Freitag, 11. November 2022

Wir haben in Brasilien derzeit eher einen christlichen Glauben ohne Christus (Friedrich)

Auto eines Bolsonaro-Wählers vor einer
luther. Kirche in Brasilien
Der ehemalige Kirchenpräsident der lutherischen Kirche Brasilien (IECLB) Nestor Friedrich wurde im Interview des Lutherischen Weltbundes (LWB) aktuell zur Situation Brasiliens nach der Wahl Lulas zum neuen Präsidenten gefragt:

"Welche Hoffnungen haben die Menschen und die Kirche nach der jüngsten polarisierenden Präsidentschaftswahl in Brasilien?

Nestor Friedrich: Wir sind in diese Wahl in Brasilien als polarisiertes Volk hineingegangen und auch als polarisiertes Volk herausgekommen –und natürlich zeigt sich diese gesellschaftliche Polarisierung auch in den Kirchen. In der Politik gibt es viele Monologe, es werden Urteile gefällt und es wird verurteilt, es gibt viel Intoleranz und Hetze. Es gibt keinen Dialog zwischen den Parteien. Die Kirche war schon immer mit Herausforderungen und Krisen konfrontiert, aber die Heftigkeit der Krise heute ist beängstigend.
Lulas Wahl hat bei den Menschen, die sich von dem autoritären Gebaren und der Hetze des scheidenden Präsidenten Jair Bolsonaro und seinen Sympathisierenden eingezwängt und eingeschüchtert gefühlt haben, für ein Gefühl von Erleichterung, von Freiheit gesorgt. Aber Lula und alle, die der nächsten Regierung angehören, haben eine riesengroße Aufgabe vor sich: Sie müssen die öffentliche Ordnung wiederherstellen und für Versöhnung sorgen. Die Erwartungen sind groß und die Probleme immens! Rund 9,5 Millionen Menschen in Brasilien sind arbeitslos und 49 Millionen Menschen leben in gesellschaftlich und wirtschaftlich prekären Lebensumständen. Hinzu kommt noch der Schutz der indigenen Völker, die Beendigung der Abholzung des Amazonasregenwaldes, Abrüstung und Investitionen in Bildung und Forschung, um nur einige wenige zu nennen.
Als Kirche müssen wir uns um des christlichen Glaubens in Brasilien wegen an den gekreuzigten Christus erinnern. Wir haben hier heute eher einen christlichen Glauben ohne Christus, und das ist Götzendienst. Wir brauchen einen christlichen Glauben, der Hass und Gewalt in keiner Form duldet, einen christlichen Glauben, der nach Versöhnung und Vergebung strebt. Als Kirche müssen wir in Brasilien wieder Vertrauen in einen gemeinsamen Weg schaffen, bei dem es kein „wir und die anderen“ gibt, sondern wir uns alle als Volk Gottes auf dem Weg zum Gottesreich verstehen."

Ähnlich haben wir es auf der Reise des GAW im Oktober diesen Jahres erlebt. So beschrieb ein Synodalpfarrer, dass seine Hauptaufgabe derzeit ist, Konflikte zu bearbeiten, Streitigkeiten zu schlichten, Pfarrer zu schützen vor ungerechtfertigten Angriffen.

Wesentlich sei es derzeit, dass die Kirche hilft, dass Menschen wieder in den Dialog kommen - so der Synodalpfarrer.

In der lutherischen Kirche gibt zu dem allen zwei extrem rechtslastige Gruppierungen: die Alianza Luterana und die Herederos de Worms. Mit ihnen sei Dialog faktisch nicht mehr möglich. Fake News und Diffamierungen würden vor allem von der Alianza verbreitet. Wer hinter dieser Gruppierung steht, sei unklar. 

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