dr. Martin Dutzmann vom GAW werden dem Konzil als partnerschaftliche Beobachter beiwohnen.

Ein neues Dach für das Diakonissenmutterhaus in São Leopoldo

Empfang vor dem Diakonissen-Mutterhaus; 
Renate Magedans (re.)
"Wir haben uns gefreut, dass Renate stellvertretende Leiterin des Diakonissen-Mutterhauses geworden ist", sagt Ruth Brakemeier, die als Diakonissin seit vielen Jahren in dem Haus lebt. Renate Magedans ist Mitte 40 und verheiratet mit Pastor Mauri Magedans, der inzwischen Pastor der großen lutherischen Gemeinde in São Leopoldo ist. "Bisher bin ich immer mit dorthin gegangen, wo Mauri Pastor war," sagt Renate. "Jetzt hat er gesagt, dass ich dran bin, zu entscheiden," sagt sie lächelnd.

An Renate Magedans wird deutlich, wie sich die Schwesternschaft weiter entwickelt hat. Seit Anfang der 90er Jahre dürfen die Schwestern heiraten. Tracht wird schon lange nicht mehr getragen. Von den 17 aktiven Schwestern arbeiten die meisten in den Gemeinden der lutherischen Kirche (IECLB). "Unsere Herausforderung ist es, die Schwestern zusammen zu halten und Gemeinschaft zu leben," sagt Renate. "Das machen wir u.a. durch ZOOM, Aber es ist nicht einfach. Auch ist es nicht einfach, neue Schwestern für diese Berufung zu finden. Dabei ist es eine schöne Aufgabe für das Leben." Dennoch nicht einfach, denn jede Schwester, die dauerhaft mit lebt, muss 4% ihres Lohnes der Schwesternschaft abgeben. 
Solaranlage des Diakonissen-Mutterhauses

Neben der Herausforderung, Diakoninnen für die Gemeinden der IECLB zu gewinnen, stellt auch das Diakonissen-Mutterhaus die Schwesternschaft vor Herausforderungen. Es stehen etliche Räume leer. "Wir müssen mit den Räumen wirtschaften, damit wir nachhaltig überleben können. Dafür suchen wir nach Konzepten, die zu uns passen," erklärt Renate.

"Aber wir tun was," sagt sie stolz und zeigt auf die große Solaranlage. Fast der ganze Strom, den die verschiedenen Häuser verbrauchen, wird selbst hergestellt.

Das Diakonissen-Mutterhaus „Casa Matriz de Diaconisas“ in São Leopoldo ist das einzige Diakonissenhaus der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien und wurde einst von deutschen Diakonissen gegründet. Die ersten von ihnen kamen schon im Jahr 1913 aus dem
Dachstrukturerneuerung (siehe hinten)

Katharinenstift in Wittenberg nach
São Leopoldo und leisteten wichtige Pionierdienste. 1939 wurde die Diakonissen-Gemeinschaft in Brasilien gegründet und 1956 das jetzige Mutterhaus eingeweiht. Nach und nach wurde es erweitert. So gibt es ein Pflegeheim und einen Gästebereich, der für kircheneigene Tagungen genutzt wird, aber auch Gästen aus der Ökumene offensteht. Nur wenige der hier lebenden Schwestern sind noch im aktiven Dienst, die meisten arbeiten an anderen Orten. An der Dachkonstruktion des Mutterhauses gibt es inzwischen enorme Schäden, insbesondere im Bereich der Kapelle, die auch als Mehrzweckraum genutzt wird. Die Balken sind vom Holzwurm befallen. Eine Instandsetzung ist dringend notwendig. Das GAW hat dabei im Projektkatalog 2022 mit 36.000 € geholfen.

Mehr (auf Portugiesisch): www.diaconisas.com.br

Donnerstag, 13. Oktober 2022

Wer keine Wurzeln hat, der geht verloren

Barbara Schoch im Gespräch mit
GAW-Präsident Dr. Dutzmann
Barbara Schoch ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Mit viel Engagement begleitet sie die bilinguale Schule der reformierten Gemeinde in Ruíz de Montoya. "Anfang der 1980er Jahre kam ich aus der Schweiz in diese Region. Ich wollte drei Jahre bleiben. Die Verlängerung geht bis heute," sagt sie lachend. "Mir sind die Menschen der indigenen Guaraní-Bevölkerungsgruppe ans Herz gewachsen." sagt sie. Barbara ist getragen von der Vision, den Guaraní dabei zur Seite zu stehen, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. "Denn wer keine Wurzeln hat, der geht verloren!" 

Anfang des 20. Jahrhunderts siedelten sich in Misiones zunehmend europäische Einwanderer an und drängten die Guaraní-Indigenas aus ihrem angestammten Lebensraum. Diese wurden gezwungen, sesshaft zu werden. Ein neues Indigenen-Dorf entstand in Takuapi, unweit von Ruiz de Montoya, einer Kolonie evangelischer Schweizer. 
Schulklasse in Takuapi

Die Guaraní begannen, sich mit den Lebensgewohnheiten, der Sprache und der Denkweise der weißen Siedler auseinanderzusetzen. Auf ihren Wunsch hin gründete ein Lehrerehepaar 1980 eine Schule, wo alle Generationen gemeinsam die spanische Sprache lernten. Die Schule wuchs und wurde vom argentinischen Staat vor 20 Jahren als „Instituto Aborigen Bilingüe Takuapi“ anerkannt. „Weiße“ und Guaraní sind inzwischen gemeinsam als Lehrer tätig. "Es ist wichtig, dass alle die Sprache der Guaraní können," sagt Barbara. "Und es ist wichtig, dass aus der Gemeinschaft Lehrer dabei sind!" Stolz zeigt sie auf einen jungen Lehrer, der das Studium der Pädagogik geschafft hat und in die Gemeinschaft zurückgekommen ist, um hier zu arbeiten. "Er ist ein Glücksfall für die Schule", sagt Barbara.

In den ersten Klassen sind alle Lehrmittel zweisprachig. Sie nehmen auch inhaltlich Bezug auf die Welt der Guaraní. So hilft die Schule, die spanische Sprache und die argentinische Kultur kennenzulernen, ohne dabei die Guaraní-Kultur und Sprache zu verlieren. Dank einer Schulküche ist auch die Mangelernährung der Schüler zurückgegangen. 

Das GAW hat mehrfach dieser beeindruckenden Schule geholfen - insbesondere auch durch die GAW-Frauenarbeit.

Takuapi ist ein überzeugendes Projekt, doch gibt es offenen Fragen: Wie gelingt die Integration der Kinder in das öffentliches Schulsystem? Welche Zukunft haben die Indigenen in der argentinischen Gesellschaft? Wie wird die indigene Kultur auch von der IERP-Gemeinde Ruiz de Montoya und überhaupt von der gesamten Gesellschaft wertgeschätzt? Ein langer Prozess ist die Herausforderung des gemeinsamen Zusammenlebens und gegenseitigen Achtens.

Derzeit helfen zwei junge Freiwillige aus Deutschland in der Schule mit. 

Dienstag, 11. Oktober 2022

Hilfe für die evangelische Gemeinde in Jardín America

Jardín América ist eine Stadt in der nördlichen argentinischen Provinz Misiones. Hier gründeten in den 1970er Jahren Migranten aus Europa und Einwanderer aus Brasilien eine evangelische Gemeinde. 1983 wurde die Kirche errichtet. heute hat die Gemeinde 80 Mitglieder. Der Pfarrer betreut darüber hinaus noch drei kleinere Gemeinden in der Umgebung, die insgesamt auch noch einmal 80 Mitglieder zählen.

Wie vielfältig die Gemeindeaktivitäten sind, davon zeugen neben den „üblichen“ Gemeindegruppen ein Chor und ein Volleyballteam für Damen.

Im Jahr 2010 wurde auf dem Kirchengrundstück ein kleines Gebäude für die Jugendarbeit errichtet. Schnell wurde es aber zu klein für die wachsende Anzahl der Jugendlichen, die zu den Veranstaltungen kamen. Sie zelten also lieber im Garten und nutzen nur die Toiletten im Erdgeschoss.

Deshalb entschloss die Gemeinde sich, das obere Stockwerk anders zu nutzen und richtete zwei kleine Wohnungen für Studierende her. Darío Dorsch, Pfarrer der Gemeinde, erklärt: „Jardín América ist eine wachsende Stadt mit 60 000 Einwohnern. Die Angebote von Hochschulen und Universitäten werden immer mehr, doch es gibt nicht genügend Unterkünfte für Studierende.“ Die Wohnungen werden vermietet und die Studierenden eingeladen, am Leben der Gemeinde teilzunehmen. Auch die Sanitäranlagen im Erdgeschoss werden im Zuge des Umbaus erneuert. Dafür wurde das GAW um Hilfe gebeten; im Projektkatalog 2023 wird dafür gesammelt.

Mit dem Projektkatalog 2017 unterstützte das GAW zuletzt die Anschaffung orthopädischer Hilfsmittel wie Rollstühle, Gehstützen und Pflegebetten. Diese Dinge werden an Bedürftige verliehen. Projekte zum Verleih von orthopädischen Hilfsmitteln gibt es in vielen Gemeinden der IERP. In Jardín America werden diese pflegerischen Hilfsmittel stark nachgefragt.

Keine(r) soll verloren gehen! - Eine evangelische Gemeinde in Posadas

Kirche und Gemeindezentrum in Posadas

Posadas ist die Hauptstadt der Provinz Misiones im Norden Argentiniens und eine wachsende Stadt. Inzwischen leben hier eine halbe Million Menschen und jährlich werden es mehr. Die Zugezogenen kommen zum Studieren oder Arbeiten. 

Interessant ist, dass es zwar in vielen Dörfern der Provinz seit langer Zeit evangelische Gemeinden gibt, aber nicht in der Hauptstadt. Denn die ersten Protestanten waren Einwanderer aus Europa, die sich auf dem Land niedergelassen hat, um dort Bauern zu sein.

 Mit dem Wachstum von Posadas kamen jedoch immer mehr Protestanten in die Stadt, die eine Gemeinde suchten. Zunächst wurden sie von Pfarrern aus den Dörfern der Umgebung betreut, was aber irgendwann nicht mehr ausreichte. Im Jahr 2006 gelang es der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP) im Zentrum ein Grundstück zu kaufen und ein Gemeindezentrum zu errichten. 

Die neu entstandene Gemeinde will Kirche für andere sein: Deshalb bietet sie Gästezimmer an. Hier können Menschen aus den Dörfern eine vorübergehende Unterkunft finden, wenn sie Familienangehörige besuchen, die in Posadas im besten Krankenhaus der Region behandelt werden. Sie können sich oft kein Hotel leisten. Das Angebot ist gefragt; die Zimmer sind immer ausgebucht. Das GAW half bei dem Umbau dieser Gästezimmer (Projektkatalog 2017).

Desweiteren sollen Zimmer für Studierende entstehen. Dazu baut die Gemeinde Stück für Stück das Gemeindezentrum aus. In den kommenden Monaten soll der erste Stock fertig werden. Hier können schon bald die ersten Studierenden unterkommen.

Momentan gehören 100 Mitglieder zu der Gemeinde. Pfarrer Antonio betreut sie und baut außerdem eine Krankenhaus- und Universitätsseelsorge auf. In einem Gemeindesaal finden alle Aktivitäten statt. Eine Studierendengruppe trifft sich regelmäßig; für sie steht auch eine Bibliothek zur Verfügung.

Posadas ist eine spannende Gemeinde, denn hier zeigt sich, wie die IERP versucht, den Menschen nachzugehen, die in die Stadt ziehen. Keiner soll ohne seine Kirche sein. Keiner soll allein bleiben.

Pastor Antonio in Posadas

Pastor Antonio (rechts)

Antonio ist seit sieben Monaten Pastor der evangelischen Gemeinde in Posadas in Argentinien. "Ich habe mich mit einer Mail bei der IERP (Iglesia Evangélica del Rio de la Plata) beworben", berichtet er im Gespräch. "Ich wurde sofort eingeladen. Und nun bin ich Pastor der IERP!"

Antonio war zwölf Jahre methodistischer Pfarrer in Belém im Norden Brariliens. Seine Kirche wurde im Laufe der Zeit immer evangelikaler und konservativer. "Irgendwann ging es für mich nicht mehr", erklärt er. Er suchte nach einer neuen Perspektive und ging mit seiner Frau in den Süden Brasiliens, unterrichtete Geschichte und studierte weiter Theologie an der
Escuola Superior de Teologia (EST) in Sao Leopoldo. Er machte weitere Abschlüsse und bewarb sich bei etlichen Gemeinden der lutherischen Kirche (IECLB). Keine Gemeinde lud ihn ein, berichtet er. Er vermutet, dass es an seiner kulturellen Herkunft aus dem Norden des Landes und seiner dunkleren Hautfarbe lag. Obwohl mit sehr guten theologischen Kenntnissen ausgestattet, sah er letztlich keine Chance in der IECLB. So nahm er dann die Einladung der IERP nach Posadas an. "Ich fühle mich hier wohl und angenommen", sagt er und wirkt dabei zufrieden.

Sonntag, 9. Oktober 2022

Auf der Synode der IERP in Argentinien

Am Sonntag, den 9. Oktober 2022, wurde Leonardo Schindler für weitere vier Jahre zum Präsidenten der Evangelischen Kirche vom Rio de la Plata (IERP) gewählt. Bewegt zeigte er sich nach der Wahl und dankte für das Vertrauen der Synode.

GAW-Präsident Dr. Dutzmann gratulierte ihm und wünschte ihm Gottes Segen für seinen Dienst. „Es hat mich beeindruckt, wie die Atmosphäre auf der Synode war, wie geleitet und diskutiert wurde“, sagte Dr. Dutzmann. „Zudem hat mir gut gefallen, wie die Jugendlichen der IERP auf der Synode präsent waren, die Andachten gestaltet haben und ihre Arbeit vorgestellt haben. Diese jungen Menschen sind ein Hoffnungszeichen für die Kirche.“ 

Des Weiteren hob er die Arbeit der Diakoniestiftung „Hora de Obrar“ hervor. Inmitten der verschiedenen Herausforderungen in Argentinien, Paraguay und Uruguay setzt sie Themen, klärt auf, berät die Gemeinden stärkt die Diakonie der Kirche insgesamt. „Für das GAW ist Hora de Obrar zudem ein verlässlicher Partner , weil sie sich um die Projektzusammenarbeit und Projektbegleitung der GAW-Projekte kümmern“, betonte der GAW-Präsident.
 
Ein wichtiges Thema auf der Synode war der sog. Synodalbeitrag der einzelnen Kirchengemeinden. „Seit mehr als 12 Jahren hat die IERP versucht, das als ungerecht empfundene System zu ändern. Nun endlich ist es geschafft“, zeigte sich Schindler am Ende der Synode dankbar. Bisher mussten alle Gemeinden, egal wie groß, 15% ihres Haushaltsbudgets an die Gesamtkirche zahlen, damit diese ihre Aufgaben wahrnehmen kann. Dazu gehören der Unterhalt des Büros der Kirchenleitung in Buenos Aires, die Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer und ökumenische Kontakte etc.

„Unsere Aufgabe ist es in der IERP, die unterschiedlichen Traditionen und Kulturen zusammen zu halten“, sagte Schindler. „Dazu gehören auch die unterschiedlichen ökonomischen Voraussetzungen. Eine brasilianisch geprägte Gemeinde in Paraguay von Sojabauern kann mehr leisten als eine urbane Gemeinde in einem Elendsviertel von Buenos Aires. Dazu kommen die unterschiedlichen Währungen, staatlichen Regelungen, Inflationsraten ...“

Der IERP gelingt es – das zeigt die Synode -, die Spannungen und unterschiedlichen Bedingungen auszuhalten und miteinander Kirche zu sein.

In den Grußworten des Moderators der Waldenserkirche am La Plata Marcelo Nicalau und des stelllvertretenden Kirchenpräsidenten der lutherischen Kirche Brasilienes (IECLB) Odair Braun wurde dazu die gute Verbindung der Kirchen untereinander in der Region deutlich. Sie brauchen sich als Diasporakirchen gegenseitig in Lateinamerika, einem Kontinent, in dem es viele Spannungen gibt – das wird deutlich kurz vor der Präsidentschaftswahl in Brasilien.

Mit einem bewegenden Gottesdienst endete am Sonntag Abend die Synode der IERP.

In Würde alt werden

Im Hintergrund das Seniorenwohnheim
"Die letzten Jahre waren nicht einfach für unsere evangelische Johannesgemeinde," sagt Pastor Carlos Kozel. "Die Pandemie hat insbesondere unserem Seniorenwohnheim zugesetzt. Derzeit sind wir in einem Prozess der finanziellen Konsolidierung. Wir hoffen, dass die Seniorenwohnanlage Zukunft hat!"

Die evangelische Johannesgemeinde in Eldorado, Misiones, wurde 1919 gegründet. Sie hat eine bewegte Geschichte hinter sich durch die Zeit der deutschsprachigen Einwanderung und durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Dadurch gibt es letztlich drei evangelische Gemeinden in Eldorado, die gut zusammenarbeiten. Zu ihnen gehören ca. 300 Personen. Es gibt ein reges Gemeindeleben, das aber in der Pandemiezeit gelitten hat.

Im Zentrum der Stadt Eldorado in Misiones gehört der Gemeinde ein 14 Hektar großes Gelände. Hier befindet sich eine Kirche, ein Pfarrhaus, eine Seniorenwohnanlage und ein großes Gemeindehaus, in dessen Saal im Moment die Synode tagt. Es ist nicht einfach das alles am Laufen zu halten. Insbesondere die Seniorenwohnanlage wurde vor 50 Jahren anders errichtet als es heute gebraucht wird. Damals wohnten ältere Menschen in eigenen Wohneinheiten. Auf dem weitläufigen Gelände sind mehrere Bungalows verteilt. Die Anforderungen und Bedürfnisse sind heute jedoch andere: Z.B. werden 17 demente Menschen in einem besonderen Trakt betreut, des Weiteren gibt es eine Pflegestation. Die Gemeinde will die Arbeit weiterführen, denn die 57 Bewohnerinnen und Bewohner sollen in Würde alt werden können. 25 Angestellte kümmern sich um sie.

Das GAW hat die diakonische Arbeit der Johannesgemeinde bereits mehrmals unterstützt, zuletzt mit einem Projekt des Projektkataloges 2021. Wichtige Umbauarbeiten wurden damit finanziert: Der Fußboden wurde erneuert, die Brandschutzanlage modernisiert und Barrierefreiheit ermöglicht. 

GAW-Präsident Dr. Dutzmann besucht
das Seniorenheim in Eldorado
Durch diese Arbeit leistet die Johannesgemeinde einen wertvollen Beitrag in der Stadt Eldorado. Sie hat sich einen guten Ruf über die Stadtgrenzen erworben.

"Es ist der Gemeinde nicht hoch genug anzurechnen, dass sie alles tut, um die Beiträge, die die Bewohner:innen zahlen müssen, nicht zu hoch zu setzen. Das kostet Kraft - ist aber Ausdruck ihres diakonischen Engagements," sagt Nicolas Rosentahl, Direktor der Diakonie der Iglesia Evangélica del Rio de la Plata (IERP).


Freitag, 7. Oktober 2022

Wir brauchen Pastoren, die Theologen sind!

Grußwort des GAW-Präsidenten
auf der IERP-Synode
"Vielen Dank für euer Grußwort!" sagt der Generalsekretär der Iglesia Evangélica del Rio de la Plata (IERP) Ricardo Schlegel, nachdem GAW-Präsident Dr. Martin Dutzmann zur Synode in Eldorado gesprochen hatte. "Genau das sind die Themen, die uns bewegen und als Kirche herausfordern."
 
Insbesondere die Frage, den Pfarrernachwuchs für die Kirche auszubilden, ist eine der Prioritäten. Wie schafft es eine Diasporakirche eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu sichern? "Wir brauchen Pastor*innen, die Theolog*innen sind und differenzieren können," betont dann auch Kirchenpräsident Leonardo Schindler in seiner Reaktion auf das Grußwort.

Des Weiteren ist für die Kirche, die in drei Ländern Gemeinden hat, immer wieder ein Thema, die Kirche zusammenzuhalten. Unterschiedliche Traditionen und gesellschaftliche Themen müssen für das Zusammenleben bedacht werden. 

Auf der Synode der IERP spielt zudem das gemeinsame Singen immer wieder eine große Rolle. Hier kommt man trotz unterschiedlicher Meinungen zusammen, singt zusammen und sieht von sich ab. Fröhlich und lebendig wird es, wenn man zum Gotteslob vereint ist.

Nach vier Jahren trifft sich die Synode der IERP zum ersten Mal wieder. Einige Synodale sind zum ersten Mal dabei. So spielt das Kennenlernen, Erzählen, aufeinander Hören während der Synode eine große Rolle. 

Hier das Grußwort von Dr. Dutzmann:

"Hohe Synode, sehr geehrter Herr Kirchenpräsident Leonardo Schindler, liebe Schwestern und Brüder!

Zum ersten Mal bin ich als Präsident des GAW auf einer Synode Ihrer Evangelischen Kirche am Rio de la Plata (IERP). Ich bin dankbar, das wir teilnehmen können und ich Ihre Kirche kennenlernen kann.

"Wiedergeboren für eine lebendige Hoffnung" – so lautet das Motto Ihrer Synode 2022.

Mir gefällt das Motto! Es fällt in eine Zeit hinein, in der es viel Hoffnungslosigkeit gibt. Der Krieg in der Ukraine hat die Welt maßgeblich verändert. Und er hat Auswirkungen auf uns alle. Das merken wir nicht nur an den Preisen, die steigen und den Menschen zusetzen. Wo soll das hinführen? Und das, was uns alle beschäftigt – der Klimawandel, den wir nur weltweit gemeinsam bekämpfen können – rückt in den Hintergrund. In dem Motto taucht etwas von dieser aktuellen Herausforderung auf. Mich freut, dass die aktuelle Konfirmandengabe des GAW in diesem Jahr ein sehr wichtiges und nachhaltiges Projekt der IERP unterstützt: „Crece selva misionera“. Ein wirklich handfestes und spürbares Zeichen einer lebendigen Hoffnung. Wir können etwas tun! Gemeinsam!

Mir gefällt das Motto der Synode aus einem weiteren Grund: Auf der Homepage der IERP ist zur Erläuterung des Mottos zu lesen: Wir haben eine missionarische Verantwortung als Kirche, Hoffnung zu pflanzen und zu verkünden. Wie wichtig ist das in Zeiten, in denen polarisiert wird, Angst geschürt wird, Menschen nicht mehr zum Dialog bereit sind. Da muss unsere missionarische Verantwortung sein, Brücken zu bauen. Das erleben wir in Deutschland, wir hören diese Herausforderung in Brasilien, in Chile – und mit Sicherheit gibt es diese Herausforderung ebenso in der IERP.

Und dazu möchte ich einen Punkt ergänzen, der uns
als GAW wichtig ist: Um gute Brückenbauer und Hoffnungsstifter zu sein braucht es eine gute und fundierte Ausbildung unseres Nachwuchses. Wir haben immer wieder Theologiestudierende der IERP bei uns in Leipzig für ein Jahr begleiten können. Wir freuen uns über Karla Steilmann und Guillermo Perrin, die in Leipzig an ihren Promotionsarbeiten schreiben. Das sind zwei tolle, engagierte und hoffnungsgebende Nachwuchstheologen für die Ausbildung. Wir hoffen, das sich die Ausbildung des Nachwuchses der Pfarrer-/Pfarrerinnenschaft in der IERP stabilisiert, dass Kooperationen möglich sind. Wir wollen unseres dazu tun, damit das gelingen kann.

Und: Wir wollen das unsere tun, damit wir weiter als GAW verlässlicher Partner für die IERP bleiben. Das ist für uns eine Herausforderung, die wir gerne wahrnehmen. Wir sind dabei nicht allein unterwegs! Wir schöpfen gemeinsam aus der Quelle der Hoffnung, Gott selbst, der uns berufen hat, Gutes zu tun an jedermann, allermeist an des Glaubensgenossen.

Danke, dass wir hier sein dürfen. Ich wünsche Ihnen von Herzen Gottes Segen für diese Synode!"