Dienstag, 20. Dezember 2022

Ukraine: Die Geschichte hinter einer Weihnachtsbriefmarke

2020 präsentierte die ukrainische Post vier Briefmarken der Reihe „Nationale Minderheiten der Ukraine: Deutsche“. Gestaltet hatte sie der berühmte ukrainische Künstler Mykolaj Kotschubej. Der Tag und der Ort waren wohlgewählt: im Rahmen der Veranstaltungen zum 79. Jahrestag der Deportation der Deutschen aus der Ukraine vor dem Gebäude der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche St. Katharina in Kiew.

Eine der Briefmarken zeigt ein idyllisches, etwas kitschiges Weihnachtsmotiv: Ein Mann an der Orgel, drei singende Kinder und ein Weihnachtsbaum. Die Geschichte hinter diesem Bild hat aber tragische Bezüge. Der Mann auf der Briefmarke ist unverkennbar Theophil Richter, ein Musiker, Pädagoge und Komponist deutscher Abstammung. Er wurde 1872 in Schytomyr geboren, einer Stadt westlich von Kiew, studierte in Wien Klavier und Komposition. Mitten im Ersten Weltkrieg 1916 zog Theophil Richter nach Odessa, wo er Organist an der lutherischen St.-Pauls-Kirche wurde. Ein Jahr zuvor war in seiner Familie der Sohn Swjatoslaw Richter geboren, der spätere weltberühmte sowjetische Pianist.

In Odessa erlebte die Familie Richter die dramatischen Ereignisse von Revolution und dem Bürgerkrieg. Parallel unterrichtete Theophil Richter Klavier am Odessaer Konservatorium. Die Arbeit in der Kirche musste er aufgeben, nachdem ihm 1925/26 vorgeworfen wurde, dass er als kirchlicher Mitarbeiter ungeeignet sei, sowjetische Jugend zu unterrichten. Anschließend spielte er im Orchester der Oper, wurde aber auch in den 1930er Jahren nicht vom NKWD in Ruhe gelassen.


Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde der inzwischen fast 70-jährige Theophil Richter im August 1941 denunziert, vom NKWD verhaftet, wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen zum Tode verurteilt und am 6. oder 7. Oktober erschossen. Mit ihm starben in dieser Nacht weitere 23 Personen, darunter sechs Deutsche. Swjatoslaw Richter, der damals in Moskau studierte, erfuhr erst Jahre später, was mit seinem Vater geschehen war. In den Jahren 1961/62 wurde Theophil Richter schließlich rehabilitiert. 

Heute erinnert an Theophil Richter ein Denkmal an der St.-Pauls-Kirche, die 2013 eröffnete internationale Theophil-Richter-Schule in Odessa – und die Weihnachtsbriefmarke der Ukraine aus dem Jahr 2020.

Bildquellen:Ukrposhta; Сарапулов - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82714884

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